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Test: AMS Neve 1073 DPX, 2-Kanal-Mikrofonvorverstärker

It's a Neve, Baby!

24. Juni 2022
AMS Neve 1073 DPX test

AMS Neve 1073 DPX, 2-Kanal-Mikrofonvorverstärker

Erst letzten Monat hatte ich hier den Golden Age Pre-73 Jr MKII im Test, einen der vielen Nachbauten des legendären Neve 1073 Preamps – und jetzt tatsächlich auch einmal das Original. Bzw. einen der Nachfolger des 1073er-Originals, aber eben von Neve selber und dementsprechend teuer, nämlich den AMS Neve 1073 DPX Dual Preamp & EQ, für den aktuell rund 3.200,- Euro aufgerufen werden. Aber hört man den – ziemlich beträchtlichen – Preisunterschied?

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Vor vier Jahren hatte mein Kollege Chris Pfeil an dieser Stelle mal die drei Nachbauten Warm Audio WA-73 EQ, Heritage Audio HA-73 EQ und BAE Audio 1073 mit dem AMS Neve 1073DPA verglichen. Sein Fazit damals: Recht nah dran, aber der Neve-Klang ist offen und groß, „High- und Lowend unfassbar druckvoll und klar definiert“. Ist das auch hier der Fall? „Although there have been numerous attempts to copy the 1073, ours are the only true modules on the market.” – schreibt AMS Neve auf seiner Website. Dann schauen und hören wir uns die Sache doch mal an.

AMS Neve 1073 DPX

Technische Details zum AMS Neve 1073 DPX

Der AMS Neve 1073 DPX Dual Preamp ist ein zweikanaliger analoger Mikrofonvorverstärker, basierend auf dem bekannten Class A-Verstärkerdesign und dem exklusiven Neve Marinair-Übertrager für Ein- und Ausgang. Untergebracht ist der 1073 DPX in einem Rack-Gehäuse mit zwei Höheneinheiten. Die technischen Daten laut Handbuch:

  • Mikrophone Input: Impedance 300 / 1200 Ohm (umschaltbar), gain +80 dB to +20 dB in 5 dB steps
  • Line Input: Impedance 10 KOhm, gain +20 dB to -10 dB in 5 dB steps
  • DI Input: Impedance 1 MOhm (PAD off) bzw. 10 KOhm (PAD on). Gain +80 dB to +20 dB in 5 dB steps
  • Output: Maximum Output >+26 dBu, Impedance 75 Ohm @1 kHz
  • Distortion: not more than 0,07% from 50 Hz to 10 kHz
  • Frequency Response: +/- 0,5 dB (20 Hz to 20 kHz), -3 dB at 40 kHz
  • Noise: Not more than -82 dBu at all Line gain settings
Wessex A88

Die legendäre Wessex A88

Intermezzo 1: Die 1073er-Legende

Rupert Neve, Jahrgang 1926, Sohn eines britischen Missionars, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Buenos Aires, wo er bereits an Audioverstärkern und Radios bastelte. Während des 2. Weltkrieges ging es zurück nach Großbritannien, wo er sich dann nach dem Krieg durch Radioreparaturen ein mobiles Aufnahmestudio finanzierte. In den 1950er-Jahren gründete er sein erstes Unternehmen, CQ Audio, das Lautsprechersysteme herstellte. Ab 1961 dann baute er mit seiner neuen Firma Neve Electronics auch Mischpulte. 1964 entstand sein erstes – auf Germanium-Transistoren basierendes – modulares Mischpultsystem, gebaut für das Phillips Recording Studio in London. 1970 kam die inzwischen legendäre Wessex A88 Konsole (für die Wessex Studios in London). Hier verwendete Neve die 45-Series-Module, die sich im Wartungsfall leicht austauschen ließen; in diesem Pult gab es die ersten 1073er-Preamps, die in der Folgezeit auch in den Pult-Modellen 8048, 8058 oder 8068 verbaut wurden und mit ihrem charakteristischem seidig-cremigen Sound zum Inbegriff des Brit-Sounds der damaligen Zeit wurden, genutzt unter anderem von David Bowie, Led Zeppelin, Iggy Pop oder Deep Purple. Der Erfolg rief erste Nachbauten auf den Plan, die es mittlerweile zuhauf gibt (etwa von Golden Age, Warm Audio, Vintech Audio, BAE, Great River und vielen anderen). Irgendwann dann wollte auch Neve selber – völlig zu Recht – vom Ruhm der 1073er Preamps profitieren und baute eigene Standolone-Module (siehe Intermezzo 2). Die Kanalzüge aus den alten Original-Pulten der 8000er-Serie gibt es heutzutage noch ganz vereinzelt gebraucht zu kaufen, kosten allerdings dann bis zu 6.000,- Euro und mehr.

AMS Neve 1073 DPX

Made in England

Erster Eindruck zum Mikrofonvorverstärker

Irgendwie war ich gedanklich (und irrtümlich) noch beim eingangs angesprochenen Test zum überaus kompakten Golden Age Pre-73 Jr MKII. Und dann recht erstaunt, als mir der DHL-Fahrer („Na, wieder was zum Testen?“) ein recht großes und schweres Paket über die Schwelle wuchtete. Sollte noch ein Keyboard zum Testen kommen? Nein, es war tatsächlich der AMS Neve 1073 DPX Dual Preamp, der mit stolzen gut 10 kg Gewicht und einer Einbautiefe von 356 mm nun wahrlich kein Gerät für das kleine Tischrack ist. Wer sich diesem Preamp mit dem großen Namen und der noch größeren Historie nicht ohnehin mit einer gewissen Ehrfurcht genähert hat, der weiß spätestens jetzt, dass er hier etwas Besonderes vor sich hat.

Das Gehäuse, das im Rack zwei Höheneinheiten belegt, ist komplett aus Stahlblech der extrem massiven Art gefertigt. Schon der erste Blick auf die Frontpartie mit den legendären Druck- und Drehschaltern schreit mir geradezu entgegen: „Ich bin ein Neve“. „Made in England“ ist dann auch auf der Rückseite zu lesen; ähnlich wie ein Rolls Royce, Morgan oder Westfield Seven werden die Neve Preamps auf der Insel – genauer: in Burnley in der Grafschaft Lancashire, zwischen Leeds und Blackburn gelegen – noch in Handarbeit zusammengebaut. Was sicherlich auch zum stolzen Preis beiträgt. Da will das externe Netzgerät (aus Kunststoff. Kunststoff!) mit seinem Mini-Kleingeräteanschluss (!!) so gar nicht passen, das hat was von einem Dachgepäckträger auf einem Ferrari – aber vermutlich rein praktische Gründe, ist ein intern verbautes Netzteil doch immer auch eine potentielle Störquelle.

War sonst noch was in der Verpackung? Ja, ein bunter Hochglanz-Prospekt zur Neve 8424-Konsole (die übrigens zwei 1073 Preamps hat, sechs weitere können optional nachgerüstet werden, genau wie die Motorfader), warum auch immer. Die in der Grundausstattung übrigens 26.599 Euro kostet und damit ganz knapp meinen Budgetrahmen sprengt. Aber immerhin habe ich jetzt ja den Prospekt. Ein Handbuch dagegen war nicht mit dabei. Ob das nun grundsätzlich fehlt oder nur bei meinem Testmuster, das kann ich nicht sagen. Aber wer sich einen Neve 1073 kauft, der braucht so etwas Profanes vermutlich ohnehin nicht. Und falls doch, so gibt es das ja auch als PDF-Download auf der Produktseite.

AMS Neve 1073 DPX

Das achtkanalige 1073 OPX-Flaggschiff von Neve

Die 1073er-Produktpalette von AMS Neve

AMS Neve bietet aktuell neun verschiedene 1073er-Modelle an, deren Bezeichnung sich meist nur durch einen Buchstaben unterscheidet: OPX, SPX, DPX, DPA, DPD – da ist es nicht leicht, den Durchblick zu behalten. Deshalb hier mal eine kleine Übersicht:

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AMS Neve 1073 Classic: Der nüchterne 1-Kanal-Klassiker im horizontalen Rack-Format (3 U), mit EQ, 48 V Phantom, Phase Reverse und Hi/Lo-Impedance – die absolute technische Grundausstattung. Features wie PAD, A/D-Conversion oder Metering fehlen. Der Preis: 3.149 Euro

AMS Neve 1073 N: Der Klassiker in einer überarbeiteten Version mit identischem Formfaktor und der Konsolenkonnektivität der 45er-Serie, aber mit überarbeiteten Konstruktionstechniken und einigen zusätzlichen Komponenten auf der Oberseite in einem 80-Series-Gehäuse. Über den Connector auf der Rückseite kann der 1073N auch mit Originalkonsolen der Neve 45-Serie verwendet. Erhältlich als horizontales oder vertikales Modul. Preis: 2.059 Euro

AMS Neve 1073 LB: Der abgespeckte Klassiker als 500-Series-Format. Hier fehlt der EQ, dafür gibt es immerhin eine Clip-LED. Der Preis ist für Neve-Verhältnisse geradezu schlank: 969 Euro.

 AMS Neve 1073 LBEQ: Den fehlenden EQ des 1073 LB kann man hier einzeln erwerben. Der Mono-EQ steckt – wie der 1073 LB – im 500-Series-Format und kostet 929 Euro.

AMS Neve 1073 SPX: Der 1073 Mono-Preamp im Rack-Format (1 HE), zusätzlich mit DI, Insert, 7-Stage-Metering und PAD (-20 dB). Das „S“ in SPX steht für „Solo“. Preis: 1.789 Euro

AMS Neve 1073 DPX: Die 2-kanalige-Version des SPX (“D“ = Dual) auf 2 HE. Baugleich mit dem SPX, zusätzlich aber mit Kopfhörerausgang/Verstärker. Optional gibt es eine AES/EBU-Firewire-Erweiterung für 619 Euro. Einige Händler bieten den DPX auch unter der Bezeichnung „DPX & EQ“ an. Preis für den DPX Preamp: 3.199 Euro

AMS Neve 1073 DPA: Die zweikanalige Version des 1073er Preamps im Rack, aber ohne EQ, PAD, Insert und Headphone und auf nur einer HE. Preis: 2.290 Euro

AMS Neve 1073 DPD: Die erweiterte Version des DPA, mit eingebautem AES/EBU/DSD. Preis: 2.799 Euro

AMS Neve 1073 OPX: Der achtkanalige Preamp ist im Rack auf nur zwei Höheneinheiten untergebracht. Klar, dass da schon aus Platzgründen einiges wegfallen musste: So fehlen zum Beispiel EQ, Insert und die Output-Regler. Dafür gibt es aber eine optionale „digital card“ zur D/A-Wandlung, mit zwei Ethernet Ports für eine Dante Audio-over-IP-Verbindung und Wordclock In/Out. Per Remote-Software ist auch die Fernsteuerung des OPX möglich. Preislich ist dieses „Neve-Monster“ dann auch mit 4.299 Euro Spitze, hinzu kommen bei Bedarf noch einmal 619 Euro für die Digital-Option-Card.

AMS Neve 1073 DPX

Ein Blick auf die EQs

Gain und Equalizer des AMS Neve 1073 DPX

Der Aufbau der Front entspricht grundsätzlich dem des Originalmoduls, jetzt nur aufgrund der Rack-Tauglichkeit in horizontaler Anordnung – und erweitert um die zusätzlichen Möglichkeiten der DPX-Version. In etwa mittig angebracht sind jeweils fünf Drehregler, beginnend mit dem charakteristischen klassischen roten Gain-Regler, der – je nach Schalterstellung – sowohl für Line- als auch für Mikrofonsignale zuständig ist, was für Neve-Neulinge etwas gewöhnungsbedürftig sein mag. So wird der Line Pegel in Fünferschritten von -20 bis +10 dB auf der ersten (rechten) Hälfte der Reglerumdrehung ausgewählt, dann – getrennt durch eine Off-Position – auf der linken Seite der Mikrofonpegel. Hier reicht die Bandbreite von -20 bis -80dB, wobei nach den -50 dB eine weitere Off-Position eingebaut ist. Wie gesagt: Für Neu-Nevianer etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem der ungewöhnliche Zwischenstopp. Sämtliche Gain-Umschaltungen erfolgen über versiegelte/abgedichtete Relais, der Schalter ist stabil und quittiert jeden Änderungswunsch mit einem satten Klick. Über einen Lo-Z-Schalter lässt sich die Eingangsimpedanz ändern; standardmäßig sind das 1.200 Ohm, durch Drücken des Schalters senke ich die auf 300 Ohm. Ebenfalls zuschaltbar sind pro Kanal +48V Phantomspeisung.

AMS Neve 1073 DPX

Der berühmte rote Gain-Regler – nur echt mit den Zwischenstopps

Es folgen die drei typisch-grauen Regler für den bekannten Neve-EQ: High-Shelf bei 12 kHz, eine schaltbare Mittensektion (mit 0,36, 0,7, 1,6, 3,2, 4,8 und 7,2 kHz) und der Low-Shelf mit den Eckfrequenzen 35, 60, 110 und 120 Hz. Die Mid- und Lo-Frequenzen werden über das breitere Alurad ausgewählt, das Feintuning erfolgt dann über den darauf aufgesetzten Drehregler – sehr durchdacht. Der EQ kann über einen Schalter zu- und abgeschaltet werden. Dass einer der Hi-Regler etwas unrund läuft und stellenweise hörbar am Gehäuse schabt, schmälert den ansonsten exzellenten Eindruck, den ich von der Verarbeitung des 1073 DPX habe. Auch die Level-Regler und der für das Headphone-Volume haben etwas Spiel und wirken nicht ganz so „bombensicher“ – aber das sind auch (fast) die einzigen Kritikpunkte in dieser Hinsicht. Ein – nicht stufenlos – schaltbares Highpass-Filter (50 Hz, 80 Hz, 160 Hz, 300 Hz) bildet den Abschluss des Drehregler-Quintetts.

Kurz zur Technik: In der Eingangs- und Ausgangsstufe werden die Neve-exklusiven Marinair-Transformatoren verwendet, die den klassischen 1073-Sound (mit)erzeugen; Line- und Mic-Eingänge sind dabei trafosymmetriert. Das Unternehmen Marinair Radar fertigte – gleich um die Ecke von Neve – in den frühen 60er-Jahren Präzisionsgeräte für die Luft- und Raumfahrtindustrie und wurde dann von Rupert Neve mit der Herstellung von Mikrotransformatoren beauftragt. Diese wurden 1967/68 in Zusammenarbeit mit Neve verbessert und exklusiv für Neve gefertigt. Nach dem Ende von Marinair wurde die Produktion der Transformatoren an eine Firma namens St. Ives Windings übergeben, die wiederum einige Jahre später von Carnhill übernommen wurde. Noch heute wird der Marinair-Transformator nach den Spezifikationen (in England) gefertigt, die Rupert Neve in seinen Spezifikationen in den 60er-Jahren festgelegt hatte. Laut Neve ist der Aufbau des 1073 DPX insgesamt fast identisch mit den Original-Kanalzügen und nach den genauen Spezifikationen aus den 60er-Jahren hergestellt, lediglich an einigen kleineren Details wurden Änderungen vorgenommen (SMD-Technologie statt Point-to-Point des Originals etc.)

AMS Neve 1073 DPX

Die Eingänge auf der Rückseite

Anschlüsse und Abhöre des AMS Neve 1073 DPX

Frontseitig befindet sich pro Kanal eine XLR/Klinke-Kombo-Buchse und eine DI-Buchse für den Anschluss einer E-Gitarre, E-Basses oder ähnlichem, die mit einem Groundlift-Schalter ausgerüstet ist – falls es mal brummt und summt. Außerdem hat Neve dem DI-Input auch noch einen -20dB-Schalter spendiert, um die Eingangsimpedanz bei Bedarf von 1 Megaohm auf ca. 10 Kiloohm zu dämpfen; die haben wirklich an alles gedacht. Die Kombo-Buchse kann über einen Schalter aktiviert werden, ansonsten sind die Anschlüsse auf der Rückseite aktiv. So kann ich die 1073 DPX im Rack rückseitig fest verkabeln, aber jederzeit mal eben zu Testzwecken vorne ein Mikrofon oder ein Instrument einstöpseln; bei Beschaltung des DI-Anschlusses wird die Kombo-Buchse automatisch stummgeschaltet.

Auf der Rückseite gibt es die Line-Ein- und Ausgänge (jeweils einer pro Kanal, symmetrisch, also XLR), die Mikrofonbuchse (XLR) sowie Insert-Send- und Return als Klinke, ebenfalls symmetrisch, um zum Beispiel externe Prozessoren in den Signalweg einzuschleifen. Die Insertloop kann auf der Vorderseite über einen Taster wahlweise vor oder nach EQ geschaltet werden.

AMS Neve 1073 DPX

Die Abteilung Pegel

Die für die Ausgänge zuständigen Level-Regler (-inf bis +5) lassen sich durch Druck (Push-Regler) auf Pre-EQ (IP = Verstärkung nach der Vorverstärkerstufe), Post-EQ (EQ = allgemeine Verstärkung/Reduzierung nach EQ) und Post-Ausgangsstufe (Post Output Stage = endgültige Ausgangsverstärkung) umschalten, was durch eine kleine LED angezeigt wird. So hat man an jedem relevanten Punkt des Weges die perfekte Kontrolle über den Signalfluss. Die Pegelanzeige (-33 dB bis +24 dB) ist für Neve-Verhältnisse mit ihren sieben LEDs geradezu opulent: Nur das SPX-Modell ist da identisch bestückt, ansonsten muss man sich mit einer Clip-LED begnügen. Auch der Kopfhörerausgang mit eigener Lautstärkereglung ist umschaltbar: Auf Knopfdruck lassen sich entweder nur Kanal 1 oder Kanal 2 oder aber beide Kanäle gleichzeitig abhören (Kanal 1 auf links und Kanal 2 auf rechts).

Rückseitig kann optional auch noch eine digitale Erweiterungskarte (AMS Neve 1073 DPX Digital I/O Option Card, 619,- Euro) mit Anschlüssen für AES/EBU, BNC, FireWire (zum PC) und zwei weiteren XLR-Ausgängen eingesetzt werden. In meinem Grundausstattungs-Testmuster war die aber nicht dabei.

AMS Neve 1073 DPX

Der Power-Stecker sitzt ziemlich wacklig

Der AMS Neve 1073 DPX  im Tonstudio

Etwas verwunderlich angesichts des großen Namens: Der (Mini-) Stecker des externen Netzteils sitzt ziemlich wacklig auf der Rückseite und lässt sich auch nicht komplett versenken. Ok, das ist bei einem Rack-Gerät jetzt kein Drama, will aber trotzdem so gar nicht zu einem hochwertigen Gerät passen (an dem übrigens die XLR-Buchsen zum Beispiel alle verriegelbar sind). Der Powerbutton ist übrigens auf der Frontseite angebracht; fällt mir gerade ein, weil ich mich im letzten Test (zur Presonus Central Station) wieder einmal über den Unsinn rückseitig untergebrachter Netzschalter bei Rack-Geräten echauffiert habe. Seht ihr, Presonus, so wird das gemacht …

Neve 1073 DPX Dual Preamp & EQ

Neve 1073 DPX Dual Preamp & EQ

Kundenbewertung:
(17)

Starten wir mal den Soundcheck mit ein paar gesprochenen Sätzen aus einer unserer News. Den Auftakt macht ein Rode Broadcaster, EQ und HPF des 1073DPX sind noch nicht im Spiel. Was mir direkt auffällt: Die Preamps haben eine ungeheure Power. Selbst im unteren Gain-Bereich liefert der 1073 DPX enorm viel Druck und Gain, das ist schon kein Headroom mehr, sondern eher ein Luftraum, der mir da nach oben noch zur Verfügung steht.

Um den Klang einordnen zu können, hier gleich mal zum Vergleich ein kürzlich aufgenommenes Klangbeispiel mit dem Golden Age Project Pre-73 MKII, einem 1073er Nachbau.

Deutlich zu hören: Der 1073 DPX hat mehr Tiefe, mehr Transparenz, mehr Präsenz – er ist einfach ein Stück näher dran. Und noch ein Klon im Direktvergleich: Der Golden Age Project Pre-73 DLX MKII:

Nicht schlecht, klingt aber irgendwie im Vergleich zum Neve ein wenig „belegt“, nicht ganz so transparent. Gleiches gilt für das Modell Golden Age Project Pre-73 DLX Premier:

Geht da beim Neve Original noch mehr? Ich schalte mal den 3-Band-EQ in den Signalweg und füge vorsichtig noch etwas mehr Bass und einen Hauch Höhe hinzu.

Die Wirkung ist – selbst bei kleinen Reglerbewegungen – ziemlich heftig. Hier muss man tatsächlich sehr vorsichtig zu Werke gehen. Die Bandbreite der EQs ist enorm, die können den Klang in extremen Positionen rabiat verändern. Mein zweiter EQ-Versuch – jetzt mit etwas weniger Betonung im Keller, dafür mehr Akzente in den Mitten und Höhen lässt die Stimme besser durchscheinen, was vor allem in einem Mix dann praktisch ist.

Noch einmal zurück zum GAP Pre-73 Jr MKII: Auch der hat ja einen EQ – wenn auch eine sehr abgespeckte Version. Über einen „Air“-Schalter kann man den Bereich um 30 kHz und 3 bzw. 6 dB anheben, was dann etwas mehr Durchsichtigkeit in den Sound bringt. An das Durchsetzungsvermögen und die Fülle des Neve 1073 DPX reicht der Klang aber nicht heran.

Noch deutlicher wird die Qualität des 1073 DPX, wenn ich den gleichen Take mal direkt über das Mackie-Pult schicke, dessen Onyx-Preamps ja nun nicht die schlechtesten sind, aber im direkten Vergleich deutlich flacher klingen.

Mal reinhören, wie der 1073 DPX mit anderen Mikrofonen klingt. Hier mal das Rode NT2a, ohne EQ und HPF:

Da das NT2a sehr neutral ist, müsste hier dann mit dem EQ ein wenig nachgeholfen werden. So zum Beispiel:

Im Vergleich dazu mal das NT2a mit einem älteren dbx286-Preamp:

Und noch ein Mikrofon am 1073 DBX: Die alte Version des AKG C3000 (das mit den umschaltbaren Richtcharakteristiken), das ich wegen seiner schönen Auflösung noch immer wieder gerne nutze:

Hier kann der AMS Neve 1073 DPX dann mit seinem besonderen Schmelz glänzen – weniger bauchig, mehr Klarheit und Transparenz. Noch besser klingt das, wenn hier der HPF (Einstellung 300) ins Spiel kommt:

Dann probieren wir den HPF doch auch gleich noch mal mit dem Broadcaster aus: EQ wieder raus, dafür HPF auf 300:

So, genug gesabbelt, jetzt mal die alte Stromgitarre an die DI-Buchse auf der Fronseite. Ist die beschaltet, wird der Mikrofoneingang stummgeschaltet, die Regelung erfolgt dann über den Mikro-Gain-Regler. Und auch hier beweist der Preamp seine unbändige Kraft, so dass ich das Signal mit Hilfe des Pad-Reglers um 20dB absenken muss, um die Pegelanzeige nicht dauerhaft erröten lassen zu müssen. Andererseits lassen sich ohne Absenkung auch wunderbare Verzerrer-Effekte basteln.

Ohne den EQ kommen die Stärken des Neve da nicht so richtig zur Geltung, da klingt der GAP Pre-73 Jr MKII noch eine Spur prägnanter.

Schalte ich aber den EQ dazu, spielt der Neve 1073 DPX den Junior GAP klar an die Wand:

Ein Wort noch zum Kopfhörerverstärker: Auch der liefert – wie alle Verstärker im Neve 1073 DPX – richtig gut ab, klingt sauber und hat selbst bei hochohmigen Kopfhörern noch jede Menge Luft nach oben.

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Fazit

Das ist er also, der AMS Neve 1073 DPX. „Solid as a rock“, anscheinend gebaut für die Ewigkeit. Und mit all seinen Features auch für den Profi-Praxisbetrieb: Mikrofon- und Line-I/O umschaltbar hinten und vorne, Pegelkontrolle an mehreren Punkten im Signalweg, flexibler, leistungsstarker EQ, variables Kopfhörer-Monitoring, Ground-Lift, -20 dB Pad, Phase-Reverse, Insert Send/Return – da bleiben kaum Wünsche offen.

Das gilt auch für die verbaute Technik mit ihren erstklassigen Komponenten, allein schon die Neve Marinair Transformatoren bringen Studiobesitzer zum Träumen. Dementsprechend ist auch der Klang über alle Zweifel erhaben – der ist groß, klar, druckvoll und satt, mit einer Wärme, die immer noch ihresgleichen sucht. Im Vergleich zu der – mit rund 2.369,- Euro auch nicht gerade preiswerten – Neve 1073 DPA-Version bietet die DPX-Variante einen deutlichen Mehrwert (EQ, Insert, DI-Eingang, bessere Pegelanzeige, optionaler Digi-Einschub); da sind die 800,- Euro sehr gut investiert. Wer sich den originalen klassischen Neve-Sound ins Studio holen will, trifft mit dem AMS Neve 1073 DPX eine richtig gute Wahl. Für deutlich weniger Geld gibt es allerdings auch schon recht ordentliche Nachbauten, die klanglich und  (verarbeitungs)technisch zwar in Sichtweite, aber (noch) nicht auf Augenhöhe mit dem Neve sind. Ob euch der Unterschied dann auch tatsächlich rund 2.500,- Euro wert ist – das müsst ihr am Ende selber wissen.

Plus

  • extrem solide Verarbeitung
  • erstklassige Komponenten
  • klassischer Neve-Originalsound
  • Marinair Übertrager
  • Mikrofon-Line-I/O umschaltbar Vorder-/Rückseite
  • Pegelkontrolle an mehreren Punkten im Signalweg
  • Insert-Send/Return
  • flexibler, leistungsstarker (legendärer) EQ
  • variables Kopfhörer-Monitoring
  • DI-Eingang
  • Lo-Z, -20 dB Pad, Ground-Lift
  • it’s a Neve, Baby!

Minus

  • teuer
  • kleinere Verarbeitungsmängel (ein Regler schleift, Gain-Regler etwas wacklig, Netzanschluss sitzt nicht fest)

Preis

  • 3.199,- Euro
  • optionale Digi I/O-Card: 619,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Sudad G

    Schöner Test! Der Neve 1073 DPX ist ein Traum für jeden Produzenten und Audio Engineer.
    In England wird er auch sehr gerne im Bereich Electronic Music (House, Funk, R&B, Hip-Hop, Trap etc.) als Universal-Pre-Amp für Drums, Percussion, Drum-Maschinen und Synths verwendet. Mit ihm lassen sich die für dieses Genre charakteristischen mittleren Frequenzen extrem breitbandig boosten, ohne dass es unangenehm klingt. Vor allem der Gain wird gerne beim Anschluss von Drum-Maschinen in die Sättigung gefahren, bis es richtig knallt.
    Fast Alles, was man da durchjagt, klingt danach besser und griffiger. Plugin-Instrumente profitieren extrem von dem 1073 DPX. Wenn er nicht so teuer wäre würde ich ihn mir direkt holen.
    Alternative wäre allenfalls der Warm Audio WA 273-EQ, wenn auch nicht ganz.

    • Profilbild
      m.steinwachs RED

      Sehr kleine – und keine, die sich nun negativ auf die Funktion des Geräts auswirken. Und normalerweise erwähne ich die auch gar nicht erst in dieser Größenordnung. Aber bei einem Gerät dieser Güteklasse fällt es dann halt schon auf, wenn der Netzstecker lose sitzt, ein Poti nicht 100% fest ist oder ein Drehregler ein klein wenig schleift. Da sind die Ansprüche einfach größer.

  2. Profilbild
    RS Audio Engineering

    Sehr ausführlicher Test! Der Neve klingt hier in den Beispielen tatsächlich am besten, da er das Signal vom Level her schon konsistenter erscheinen lässt und auch die Transienten angenehmer abrundet ohne dabei Direktheit zu verlieren.

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