Test: Neural DSP Nolly, Gitarre-Plugin

17. Dezember 2019

The Plugin to end all Plugins?

Gitarre Plugin Neural DSP

Wer sich so ein bisschen im Markt umschaut, stellt fest: Gitarren-Plugins werden immer besser. Und zwar bedeutend besser, in meinen Augen eine zutiefst agile Entwicklung, bei der sich gar nicht abschätzen lässt, wie sie weiter voranschreiten wird. Doch auch im Plugin-Game haben sich recht früh ein paar „Player“ abgezeichnet, die das Marktgeschehen weitgehend dominieren: Namen wie Guitar Rig, Line 6 PodFam und Amplitube sind inzwischen etabliert und aus weiten Teilen der Szene nicht wegzudenken – wir haben euch die wichtigsten Namen in diesem Feature vorgestellt. Die Qualität deren Emulationen hat ein hohes, denkbar starkes Niveau erreicht. Und für neue Player ist da kein Platz. So war das zumindest bis vor Kurzem. Denn wer die Liste im Feature zu Ende liest, dem fällt vielleicht der letzte Name auf.

Neural DSP ist eine recht junge Firma, die es sich zum Ziel gemacht hat, das Plugin-Game maßgeblich aufzumischen. Mutig, wenn man bedenkt, dass die großen Namen einiges zu bieten haben und es schwierig sein dürfte, sich in der Wahrnehmung des Marktes an diesen Riesen vorbeizudrücken. Doch allmählich gelingt das – den eigenen Signature-Features und einer handfesten, sehr durchdachten Marketing-Kampagne sei Dank. Zeit für uns also, mal diesen Neuling im Gefilde der Gitarren-Plugins näher unter die Lupe zu nehmen – und zwar genaugenommen das Neural DSP Nolly Gitarren-Plugin. Konzipiert und ersonnen wurde es von den Neural DSP Mannschaft in einer Kooperation mit Adam „Nolly“ Getgood, der bei Periphery die Axt schwingt und ein anerkannter Audio-Engineer ist.

Gitarren-Software: Neural DSP Nolly Gitarre Plugin – die Features

Was hebt den Ansatz von Neural DSP grundlegend von dem Ansatz anderer Gitarren-Plugins ab? Nun, einer der springenden Punkte dürfte der Mut zur Reduktion sein. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es ein zweischneidiges Schwert ist, zwischen 65 Amps, 200 Cabinets und 300 Pedalen auswählen zu können. Klar – ist halt die Mär von der Vielfalt. Anderseits kann es einen lähmen. Man klickt sich durch die Menüleisten, probiert, macht und ist erschlagen angesichts der vielen Optionen, was den kreativen Flow durchaus im Keim ersticken kann. Die Macher von Neural DSP scheinen da ähnlich zu empfinden – und versahen das Neural DSP Nolly Plugin mit einer begrenzten, aber dennoch hochflexiblen Anzahl an Cabs und Amps. Ein kluges Konzept also, an das sich in Zeiten digitaler Superlativen wenige Hersteller heranwagen: Weniger ist mehr. Zu den technischen Voraussetzungen lässt sich Folgendes sagen:

Das Neural DSP Archetype Nolly Plugin kann als standalone VST/AU/AAX in 32 oder 64 Bit verwendet werden. Systemanforderungen im Detail können hier nachgelesen werden. Folgende DAWs werden mit dem Plugin unterstützt:

  • Pro Tools 10 / 11 / 12 / 2018 / 2019 (only AAX)
  • Cubase 6 / 7 / 8 / 9 / 10 (VST)
  • Studio One 3 & 4 (VST / AU)
  • Reaper 5 (VST)
  • Ableton Live 9 & 10 (VST)
  • Logic Pro X (AU)
  • GarageBand (AU)
  • FL Studio 20 (VST)
  • Reason 10 (VST)

So – aber was kriegt man jetzt hier für das bare Geld? Im Herzen des Plugins befinden sich vier Amp-Modelle, die sich gegenseitig hervorragend ergänzen sollen.

Neural DSP Nolly – Clean Amp

Gitarre Plugin Neural DSP Nolly

Der Clean Amp soll einen klaren, starken Clean-Sound ermöglichen, der am ehesten am Matrix GT1600FX angelehnt sein dürfte, der Adams präferierter Clean-Amp ist, den er in Kombination mit dem Axe FX Fractal Audio benutzt. Dynamik und Response sollen hier über weite Teile mit den besten Emulationen auf dem Markt gleichziehen können – im Vorfeld bekam man mit, dass die Clean Tones des Nolly-Plugins eine echte Macht sind. Geeignet ist der Amp also in erster Linie für die Kombination mit der kleinen, aber feinen Effektsparte des Gitarren-Plugins: Schaltet man eins der Overdrive-Pedale dazu, erhält man einen zutiefst reaktiven Sound, inklusive Rückkopplung-Dynamik und dynamisches Amp-Verhalten, was wir im Praxisteil nachvollziehen werden.

Neural DSP Nolly – Crunch

Gitarre Plugin Neural DSP

Im Vergleich zum modernen und etwas kühlen Clean Amp handelt es sich hier um den britisch angehauchten Crunch Amp, der sich ebenfalls vor allem mit den Overdrive-Pedalen richtig entfaltet. Beim Probieren und Drehen der Regler am Amp muss ich tatsächlich staunen – das Verhalten ist äußerst realistisch, speziell Presence und Depth reagieren auf eine Weise, die einen regelrecht Vertrauen zu dem Plugin fassen lässt. Man ist versucht, von den digitalen Abbildungen als echte Repräsentationen zu denken. Bei Gain auf Anschlag fiept und knarzt es an allen Ecken und die Abbildung der Klangartefakte eines Röhrenamps ist ebenfalls gelungen.

Neural DSP Nolly – Rhythm

Gitarre Plugin Neural DSP

Der Rhythm Amp ist ein amtlicher Metal-Amp, dessen Charakter in der Schnittmenge von Mesa Boogie und Diezel liegt. Adam selbst spielt den Diezel Hagen, einen unglaublich massiv klingenden Gitarren-Amp aus deutschem Lande. Ich bin mit dem Diezel-Sound nicht so vertraut, um sagen zu können, dass es sich hier um den Charakter des Diezel Hagen handelt, aber de facto drückt und presst der Sound ungemein und braucht dafür auch keine Unterstützung von der Overdrive-Sparte. Rhythm ist die Devise, aber ohne Frage handelt es sich hier um den am „undifferenziertesten“ Amp. Doch hier kommt der EQ ins Spiel, der helfen kann, das Frequenzspektrum zu glätten.

Neural DSP Nolly – Lead

Gitarre Plugin Neural DSP

Der zweite High-Gain-Amp des Nolly-Plugins: Der Lead Amp. Im Grunde ähnlich dem Rhythm-Amp und doch ganz anders. Der Amp-EQ fällt reduzierter aus und insgesamt empfinde ich den Amp als aggressiver, bissiger und „gemeiner“ als den Rhythm-Amp. Wer besonders für Sludge oder Djent die passenden Töne sucht, wird hier fündig. Das gilt auch für den Rhythm, nur habe ich das Gefühl, dass der Lead vor allem in den tiefen Regionen ein bisschen besser und einfach, nun ja … brutaler klingt. Am Ende des Tages aber eine Geschmacks- und Anwendungsfrage.

Das war’s damit, mehr oder minder: Vier Amps besitzt das Nolly-Plugin, mehr nicht. Braucht es mehr? Nicht im Geringsten. Wir werden im Praxisteil noch mal genauer nachvollziehen, was für eine Bandbreite hier aufgefahren wird, aber es ist eine willkommene Abwechslung, wie gesagt, eben nicht mit einer Fülle von Optionen erschlagen zu werden.

Neural DSP Nolly – Pre- und Post-Effekte

Für den Clean- und Crunch-Amp vor allem eignet sich die Riege der Pre-Effekte ganz hervorragend. Was gegeben ist, zeugt auch wieder von der Philosophie: Weniger ist mehr. Und trotzdem ist es genug: Zwei Overdrive-/Booster-Pedale, ein Solid-State-Kompressor sowie ein Delay (wichtig hierzu anzumerken: Die Signalkette als solche kann beim Neural DSP Nolly nicht verändert werden). Overdrive 1 hat durchaus einen gewissen Tubescreamer-Charakter, wobei er die Mitten trotz Boost nicht kratzig werden lässt. Speziell in Kombination mit dem Crunch-Amp eine kleine Offenbarung.

Gitarre Plugin Neural DSP

Die Riege der Post-Effekte ist ähnlich reduziert und trotzdem gewissermaßen lückenlos. Jetzt kann natürlich als Kritik angeführt werden, dass die guten Teile nicht sonderlich viel Charakter haben. Stimmt auch. Sollen sie das denn? Das Nolly-Plugin ist bewusst reduziert und versucht dem Spieler ohne große Überraschungen eine komfortable, digitale Workstation ermöglichen. Da ist es vielleicht nicht zielführend, mit abgedrehten Delay-Spielereien aufzuwarten, sondern fundamentale Anwendungen einfach und übersichtlich bereitzustellen.

Gitarre Plugin Neural DSP

Ein neunbändiges EQ und ganze 640 IRs runden das Ganze ab. Adam Getgood hat das Einfangen des Cabinet-Verhaltens persönlich übernommen und in seinem Homestudio die Impulse-Responses mehr oder minder konzipiert – hier dürfte sein Beitrag also wahrscheinlich am größten ausgefallen sein. Alle vier Amps und sämtliche IRs können selbstredend beliebig miteinander kombiniert werden. Nimmt man den EQ und die Effektsparten dazu, merkt man, dass trotz vermeintlicher Reduktion der Auswahl eine ziemliche Vielfalt gegeben ist. Am Ende kommt es auf die Klangqualität der Plugins an – und die schauen wir uns jetzt an.

Gitarre Plugin Neural DSP Nolly – in der Praxis

Das Neural DSP Nolly Gitarren Plugin kann wie gesagt entweder als Standalone oder mit einer DAW verwendet werden. Ich verwende es als VST-Plugin für Ableton, belege ein paar Spuren mit mehreren Sounds und probiere eine ganze Weile rum, ehe mir dämmert, dass Neural DSP hier etwas Besonderes gelungen sein dürfte.

Gitarre Plugin Neural DSP

Zum einem habe ich nicht viel mit dem EQ gearbeitet und sein Potential im Praxisteil nicht vollends ausgeschöpft, aber das dürfte zu verschmerzen sein, da es mir in erster Linie darum ging, den grundlegenden Charakter der Amps zu erforschen.

Es ist alles andere als leicht, bei Gitarre-Plugins ein Gefühl von Natürlichkeit zu erzeugen. Nachdem ich mich durch die IRs klickte und diese mit dem Crunch-Amp ausprobierte, wird schnell klar, dass die Emulation des Raumverhaltens in Kombination mit dem Amp absolut überzeugt – die Klangtiefe wirkt echt und ihre Anpassung ist ungemein leicht. Die Amps klingen, wenn gewollt, massiv und einnehmend und bleiben trotz allem immer transparent. Amp 4, der im Klangbeispiel 3 und 6 beispielsweise zu hören ist, ist im Vergleich zu den anderen ein bisschen matschig im unteren Frequenzbereich und im Low-End, da kann es helfen, mit dem EQ ein bisschen nachzuarbeiten. Doch speziell Amp 2, der im zweiten Beispiel mit ein bisschen Reverb und Delay unterlegt ist, ist eine kleine Offenbarung. Nolly ist und bleibt ein für die härteren Klanggefilde gedachtes Plugin, das wird beim Ausprobieren recht schnell deutlich: Für Progressive Rock, Progressive Metal, Djent und allem, was dazwischen liegt, sind die 4 Amps völlig ausreichend. Auch für Ambient Rock ist die Grundlage gegeben, wie das letzte Klangbeispiel zeigt. Mit einer Spritze Reverb kommen Amp 1 und 2 richtig zum Leben, stellte ich des Weiteren immer wieder fest. Womit viele andere Plugins bei hohem Gain zu kämpfen haben, ist eine adäquate Abbildung der Frequenzbereiche, wenn Dreiklänge oder volle Akkorde gespielt werden – da leistet Neural DSP Nolly Besseres als viele weitaus teurere Plugins. Mit der Kemper-Emulation eines Diezel Amps kann das zwar nicht mithalten (und ein paar Stimmen werden auf ewig behaupten, dass S-Gear niemals übertroffen wird), aber Dynamik und Sensitivität sind für diesen Preis sehr überzeugend und das Verhalten der in den Amps integrierten EQs ist äußerst realistisch.

Klar ist also: Wer sich durch eine riesige digitale Bibliothek von Fender-, Marshall- und Vox-Modellen klicken möchte, liegt bei Neural DSP falsch. Es ist aber für eine breite Sparte von Gitarristen zumindest, fast so etwas wie das perfekte Plugin, möchte man meinen: Es ist unverschämt übersichtlich, ungemein intuitiv und einfach zu handhaben, beherrscht das High-Gain über weite Strecken besser als teurere Plugins. Für den Test sind die vorläufigen Ergebnisse natürlich nicht das Ende der Fahnenstange: Wer sich noch mal mehr Zeit nimmt, schafft es zweifelsohne, noch mehr aus den Amps rauszukitzeln. Klanglich zieht in meinen Augen zumindest mit den Größen der Plugin-Szene wie Amplitube 4 fast gleichauf, besticht aber beispielsweise durch eine bessere Bedienung als das IK Multimedia Plugin. Und von der vollgepackten und über weite Teile unübersichtlichen Welt von Guitar Rig war ich persönlich sowieso nie ein Fan, da überholen Neural DSP in Sachen Handhabe in meinen Augen ganz klar.

 

 

Fazit

Das Plugin-Game ist entschieden? Nicht ganz. Neural DSP sind ein ernstzunehmender Herausforderer für die bisherigen großen Namen, die durch eine übersichtliche und einfachere Bedienung bei hoher Klangqualität eine zeitgemäße und moderne Alternative darstellen. Vier Amps klingt nicht nach viel, aber tatsächlich bedarf es bei dieser DSP nicht mehr – Clean, Crunch, Rhythm und Lead decken mit den Cab-Sims ein breites Genre-Feld ab. Guter Workflow, sehr guter Klang, sehr gute Handhabe. Willkommen im Plugin-Game, Neural DSP.

Plus

  • Klangtiefe und -vielfalt trotz kleiner Anzahl von Amps
  • Workflow
  • Übersichtlich

Preis

  • 135,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    beejay  

    Ja, auf dem Gebiet tut sich einiges – und vor allem der einstige Platzhirsch Guitar Rig hinkt soundtechnisch ganz schön hinterher. Meine persönlichen Go-To Simulationen sind die von Brainworx (Plugin-Alliance). Die Firma hat auch schon einige der UAD Amp Simulationen entwickelt und ich finde die klingen verdammt gut, um einiges besser als Guitar Rig und mMn. auch Amplitube. Falls es von Nolly eine Demo-Version gibt, werde ich mal einen Vergleich wagen :)

  2. Profilbild
    tenderboy  

    Ich hab den Neural Fortin Nameless Suite und das Darkglass Ultra Plugin.

    Klingen beide imho sehr gut.

    Bei mir haben die 2 Plugins als Plugin in Cubase und Ableton super und problemlos funktioniert.

    Mit der Standalone-Variante hab ich aber immer Probleme gehabt. Extrem starke Knackser und Aussetzer egal wie hoch Latenz und oft komplett den Treiber der Soundkarte (RME UCX) abgeschossen.

    Das Problem wurde durch ein Update der iLok Software behoben! Als falls jemand ähnliche Probleme hat, probiert das mal.

  3. Profilbild
    uelef  

    Danke für den Test – sehr übersichtlich, coole Soundbeispiele. Ich hätte mir nur gewünscht, dass bei den Soundbeispielen noch steht, welcher Amp verwendet wurde.
    Ansonsten hätte ich Interesse an Tests der anderen Neural-DSP-Plugins, z. B. dem Plini.
    Viele Grüße, Ulf

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.