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Test: Source Audio Collider, Delay Reverb Pedal

17. November 2019

Schlachtschiff aus dem Hause Source Audio

Zwei der stärksten Delay- und Reverb-Pedale der letzten Jahre stammen aus dem Hause Source Audio. Das Ventris Reverb sorgte mit seiner Möglichkeit, zwei Reverb-Engines gleichzeitig zu aktivieren, für ein kräftiges Kaufargument gegenüber anderen Pedalen aus der Rubrik. Auch das Andromeda Delay hatte seine innovativen Merkmale, schaffte es jedoch nicht ganz, sich so durch die Konkurrenz durchzusetzen, wie es dem Ventris Reverb gelang. Generell haben Source Audio mit dem Source Audio C4 in diesem Jahr erneut unterstrichen, dass sie den vielleicht besten Editor für ein Pedal entwickelt haben, den man zurzeit kriegen kann. Es herrscht noch eine gewisse Skepsis in der Szene, ist mein Eindruck – zu groß ist die Angst vor Live-Glitches oder Unzuverlässigkeit. Aber de facto kann ich jedem experimentierfreudigen Musiker nur raten, sich mit dem Neuro Editor von Source Audio vertraut zu machen. Dieser ist nämlich auch für das vorliegende Pedal ebenfalls von großem Nutzen.

Also – das Source Audio Collider ist angekommen. Source Audio haben das getan, womit eigentlich zu rechnen war: Die Stärken des Ventris und des Andromeda zusammengelegt und in einem Gehäuse vereint. Kommt nicht unbedingt überraschend, macht aber trotzdem gespannt, da solche preis- und platzsparende Angelegenheiten ungemein attraktiv sind. Übertreffen Source Audio die Modelle von Konsorten wie Seymour Duncan und GFI Systems?

Facts and Features des Delay- und Reverb-Pedals Collider

Also: Delay und Reverb unter einem Gehäuse. Die Prozessoren der Effekttypen arbeiten jeweils mit 56 Bit – ganz auf Strymon-Niveau. Und da wir uns hier auch preislich gesehen in Strymon-Gefilden befinden, ist es zu erwarten, dass wir es mit einer makellosen Verarbeitung und einer lückenlosen Auflistung an Anschlüssen zu tun haben. Das gebürstete Aluminium des Gehäuses ist typisch für die Geräte aus dem Hause Source Audio und ist tadellos verarbeitet. Das Pedal ist mit seinen Maßen 114 x 114 x 51 mm quadratisch angelegt und knapp ein halbes Kilogramm schwer.

Source Audio Collider Delay Reverb

Bei einem Delay- und Reverb-Pedal ist Stereo selbstverständlich wünschenswert: Da enttäuscht Source Audio nicht. Zwei 6,3 mm TRS-Eingänge und -Ausgänge sind dabei. Die MIDI-Features fallen ebenfalls lückenlos aus: MIDI-In und MIDI-Thru ermöglichen eine Synchronisation des Collider mit Drum-Machines, Synthesizern und anderen Pedalen sowie den erweiterten Zugriff auf 128 Presets (mithilfe eines MIDI-Adapters). Über das Panel lassen sich acht Presets aufrufen, aber dazu später mehr. Darüber hinaus besitzt das Source Audio eine TRS-Buchse für ein Expression-Pedal und einen 3,5 mm Audio-Control-Eingang, der den Zugriff des Neuro Editors auf das Pedal ermöglicht. Insgesamt also eine lückenlose Angelegenheit, ist mein Eindruck. Einen On/Off-Schalter für einen Trail-Modus gibt es leider nicht, auch nicht (im Rahmen des Reverbs gern gesehene), zuschaltbare Cab-Simulation. Dafür aber einen Universal-Bypass, der es ermöglicht, zwischen analog gebuffertem und Relais-geleitetem Bypass zu wählen. Ein 9 Volt Netzadapter ist im Lieferumfang enthalten und typisch für so eine Multieffektstation ist der amtliche Strombedarf von 250 mA.

Source Audio Collider – Bedienpanel und Engines

Insgesamt zwölf Modi bietet der Source Audio Collider – sieben Reverb-Typen, die sich mit fünf Delay-Typen paaren lassen. Die Engines, die hierbei zum Einsatz kommen, haben ihr Zuhause im Ventris und im Andromeda – Modifikationen wurde meinem Gehör nach zumindest nicht durchgeführt. Dabei ist die Auswahl und Zusammenführung durchdacht und soll gut harmonierende Paarungen ermöglichen.

Source Audio Collider Delay Reverb

 

Die fünf Delay Typen lauten wie folgt:

  • Digital Delay: Kristallklare und ungefilterte Repeats soll dieser Digital Delay ermöglichen.
  • Analog Delay: Statt kristallklar, präzise und kühl ist das Klangbild hier von analoger Wärme geprägt – dunkel, satt und analog also.
  • Tape Delay: Eine der vielen Stärken des Nemesis ist zweifelsohne die Engine für den Tape Delay – erfreulich, dass diese beim Collider ebenfalls dabei ist. Die Repeats sind hier glaubhaft mit klanglichen Artefakten durchsetzt, die für das Tape Delay so typisch sind: Kratzen, Rauschen, Knistern.
  • Reverse Delay: Der klassische Reverse Delay-Sound, bei dem die Repeats umgedreht werden und einen charakteristischen, psychedelischen Flow entwickeln.
  • Oil Can Delay: Noch „schmutziger“ als der Tape Delay – eine dunkle, wabernde Engine mit Modulations-Charakter und Distortion.

Recht lückenlos also. Klar, die Vielfalt des Andromeda oder eines Timeline wird hier nicht aufgefahren. Doch es bleibt vor allem spannend rauszubekommen, was mit den Tone- und Control-Reglern alles aus den Engines rauszuholen ist. Gepaart werden können die mit folgenden Reverb-Engines:

  • Room: Ausgeliehen vom Nemesis, reproduziert diese Engine auf glaubwürdige Weise die akustischen Verhältnisse eines gestauchten Raumes.
  • Hall: Hier stammte die ursprüngliche Inspiration von den Reverb-Racks, die in den 80ern in den Studios zum Einsatz kamen, die diffuse bis kristallklare Klangfahnen erzeugen können.
  • True Spring: Ein echtes Vintage-Schätzchen. Hier hat der Chefentwickler von Source Audio, Bob Chidlaw, persönlich Hand angelegt, um einen möglichst realistischen Spring Reverb erzeugen, der die klanglichen Fluktuationen echter Tanks wiedergibt.
  • Plate: Auch hier ein feiner, dichter Reverb-Sound, ganz klassisch orientiert an den Plate-Reverbs der 50er und 60er Jahre, der in der Form ebenfalls bereits beim Ventris dabei war.
  • Shimmer: Engelhafte Fahnen, die sich wie Choräle anlassen – auch dieser Shimmer Reverb arbeitet mit oktavierten Obertönen.
  • E-Dome: Lange, anhaltende, ätherische Klangfahnen gibt es hier, der vielleicht „größten“ Engine des Ventris, die ihren Weg nun auch zum Collider gefunden hat.
  • Swell: Anschwellende, das Dry-Signal überlagernde Hallfahnen, die wie gemacht sind für Ambient-Zwecke.

Source Audio Collider Delay Reverb

Klar wird also hier auch: Völlig abgedrehte Zwecke werden beim Collider nicht bedient. Die Engines lesen sich wie das Who-Is-Who der essenziell wichtigen Delay- und Reverb-Klassen und sollen hier ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Das Bedienpanel soll darüber hinaus ordentliche Flexibilität bieten. Kippschalter ermöglichen es, die Subdivisions des Delays einzustellen oder die Abfolge der Effektpedale einzustellen. Das Tempo des Delays, die sich auch per Tap-Tempo einstellen lässt, kann mit dem Delay-Regler ebenfalls bedient werden, der aber auch für den Pre-Delay des Reverbs zur Anwendung kommt. Der Regler für den Mix lässt einen wie immer das Verhältnis von Dry- und Wet-Signal einpendeln. Die Klangfarbe als solche, sowohl für den Delay als auch für den Reverb, lässt sich mit dem Regler für Tone einstellen. Feedback lässt einen entweder den Decay der Hallfahne einpendeln oder die Regeneration der Repeats. Zu guter Letzt bedienen Control 1 und 2 jeweils für die Engines charakteristische Parameter. Ein umfassendes, lückenloses Panel also. Auf dem ersten Blick scheinen Source Audio mit dem Collider alles erwartungsgemäß richtig gemacht zu haben. Was mir ein bisschen fehlt: Dieses Alleinstellungsmerkmal, dieser kleine Kniff, den nur der Collider hat. Bislang liest sich das Ganze wie eine absolut lückenlose Workstation für Delay und Reverb. Offenbart sich in der Praxis vielleicht etwas Unerwartetes? Finden wir es raus.

Source Audio Collider, Delay- und Reverb-Pedal – in der Praxis

Wir arbeiten mit dem Direct In einer Scarlett Solo von Focusrite. Der Reihe nach versuchen wir uns an verschiedenen Engines und probieren auch vielversprechende Kombinationen aus.

Source Audio Collider Delay Reverb

Gleich vorweg: Ich habe selten so eine wundervolle Shimmer-Engine gehört. Die Hallfahne birgt ein latentes, metallisches Ringen, das sich im ersten Augenblick gar nicht offenbart. De facto ist die Einschränkung bei diesem Test diese, dass der FM-Synthesizer außer Haus ist – man darf davon ausgehen, dass Bell- und Glocken-Effekte hervorragende Ambient-Wirkung mit dem Collider entfalten. Überschreitet der Mix für den Reverb die Zwölf-Uhr-Marke und zeigt der Hall im Anschluss sein wahres Gesicht, hat man es mit einem ungemein organischen Klangcharakter zu tun. Ein langes Decay zeigt darüber hinaus, wie gleichmäßig die Engine den Ausklang der Fahne regelt. Die Qualität des Delays befindet sich auf einem ähnlich hohen Level. Das Oil Can Delay versprüht mindestens soviel analoge Wärme wie der Echobrain von TC Electronic. Gleiches gilt für das Tape Delay, dessen Repeats warm und satt anklingen – ein beachtliche Engine, die ich vom Andromeda gar nicht so gut in Erinnerung habe. Dreht man an den Controls, lassen sich speziell beim Reverse-Delay modulierende Akzente setzen – da lässt man bewusst die Möglichkeiten des Neuro Editors sogar außen vor, um nicht die Übersicht zu verlieren.

Der einzige Kritikpunkt, der nach mehrstündigem Ausprobieren bewusst wird, hat durchaus luxuriösen Charakter: Das Source Audio Collider kann nicht wahnsinnig und auch keine allzu abgedrehten Klangeskapaden erschaffen. Das grenzt ihn beispielsweise vom GFI Systems Specular Tempus ab, der diesen leicht unberechenbaren Charakter in manchen Engines verbarg, der über die grundlegende Erforschung hinaus äußerst fesselnd war. Der Collider von Source Audio birgt das meines Wissens nicht – dafür aber eine klangliche Qualität, die sich weder hinter Meris noch Strymon verstecken muss.

 

Fazit

Strymon und Meris müssen sich warm anziehen – der Collider ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man selbstbewusst an das Konzept „Delay/Reverb-Maschine“ herangeht. Einfach ausgedrückt: Über weite Teile klingt der Source Audio Collider schlichtweg grandios. Ist der Preis gerechtfertigt? Für alle, die sich in den entsprechenden Klangfeldern bewegen, ist es eine durchaus berechtigte Frage: 1000 Euro für eine Strymon-Wand ausgeben oder weniger als die Hälfte und ein nahezu lückenloses Pedal zulegen? Die Entscheidung bleibt jedem selbst überlassen, aber Source Audio haben ihr alles richtig gemacht.

Plus

  • toll klingende Engines
  • lückenlose Features
  • Neuro Editor

Minus

  • Preis

Preis

  • 429,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Jonson

    Da frage ich mal direkt:
    Der hier vor wenigen Wochen getestete GFI Systems Specular Tempus (als eine Art Geheimtipp eingestuft) – ist das Effektpedal bekannt, und ein Vergleich möglich?

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Hey Jonson!

      Das GFI Systems Specular Tempus habe ich auch getestet. Sehr (!) vereinfacht ausgedrückt: Die Reverb-Engines des Collider sind überlegen, die Specular Tempus Delay-Engines sind um einiges interessanter. Darüber hinaus erlaubt der Specular Tempus den direkten Zugriff auf die Algorhitmen, die den Engines zugrunde liegen. Dafür hat der Collider wiederum den Neuro-Editor. In Sachen Features geben sich die beiden Pedale nichts. Es ist am Ende des Tages eine pure Geschmacksfrage – ich persönlich konnte viel mit den Delay-Engines des Specular Tempus anfangen – da spielt mir den Collider einen Ticken zu „safe“.

      • Profilbild
        el-folie  

        Die Frage von Jonson beschäftigt mich auch…

        Meinst Du mit „überlegen“ iSv. Features und Editierbarkeit beim Collider oder tatsächlich auch die Räumlichkeit und Klangqualität an sich? Ich frag so bewusst, weil ich aus einem Pedal noch nichts Schöneres gehört habe als die GFI Algos, besonders in Stereo. Ich finde die sogar besser als Strymon. Auch der GFI Shimmer ist für meine Ohren unglaublich fein und gehörschmeichelnd 3D aufgelöst.

        Cool wäre mal ein Vergleichstest von GFI Tempus und Collider in Stereo mit paar Audiobeispielen ;-)

        Und ich hoffe, GFI bringt endlich mal ein echtes DUAL Engine Hall/Delay/Shimmer/Mod Pedal mit mehr Knöppen und tieferes Editieren am Gerät selbst, dat wär n Träumchen…

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