Test: LAVA Music ME 2 Freeboost OR, Akustik-Gitarre

9. März 2021

Carbon-Akustik mit Premium-Effekten

LAVA Music ME 2 Freeboost OR

LAVA Music ME 2 Freeboost OR

Eine Steelstring mit eingebauten Effekten, die ohne angeschlossenen Verstärker hörbar bzw. nutzbar sind? Zugegeben, das gab es schon mal bzw. gibt es immer noch. Yamaha hat mit der LL-TA und der LS-TA gleich zwei dieser speziellen Instrumente im Programm und auch die französische Firma Lag Guitars bietet mit der HyVibe eine solche Gitarre. Einen völlig anderen Weg geht man jedoch bei LAVA Music, denn anstatt auf klassische Hölzer zu setzen, wurde die ME2 komplett aus einem Stück Carbon hergestellt und ebenfalls mit einer Reihe von Digitaleffekten ausgestattet. Zudem ist dieses Instrument mit 597 mm Mensur deutlich kürzer geraten, was die LAVA Music ME 2 Freeboost OR zusammen mit ihrem schlanken Korpus damit zur idealen „Traveler-Guitar“ für das Handgepäck macht. Was zunächst für den einen oder anderen wie ein Spielzeug wirken könnte, entpuppt sich bei genauerem Betrachten als eine Steel-String, die verdammt viel Spaß macht und sicher ihre Fans gewinnen wird!

LAVA Music ME 2 Freeboost OR

LAVA Music ME 2 Freeboost OR – Facts & Features

Zugegeben, das schrille Orange ist vermutlich nicht jedermanns Sache, zu bekommen ist die ME2 aber auch noch in Blau, in Schwarz, in Weiß und wer es gerne noch auffälliger hätte, dann steht ein Modell in wunderbarem Pink zur Verfügung. Egal, um welche Farbe es geht – hergestellt werden die Lava-Instrumente allesamt aus einem Stück Carbon, wobei die Decke für ein besseres Schwingungsverhalten in einer Wabenform ausgeführt wurde. Warum Carbon? Nun, der Hersteller ist der Meinung, dass dieser aus dem Rennsport bekannte Werkstoff auch bei akustischen Instrumenten seine Vorzüge besitzt. Das stimmt auf jeden Fall in Bezug auf die Haltbarkeit und die Robustheit, denn weder Kälte noch Hitze oder Feuchtigkeit wirkt sich auf die Struktur von Carbon aus, was im Umkehrschluss bedeutet, dass bei der ME20 mit einem Verziehen der Decke oder des Halses in keinem Fall zu rechnen ist.

Bünde mit PLEK-Verfahren

Insofern gibt es auch keinen Truss-Rod, mit dem man etwa den Hals justieren könnte – seine Krümmung ist also vorgegeben und kann nicht durch den Benutzer verändert werden. Meinem Geschmack nach ist das aber nicht ganz so gut gelungen, denn die Saitenlage ist zumindest bei unserem Testinstrument doch recht hoch ausgefallen, was für Akkordspieler vielleicht nicht so wichtig ist, für Solisten allerdings doch eher gewöhnungsbedürftig erscheint. Hingegen befindet sich die Qualität der Bundierung auf einem hohen Niveau, kein Wunder eigentlich, denn die Bundstäbchen jeder Lava-Gitarre werden dem PLEK-Verfahren unterzogen und somit perfekt abgerichtet. Wer sich mehr für das Thema PLEK interessiert, dem sei der Artikel meines geschätzten Kollegen Jan Steiger ans Herz gelegt, der seine Music Man Luke II bei Thomann hat „pleken“ lassen.

Test: LAVA Music ME 2 Freeboost OR, Akustik-Gitarre

Die Bünde der LAVA-Gitarren werden mit dem PLEK-Verfahren für optimale Bespielbarkeit bearbeitet

Herzstück der ME2 – die „Free Boost Technology“

Die Tatsache, dass für die Lava-Instrumente ausschließlich Carbon für die Herstellung benutzt wird, macht die Sache schon recht spannend. Es geht aber noch deutlich spannender, denn das „Free Boost System“ ermöglicht es, dem Klang der Gitarre Effekte beizufügen, ohne sie mit einem Verstärker zu verbinden. Dabei wirkt die Rückseite des Korpus als Lautsprecher und mit den Effekten Delay, Hall und Chorus hat man wohl die wichtigsten Algorithmen zusammengestellt, die dem Klang einer Akustik-Gitarre eine besondere Form des Ausdrucks verleihen. Der Preamp sitzt im Innern des Schalllochs und während der Hall dauerhaft ausgewählt und durch ein Poti auf der Oberseite des Zargen in seiner Intensität geregelt werden kann, bietet ein kleiner Schalter dem Benutzer die Auswahl zwischen einem Chorus- und einem Echo-Effekt.

Es handelt sich dabei um fest vorgegebene Presets, die in ihren Parametern zwar nicht verändert werden können, dafür aber vom Lava-Team meiner Meinung nach recht geschmackvoll programmiert wurden. Weiterhin befinden sich am Preamp ein Anschluss im Micro-USB-Format zum Nachladen des integrierten Lithium-Ionen-Akkus sowie ein Volume-Regler, mit dem der verbaute L2-Pickup perkussive Sounds sowohl über die Free-Boost-Funktion als auch über den Klinkenausgang im Gurtendknopf an einen angeschlossenen Verstärker liefert. Im Lieferumfang befindet sich ein ausreichend langes USB-Kabel, um den Akku nachzuladen. Wie lange der mit einer Ladung durchhält, wird vom Hersteller nicht beschrieben. Ich kann aber sagen, dass ich nach dem vollständigen Laden nach ca. 10 Stunden immer noch eine Menge Spaß mit der Gitarre hatte – und das mit allen drei Effekten am Start.

Wie bereits erwähnt, ist der Reverb des Free Boost dauerhaft aktiviert und wird mit einem eigenen Regler gesteuert. Dieser sitzt zusammen mit zwei weiteren auf einem Panel aus Aluminium im oberen Zargen. Das Poti links vom Reverb-Poti bestimmt dabei die Stärke des gewählten Chorus- bzw. Delay-Effekts, während der dritte Regler eine Doppelfunktion als Ein- und Ausschalter sowie als Mastervolume übernimmt.

LAVA Music ME 2 Freeboost OR Preamp

Der Free Boost Preamp der ME2 im Cutaway versteckt

High-Tech mit Standard-Tunern

Bleibt als Teil der Hardware noch die Mechaniken zu erwähnen. So viel Hightech die Lava ME2 auch bietet, die Mechaniken gehören dann doch eher zum Standard. Die verchromten Tuner arbeiten nicht ganz frei von Spiel auf ihren Achsen, was das Stimmen manchmal nicht so ganz einfach macht. Da hilft die Carbonkonstruktion ungemein, denn durch die hohe Stabilität und das verwindungssteife Design hält die kleine Lava die Stimmung außerordentlich gut, sodass dieser Punkt in der Praxis nicht besonders negativ auffällt. Während der Testdauer musste ich, wenn überhaupt, die Gitarre nur um  wenige Cent nachstimmen.

Die Mechaniken präsentieren sich eher als Durchschnittsware

Und so klingt die LAVA Music ME 2 Freeboost OR

Ich muss eingestehen, dass ich bislang kaum eine Akustik-Gitarre gespielt habe, mit der ich auch nur annähernd so viel Spaß hatte. Die Free Boost Technologie mit ihren drei Effekten bietet einen unglaublich inspirierenden Klang – ein fetter Chorus-Sound, ein geschmackvoll designter Reverb sowie das tiefe Delay sorgen für ein Ambiente ohne angeschlossenen Verstärker, dass der Kreativität ganz neue Wege aufzeigt. Dabei ist die Tonansprache der Carbon-Konstruktion sehr direkt, präzise und Höhenreich, jedes noch so leichte Anschlagen der Saiten, die ab Werk übrigens von Elixir stammen und die Stärke von.012-.053 aufweisen, wird sofort in einen satten Ton umgesetzt.

Leichte Schwächen muss man jedoch beim Sustain anführen, was aber natürlich auch auf den kleinen Korpus zurückzuführen ist: Die LAVA ME2 ist eben eine Traveler-Guitar im kompakten Format. Dieses Manko fällt aber nur beim Spielen ohne Effekte auf. Sind die drei digitalen Helferlein erst einmal zugeschaltet, dann tritt das aufgrund des überwältigenden Sounds fast komplett in den Hintergrund. Wie ich bereits weiter vorne erwähnte, würde ich mir jedoch noch eine flachere Saitenlage wünschen, um auch mal ein geschmeidiges Solo in der Oktavlage abzufeuern. Abhilfe schaffen kann hier nur das Abfeilen der Stegeinlage auf das gewünschte Maß, denn einen Halseinstellstab zum Justieren der Halskrümmung gibt es ja nicht. Oder man spannt ein paar weichere Drähte auf, um die Zugkräfte auf den Hals zu reduzieren – denn ein 12er Satz setzt schon eine sehr kräftige Greifhand voraus.

Lava ME2 Klangbeispiele

Für die Klangbeispiele wurde vor dem Schallloch der ME2 ein AKG C3000 Mikrofon platziert, zu hören sind also die Effekte direkt aus dem Korpus bzw. dem Free Boost System des Instruments. Weitere Effekte wurden keine benutzt.

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Fazit

Sicherlich sind 800,- Euro für eine Traveler-Gitarre eine Menge Geld. Wenn man aber die LAVA Music ME 2 Freeboost OR mit ihren Effekten erst einmal gehört und gespielt hat, dann schlägt das GAS-Syndrom erbarmungslos zu und man kann die Hände kaum noch von ihr lassen. Ein ganz feines Instrument, das die Kreativität des Spielers auch ohne Verstärker auf ein ganz neues Niveau hebt!

Plus

  • Konzept
  • sehr inspirierender Klang
  • sehr gute Verarbeitung

Minus

  • Saitenlage ab Werk
  • konstruktionsbedingt etwas schwache Basswidergabe

Preis

  • 799,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Eibensang  

    Interessante Konstruktion mit erstaunlichem Klang … Hab ich richtig gezählt: Doch immerhin so an die 17 mit den Fingern noch erreichbare Bünde bietet das Ufo? Dann bleibt mir als Hemmschwelle nur die bemängelte Saitenlage – sehr schade – und der (angesichts des Gebotenen schon auch wieder nachvollziehbare) Preis. ;-) Hach, und das bei so toller Farbauswahl! (Da ist schon ein Reiz da, in der Tat. Danke für den aufschlussreichen Test!)

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Mit Übergreifen erreichst du auch alle 18 Bünde :) Ganz tolle Klampfe, sehr inspirierend, kompakt und die Effekte sind ein echtes Sahnehäubchen!!

  2. Profilbild
    Drahtzieher

    Eine kurze Mensur ist wie eine lange mit Kapodaster. Um auf ein normales E zu kommen, müssen die Saiten also runter = schlaffer gestimmt werden. Damit wird die Spannung geringer, als sie für die Bauart der Saite sein müsste / sollte. Im Ergebnis klingt es beim Greifen von Akkorden, sobald man hoch geht, schnell fürchterlich schief. Das Runterdrücken der Saite auf die Bünde wirkt schon wie ein Bending. Besonders bei etwas höherer Saitenlage. Auch das Stimmen wird sehr schwierig.

    Zum Ausgleich gehören auf derart kurze Mensuren dicke Saiten, die von Natur aus eine höhere Spannung haben und beim „Runterstimmen“ der Spannung einer dünneren Saite entsprechen (sollten). 12-er haben also wohl ihren guten Grund. Dünnere führen wahrscheinlich zu Frust. Das stellt man am besten fest, durch einen Test.

    Ansonsten halt Stegeinlage schleifen.

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