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Test: Gibson ES-LP, Les Paul E-Gitarre

2. Februar 2016

Les Paul mit luftigem Sound

Gibson bedarf an dieser Stelle eigentlich keiner Vorstellung mehr. Insbesondere die allgemein hin „Paula“ genannte Les Paul ist als eine der ersten erfolgreichen Solidbodygitarren und geschichtsträchtiges Gitarrenmodell auch bei Nicht-Gitarristen hinlänglich bekannt. Doch neben der klassischen Paula mit massivem Mahagonibody und Ahorndecke haben es über die Jahre auch immer wieder verschiedenste Modifikationen des altbewährten Rezeptes in die doch sehr Traditionsbewussten Familiendynastie geschafft. So auch die ES-LP: Wie der Name den Gibson Kenner schon vermuten lässt, handelt es sich dabei um die Semihollow-Legende Gibson ES gefangen im Körper einer klassischen Les Paul. Laut Gibson soll das 2014 erstmals vorgestellte Modell so das Beste beider Gitarrentypen in einem Instrument vereinen. Natürlich wollten wir uns das einmal näher ansehen!

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Features und Verarbeitung der Gibson ES-LP

Die ES-LP entspringt direkt der Memphis-Serie, mit der sich Gibson wieder stärker auf die Merkmale und Eigenschaften des Gibson Lineups besinnen will, die die Firma seit jeher so fest im Blues und Jazz verankert hatten. Dazu hat man sich bei noch einmal mit den Originalen von „damals“ beschäftigt, um herauszufinden, was den Instrumenten damals ihre Magie bescherte. Herausgekommen sind dabei Kombinationen verschiedenster Typen und Bauteile von alten Größen – und natürlich alles im edelsten Vintage-Design. Klar, dass eine der teureren Gibsons wie die ES-LP in einem Formcase mit feinster Kunstlederbespannung außen und reichlich Velours im Inneren geliefert wird!

Besonderheit Semihollowbody

Der Body ist als Semihollow-Konstruktion ausgeführt. Für die Decke die Zarge und den Boden wurde dabei eine dreilagige Kombination aus Ahorn, Pappelholz und noch einmal Ahorn verwendet. Besonders schön ist dies an der geflammten Decke zu erkennen, die durch die „Bourbon Burst“ Lackierung hindurchschimmert und sehr sauber gematcht wurde. Äußerlich wäre die ES-LP kaum von einer gewöhnlichen Les Paul zu unterscheiden, wären da nicht die beiden F-Löcher, die einen Blick in das hohle Innere der Gitarre zulassen würden. Noch deutlicher wird der Unterschied natürlich, wenn man die ES-LP anhebt und das unglaublich geringe Gewicht spürt. Eine ganz neue Erfahrung für Les Paul Spieler! Dies liegt nicht zuletzt an dem Sustainblock, der aus Mahagoni (mit Einsparschnitten zur Gewichtsreduzierung) gefertigt wurde.

Abgerundet wurde der Body mit einem sauberen Binding in Creme an beiden Kanten der Zarge, welches absolut makellos verarbeitet scheint und an einer echten Paula auch niemals fehlen dürfte. Auch das Griffbrett ist in einem ähnlichen Binding eingefasst, das an den Kanten noch einmal zusätzlich abgerundet wurde, um der Griffhand mehr Komfort bieten zu können. Das Griffbrett selbst besteht aus vergleichsweise hellem Palisander mit einer sehr feinen Maserung und umfasst natürlich 22 Buntstäbchen. Inlays dürfen bei einer Paula natürlich auch nicht fehlen und diese bestehen bei der Memphis-Serie natürlich nicht aus schnödem Plastik, sondern aus bestem Perlmutt.

Hals, Kopfplatte und Tuner der Les Paul

Das Griffbrett seinerseits ruht auf einem einteiligen Mahagonihals mit C-Shaping und 21, 59 bis 24,13 mm Breite. Für die Verleimung mit dem Korpus griff Gibson auf einen speziellen Leim zurück, der den in den 50er Jahren verwendeten Klebstoffen möglichst nahekommen soll, um so ein wenig mehr „Vintage“ in die Gitarren zu bringen. Am anderen Ende findet sich die typische Kopfplatte mit goldenem Schriftzug, dem überdimensionalen Trussrodcover samt Perlmutteinlage. Die Rückseite beherbergt die Mechaniken aus Nickelblech in (natürlich) nostalgischem Styling.

Schlechte Stimmung an der Paula

An dieser Stelle möchte ich vorwegnehmen, dass die Stimmmechaniken am Testinstrument leider versagt hatten. Auch nach einer mehr als zwei Wochen dauernden Akklimatisierung konnte die Gitarre die korrekte Stimmung nicht länger als eine halbe Stunde halten – und nach einem Tag ohne Benutzung war das Instrument teilweise wirklich grotesk verstimmt. Das würde man von einer Billiggitarre mit schlechtem Vibrato erwarten, aber keinesfalls von einer in den USA gefertigten Edelgitarre mit fester Bridge. Was war da los bei Gibson?

Die Mechaniken sind leider eher dritte Wahl

Die MHS Humbucker

Bei besagter Brücke handelt es sich um eine Tone Pro AVR-2, die von einem speziellen Lightweight-Tailpiece aus Aluminium komplettiert wird, indem es die Ballends der standardmäßigen 10-46er Saiten festhält. Deren Schwingungen werden von zwei MHS-Humbuckern abgenommen, die leicht „unterwickelt“ wurden, um einen etwas luftigeren und offenen Klangcharakter gegenüber den üblicherweise bei der Les Paul eingesetzten Pickups zu erreichen. Beide sind natürlich mit vernickelten Stahlblenden versehen. Angewählt werden die Pickups über einen Dreiwege-Schalter, die Lautstärke und Tonregelung läuft klassischerweise über vier goldbraune Potis im unteren Bereich des Korpus.

Auch hier hat man sich bei Gibson wieder ein wenig an die 50 angenähert und die Potis mit den klassischen Indexblechen versehen. Ein wenig neue Technik steckt jedoch auch in den Volumepotis: Um den Klang der Gitarre nicht abflauen zu lassen, werden beim Herunterregeln die Höhen ein wenig geschont, was den Klangcharakter der ES-LP aufrechterhalten soll. Optisch sorgen die Pickuprahmen und das Pickguard aus cremefarbenem Plastik für den letzten Schliff.

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Die Pickups wurden klangmäßig an das 50er Jahre Konzept angepasst

Verarbeitungsmäßig muss sich die ES-LP wirklich nicht verstecken. Von der Lackierung des Bodys und des Halses, über das Binding und der Übergang zwischen Hals und Korpus bis zur Abrichtung der Bundstäbchen ist hier alles im Lot. Auch die Hardware wurde, abgesehen von den Mechaniken, gut ausgewählt und vermittelt einen soliden Eindruck. Nun schaut man aber auch gelegentlich durch die F-Löcher in die Gitarre hinein, um sich beispielsweise das Etikett mit der Seriennummer und dem Qualitätssiegel zu betrachten. Dabei fällt leider auf, dass der Sustainblock weder abgehobelt oder geschliffen wurde und deutliche Sägespuren und raue Stellen zu sehen. Ist das jetzt zu pingelig? Mag sein, immerhin sieht man so etwas nicht wirklich, wenn die Gitarre auf dem Ständer steht oder an der Wand beziehungsweise am Gitarristen hängt.

Auf der anderen Seite befinden sich Gitarren, die weit über 2000,- Euro kosten in einer Klasse, in der es neben dem Klang und der Bespielbarkeit auch um das Gefühl geht, etwas ganz Besonderes in der Hand zu haben, etwas das mit allergrößter Sorgfalt und absoluter Liebe zum Detail hergestellt wurde. Da fällt es dann schon schwerer den, wenn auch kleinen Pfusch, einfach zu übersehen.

Klang & Handling der Gibson ES-LP

Trocken angespielt kommt dann schon Tragweite der Fusion von einem Dynamikmonster wie der ES und einer Les Paul zur Geltung. Der Grundsound der Gitarre ist wirklich sehr laut und kraftvoll, mit einem unheimlich mittenbetonten Klangspektrum und einem leicht „twangigem“ Charakter. Die Ansprache ist dabei genau so spontan und direkt, wie man es von einer Semihollow-Gitarre erwarten würde, was sich für eine Les Paul jedoch etwas fremd anfühlt, die ja traditionell eher ein wenig behäbiger anspricht und dafür mit einem sehr langen und kräftigem Sustain glänzt. Hier muss man mit der Gibson ES-LP natürlich ein paar Abstriche machen. Trotz des Sustainblocks aus Mahagoni kann sie natürlich nicht mit einer Solidbody mithalten. Was aber auch nicht bedeutet, dass diese Gitarre überhaupt nicht nachklingt.

Auf diesem Gebiet muss man wirklich sagen, dass die Zusammenführung der großen Vorteile beider Gitarrentypen recht gut funktioniert hat. Natürlich kann es nur ein Kompromiss sein, wenn man zwei so unterschiedliche und bisweilen vom Charakter her so gegensätzliche Gitarren miteinander kombiniert, aber es ist nicht so, dass das Endergebnis irgendwo in einem verwaschenen mittleren Graubereich rangiert, sondern durchaus die Charakteristika beider Einflüsse erahnen lässt. Alle Achtung!

Durch die Mischung zweier Klassiker entsteht ein ganz neuer Charakter

Hinzu kommt eine äußerst gute und lockere Bespielbarkeit bis in die hohen Bünde hinein, sofern man sich mit dem doch recht ausladendem C-Shaping des Halses anfreunden kann. Die Saitenlage ist ausreichend flach, um ermüdungsfrei und auch mal etwas schnellere Passagen spielen zu können, ohne dass dabei Schnarren oder andere Störgeräusche auftauchen würden.

Lässt man die Pickups gemeinsam mit dem Verstärker die Arbeit übernehmen, wird schnell deutlich, dass diese sehr genau und gut auf den Grundsound der Gitarre abgestimmt sind. Klangmäßig geht es natürlich eher in Richtung Les Paul als in Richtung ES. Mittenbetont und weich kommen die Töne aus dem Lautsprecher und natürlich versorgen die zwei Humbucker die Vorstufe mit ordentlich Druck, aber eben auch der beschrieben etwas luftigere, offene Klang ist deutlich zu vernehmen. So hat man das Gefühl, dass das leicht Perkussive und die zusätzlichen Details, die eine Semihollowbody bietet, sehr gut aufgenommen und übertragen werden.

Insbesondere im unverzerrten Bereich klingt die Gibson ES-LP sehr sauber und transparenter, als man es von einer herkömmlichen Paula gewohnt ist. Das heißt aber keineswegs, dass man sich in diese Gefilde zurückziehen muss. Auch ein bisschen und sogar ein bisschen mehr Zerre kann die Gitarre noch gut handeln, bevor die Feedback-Tendenzen zu aufdringlich werden oder der Sound „verwäscht“. Und wie ich finde, ist die zusätzliche Dynamik und das knackige Ansprechverhalten, gerade auch mit etwas mehr Gain, eine wahre Wohltat und lässt knackige und vor allem akzentuiertere Riffs ganz leicht von der Hand gehen!

Schönes Case inklusive: Kunstleder und Velours an allen Fronten

Die Klangbeispiele wurden mit einem Fender Super Reverb und einem Shure SM 57 in Ableton Live 9 aufgenommen. Beispiele 3 und 6 wurden mit einem Boss ME-25 aufgenommen. Beispiel 5 wurde direkt über ein Tascam US-144 aufgenommen.

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Fazit

Klar, dass ich mich hier ein wenig als ewiger „Les Paul Skeptiker“ outen muss. Auch wenn ich um die unbestreitbaren Verdienste dieser Gitarre für die Musikgeschichte weiß und sie ganz sicher ihren Platz im Nirvana des Rock hat, war sie mir persönlich doch immer ein wenig zu klobig, zu behäbig in ihrer Ansprache und zu muffig im Sound. Das ist natürlich Geschmackssache und entgegen aller Sprichwörter lässt sich darüber ganz wunderbar streiten.

Für mich ist aber die Kombination der ES mit einer Paula das, was dem Klassiker immer etwas gefehlt hatte. Die Dynamik, die schnelle Ansprache und die daraus resultierende Bespielbarkeit machen einfach Spaß! Zusammen mit den zwei sensationell transparenten und kraftvollen Pickups eröffnet die Gibson ES-LP neue Türen, ohne dabei die Kernkompetenzen der klassischen Les Paul, wie wir sie kennen und lieben, in den Schatten zu stellen. Chapeau dafür!

Trotzdem schrammt die Gibson ES-LP ganz knapp an der Höchstnote – denn solche Mechaniken und offensichtlich unbehandelte Oberflächen haben an einer Oberklassegitarre nun wirklich nichts zu suchen!

Plus

  • Ansprache und Bespielbarkeit
  • Grundsound
  • Pickups
  • Verarbeitung

Minus

  • katastrophale Stimmmechaniken
  • "Pfusch" im Innenraum des Korpus

Preis

  • Ladenpreis: ca. 2900 Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    harrymudd  AHU

    Hallo Tilmann,
    einige Sachen möchte ich gerne an deinem Test ergänzen bzw. anmerken:
    Die Griffbretteinlagen sind nicht aus Perlmutt sondern aus Perloid.
    Der von Gibson verwendete Holzleim ist normaler Tidebond 50, der eigentlich immer verwendet wird.
    In der Elektronik verwendet Gibson für den Halspickup einen kleineren Kondensator für die Höhenblende 15nF statt 22nF – ansonsten ist alles beim Alten.
    Zu den Mechaniken möchte ich anmerken, dass bei Gibson gelegentlich die Sattelkerben unpassend gefertigt sind, so dass die Saiten ein wenig klemmen. Dadurch hakt die Saite und rutscht langsam in Stimmung. Die Gibson Mechaniken sind i. d. R.nicht der Übeltäter.

    Halbakustische Gitarren vom ES Typ sehen innen eigentlich immer ein wenig ‚rough‘ aus.

    Klanbeispiel 6 ist cool – Neil Young lässt grüßen

  2. Profilbild
    tantris  

    Es ist klar, dass eine handgefertigte Gitarre Geld kostet. Will man weniger ausgeben, muss man Fabrikware in Kauf nehmen. Es bleibt dann jedem selbst überlassen, über die eventuellen Mängel hinwegzusehen.

    Die fallen oft nicht ins Gewicht. Besonders wenn man mit einer E-Gitarre den Nachbarn beschallt, ist es egal, wenn dabei ein Tuner schnarrt.

    Wenn aber eine Gitarre für ca. 3000 Euro die Stimmung nach halten kann oder Mängel in der Verarbeitung bereits optisch ins Auge auffallen, dann ist das sehr schade. So macht man eine gute Marke kaputt.

    Sollte wirklich die Brücke der Übeltäter sein, wie ein Leser geschrieben hat, dann möge Gibson doch zur Kenntnis nehmen, das es für ca. 50 Euro Brücken gibt, bei denen die Saiten auf Gleitrollen gelagert sind und nicht auch dreieckig gezackten Zwiebelschneidern.

    Abgesehen davon würde ich mir nie eine Gitarre mit einem automatischen Stimmsystem kaufen. Wer eine Gitarre nicht manuell stimmen kann (weil er es nicht hören kann?), der soll dann auch die Umwelt mit seinem Spiel verschonen.

      • Profilbild
        tantris  

        Stimmt, habe ich im Eifer des Gefechtes übersehen.

        Trotzdem findet man das G-Force System bei vielen Gibson-Gitarren. Wer es nützlich findet, das bleibt jedem selbst überlassen. Aber wozu soll das gut sein, bei insgesamt 6 Saiten ?

        Oder muss ich mich jetzt darauf einstellen, dass Frau Sophie Mutter mit einer aufgepimpten Stradivari auf die Bühne kommt, mit 4 Elektromotoren an der Schnecke ?

  3. Profilbild
    tubeheat  

    Gleitrollen sind dafür bekannt Sustain zu killen. Alles was man braucht ist jemand, der es versteht, Sattelkerben und Reiter entsprechend zu feilen, dass die genannten Probleme oder auch frühzeitiges Reissen der Saiten nicht auftritt. Die Mühe macht sich Gibson bei der Fabrikfertigung leider nicht mehr. Ebenso das Abrunden der Bünde, damit keine scharfen Kanten übrigbleiben. Das ist auch bei den teuren Historics so. Alles steht und fällt damit jemanden zu kennen, der weiß, worauf es ankommt. Das ist vielleicht 1h Arbeit und dann paßt es 100%.

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