Test: Warm Audio WA-67, Großmembran-Röhrenmikrofon

8. Februar 2021

Ein U67 zum Spottpreis?

Warm Audio Wa-67

Warm Audio WA-67, Großmembran-Röhrenmikrofon

Warm Audio stellt mit dem WA-67 eine Kopie des Neumann U67 Röhrenmikrofons vor. Mit einem Preis knapp über der 1.000,- Euro Schallmauer will man den Klang dieser Mikrofonlegende für jedermann erschwinglich machen. Laut Hersteller konnten durch akribische Arbeit der Sound und der Vibe des Originals eingefangen werden. Wir sind gespannt, wie sich das Warm Audio WA-67 im Test schlägt und haben für diesen umfangreichen Vergleichstest vom Berliner Mikrofonverleih Echoschall ein originales Neumann U67 zum Vergleich, vielen Dank an dieser Stelle.

Oft kopiert nie erreicht – das Neumann U67

Das große Vorbild Neumann U67 benötigt eigentlich keine Einführung mehr. Seit 1960 ist es eines der beliebtesten Großmembran-Mikrofone und nicht ohne Grund ließ sich Neumann im Jahr 2018 dazu hinreißen, dieses vielseitig einsetzbare Mikrofon wieder aufzulegen. Damals hatte ich das Vergnügen, ein neues Modell mit einem alten U67 aus den 60er-Jahren zu vergleichen. Das erstaunliche Resultat: Beide Mikrofone hätte man durchaus als Stereo-Paar verkaufen können, trotz eines Altersunterschiedes von über 50 Jahren war der Frequenzgang identisch. Mehr zu diesem Vergleich und auch zur Historie findet ihr im Testbericht zum Neumann U67.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Der Karton des Warm Audio WA-67

Das Warm Audio WA-67

Während das U67 in einem Koffer geliefert wird, kommt das WA-67 im großen, mit Schaumstoff gefüllten Karton bei mir im Studio an. Die Duftnote des Schaumstoffs ist nicht zu „überriechen“, beschränkt sich aber nur auf die Verpackung. Im Karton befindet sich das Netzgerät zur Stromversorgung, da Röhrenmikrofone eine etwas mehr Spannung benötigen und nicht mit einer herkömmlichen 48 V Phantomspannung auskommen. Zusätzlich gibt es ein 7-poliges Spezialkabel zur Verbindung zwischen Netzgerät und Mikrofon. Während bei anderen Röhrenmikrofonen im unteren und mittleren Preisbereich oft bei der Qualität des Kabels gespart wird, vertraut Warm Audio hier nun auf den Schweizer Hersteller Gotham Audio.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Sicher verpackt, nicht ganz geruchsneutral – das Warm Audio WA-67

Die Stecker sehen auf den ersten Blick wie Neutrik-Stecker aus, sind aber eine chinesische Kopie der Marke Zwee. Sie passen zwar gut in die jeweiligen Buchsen, ich finde es trotzdem etwas schade, dass hier gespart wurde. Für ein paar Euro mehr hätten sich Neutrik-Stecker verbauen lassen und es wäre ein erstklassiges Kabel ohne Kompromisse geworden. Während des Testzeitraums haben Stecker und Kabel allerdings keinerlei Probleme gemacht.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Hochwertiges Kabel von Gotham Audio, Neutrik Kopie beim Stecker

Für die Positionierung des Mikrofons am Ständer legt Warm Audio gleich zwei Halterungen bei. Zum einen eine groß dimensionierte Spinne, um das Mikrofon vor Trittschall zu schützen, zum anderen eine einfache Schraubhalterung, mit der sich das Mikrofon noch näher an einer Schallquelle positionieren lässt. Beide Halterungen machen einen sehr robusten Eindruck und sind von guter Qualität. Hier habe ich schon deutlich schlechtere Kandidaten gesehen. An einem Detail wurde auch hier gespart – während jeweils die gesamte Konstruktion aus Metall besteht, ist der Schraubkopf aus Kunststoff, also jenes Teil, auf dem die Kräfte einwirken und das man ständig benutzen muss. Für mich die gleiche Schlussfolgerung wie beim Kabel – mit wenig Kostenaufwand könnte man hier eine Metallschraube verbauen und die Halterungen auf das nächste Level bringen. Schön aber, dass für die Spinne auch gleich ein  Austauschgummi beiliegt.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Zwei stabile Halterungen, Adaptergewinde und Ersatzgummi werden mitgeliefert

Last but not least: das Mikrofon selbst. Im Gegensatz zum U67 kommt es in einer hölzernen Aufbewahrungsbox. Es ist ein richtig dicker Brummer und rein von den Abmessungen deutlich größer und mit knapp 850 g auch viel schwerer als ein echtes U67 mit seinen 540 g. Neumann ist ja bekannt dafür, die eigenen Designs vehement zu schützen, auch bei Warm Audio waren in der Vergangenheit rein äußerlich einige Kopien zu nahe am Original und mussten geändert werden. Das dürfte ein Grund sein, warum das WA-67 optisch nichts mit seinem großen, aber kleineren, Vorbild gemein hat. Auch der matten Metallverarbeitung eines U67 setzt Warm Audio mit dem WA-67 deutlich mehr Bling und Glanz gegenüber.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Das Warm Audio WA-67 hat optisch mit dem Neumann U67 wenig gemeinsam

Die Einstellungsmöglichkeiten des WA-67 sind identisch zum Original von Neumann, werden beim Warm Audio Mikrofon aber mit kleinen Kippschaltern bedient. Auf der Vorderseite gibt es die Möglichkeit, die Richtcharakteristik zwischen Kugel, Niere und Acht auszuwählen.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Vorderseite des Warm Audio WA-67

Auf der Rückseite gibt es einen -10 dB Pad-Schalter sowie einen Low-Cut-Schalter, der bei 80 Hz ansetzt. Man ist sichtlich stolz darauf, einen Lundahl Übertrager im Inneren zu verbauen, das steht zumindest auf der Gehäuserückseite:

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Rückseite des Warm Audio WA-67

Technische Daten des WA-67 Röhrenmikrofons

Im Inneren des WA-67 arbeitet eine EF-86 Röhre von Electro Harmonix, wie sie auch beim Neumann U67 zum Einsatz kommt. Während der Übertrager, wie bereits angesprochen, von der schwedischen Firma Lundahl gewickelt wird, ist über den Hersteller der Kapsel, die eine Kopie von Neumanns K67 sein soll, nichts bekannt.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Das Innenleben: EF 86 Röhre von Electro Harmonix und Lundahl Übertrager

Der übertragene Frequenzbereich des WA-67 liegt zwischen 20 – 20.000 Hz, wobei die Frequenzdiagramme sich von jenen des Neumann U67 recht stark unterscheiden. Auch bei den Polardiagrammen nimmt man es nicht so genau – ohne Hinweis zur Messfrequenz und Vergleichs-Frequenzen sind diese Diagramme nicht aussagekräftig.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Nieren-Charakteristik (leider haben die Polar Pattern keine Aussagekraft)

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Acht-Charakteristik

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Kugel-Charakteristik

Die Messdaten des Neumann U67 zum Vergleich findet ihr hier.

Die Nennimpedanz beträgt 200 Ohm, das Signal-Rausch-Verhältnis 78 dB (A). Irritiert bin ich bei der Herstellerangabe bezüglich des Grenzschalldrucks. Schaltungen von klassischen Röhrenmikrofonen können die Werte von modernen Topmikros nicht erreichen. Das ist ja auch genau der Punkt, warum sich viele Produzenten ein Röhrenmikrofon anschaffen, um mit der charismatischen Anreicherung von Obertönen das Signal etwas “anzuzerren”. Durch die Röhre können sehr angenehme Obertöne entstehen.

Das Neumann U67 schafft ohne Pad einen Wert von 114 dB, mit Pad ergeben sich 124 dB. Das Warm Audio will hier 138 dB erreichen – bei 0,5 % THD wohlgemerkt. Ob mit oder ohne Pad gibt der Hersteller nicht an. Der Wert scheint nicht realistisch zu sein. Ich habe diesbezüglich eine Nachfrage beim deutschen Vertrieb gestartet, die nun ihrerseits auf Antwort aus Amerika warten.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Das WA-67 ist deutlich schwerer und größer als ein echtes U67 von Neumann

Messungen des Warm Audio WA-67 und Neumann 67

Um dem Unterschied zwischen dem Neumann U67 und dem Warm Audio auf die Spur zu kommen, fertige ich mithilfe von Sine-Sweeps einige Messungen an. Hier seht ihr im Vergleich den Frequenzgang des Warm Audio WA-67 zur Neumann U67 Referenz aus aktueller Produktion. Aufgenommen im Abstand von 30 Zentimetern.

Neumann U67 = 0 dB Linie (Referenz), Warm Audio WA-67 = gelbe Linie

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Der Frequenzverlauf des WA-67 unterscheidet sich deutlich vom Neumann U67

In Nieren-Charakteristik tischt das WA-67 in den tiefsten Frequenzen rund 2 dB mehr auf. Bis 3 kHz verläuft die Linie identisch zum U67, danach sackt sie allerdings ab und das WA-47  liefert bei 6 kHz rund 5 dB weniger als das Neumann U67. Das deutet auf eine vergleichsweise dunkle Abstimmung hin. Für Stimmen, die in diesem Bereich problematische S-Laute produzieren, könnte das ein Vorteil sein, manchen Instrumenten wird aber etwas der Glanz fehlen.

In der Achter-Charakteristik zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Bass-Boost und Höhenreduktion sind hier noch deutlicher ausgeprägt:

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Die Tendenzen nehmen in Figure 8 weiter zu

Im Kugel-Modus wiederum ist der Unterschied nicht ganz so gravierend, wobei es auch hier zwischen der Spitze bei 2,5 kHz und dem Tiefpunkt bei 4 kHz einen Unterschied von etwa 5 dB gibt:

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

In Omni ist das WA-67 etwas näher am Original von Neumann

Erfreulich gut gelungen ist das Matching der Vorderseite und der Rückseite der Warm Audio Kapsel. In der Charakteristik Acht liefern beide Seiten des WA-67 identische Ergebnisse. Keine Selbstverständlichkeit bei Mikros aus Asien, ich erinnere mich auch daran, dass das Chandler Limited TG Microphone in diesem Punkt recht abenteuerliche Ergebnisse ablieferte. Bei Warm Audio WA-67 gibt es hingegen nichts zu meckern:

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Das Matching der beiden Kapselseiten ist beim WA-67 sehr gut gelungen

Warm Audio WA-67 und Neumann U67 im Studio

Hier nun einige Aufnahmen der beiden Mikros an den Instrumenten. Als Preamp kommt das RME UFX zum Einsatz. Kaum habe ich das Mikrofonierungs-Setup aufgebaut und spiele den ersten Ton der Akustikgitarre, macht es Pling und die oberste E-Saite reißt. Juchheissasa Juchhe!

Lockdown, kein Musikladen offen, keine hohe Saite mehr im Studio, daher: hier Aufnahmen mit meiner neuen 5-String! Ganz im Stil von Keith Richards … Es wäre natürlich schön gewesen, die oberste Saite aufzunehmen, um den Unterschied in der Brillanz der beiden Mikros zu verdeutlichen. Der Abstand ist mit 20 cm etwas mutig gewählt, gibt aber eine Idee davon, wie sich der Nahbesprechungseffekt jeweils auswirkt:

Auch ohne die Obertöne der hohen E-Saite kommt die bessere Strahlkraft des U67 im Nieren-Modus zur Geltung. Wie die Frequenzmessungen schon gezeigt haben, ist der Unterschied in Omni-Charakteristik deutlich geringer:

Wie das Neumann U67 vermag auch das WA-76 Transienten wohlwollend abzurunden.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Original und Kopie im Studioeinsatz

Weiter geht’s zum Tamburin, aufgenommen in Figure-8, um die Auslöschungen und Klangveränderungen bei einem Aufnahmewinkel von 90 Grad zu testen:

Als nächstes kommt das Upright-Piano mit geöffnetem Deckel an die Reihe:

Da das Instrument für sich schon einen etwas dunkleren Charakter hat, ist das U67 hier die bessere Wahl. Bei einem moderneren Instrument mit spritzigen Höhen kann aber auch das WA-67 zu bevorzugen sein. Vereinfacht lässt sich sagen: Überall dort, wo ein Bändchenmikrofon gut funktioniert, wird man auch mit dem WA-47 seine Freude haben.

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

An den Drums ist es wie so oft Geschmackssache, welches Mikrofon man einsetzt. Will man eher dunklere Becken und Vintage-Charme mit dem WA-67 oder etwas mehr Glanz und Lebendigkeit des Neumann U67? Gut arbeiten lässt sich mit beiden Signalen:

Warm Audio WA-67 Neumann U67 Vergleich

Zum Abschluss noch einige Samples mit den Mikros an der Stimme. Ihr ahnt es bestimmt schon, das Bienchen summt seine Runden. Ihr könnt mir übrigens gern Vorschläge für künftige Sprachtests machen, die möglichst viel S-Laute und B/P-Laute enthalten.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das WA-47 sehr gut für mache Stimmen passt. Vor allem wenn hohe Zischlaute und Mundgeräusche mit anderen Mikros ein Problem darstellen, sollte man einen Blick auf das WA-47 werfen.

Fazit

Eines vorweg: Das WA-67 klingt nicht wie ein Neumann U67 und hat mit dem großen Vorbild äußerlich und haptisch keine Gemeinsamkeiten. Trotzdem ist das WA-67 ein gutes Röhrenmikrofon, mit dem sich tolle Aufnahmen erzeugen lassen. Meines Erachtens täte der Hersteller gut daran, sich endlich von den Klon-Vorlagen zu lösen. Auch wenn ein Mikrofon auf einem Vorbild aufbaut, müsste man nicht immer einen Vergleich zu einem legendären Original bedienen. Würde das WA-67 etwa einfach WA-R2 heißen, wäre die Messlatte eine andere.

Die Verarbeitung ist gut, auch das Zubehör geht in Ordnung, schön dass zwei Halterungen mit dabei sind. Es gibt kleine Details wie die Stecker der Kabel oder die Feststellschrauben der Halterungen, wo man meiner Meinung nach am falschen Ende spart. Hier würden Neutrik-Stecker und Metallschrauben Mehrkosten von vermutlich weniger als 10,- Euro verursachen aber die Qualität auf die nächste Stufe heben. Das Matching der Vorder- und Rückseite der Mikrofon-Kapseln ist sehr gut gelungen. Wer ein charaktervolles, eher dunkles Röhrenmikrofon im Preisbereich von 1.000,- Euro sucht, kann das Warm Audio WA-67 mit gutem Gewissen in die engere Auswahl nehmen.

Plus

  • charaktervoller Röhrensound
  • Matching der Kapselseiten
  • zwei Halterungen
  • gute Verarbeitung

Minus

  • technische Dokumentation, Messdaten mangelhaft
  • Klang, Optik, Haptik haben mit dem Neumann U67 wenig gemein

Preis

  • 1.099,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Gemessen am Preis, den man für ein Original hinlegen muß, ist das WA sicherlich eine günstige Alternative, aber für 1.100 Euro muß der gemeine Musiker dennoch eine ganze Weile stricken bzw. mucken.

    Ist also immer relativ.

  2. Profilbild
    amyristom  AHU

    Also für 1000 EUR finde ich dann doch gerade den Klang bei der akkustischen Gitarre (Strumming-Cardioid), bei dem ja dieses schöne seidige höhenlastige Anschlagsgeräusch der Seite fast völlig fehlt, einen dicken Minuspunkt. Hier quasi so einen dumpfen, fast leblosen Klang zu haben bei „nur“ 1/5tel des Preises des Originals, empfinde ich nahezu als indiskutabel. Da sollte ein Mikrofon für einen 4stelligen Betrag doch mehr im Klang liefern können.

    • Profilbild
      defrigge  AHU

      Sehe ich auch so: das klingt einfach deutlich zu muffig für 1100 €.
      Das neue TZ Audio Stellar X3 scheint mir den Job wesentlich besser zu machen – für unter 500€ samt Versand aus US.

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