Test: Morgan PR12, Gitarrenverstärker

9. Juli 2019

Der Morgan PR12, ein neuer Stern am Clean Himmel?

Morgan PR12 Gitarrenverstärker

Morgan PR12 Gitarrenverstärker

Der ultimative Ton! Es gibt wohl keine andere Szene, in der so viel über Klang und Sound diskutiert wird, wie in der E-Gitarristenszene, wobei sich wohl auch in keiner Szene, die sich mit akustischen Instrumenten beschäftigt, so viele klangliche Abwandlungen erzielen lassen. Man nehme sich nur auf der einen Seite die ERG-Jünger mit acht Saiten und mehr, welche auch gerne in maximale High-Gain-Bereiche vordringen und auf der anderen Seite Fingerpicker im Chet Atkins Stil mit Telecaster oder Hollowbody. Was liegt nicht alles dazwischen. Neben Kanalmonstern wie z. B. dem Hughes & Kettner Triamp MK3 gibt es diametral noch eine andere Ausrichtung, die jegliche Form der Flexibilität außer Acht lässt und sich lediglich dem einen, möglichst „reinen“ und ursprünglichen Ton widmet. Einer dieser Vertreter ist der Morgan PR12 Gitarrenverstärker, der in seinem Konzept die Gitarristengemeinde garantiert spalten wird!

Morgan PR12 Gitarrenverstärker

Morgan PR12 Gitarrenverstärker – Facts & Features

Einen einkanaligen Gitarrenverstärker mit 12 Watt, preislich knapp unter 2.000 Euro gelegen, ist das sinnvoll? Um diese Frage besser beantworten zu können, muss man sich die Eckdaten des Verstärkers ansehen. Im Morgan PR12 laufen gleich mehrere Komponenten auf, welche den Ladenpreis zwangsläufig in die Höhe treiben. Zum einen wird der Vollröhren-Combo von Hand in den USA gebaut. Des Weiteren verfügt der Verstärker über eine Hallspirale am Boden des Gehäuses, die mit zwei Reglern (Reverb und Dwell) verwaltet wird. Reverb regelt den Hallanteil, Dwell hingegen ist eine Mischung aus Länge des Nachhalls und wie viel „Room“ der Hall entwickelt. Ansonsten ein Volume-Regler, ein Bassregler, ein Treble-Regler, aus, Schluss. Das nenne ich mal spartanisch!

Von den Komponenten her ist der Combo ein Toploader, will heißen, der Verstärkerteil ist von oben zugänglich. Dies impliziert leider auch die übliche Fummelarbeit in Sachen Lautsprecher-, Fußschalter- und Netzkabelanschluss, welche erwartungsgemäß auf der Rückseite des Verstärkers, sprich von unten hinter der offenen Rückwand zugänglich sind. Dies heißt ab in die Knie, Hals verrenken, mit Taschenlampe ins Innere leuchten oder aber den Amp auf das Gesicht legen. Nicht schön, lässt sich technisch aber nun mal bei dieser Konzeption nicht anders umsetzen. Mit den Abmessungen von 457 mm x 254 mm x 527 mm und einem Gewicht von 17,2 kg muss man dem Morgan PR12 Gitarrenverstärker im Bereich der Vollröhrencombos durchaus eine handliche Handhabung attestieren.

Morgan PR12 Gitarrenverstärker Front

Morgan PR12 – Der Lautsprecher

In Sachen Klangformung setzt der Morgan PR12 auf bewährte Komponenten, wie z. B. einen Celestion G12H Greenback. Ich persönlich halte diesen Lautsprecher in Kombination mit leistungsschwachen Gitarrenverstärkern immer noch für die beste Wahl, spricht er doch schon bei geringen Lautstärken sehr gut an und verfügt aufgrund seiner filigranen Auslegung als Combo-Einzellautsprecher bereits bei geringeren Lautstärken über einen sehr erwachsenen Ton.

Morgan PR12 Gitarrenverstärker backside

Der Morgan PR12 – Das Verstärkerteil

Im Verstärkerteil kommen neben den Standards der Vorstufenröhren, der 12AX7 (ECC83) und der ebenfalls seltener verwendeten Gleichrichterröhre, die etwas ungewöhnlicheren 6V6 als Endstufenpärchen zum Einsatz. 12 Watt, Reverb, 6V6 – kaum ein Spezi, der bei diesen Daten nicht an den legendären Fender Princeton Reverb denkt, der 1964 das Licht der Welt erblickte, aber mit einem 10 Zoll Jensen Lautsprecher ausgerüstet war und erst ab 1982 mit einem 12 Zoll Lautsprecher, wahlweise von Fender, Eminence oder Electrovoice ausgeliefert wurde. Es verwundert also nicht weiter, wenn der Hersteller mit den Worten „Black Face“ und „basiert auf einem klassischen, amerikanischen 12 Watt Combo“ für das Produkt wirbt, zumal Fender die 12 Zoll Variante des Princeton nicht mehr in seinem Programm führt.

Morgan PR12 Gitarrenverstärker Panel

Morgan PR12 Gitarrenverstärker Panel

Morgan PR12 Gitarrenverstärker – das Gehäuse

Ein besonderes Augenmerk sollte man bei dem Morgan PR12 auf das Gehäuse legen. Das aus Birke gefertigte Gehäuse gilt als sehr resonanzfreudig, was sich insbesondere in der Basswiedergabe widerspiegeln sollte. Mehr dazu später im Praxistest. Das uns vorliegende Exemplar ist im „Twilight“ Look mit einem strapazierfähigen Stoff bezogen, welcher eine Mischung von schwarz, grau und weiß im dezenten Stresemann Look darstellt. Verarbeitungstechnisch alles einwandfrei, aber für den Transport würde ich mindestens eine gefütterte Haube, besser noch ein Case empfehlen.

Die Unterseite des Morgan PR12

Die Unterseite des Morgan PR12

Der Morgan PR12 Gitarrenverstärker in der Praxis

Zunächst etwas Grundsätzliches. Der Aufbau lässt bereits im Vorfeld erahnen, dass der Verstärker seinen Fokus auf den cleanen Bereich legen wird. Um bei den ganz Großen dieser Zunft mitspielen zu können, bedarf es hierfür eines hervorragenden Grundsounds und vor allem jeder Menge Headroom, um sowohl die unterschiedlichen Ausgangsleistungen der Pickups als auch die unterschiedliche Dynamik der einzelnen Musiker abfedern zu können. Der eine oder andere mag sich über die nur zweibandige Klangregelung wundern, was aber im cleanen Bereich durchaus sinnvoll ist. Je stärker die Verzerrung zunimmt, umso wichtiger wird der Mittenbereich, der je nach Reglerauslegung, vom „Mitten-Nöck“ bis zum Scoop-Hub entscheidend für die Durchsetzungskraft im Bandgefüge verantwortlich zeichnet. Im cleanen Bereich hingegen genügt ein geschmackvoll fest arretiertes Mittenband, hier zählen Punkte wie die Eigenkompression des Sounds deutlich mehr. Nun denn, auf geht’s.

Nach Einschalten des Verstärkers ist ein dezentes Netzbrummen aus dem Lautsprecher zu hören. Nicht dass es in einer selbst leise spielenden Band auffallen würde, aber es wundert mich doch ein wenig, dass ein Verstärker dieser Preisklasse bei einem cleanen Sound überhaupt ein Netzbrummen wiedergibt. OK, Treble 12 Uhr, Bass 12 Uhr, Reverb deaktiviert, Volume 9 Uhr. Und auf geht die Sonne!

Das nenne ich mal einen cleanen Sound! Wunderbar weich, warm mit Unmengen von Headroom, die auch perkussive Sounds in voller Dynamik wiedergeben und dennoch einen Hauch von Kompression einfügen, genauso wie man es von einem Spitzenverstärker erwarten kann. In diesem Bereich braucht der Morgan PR12 Gitarrenverstärker wahrlich keinerlei Vergleich zu den Leistungsträgern des großen „F“ zu fürchten, im Gegenteil.

Zudem scheint es, dass das Gehäuse einen großen Anteil an dem voluminösen Klang des Morgan PR12 hat. Es erscheint sehr resonanzfreudig und vermittelt dem Gitarrenverstärker einen deutlich höheren Bassanteil im Raumklang, als man es im Normalfall von einem Greenback gewohnt ist. Gerade beim Betrieb des Halstonabnehmers schiebt der Amp sehr gut in den Tiefmitten und versetzt dem Sound einen ungewöhnlich hohen Bassanteil.

Auch die von vielen monierte Ausgangsleistung von nur 12 Watt stellt keinerlei Probleme dar. Selbst einen durchschnittlich dynamisch spielenden Drummer kann man mit dem Morgan PR12 Gitarrenverstärker noch im cleanen Modus begleiten. Gerade im Klubbereich, wo ohnehin faktisch jeder Amp zu laut zu sein scheint, kann der Morgan PR12 über die volle Breitseite punkten. Die beiden Klangregler arbeiten dabei interaktiv, d. h. dreht man z. B. Höhen hinein, nimmt automatisch der Bassanteil etwas ab und umgekehrt. So lassen sich die Regelbereiche der Klangregelung noch etwas intensiver gestalten.

Eine weitere Besonderheit des Morgan PR12 stellt die Hallspirale dar, welche am Boden des Gehäuses befestigt ist. Gerade der Dwell-Regler ermöglicht Regelmöglichkeiten, die man sonst nur von einem Digital-Reverb gewohnt ist. Inwieweit die Einstellmöglichkeiten zum persönlichen Sound passen, muss jeder für sich selber herausfinden, in Sachen Flexibilität und Klang ist das System allerdings ganz weit vorne.

Ab ca. 12 Uhr Volume-Reglerstellung fängt der Morgan PR12 Gitarrenverstärker an, erste Crunchs dem Sound hinzuzufügen. Dabei wird der Klang der 6V6 mit ihrer höhengeprägten Grundausrichtung sehr deutlich und erzeugt eine sehr authentische Sechziger Zerre, ohne dass man die gefürchteten kratzigen Präsenzen ertragen muss, welche einige Vertreter dieser Dekade gerne einmal produziert haben. Zu erwähnen bleibt, dass der Amp, wie viele Vertreter der Einkanaler, hervorragend mit Zerrpedalen aller Art harmoniert, seien es Booster, Overdrive, Distortion oder Fuzz. Nimmt man nun z. B. einen Overdrive und einen Distortion seiner Wahl und schaltet diese vor den Verstärker, hat man im Handumdrehen einen dreikanaligen Verstärker, der über einen herausragenden cleanen Sound und zwei individuell abgestimmte Zerrsounds verfügt.

Alles in allem überzeugt der Morgan PR12 Gitarrenverstärker in jedem Bereich, für den er gebaut wurde. Ob man gewillt ist, knapp 2000,- Euro für einen einkanaligen Verstärker auszugeben, muss jeder selber entscheiden. Die Soundfiles wurden mit einer Strat Limited Edition von 1993 mit Texas Special Pickups und einem Fame MS57 aufgenommen.

Hier noch ein interessantes Video, das Kris Barocsi während der Thomann Gearhead University 2018 mit Mastermind Joe Morgan geführt hat:

Fazit

Mit dem Morgan PR12 befindet sich ein Gitarrenverstärker mit hervorragendem Cleansound auf dem Markt, der den Vergleich zum Clean-Übervater Fender nicht zu fürchten braucht. Der Grundklang des Verstärkers ist exzellent und besticht mit einem weichen, voluminösen und beeindruckenden Sound. Die intern verbaute Hallspirale liefert zudem ein authentisches sechziger Jahre Flair und erlaubt mir ihren zwei Reglern eine überdurchschnittliche Flexibilität. Ein Verstärker für Kenner und Könner.

Plus

  • hervorragender Clean-Sound
  • sehr viel Headroom
  • gute Zusammenarbeit mit Pedalen
  • Verarbeitung
  • flexibler Hallspiralenklang

Minus

  • dezentes Netzbrummen

Preis

  • Ladenpreis: 1999,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    uelef  

    Danke für den Test, Axel. Ja, klingt gut, der Morgan PR12 – aber wenn du erwähnst, dass man mit Overdrive- und Distortion-Pedal quasi einen dreikanaligen Verstärker bekommt, dann hätte mich auch der Klang mit den Pedalen interessiert. Schade, dass du da nicht noch zwei Files aufgenommen hast.
    Viele Grüße, Ulf

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hi Ulf, das habe ich mit Absicht nicht gemacht, da es viel zu verschiedene Sounds bzgl. der Pedale gibt und jedes Pedal anders vor dem Amp klingt.

      Hätte ich jetzt 2 Referenzen genommen, würde dies den Klang viel zu stark prägen. Besser ist es da, dass jeder User seine persönlichen Pedale vor dem Amp testet.

      • Profilbild
        uelef  

        Ja, du hast recht – aber es ist trotzdem schade. Denn ich werde sicher nicht in die Verlegenheit kommen, den Morgan (mit und ohne Pedale) zu testen, und deswegen hätte ich es gerne mal an einem Beispiel gehört …

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