Test: Audiorealism abl3 und Pro, TB-303 Synthesizer

23. Februar 2019

Mehr TB-303 aus dem Rechner geht nicht

Audiorealism Bassline abl3

Audiorealism Bassline abl3

Die Geschichte des AudiRealism Bassline 3 Plugins

Acid ist tot! Acid kommt wieder! Ich sage: Acid war eigentlich nie weg!
Und wer nun mal gerne Acid und alles was damit zusammenhängt mag oder gar produzieren möchte, der kommt an der Roland TB-303 nicht vorbei. Kaum ein Gerät, über das mehr geschrieben wurde, kaum ein Instrument, das häufiger kopiert werden sollte.

Seit dem Erscheinen der ersten 303-Hardware-Clones konnten nur wenige wirklich überzeugen. In der Anfangszeit hatte man vor allem versucht, den Sound der TB-303 in platzsparende 19″-Boxen zu packen. Vom eigentlichen Geheimnis – dem Sequencer – war kaum etwas auf dem Hardware-Markt zu sehen. Acidlabs Bassline, ML303 und Future Retros 303-Clone konnte jedoch in vergangenen Jahren genau das aufweisen, worauf alle Nicht-TB-Besitzer gewartet haben: authentische 303 Soundengine und funky Sequencer. Und zu guter Letzt erschien nun der Bausatz RE-303 von Din Sync, der offensichtlich vom Original nicht mehr zu unterscheiden ist.

Wirklich sehr viel mehr als die olle TB können aber auch diese Tools nicht. Und richtig günstig sind die Erben der Roland TB-303 auch nicht wirklich!

In Sachen Software-Instrumente gab zunächst die Rebirth Knatterkisten, die allerdings nicht den Druck der TB aufbauen konnten und auch vom Sound her eher schwach auf der Brust waren, ganz zu schweigen von fehlender VST-Kompatibilität!

Mit dem 2010 erschienen Phosycon brachte die Software-Schmiede D16 erstmals einen wirklich überzeugenden Klon auf den Markt. Ebenso Roland selbst, die parallel zu ihrem TB-03 ein Software-Pedant in ihrer Cloud veröffentlichten. Aber auch bei diesen beiden Versionen sind die Möglichkeiten nur wenig umfangreiche als die des Originals.

Audiorealism Bass Line 2003

Machen wir nochmals einen Schritt zurück, denn der Klon, den wir euch heute vorstellen, ist ein echter Oldie. Allerdings hat die 2003 veröffentlichte Erstausgabe nicht mehr viel gemeinsam mit dem Soundmonster, das uns heute vorliegt.

Die Ur-Version der AudioRealism Bassline aus 2003

Tatsächlich gelang Audiorealism damals mit der  Bassline eine Sensation. Der Sound und der Sequencer der TB waren nahezu 100%ig nachempfunden und im Mixdown konnte kaum jemand behaupten, den Unterschied zwischen Original und Fälschung zu hören.

Das Plugin verkaufte sich in den Folgejahren wie geschnitten Brot und ich habe damals sowohl meine MB33, MB33II als auch meine ML 303 schnellstens verkauft. Inzwischen gab es Dutzende kleine und große Updates und so sind wir 2016 schließlich bei Version 3 angekommen.

Ein Meilenstein in der TB-303-Evolution

Inzwischen bietet AudioRealism nun zwei Versionen seines Clones an. Einmal die sogenannte Pro-Version, die schon locker 10 Jahre auf dem Buckel hat und einmal den Klassiker als abl3, den es wie gesagt seit 2016 gibt. Zunächst zur Pro-Version:

AudioRealism Pro

von „Ziel 100“

Die Pro-Dame ist nicht mehr die Jüngste, aber gerät langsam in Vergessenheit. Dabei finde ich sie allemal spannender als den neueren abl3, weshalb ich ihr auch einen Großteil dieses Tests widme.

Nach erfreulich einfacher und unkomplizierter Installation und Neustart meines Laptops fand ich sofort im VST-Ordner von Ableton die Bassline Pro. Ein Klick und schon hatte ich die Professional-Version der Bassline vor mir. Und was für eine freudige Überraschung erwartete mich: Audiorealism war souverän genug, um das starre Konzept der ewigen 303-Kopien aufzubrechen!
Auffälligste Änderung: Die Klangerzeugung wurde kurzerhand modular ausgelegt! Jedem Puristen sollte schon jetzt der Sabber im Mund zusammen laufen – zu Recht. Denn die schwedische Schmiede hat einen durchdachten Fuhrpark an Modulen zusammengestellt, die zusammen komplexe Soundarchitekturen zulassen sollten:

Die Pro-Version läuft auch unter Logic mit Mojave einwandfrei

Oszillatoren

Neben einem zweiten Oszillator wurde der Bassline 3 auch ein wesentlich ausgefuchsterer Oszillator spendiert. Die Schwingungsformen sind frei mischbar und gehen von Sägezahn bis Sinus. Auch Pulsbreitenmodulation ist jetzt möglich.
Für noch mehr Klangsalat sorgt ein Noisegenerator, den man von rot über pink bis zu weißem Rauschen stufenlos einstellen kann. Die Lautstärkeverhältnisse der Klangerzeuger können ebenfalls untereinander frei gemischt und  zueinander synchronisiert und ringmoduliert werden.

Filter

Wenn die Roland TB-303 einen Großteil ihrer Popularität aus ihren 18dB Filter gezogen hat, hat man bei der Bassline Pro die Qual der Wahl zwischen 18 und 24 dB. Das 24 dB Filter steht sogar noch in einer weiteren, 2-fach oversampelten Version vor. Die Resonanz ist natürlich bissig wie eh und je und lässt quietschige Selbstoszillation zu.

Hüllkurven

Die TB 303 war seinerzeit ja schon ein sehr reduziertes, minimales Gerät. Und damit fiel dann auch die originale Hüllkurve eher kryptisch aus. Audiorealism hat dem Abhilfe geschaffen und gleich zwei vollwertige ADSR-Hüllkurvengeneratoren spendiert. Diese sind knackig, schnell und lassen perkussive wie auch butterweiche Klangverläufe zu.

LFO

Oszillatoren, Filter, Hüllkurven und Pulsbreite können durch den LFO moduliert werden. Der ist in seiner Frequenz und Modulationsstärke einstellbar. Die Schwingungsformen sind ebenfalls frei mischbar und alles Wünschenswerte zwischen Sägezahn und Sinus ist machbar. Der Clou am LFO: Er besitzt einen Audioausgang und kann somit als dritter Oszillator zweckentfremdet werden.

Delay

Die gesamte Klangerzeugung darf noch durch ein Delay geschickt werden. Das ist für links und rechts getrennt zu regeln, auch das Feedback ist frei bestimmbar. Sicherlich können spezialisierte Plugins da Besseres, aber für ein schnelles Lay-Out oder für den Live-Einsatz genügt das Delay allemal.

Leider ist die GUI von ABL-Pro nicht skalierbar

Sequencer

Wie eingangs schon bemerkt, beruht der Kult um die TB 303 zum großen Teil auf dem Sequencer. Der basiert bei der Bassline Pro ebenfalls auf Patterns, ist jedoch dankenswerterweise großzügig erweitert worden. So ist jetzt ein voller Notenumfang von 7 Oktaven spielbar. Pro Note ist Notenhöhe, Accent und Slide weiterhin zu bestimmen, wobei allerdings nun der Accent in Stärke und Decay zusätzlich regelbar ist, was ganz neue Dynamik in den Sequencer packt. Pro Pattern sind nun bis zu 64 Steps möglich, die in den Auflösungen 1/16, 1/32, 1/32T und 1/8T programmiert werden können. Ungeheuerliches neues Feature: Der Sequencer lässt auch polyphone Klangverläufe zu. Er ist zwar weiterhin monophon ausgelegt, die Sounds dürfen jetzt aber im Verlauf auch überlappen. Das Wichtigste aber ist: Ja, der Sequencer hat definitiv den Funk der TB geerbt und erweitert!

Die Audiorealism Bassline Pro verfügt also über eine stark erweiterten Funktionsumfang, der eigentlich nicht mehr mit der normalen Bassline bzw. mit einer TB zu vergleichen ist. Die Module sind nach Manier der modularen Urväter frei über virtuelle Kabel und CV/Gate-Verbindungen zu verknüpfen. Das setzt natürlich Kenntnis der analogen Synthese voraus, ist aber durch die Übersichtlichkeit der Module schnell auch durch Trial & Error zu erlernen. Die sehr gut programmierten Presets lassen auch eine erste Orientierung zu und sind als Grundstock für eigene Sounds ein sehr guter Ausgangspunkt.

Harter Stahl

Wer bisher dachte, dass schwedischer Stahl hart sei, der hat noch nicht gewusst, wie bissig die schwedische Säure ist!
Schon die ersten Sekunden mit der Bassline Pro machen süchtig. Nahezu jeder Sound scheint es wert zu sein, daraus einen Track zu formen. Alles strotzt vor Druck, hat den gewissen Funk und ist trotzdem noch nicht 100-fach gehört. Durch die weitreichenden Möglichkeiten hat man auch die Auswahl zwischen zahm und absolut abgefahren. Mich haben die Möglichkeiten so gefesselt, dass ich vorm Einschlafen mir Patches überlegt habe. So was ist mir ja noch nie passiert!
Trotzdem gibt es trotz aller Innovationskraft auch ein paar Dinge, die ich mir noch Wünschen würde: Für einen Modular-Synthesizer ist die Bassline Pro nämlich ziemlich limitiert. Wünschenswert wäre es doch, wenn man sich sein Panel, wie bei den schwedischen Kollegen von Clavia frei zusammenstellen könnte. Zumindest in eingeschränkter Art und Weise: Anzahl der Oszillatoren oder LFOs sollten nur durch die CPU bestimmt sein. Wie schön wären noch Spezial-Module wie Sample & Hold, Kammfilter, Random Module, Frequency-Shifter und und und … aber man braucht ja auch noch Platz für Verbesserungen für die nächsten Updates. Und wenn man schon bei Verbesserungen und Wünschen angekommen ist: Wie wäre denn eine Standalone-Version des Sequencers als VST?

Klangbeispiele zur Pro-Version

Klangbeispiele sagen aber natürlich mal wieder mehr als alle Worte, deshalb habe ich hier  gerne mit großer Freude ein paar zusammen geschustert. Die Loops im Player unten sind jeweils gleich aufgebaut: Bassdrum, Snaredrum und Hihat Loops kommen aus der DAW,  jeweils mit einer Instanz Bassline Pro angereichert.

Kommen wir zur AudioRealism abl3 Version

von „Tyrell“

Im Gegensatz zur Pro-Version hält sich der 3er nahe am Original. Laut Audiorealism wurde für die 3er Version der Algorithmus auch nochmals deutlich gegenüber der Pro-Version verbessert. Leider fehlt mir hier der direkte Vergleich zur Pro-Version, aber grundsätzlich kann ich dem abl3 einen extrem druckvollen Sound bescheinigen, der absolut nicht mehr nach VA klingt. Doch dazu später mehr.

Anders als AudioRealism Pro ist abl3 bereits hochauflösend und am Bildschirm auch skalierbar.

Classic Look der Oberfläche…

  • 1 Oszillator mit Sägezahn/Rechteck
  • authentisch klingendes Tiefpassfilter
  • Hüllkurve
  • Sequencer
  • Pattern-Länge mit bis zu 64 Schritten
  • 128 Pattern pro Bank
  • vintage und moderne Pattern-Ansicht
  • schrittweise Notenaufnahme via MIDI
  • zwei Sync-Modi
  • Schwinungsformanalyse
  • Zufallsgenerator
  • Vibrato-Effekt
  • für VST, AU, RE

… oder modernes GUI für Step-Sequencing

Die Programmierung, ob über die moderne GUI oder die klassische Oberfläche, erzeugt die pulsierenden und typischen Bass-Lines in so authentischer Weise, dass man wirklich denkt, man hätte es mit einer analogen Schaltung zu tun. Accents können entweder eingegeben oder über MIDI-Anschlagstärke programmiert werden.

Auf einer zusätzlichen neuen Page kann man diverse Parameter an- und abschalten, die der originalen TB-303 nachempfunden sind, wie z. B. das leichte Rauschen des VCAs. Oder man setzt eben auf einen cleanen Sound. Hier kann man auch die Arbeitsweise des Filters nochmals den eigenen Wünschen anpassen.

Wie wär’s mit analogen Nebengeräuschen wie Noise und Clicks?

Der TB-303 Wave Analyzer

Dass auf die Idee vorher noch niemand gekommen ist? Man lädt ein Audio-File einer echten TB-303 Sequenz in den abl3, betätigt die DTECT-Taste und spielt mit PLAY PATTERN über den Analyzer das Ergebnis ab, das nun durch den internen Klangerzeugung wiedergegeben und natürlich nun auch verändert werden kann.

Hier ein Video dazu, das diesen Vorgang anschaulich demonstriert.

Das Ergebnis ist nicht zu 100 % perfekt, aber schon sehr nahe dran. So macht man quasi aus statischen Sample-Loops wieder lebendige Grooves. Genial.

Damit lassen sich natürlich auch Loops von Klonen per Audio in die abl3 laden. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

Abschließend sei noch erwähnt, dass der AudioRealism 3 Patterns der Roland TB-03 importieren und wiedergeben kann.

Sound & Software-Alternativen

Ziel 1oo hat oben ja bereits den Phoscyon von D16 und die Roland TB-303 Software-Emulation genannt. An der Physycon stört mich ein wenig das Look & Feel. Allerdings klingt auch die Phoscyon verdammt realistisch und kostet mit 59,- Euro deutlich weniger und hat auch einige nette Zusatzfeatures wie z. B. den Randomizer und eine überzeugende Distortion-Einheit. Auf der anderen Seite fehlt der coole Analyzer des abl3, den ich während des Tests sehr geschätzt habe. Rolands TB-303 Software-Klon kann mit beiden klanglich mithalten, hat aber kaum zusätzliche Features. Sein größtes Manko bleibt aber die Roland-Cloud selbst, da man ihn nur innerhalb eines Abos erwerben kann.

Wer soll es nun werden – Pro oder 3?

Eine modulare TB-303 ist schon was Feines. Und nachdem Audiorealism auch die Pro-Version weiterhin im Programm hat und pflegt, sollten Soundtüftler eher zu der Pro-Version greifen. Wer aber seinen Spaß eben genau durch die technischen Einschränkungen des Originals hat, der macht mit abl3 absolut nichts falsch.

Fazit

Hardware oder Software? Die Entscheidung hat einfach nichts mehr mit dem Klangverhalten zu tun, sondern nur noch mit der Haptik. Alle oben genannten Klone sind so nah am Original, dass eine Steigerung eigentlicher noch gemessenm aber wahrscheinlich nicht mehr gehört werden kann.

AudioRealism 3 punktet mit ein paar exklusiven Features, die den Wettbewerbern fehlen. Aber Phoscyon von D16 ist dank des günstigen Preises weiterhin ein starker Konkurrent.

 

Plus

  • geschickt erweiterter Klassiker
  • authentischer Klang
  • CPU-schonend
  • intuitiv zu bedienen

Minus

  • Die Pro-Version dürfte grafisch mal auf den neusten Stand gebracht werden

Preis

  • Beide Versionen je 95,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Robocob11  

    Ich kann die Pro-Version nur empfehlen. Ganz großes Soundkino, auch wenn die Grafik nicht mehr auf dem neusten Stand ist.

  2. Profilbild
    robbabicz

    bin grosser fan der ABL, seit der ersten version….. ist bei mir auf super vielen release drauf….

    • Profilbild
      The-Sarge  

      das ist schön zu hören Robert
      bin auch seit der 1.Version mit der AudioRealism BassLine unterwegs, trotzdem mir aber in einem Sale die Phoscyon gegönnt mit dem Ergebnis, daß die ABL bei Bedarf geladen wird und die Phoscyon eben nicht, obwohl ich es mir immer vornehme ;)

  3. Profilbild
    wedok

    ich versteh nicht wieso die 3er eq mässig so extrem vom original abweicht.
    da fehlen irgendwie die höhen und die tiefen.

    meine tb vs abl3:
    (Download-Link wurde von der Red. gelöscht. Bitte aus Sicherheitsgründen
    Audiovergleich auf Soundcloud, YouTube etc. hochladen)

    • Profilbild
      Tyrell  RED 1

      Kann ich absolut nicht bestätigen.Hier spielt sicher auch die Versuchsanordnung eine große Rolle. In der Regel ist aber ein „Höhenverlust“ NICHT das Problem von VA-Synthesizer ;-)

  4. Profilbild
    Flying C  

    Die ABL 3 ist eine wirklich sehr gelungene Software-Emulation der TB. Mit einem USB/Midi-Controller macht die „Kiste“ so richtig Spass.

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