Test: Zoom G11, Multieffektgerät

7. Juli 2020

Zooms großes Epos!

Zoom haben in der Vergangenheit sowohl im Aufnahme-, Produktions- als auch im Effekt-Bereich Produkte abgeliefert und sich einen guten Stand erarbeitet. Ich kann mich erinnern wie wir vor vielen Jahren erste Aufnahmen im Proberaum mit dem Zoom H6 unternahmen und begeistert waren von der Aufnahmequalität, die der mobile Recorder zustande brachte. Auch im Bereich der Multieffektgeräte hat Zoom mit dem A1 Four und A1x Four analog arbeitenden Musikern eine kleine, aber feine FX-Station zur Seite gestellt, sogar mit integriertem Modeler für akustische Gitarre. Insgesamt ist Zoom eine Firma wie keine Zweite: Die Vielzahl an Aufnahmelösungen wie der H3-VR, oder der F6 Fieldrecorder oder der neue Handy-Recorder H8 – sorgen dafür, dass man als Gitarrist die Firma gerne aus den Augen verliert – den Multieffekten der Firma zum Trotz. Wir hatten während der letzten NAMM bereits gesehen – das Zoom G11 scheint einen Schritt Richtung Schlachtschiff zu sein. Doch ist das Zoom G11 ein klassisches Multieffektgerät, kann es mit den Line6 Boards verglichen werden? Ist es eine erweiterte Form der G3-Reihe? Welche Nische genau besetz das Zoom G11? Wir schauen uns das im Detail an.

Zoom G11 Multieffektgerät – Features & Bedienpanel

Das G11 ist eine famose Kompaktlösung, kein gewöhnliches Multieffektgerät. Es ist Audio-Interface, ein Looper mit 5 Minuten Aufnahmezeit und integrierter Rhythmus-Sektion, mit Cabinets und Amps und Effektpedalen von Modulation bis Reverb und Delay sowie Bluetooth. Es ist quasi Zooms Frontalangriff auf eine der aktuell begehrtesten Sparten der Gitarristen-/Bassisten-Welt – mit völlig eigenem Charakter, Bedienfeld und Ansatz. Es soll einfach sein, ausgeklügelt und vor allem – preiswert. Für nicht mal 800,- Euro soll das Zoom G11 Kemper, Line6, Mooer und Headrush das Fürchten lehren. Man bleibt kritisch. Denn obwohl Zoom für die Welt des Recordings kleine Wunder vollbracht hat, sind die Multieffektgeräte der Firma oft hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Zu den Anschlüssen des Zoom G11: Neben Stereo-Ausgängen besitzt das Zoom G11 zwei externe FX-Loops für Pedale, auf die Ihr nicht verzichten könnt. Stereo-Ausgänge bedeutet: Stereo-Looper, was im Prinzip als dicker Pluspunkt schon mal gilt. MIDI In, MIDI Out, Anschluss für externen Fußschalter, AUX-In. Mithilfe des BTA-1 kann man am Remote-Anschluss dafür sorgen, dass das G11 per Bluetooth auf die IOS Guitar Lab App zugreifen kann, und über zwei USB Anschlüsse kann das G11 entweder mit einer Flashdrive oder einem Laptop verbunden werden. Auch ungewöhnlich: Auf der Stirnseite zwischen den Anschlüssen befindet sich der Master-Volume-Regler für den gesamten Output des Zoom G11.

Das Zoom G11 hat 23 Cabinet / Impulse Responses. Doch was konkret im Zoom G11 steckt, schauen wir uns im Folgeteil an. Ein Schlüssel in der Bedienung des G11 ist das Panel – und das verfolgt einen bekannten Ansatz. Denn im Prinzip arbeitet das Zoom G11 mit Banks und Patches. Pro Bank sind mehrere Patch Memories untergebracht. Patches sind definierte Effekt-Ketten, und Banks sind Gruppen, die aus vier solcher Effekt-Ketten bestehen.

TEST Zoom G11 Multieffektgerät

Die sechs roten Schalter dienen in erster Linie der Navigation zwischen den Banks und den Patches. Die mittleren zwei Schalter navigieren zwischen den Patches in der Bank, die zwei rechts außen sind für die Navigation zwischen den Banks. Darüber befindet sich – wenn man so will – die eigene Krux am Design des Zoom G11 – die Effektsektion. Fünf kleine, integrierte Stomp-Boxen, die euch handfeste Kontrolle über die individuellen Effekte in einem Patch geben. Was heißt das konkret? Jede dieser Stompboxen besitzt einen On-/Off-Schalter sowie vier Regler, mit deren Hilfe ihr individuelle Parameter des Pedals einstellen könnt. Das eigentliche Herzstück des G11 dürfte der Touchscreen sein: Zoom haben also ein bisschen zu Headrush geschielt und das genial-einfache Drag-and-Drop-System für ihren Multieffektprozessor genommen. Die Reihenfolge eurer Effektkette könnt Ihr damit genauso ändern, sowie die Hinzunahme oder Löschung  eines Pedals.

Da drüber befindet sich euer Master-Panel. Hier könnt Ihr den Amp ein- und ausschalten, sowie zentrale EQ-Einstellungen für sämtliche Patches vornehmen. Das betrifft ganz konkret: Gain, Bass-, Mitten- und Höhen-Frequenzen, sowie Presence und Volume. Das Expression-Pedal ist – je nach Patch – für Volume oder Modulationen zuständig. Auf den ersten Blick also eine ungemein kompakte Angelegenheit, die vieles gutes in sich vereint: Der Touchscreen sorgt für eine einfache Bedienung, die Stompbox-Ästhetik macht soviel Sinn, dass man sich fragen muss warum da niemand vorher drauf gekommen ist und die gängige Organisation zwischen Banks und Patches sorgt dafür, dass man sich auf bekanntem Terrain bewegt.

Zoom G11 Multieffektgerät – Cabs, Looper & mehr

Das Zoom G11 arbeitet mit einer maximalen Sampling-Frequenz von 44,1 kHz und prozessiert mit 32 Bit. Gleichzeitig lassen sich insgesamt ein Amp/Cabinet und neun Effekte verwenden. 23 Cabinet Modelle lassen sich in je drei Modi anwenden: Room, 1-inch and 12-inches. Die Auswahl deckt die maßgeblichen Charaktere der Cabinet-Landschaft ab: britischer Vintage, amerikanisch-kalifornischer Twang, High Gain und Zoom-Originale.

TEST Zoom G11 Multieffektgerät

Geliefert wird das Zoom G11 mit einer Reihe von originalen Patches, die Vintage Blues oder modernen High Gain gewährleisten. Nun verspricht die Technologie hinter den Zerren des G11 zusätzlich einen frischen Ansatz: Razor Drive und Wave Shaper, zwei distinkte Technologien für das Erstellen der Waveshapes und Filterresonanzen, sorgen für sehr eigensinnige Zerrsounds. Auch hier bleibe ich kritisch – vielleicht ist das meiner persönlichen Gewöhnung geschuldet, aber Experimente in Sachen Gain und Verzerrungen gehen in meinen Augen selten gut doch man bleibt optimistisch – Zoom haben lange an den Technologien hinter dem G11 gearbeitet.

Wer zusätzliche Impulse Responses in den G11 laden möchte, kann dies mithilfe einer Flashdrive oder direkt tun. Für die Nutzung als Audio-Interface reicht das Herunterladen das G11-Drivers. Recording Gain, das Justieren des Volume Inputs sowie Monitor Balance können direkt am G11 eingestellt werden. Was ebenfalls sensationell einfach funktioniert: Die Integration eurer Effekt-Loops in die Signalkette des Patches kann problemlos über die Drag-and-Drop-Funktion des Touchscreens erfolgen – auch für Stereo-Signale. Ein paar Beispiele für mögliche Konfigurationen:

Auch die Einfachheit des Loopers überzeugt auf dem Papier. Er kann vor oder nach der Effektkette geschaltet werden, besitzt eine Einzählfunktion und die gängigen Overdub und Redo-/Undo-Funktionen – nur Stop-/Start-Funktionen durch MIDI-Signale scheint der Looper nicht empfangen zu können. In erster Linie beschränkt sich die MIDI-Kompatibilität auf die klassischen PC- und CC-Befehle für Presets, Expression und Synchronisierung der Delay- und Modulationszeiten. Die Bluetooth-Konnektivität für die Guitar Lab Software ist ein Addendum und kein Muss. Sie ist für die Bedienbarkeit des Zoom G11 nicht essenziell, was sehr begrüßenswert ist. Die Navigation am Touchscreen und der Hardware selbst ist völlig ausreichend. Ich würde nicht soweit gehen und die Guitar Lab-Anbindung als unnützen Zusatz bezeichnen – die Software bietet eine zusätzliche Vielzahl an Patches und liefert eine weitere Bedienebene. Aber man kommt problemlos ohne sie aus.

Zoom G11 Multieffektgerät – in der Praxis

Das A und O – der Sound, ist bei Zoom so eine Sache. Bisweilen funktionieren manche Patches auf der G3-Reihe richtig gut, doch Königsklasse klingt anders. Der G11 verspricht durch eigene Technologien ein anderes Klangerlebnis. Ohne den Sound durch fremde Cabs oder Preamps zu jagen, speisen wir den Sound des Zoom G11 über eine Focusrite Scarlet Solo in die DAW. Auch nutzen wir ihn nicht die Preamp Daten aus dem USB und das Gerät als Audio-Interface, sondern wollen mit dem Line-Out das Klangbild über den Amp einfangen.

Wir nutzen die integrierten Rhythmus-Patterns in einigen Hörbeispielen, die auch mit Fußschalter gestartet und gestoppt werden können. Die Banks und dort hinterlegten Patches reichen aus, um ein umfassendes Bild des Zoom G11 zu vermitteln. Gleich vorweg – der Touchscreen funktioniert hervorragend und macht die Navigation durch das Menü so kinderleicht, dass es eine Freude ist. Jetzt kann der Output für das Reamping per USB gleichzeitig herausgegeben werden, doch das soll uns zunächst nicht interessieren. Fest steht: das etwas flache, undynamische Klangbild ist der Preis, den man wohl für diese enorme Vielfalt auf so engem Raum mit so vielen Features zahlen muss. Es ist nicht schlecht – bisweilen sind die Plexi- und Rectifier-Amps mäßig, aber wer solide, dynamische Crunch Sounds für die direkte Aufnahme rausholen möchte, kann das beim Zoom G11 problemlos tun. Das Hinzufügen und Wegnehmen von Effekten, das Ändern der Signalkette steht Headrush in Sachen Einfachheit in nichts nach. Fakt ist: Wir haben für die angeführten Tonbeispiele keinerlei Post-Produktion oder ähnliche Tricks angewandt und es in Sachen Dynamik auch nicht durch das Resonanzverhalten einer Box und eines Amps gejagt. Wer sich also auf der Homepage die Tonbeispiele des Zoom G11 anhört, kriegt ein entsprechend bereits bereinigtes, sorgfältig präsentiertes Format zu hören, das vor allem durch einen hochwertigen Amp gespielt und abgenommen wurden. Die rohen Klang-Daten, welche die entsprechende Nachbearbeitung benötigen würden, weichen ein Stück weit vor der offiziellen Präsentation ab. Um wirklich scheinen zu können, braucht das Zoom G11 also ein starken Amp, denn für sich stehend sind die Klangdaten bisweilen flach.

 

Fazit

Also – taugt das Zoom G11? Fakt ist, die Menge an Features, der integrierte Looper, die Rhythmus-Variationen und zahlreichen Effekte und Amps sind für den Preis definitiv beachtlich. Das Klangbild? Wie vieles von Zoom zuvor auch eben nicht Königsklasse, aber deutlich besser als die G3-Reihe. Als Grundlage lässt sich aus den Sounds mit entsprechender Bearbeitung an der DAW einiges rausholen. Denn Twang, Klarheit oder High Gain werden hierfür entsprechend glaubwürdig modelliert. Klanglich stärker als Mooer, eignet sich das G11 jedoch eher für die Bühne, denn in Sachen Aufnahme erzielt mit dem einen oder anderen Plugin schneller bessere Ergebnisse.

Ein Tausendsassa mit klanglichen Schwächen also, der jedoch für den Preis einiges an Beachtung verdient.

Plus

  • Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Einfache Bedienung
  • Flexibler Looper
  • Beliebig erweiterbar
  • Touchscreen

Minus

  • klanglich flach
  • nicht alle Modellierungen gelungen

Preis

  • 779,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Ich habe mir jetzt auf YT etliche Videos von dem Gerät angehört und danach auch ein paar Kommentare gelesen. Viele Soundbeispiele dort sind einfach schlecht aufgenommen (und klingen wie aus dem Blecheimer), aber in den anderen Beispielen kann man ganz gut heraushören, dass das Zoom den Konkurrenten aus seiner Preisklasse (und meines Erachtens auch darunter) reichlich unterlegen ist. Die Kiste klingt anscheinend immer flach und undynamisch.
    In den Kommentaren häufen sich diesbezügliche Stimmen und viele halten das G11 für weit überteuert.

    • Profilbild
      AndyMusik

      Für meinen Geschmack klingt das G11 weder über verschiedene Amps noch über Full Range Boxen in irgendeiner Weise „flach“ oder „undynamisch“. Ich habe es jetzt seit einer Woche in verschiedenen Setups im Einsatz und bin sehr zufrieden damit.
      Es ist natürlich immer eine Frage des Anschlusses, der Einstellungen und des persönlichen Geschmacks.
      Ich fand auch schon das G5N nicht schlecht; mit dem G11 hat Zoom aber noch einmal deutlich nachgelegt.

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