Test: REVV G20, Gitarrenverstärker

21. Juli 2020

Studio-Tool und Live-Monster - Revv legt nach!

Test Revv G20

Im Test: Revv G20

REVV ist einer der wenigen Newcomer in der Welt der Gitarrenpedale und Amps, der tatsächlich dem Hype gerecht wird. Die G-Reihe der Firma brachte ein paar vorzügliche Mid- und High-Gain Pedale hervor – das Revv G2 und das Revv G3beides hochwertige Ergänzungen für jedes Pedal-Board. Doch was eher von sich reden machte, war der super elegante, leichte Lunchbox-Röhrenamp Revv D20Für viele Gitarristen und Studio-Werkler war er so etwas wie die Antwort auf viele Gebete: ein klanglich famoser Amp, der Pedale extrem gut aufnahm, mit der vielleicht aktuell besten Cab-Technologie versehen ist und MIDI-fähig ist. Wer jedoch ordentliche Verzerrung aus seinem D20 herausholen wollte, war auf Pedale angewiesen: Der REVV D20 besaß keine höhere Zerrstufe.

Hier kommt der G20 ins Spiel.

Gleich vorweg: Für mich persönlich handelt es sich um den am heißesten erwarteten Amp in diesem Jahr. Als ich hörte, was REVV mit dem G20 vorhaben, war die Neugier sofort groß – ein allumfassendes Studio-Tool für Tool-Gitarristen, das auch als regulärer Live-Amp fungieren kann und vollständig von MIDI angesteuert werden kann – auf dem Papier ein kleiner Traum. Wir schauen uns das REVV G20 also in aller Ruhe an:

REVV G20, Gitarrenverstärker – eine Übersicht

Die Two Notes Torpedo Cab Simulationen gehören zu denBbesten auf dem Markt – da gibt’s in meinen Augen nichts zu rütteln. Der Revv G20 ist genau wie der D20 ein Hybrid-Amp, der mit den Virtual-Cabinets wie auch mit Röhren arbeitet. In der Endstufe sind zwei 6V6 verbaut, während die Vorstufe mit drei 12AX7-Röhren ausgestattet ist. Einer der genialsten Aspekte des G20, der bezeichnend ist für den innovativen Spirit hinter diesem Amp ist die Möglichkeit, die Endstufe aus der Signalkette herausnehmen zu können – um sie gegen virtuelle Power-Amps aus der Two Notes Torpedo Software zu tauschen. Wer also den fräsenden Charakter der 6V6 für einen Song meiden möchte – per MIDI lässt sich die Endstufe im Amp deaktivieren und stattdessen eine virtuelle Endstufe in die Signalkette schalten. So hat der G20 prinzipiell unendlich viele Gesichter.

Test Revv G20

Das ist ein – sofern es funktioniert – geniales Konzept, das für Sound-Tüftler ungemein attraktiv sein dürfte. Doch darauf werden wir noch vertieft eingehen. Was sagen die grundlegenden Features des Revv G20? Er ist ein leichter Lunchbox-Amp, der erst mal, wenn man an Bühne und die Live-Situation denkt, ein bisschen unterdimensioniert wirkt. Doch der Eindruck täuscht: Der G20 kann zwischen 4 und 20 Watt geschaltet werden – in der Live-Situation sind 20 Watt allemal ausreichend, alles darüber hinaus wird zumeist eh über die P.A. abgenommen.

Test Revv G20

Darüber hinaus ist der Revv G20 umfangreich ausgestattet: Mit einem kleinen Knopf lässt sich zwischen interner Loadbox (sofern ihr über die P.A. und das Mischpult spielen möchtet) und regulärer Cabinet schalten, ebenso, ob mit 4 oder 8 Ohm gearbeitet wird. Der G20 besitzt einen FX-Loop, der euch zusätzlich erlaubt, den Pre-Amp in eine beliebige Position eurer Signalkette zu schalten. Ein Anschluss für einen regulären Fußschalter (Revv selbst haben für den D20 und den G20 noch keine serienmäßig rausgebracht, was sich demnächst ändern dürfte). Der XLR-Anschluss ist für euer Interface oder das Mischpult, während ihr mit dem Groundlift-Schalter unliebsames Brummen ausschalten könnt. Auch dabei: ein Anschluss für die Cabinet-Beleuchtung, sofern man sich mit einer 212er oder 412er aus dem Hause Revv eindecken möchte sowie der unverzichtbare USB-Anschluss, über den ihr neue Cabs und Reactive-Loads in den G20 laden könnt.

REVV G20, Gitarren-Amp – Panel & Software

Die Frontseite des Revv G20 ist mit mehreren Schaltknöpfen und Reglern ausgestattet. Gleich vorweg: Der G20 besitzt zwei Kanäle – einen High-Gain und einen für Clean-Tones. Wer die Pedale von Revv kennt und schätzt weiß: Der Purple-Gain ist ein saturierter und transparenter High-Gain mit ungemein viel Power. Er war die Grundlage des High-Gain-Kanals des Revv G20, der jedoch noch zusätzlich angezerrt werden kann – hierfür ist der kleine Aggr.-Schalter neben dem Kanalschalter zuständig. Die zwei Schaltknöpfe darunter erlauben es euch, eine EQ- und Kanal-Einstellung, die euch gefällt, abzuspeichern oder die Endstufe auszuschalten. Rechts davon findet ihr den Kopfhörereingang und rechts davon: Den Regler für das Anwählen eurer im Revv G20 abgespeicherten sechs Virtual-Cabinets. Wie eingangs erwähnt: Bis zu 128 können per MIDI abgerufen werden.

Insgesamt besitzt der Revv G20 einen 3-Band-EQ – nicht viel, wenn man den Preis bedenkt, aber anderseits ist über die Torpedo Software in Sachen Tone-Shaping ein Vielfaches möglich. Der Wide-Schaltknopf boostet eurer Signal zusätzlich und lässt es räumlicher und breiter wirken, was speziell im High-Gain-Channel gut funktioniert. Hinzu kommt noch der Gain- und Lautstärkeregler. Recht übersichtlich das Ganze also, zumindest von der Front.

Test Revv G20

Wo es tatsächlich sehr spannend wird, ist die Art, wie der G20 mit der Two Notes Remote und Wall of Sound Software interagiert. Man muss sich hierbei bewusst machen: Mithilfe eines Two Notes Accounts hat man Zugang zu ganzen 300 Virtual-Cabinets. Die Auswahl ist immens, reicht von Orange PPC-Boxen über Fortin Cabs bis zu den Boogie Subway-Boxen. Doch die Kompatibilität des G20 mit den Virtual-Loads schöpft ihr ganzes Potential aus der Aufstellung der Software. Alles kann eingestellt werden: Die Auswahl des Mikros, die Entfernung des Mikros, Reverb, EQ, Cabinet und Speaker. Wer den G20 registriert, bekommt mit seinem Kauf gleich zehn Virtual-Loads mitgeliefert, die mithilfe des Wall of Sounds Plugins in jeder DAW genutzt werden können. Der springende Punkt ist es jedoch, mithilfe der diffizilen Möglichkeiten der Software euren gewünschten Cabinet-Sound einzustellen, wie ihr es wollt – und diese dann per USB in den Revv G20 zu laden. Bedeutet, dass man den Revv live ausschließlich über FRFR-Boxen spielen sollte, um den integralen Klang, der durch die Kombination aus Röhre und Virtual-Load entsteht, nicht zu verfälschen? Nichts zwangsläufig. Die Nutzung des Revv G20 live kann ebenso über die P.A. erfolgen wie auch über eine reguläre Cabinet. Das verbietet die Nutzung der integralen Loads nicht – dürfte klanglich aber zu interessanten Ergebnissen führen.

Revv Lunchbox-Amp – in der Praxis

Ich nutze für den Test ausschließlich den XLR-Ausgang des Revv G20 und speise ihn über eine Focusrite Scarlet in die DAW, um anhand der bereits integrierten Loads und darüber hinaus den Sound in mehreren Facetten zu demonstrieren.

Das einzige nennenswerte Manko des G20 fällt mir nach einer halbstündigen Benutzung auf: Die Lunchbox läuft äußerst warm, das robuste, aber leichte Aluminiumgehäuse erhitzt sich recht schnell und nicht wenig. Das Lunchbox-Format ist als solches aber ungemein attraktiv: Es ist leicht, robust und gewährleistet zumindest schon mal, dass man sich beim Schleppen keinen Bandscheibenvorfall einfängt.

Test Revv G20

Anstatt also auf zu starker Tuchfühlung mit der Two Notes Torpedo Software zu gehen (diese verdient ihren eigenen Test), demonstrieren wir anhand eines Loops die unterschiedlichen Charaktere der direkt anwählbaren Virtual-Loads. Der Reihe nach probieren wir die Deluxe, Brit Vintage, Eddie, Green Tri sowie eine Revv-Cabinet durch. Die Ansprache der 12AX7-Röhren auf die virtuellen Cabinets ist beachtlich – nicht nur klar und deutlich abgerenzt, sondern repräsentativ für den emulierten Sound, was speziell die Brit Vintage im zweiten Beispiel zeigt.

Durch die Einfachheit in der Bedienung und den vielen Facetten im Sound lädt der G20 auch gleich dazu ein, mit Pedalen zu experimentieren und verschiedene Spuren übereinander zu legen. Hier agieren wir über weite Teile mit dem Clean-Channel und zerren ihn an. Zum Einsatz kamen hier mitunter das Timeline-Delay und das Meris Mercury 7 Reverb sowie das Brothers-Verzerrer-Pedal von Chase Bliss Audio beim dritten Beispiel. Was für den D20 gilt, gilt auch für den G20: Der Lunchbox-Amp springt gut auf die Effekte an und transportiert diese in die DAW. Grundsätzlich ist der Grundcharakter des G20 auf angenehme Weise „neutral“ und somit als Ausgangslage bestens geeignet.

Der springende Punkt: das High-Gain. Im letzten Beispiel schalten wir die Endstufe aus, um den grundlegenden „Tone“ des G20 zu demonstrieren, ein neutraler, transparenter und warmer Grundsound, der die Grundlage des Tone-Shapings bildet. Die anderen Beispiele sind mit der Brit Vintage und der Eddie Cabinet aufgenommen. Die einzelnen Abstufungen des G20 ermöglichen eine ordentliche Bandbreite in Sachen Verzerrungen – saturiert und warm wie beim ersten Beispiel, oder bissiger und heller wie beim dritten Beispiel.

Ich war von der DAW-Verträglichkeit des G20-Konzepts so angetan, dass ich es darüber hinaus im Bandkontext verwenden wollte, um zu sehen, wie sich das gute Stück gegen Schlagzeug, Bass und Gitarre bewährt. Wie eingangs erwähnt: Es ist ein Lunchbox-Amp – zwar mit der 20 Watt Option, aber eben ein Lunchbox-Amp. Doch nach kurzer Zeit waren die Zweifel weggewischt – der G20 setzt sich mühelos im Bandgefüge durch, wurde über ein Marshall Standard-Cabinet abgenommen und erklingt so satt und voll, wie es die Live-Situation eben erfordert.

 

Fazit

Es ist eine Frage der Anwendung und der Einstellung, aber für alle, die gewillt sind, sich mit der Software auseinanderzusetzen, mit MIDI zurechtkommen und eine Kompaktlösung für Studio und Live suchen, abseits der üblichen Verdächtigen und der ermüdenden Anzahl an Modeling-Boards: Der Revv G20 macht wirklich alles richtig. Die Kombination aus Hard- und Software, die Eleganz und Einfachheit, mit der sich hier jeder erdenkliche Sound basteln lässt und die Live-Fähigkeit des Revv G20 gebieten gemeinsam ein Best Buy.

Plus

  • gutes Format/Gewicht
  • sehr starke Channels
  • Möglichkeit, die Endstufe virtuell anzusteuern
  • MIDI-fähig
  • Klangqualität

Preis

  • 1268,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Hab‘ ich das Dingen nicht schomma in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen? Da kloppten sich doch schon die Affen drum und auf’m Mond stand auch so’n Oschi rum.
    Ansonsten – ein guter Ansatz für moderne Zeiten, das Dingen.

  2. Profilbild
    Armin Bauer  RED 1

    Hi Dimi,

    kommt mir das nur so vor? Aber für mich treten in allen Crunch Soundbeispielen eine sehr nervige, extrem undynamische, kratzige hohe Mittenfrequenz auf. Klingt für mich sehr billig und hat nix mit einem guten Röhrenamp der alten Schule zu tun.
    Habe mir auch die Testsounds des D20 von Johannes angehört. Clean ist ok, aber Crunch ist für mich das selbe Ergebnis. Das macht doch jeder alte Fender, Peavey Classic, Vox, Laney … besser.
    Hi Gain beim G20 ja, aber da ist auch keinerlei Dynamic gefragt. Und die 20 Watt sind da definitiv viel zu wenig, wenn es auf die Bühne gehen soll.
    Zig Sounds abrufbar, schön und gut, aber i.d.R. brauchen wir doch alle max. 3 plus eine Handvoll Pedals. Wer mehr braucht für den gibt es Modeller und die Kemper Riege.
    Für mich sitzt, nach diesen Sounds, der Revv zwischen allen Stühlen. Ein eher mäßiger kleiner Röhrenamp, der versucht seine Defizite mit Software auszugleichen. Und das zum mehr als doppelten Preis, wie z.B. ein Blackstar HT-20RH kosten würde.
    Du hast ja die Best Buy Karte gezückt, wo liegt mein Denkfehler?

    Grüße Armin

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Hey Armin!

      Prinzipiell hast du da keinen Denkfehler: in der Tat würde ich in Sachen Crunch eine gewisse Mittenlastigkeit attestieren und es stimmt – andere Röhrenamps sind da dynamischer. Aber es wurde für das Promotional Video seitens REVV zur Demonstration eben auch Jeff Loomis zu Rate gezogen – und nicht John Mayer.

      Der Revv G20 ist in aller erster Linie ein High Gain Amp. Und das macht er – meines Erachtens – sehr zeitgemäß und verdammt gut; die Sounds, die der High Gain Kanal raushaut, klingen im unmittelbaren Vergleich zum Beispiel besser als so manche Kemper Profiles (und auch besser als viele Blackstars). Und ich kann es nur betonen: Für die Aufnahmen zuhause als Gitarrist wird die Torpedo Software meines Erachtens nur von den OX-Algorithmen von UA überholt. Das Best Buy zollt auch dem Konzept Tribut: es werden neue Wege beschritten, und Revv wagen hier eben was völlig neues, eine Formel, die toll aufgeht, wie ich finde.

      Hinzu kommt – im Gegensatz zu den Profiling und Modeling-Geschichten – besitzt der Revv G20 einen ganz konkreten, eigenen Charakter (speziell im High Gain). Er ist eben kein Modeling-Tausendsassa – sondern ein Amp mit eigenem Charakter. That being said: Ich kann deinen Eindruck in Sachen Crunch durchaus nachvollziehen.

  3. Profilbild
    Armin Bauer  RED 1

    Hi Dimi,

    danke dir für die ausführliche Antwort. Dann kann ich das Teil jetzt besser einordnen.
    Ein kleiner und gut transportierbarer Amp für die Heavy Fraktion, clean fürs Intro geht auch klar.
    Dazu die Möglichkeit problemlos zuhause an Sounds zu basteln und zu recorden.

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