Test: Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone, E-Gitarre

28. Juli 2020

Jetzt auch in Bariton!

OK, ich gebe es zu, ich liebe Bariton-Gitarren, wenn es um Drop-Tunings geht. Keine noch so hochwertige Standard-Gitarre ist in der Lage, den knackigen und prägnanten Ton einer hochwertigen Bariton-Gitarre zu reproduzieren. Warum? Kommt gleich im Test! Was testen wir? Eine Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone!

Warum Bariton-Gitarren?

OK, ein bisschen Physik muss sein, aber wirklich nur ganz rudimentär. Wenn unser Stück Draht, genannt Saite, zwischen 2 Punkten mit einer bestimmten Spannung gespannt wird, erklingt beim Schwingen ein bestimmter Ton. Verkürzen wir diese Distanz, aber behalten die Spannung bei, wird der Ton höher, anders herum, verlängern wir die Distanz, behalten aber die Spannung bei, wird der Ton tiefer. So weit, so gut. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass wenn wir die Mensur eines Instrumentes verkürzen, die Saitenspannung bei gleicher Tonhöhe abnimmt, respektive bei längerer Mensur zunimmt.

Nehmen wir also spaßeshalber einen Standard 010er Satz in Standard-Tuning. Bereits bei einem Droptuning von 2 Halbtönen haben wir ein einziges Geschlabber auf dem Griffbrett. Die Alternative, ein dickerer Saitensatz, z. B. ein 011er Satz. Dieses Spielchen kann man nun noch 1 bis 2 mal fortsetzen, aber spätestens ab dem 012er Satz wird die G-Saite bereits umsponnen und spätestens bei 013 ist Feierabend, es sei denn, man nimmt einen Spezialsatz, wie z. B. meinen Signature Saitensatz , wobei ich diesen in Standard-Tuning spiele, aber dies ist eine andere Geschichte.

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone Test

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone im Studio

Mit zunehmender Dicke der Saiten verändert sich aber auch das Ein- und Ausschwingverhalten der Saiten, so dass eine saubere Tonformung bei einer Standard-Mensur nicht mehr gelingen will. Die Lösung des Problems liegt in der Mensurlänge. Durch die Verlängerung der Mensur kann man vergleichsweise dünnere Saiten deutlich tiefer stimmen und hat dadurch einen deutlich besser definierten Ton mit viel mehr Charakter. Ein kräftiger Bariton-Saitensatz mit der dicksten noch sauber schwingenden blanken G-Saite wäre z. B. dieser Satz hier.

Nach wie vor ist die zu geringe Saitenspannung das Hauptproblem für ein definiertes Downtuning. Die Saiten klingen schnell „boomy“ und sie dürfen nur „gestreichelt“ werden, da bei einem härteren Anschlag die Saitenspannung nach oben schnellt und die Intonation der Gitarre selbst bei bester Oktavreinheit zum Teufel ist. Fazit, je tiefer das Tuning, umso länger die angestrebte Mensur.

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone Test

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone – Rückseite

Die Konstruktion der Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone

Bei der Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone handelt es sich um die Baritone-Ausführung der Signature-Reihe von YouTuber Rabea Massad. Einen Test der Standard-Version der ML3 kann man bereits hier nachlesen, in diesem Test soll es also primär um die Unterschiede zur Baritone-Ausführung gehen.

Auf den ersten Blick scheinen die Gitarren sich gar nicht so groß zu unterscheiden, wenn man den VK einmal außer Acht lässt, was aber wohl auch dem Fertigungsland geschuldet ist. Während die Standard-Ausführung in dem „echten“ Niedriglohnland Indonesien gefertigt wird, wird die Bariton-Ausführung in Korea gebaut, was einen knapp doppelt so hohen Ladenpreis ergibt. Man sollte aber auch die zu erwartenden Verkaufszahlen berücksichtigen, bei der eine Standard-Gitarre immer vor der Bariton-Ausführung liegt.

Wieder kommt ein Tele-Body zum Einsatz, aber irgendwie scheint die Anordnung der Tonabnehmer anders auszufallen. Dies ist keine optische Täuschung, sondern basiert auf der Mensurlänge von knapp 711 mm, was im Gegensatz zu vielen anderen ebenfalls als Baritongitarren bezeichneten Konkurrenzexemplaren schon eine ausgewachsene Baritongitarre darstellt. Nicht jeder muss wie bei meinen Custom Baritongitarren eine extreme Mensurlänge von 760 mm verbauen, aber unterhalb von 700 mm Mensur von „Bariton“ zu sprechen, finde ich schon etwas „verwegen“.

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone Test

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone – Halsübergang

Besagte Mensur könnte man theoretisch nun einfach durch einen verlängerten Hals umsetzen, was aber ein Problem mit sich bringen würde. Bekanntermaßen befindet sich der optimale Schwingungspunkt für den Halstonabnehmer unterhalb des 24. Bundes. Bei einigen Gitarren wird der Hals-Pickup zu Gunsten zweier weiterer Bünde etwas nach hinten versetzt, verliert dadurch aber ein wenig an Charakter. Wollte man nun den Hals-Pickup bei einer Bariton-Gitarre einfach nur bei einer Halsverlängerung unterhalb des 24. Bundes platzieren, müsste der Pickup schon fast komplett in den Hals eingesetzt werden. Des Weiteren würde durch den verschobenen Schwerpunkt die Kopflastigkeit des Instruments stark zunehmen.

Um dem entgegenzuwirken, versetzen nahezu alle Baritongitarren Hersteller die Brückenkonstruktion nebst Steg-Pickup weiter nach hinten, so dass der Hals-Pickup gerade noch am Korpus nahe des Halsfußes platziert werden kann. Dies hat natürlich optisch und auch spieltechnisch zur Folge, dass der Abstand zwischen Steg- und Halstonabnehmer deutlich größer ist als bei einer Standard-Gitarre. Dies ist auch bei der Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone der Fall, so dass das Instrument etwas „anders“ aussieht und sich auch etwas anders spielen lässt, insbesondere bei Palm Muting Spielweisen. Man gewöhnt sich allerdings schnell an die veränderten Abmessungen.

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone Test

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone – Kopfplatte

Abgesehen von diesen Unterschieden in der Grundkonstruktion sind viele Punkte zwischen beiden Instrumenten identisch. Beide Instrumente verfügen über einen getoasteten und verschraubten Ahornhals mit Ebenholzgriffbrett. Bei der Bariton-Ausführung hat der Hersteller jedoch fluoreszierende Dot-Inlays an der Griffbrettseite platziert, um die Orientierung auf einer schummerig ausgeleuchteten Bühne zu erleichtern. Ansonsten, Shaping, Pickups, Erle als Korpusholz, Ahorndecke, Natural Binding, Schaltung, alles wie bei der Standard-Ausführung. Lediglich das Gewicht ist mit knapp 3,6 kg etwas höher, da mehr Holz verbaut wurde.

Doch halt, da hat die Endabnahme ordentlich geschludert. Bei einer indonesischen Fertigung könnte man u. U. noch ein Auge zudrücken, bei koreanischer Fertigung hingegen nicht. Auf der Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone ist ein Bariton-Saitensatz mit umsponnener G-Saite, hier D-Saite aufgezogen. Kann man machen, ist auch nicht unüblich, sofern man keine Bendings auf dem Instrument ausführen möchte. Wenn man allerdings einen solchen Saitensatz aufzieht, muss die Oktavreinheit auch entsprechend angeglichen werden. Bei einem Standard-Satz mit blanker G-Saite befindet sich der charakteristische Oktavreinheitsversatz immer zwischen der letzten umwickelten Saite (D) und der ersten Plain-Saite (G). Dieser Versatz muss sich bei einem Satz mit umsponnener G-Saite (Bariton D-Saite) allerdings wie bei einer Stahlsaiten Akustikgitarre zwischen den Saiten G und B (H) befinden, was bei dieser Gitarren nicht der Fall ist.

Vielmehr liegt die Vermutung nah, dass die Oktavreinheit nach Augenmaß eingestellt wurde, da bei einer ordnungsgemäßen Einstellung über einen Tuner diese Fehleinstellung hätte auffallen müssen. Spätestens bei der Endkontrolle hätte man auf den Einstellungsfehler aufmerksam werden müssen. Egal, 5 Minuten Einstellarbeit mit dem richtigen Werkzeug, evtl. 10 Minuten wenn man die anderen Saiten sicherheitshalber gleich mit überprüfen möchte und gut ist.

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone Test

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone – Pickup

Die Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone in der Praxis

Wie auch jede andere Bariton-Gitarre mit einer „erwachsenen“ Mensurlänge fühlt sich auch die Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone für einen Standard-Gitarristen auf den ersten Eindruck etwas ungewohnt an, was nicht nur mit der verlängerten Mensur zu tun hat. Insbesondere das Ein- und Ausschwingverhalten der längeren Saiten bedarf ein wenig Eingewöhnung. Zwar kommt der Ton an sich bereits im unverstärkten Modus sehr knackig und prägnant rüber, allerdings brauchen die Saiten physisch bedingt immer ein paar Millisekunden länger, bis sie ihre anvisierte Schwingungszahl erreicht haben. Im normalen Spielbetrieb fällt dies nicht weiter auf, möchte man hingegen ein paar Shredder-Attacken fahren, wird man hier und da gerade in den tieferen Lagen etwas ausgebremst werden.

Klanglich bietet die Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone die gleichen Vor- und Nachteile wie auch die Standard-Ausführung. Die Gitarre schwingt sehr gut, das Sustain ist gerade im Akkordspiel herausragend und das gesamte Erscheinungsbild der Gitarre weiß zu überzeugen.

Leider können wie auch bei der Standard die beiden Chapman Pickups mich nicht wirklich überzeugen. Der Grundklang der Pickups ist vergleichsweise harsch und „eckig“, ein echtes Wohlfühlgefühl will einfach nicht aufkommen. Auch wenn die Konstruktion der Gitarre eine gute Basis für einen singenden Ton bietet, die Pickups schaffen es erneut nicht, die bauliche Qualität der Gitarre zu übertragen. Dazu kommt noch ein mechanisches Problem bei dem Neck-Pickup. Bei härterem Anschlag verkeilte sich die hohe B-Saite mehrfach unter den oben überstehenden Kanten der Spulenkörper, nicht wirklich schön.

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone Test

Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone im Einsatz

Fazit

Mit der Chapman Guitars ML3 Bea Rabea Massaad Baritone führt der britische Hersteller eine gute Bariton-Gitarre in seinem Katalog, die aufgrund der ordentlichen Mensurlänge die Bezeichnung Bariton auch verdient hat. Während die bauliche Substanz des Instruments zu überzeugen weiß, konnten mich die Pickups aufgrund des „eckigen“ Grundklangs leider nicht wirklich überzeugen.

Plus

  • Klangverhalten Grundkonstruktion
  • Verarbeitung
  • Sustain

Minus

  • Werkseinstellung Oktavreinheit

Preis

  • 1.355 €
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Unabhängig von der Qualität der Gitarre (mir klingt sie zu flach und nicht warm genug) super informatives Review.
    Hätte der bemängelte „eckige Klang“ nicht auch noch unter die Minusliste gehört? Immerhin kostet die Gitarre ja einiges.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Ich versuche meinen persönlichen Geschmack bzgl. des Klangs nicht in die Endbewertung mit einzubringen, die sie ja wie jede andere Meinung auch komplett subjektiv ist.

      Es kann ja auch sei, dass ein Kunde genau diesen Sound sucht und gut findet.

      • Profilbild
        Hein Bloed  

        Ich kann das so halb nachvollziehen, aber ich finde doch, dass eine Gitarre dieser Preisklasse einen differenzierteren Klang anbieten sollte. Ich bin ein Tele-Addict und bevorzuge selbst eher abstraktere Spielweisen, diese Art der frewilligen Limitierung möchte ich allerdings selbst wählen (z.B. mit einem Equalizer).
        Ich würde allerdings gerne mal was wirklich Dummes und Offensichtliches fragen: auf den Pickguards all meiner Gitarren sind nach ein paar Monaten und später nach Jahren gravierende Spuren vom Plektrum zu sehen, ich habe mich immer gefragt, wie das bei einer Gitarre ohne Pickguard aussieht.
        ich erinnere mich an meine erste Klassik-Klampfe, die hatte irgendwann unterhalb der hohen E-Seite ein Loch….
        Einige der Chapamn Gitarren sehen wirklich super aus, da würde ich ungern „Gravuren“ in der Decke sehen..

        • Profilbild
          mabbels

          Bei Bea scheint das auch Alltag zu sein – er hat das Loch bei all seinen Klampfen stets oberhalb der tiefen E-Saite (was bei ihm wahrscheinlich selbst bei der Strat der Fall sein wird, trotz hochgezogenem Pickguard :)).

          Interessanter Weise hatte ich damit nie Probleme, ich spiele keine Abschürfungen in die Klampfen. Bei mir ist es einfach das matte Finish, das durch das Auflegen des kleinen Fingers unterhalb der Saiten irgendwann „glänzend“ poliert wird.

  2. Profilbild
    uelef  

    Ja, finde ich auch, Axel, dass du alles um die Bariton-Gitarre sehr anschaulich und verständlich erklärt hast …

  3. Profilbild
    Willemstrohm  AHU

    Vielleicht habe ich es gerade an den Ohren (gerade aufgenommen und gemischt), aber für mich klingt die Klampfe recht matschig und undefiniert.

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