Twin Guitars: Zwei ist keine zu viel!

14. März 2019

Wenn zwei Gitarren ...

Twin Guitars

Twin Guitars: K.K. Downing und Glen Tipton – legendäres Gitarrendoppel bei Judas Priest

In der Redaktion sind wir uns sich nicht ganz einig darüber, wie das Subjekt dieses Artikels richtig zu benennen ist. Twin Guitars ist zwar ein geläufiger Begriff bei 2-Gitarren-Konstellationen innerhalb einer Band, aber impliziert „Twin“ nicht etwa, dass beide Gitarren die gleichen Parts spielen? Nun, Zwillinge können gleich aussehen, aber sie tun auch nicht zwangsläufig das Gleiche. Also, gut: Rhythmus- und Leadgitarre, dann – an sich keine ungewöhnliche Aufgabenteilung! Auch nicht, denn bei sogenannten Twin Guitars wird eigentlich ein anderer Ansatz verfolgt, nämlich den, indem sich beide Spieler die Gitarrenarbeit nicht einfach aufteilen, sondern sich darin abwechseln und/oder einander ergänzen –  so sehr, dass manch angeblicher Rhythmuspart genauso faszinierend wie der Lead- werden kann. Wie dieses Kriterium auszulegen ist (zumindest aus der Perspektive dieser Kolumne), lest ihr in unserer kleinen, nicht unbedingt konsenssüchtigen Auswahl an – ja, wir belassen es doch dabei! – Twin Guitars.

Glenn Tipton & K.K. Downing (Judas Priest)

Diese Auswahl, mit den Beiden anzufangen, die an einigen der spannendsten Seiten im Buch der Twin Guitars mitschrieben, ist eine Frage der Ehre. Waren ihre Bühnenkapriolen in den Shows von Judas Priest präzise und der visuellen Spannung dienend, umso effektiver war die Choreografie, die Glenn Tipton und K.K. Downing auf den Griffbrettern ihrer Gitarren zum Besten gaben. Schwere Riffs unisono vorgetragen und ein ständiger Austausch scharfer Lead-Linien waren zwar das Rezept, aber die Würze steckte in den stilistischen Nuancen der jeweiligen Spieltechniken. Denn obwohl beide ihr Handwerk in den Zeiten der britischen Blues-Revolution gelernt hatten, wusste Tipton in seinem Spiel klassische Elemente einzubauen, die ihm womöglich seine Mutter bei den häuslichen Klavierstunden mit auf den musikalischen Weg gegeben hatte. Auf der anderen Seite war die Basis für die Soli seines Partners Downing meistens nach wie vor im klassischen Rock und im Blues zu finden. Dennoch blieben dem Zusammenspiel der beiden Rocker aus dem mittelenglischen Staffordshire modernere Spieltechniken nicht fremd, denn während ihrer knapp vierzig gemeinsamen Jahren bei Judas Priest sollte ihnen etwas Besonderes gelingen, abgesehen von akkuraten dual leads: Weiterentwicklung!

Tom Verlaine & Richard Lloyd (Television)

Im Februar 1977 wurde die New Yorker Band Television mit ihrem Erstling Marquee moon auf den Plattenläden dieser Welt vorstellig. Geboren in der lokalen Punkszene jener Jahre, lebte der Sound des Quartetts vor allem vom instrumentalen Dialog seiner beiden Gitarristen Tom Verlaine und Richard Lloyd. Der Einsatz von schlichten Jazzmasters und Stratocasters, gepaart mit einer mehr als spartanischen Auswahl an Effekten, sprachen zwar für einen gewissen Punk-Ethos (keep it simple!), jedoch nicht für den typischen Punksound, denn Verlaine und Lloyd bevorzugten für ihre ausufernden Gitarrenpassagen die Vorteile des unverzerrten Sounds ihrer Instrumente – mit einem Fuß auf dem Rock der späten 60er und dem anderen auf den Gefilden des Avantgarde-Jazz.

Twin Guitars

„Marquee moon“ von Television – Twin Guitars im Dialog

Aufgefordert, das Wechselspiel zwischen Verlaine und ihm zu beschreiben, machte sich Richard Lloyd vor wenigen Jahren die Figur des Puzzles zunutze: „Vielleicht ergibt dein Teil alleine keinen Sinn für sich, aber verbunden mit dem anderen Teil passt es.

Über das epochale Debütalbum von Velvet Underground (einem der Vorväter von Television) wurde einmal gesagt, es habe nicht so viele Exemplare verkauft, aber jeder, der eines kaufte, startete eine Band. Nun, genaue Verkaufszahlen von Marquee moon liegen zwar nicht vor, aber der Spruch dürfte sicherlich auch für Television gelten, deren Einfluss auf weitaus erfolgreichere Kollegen wie Sonic Youth, Pixies und The Strokes (alle drei gewissermaßen auch mit Twin Guitars unterwegs) nicht zu überhören ist.

Chris DeGarmo & Michael Wilton (Queensryche)

Zurück zur härteren Gangart mit einem Twin-Guitars-Tandem, das in den späten 80ern als Teil einer ambitionierten Band neuen Wind in Sachen Gitarren-Arrangements brachte. Die Rede ist natürlich von Chris DeGarmo und Michael Wilton von der Prog-Metal-Combo (Schubladen gefällig?) Queensryche.

1988 schafften die Fünf aus Seattle etwas, was zum guten Prog-Ton zwar gehört, aber im Metal-Genre bis dato nicht da gewesen war, nämlich ein Konzeptalbum. Oder ist es eine Rockoper? Oder ist das egal, weil Operation: Mindcrime einfach ein Meisterwerk ist? Ein Meisterwerk, in dem die Gitarrenparts von DeGarmo und Wilton größtenteils ein subtiles Geflecht bilden, das stimmungsvoll die Dynamik der Geschichte unterstützt, gar miterzählt.

Wenn man den Album-Credits Glauben schenken kann, sind die Kompositionsanteile beider Gitarristen fast genau so demokratisch aufgeteilt wie die Anzahl der jeweiligen Leadparts – offensichtliche Harmonie statt Egoclash.

Ob der damals kursierende Spruch, Queensryche seien „dem Metal sein Pink Floyd“ anerkennend oder eher spöttisch gemeint war, bleibt an dieser Stelle unklar – spätere Großtaten wie die Ballade Silent lucidity gossen mehr Öl in dieses Feuer. Unumstritten bleibt jedoch die Tatsache, dass die heute nicht mehr existierende DeGarmo-Wilton-Partnerschaft die Latte für kreative Gitarrenarbeit und komplexes Songwriting ein gutes Stück höher legten.

Adrian Belew & Robert Fripp (King Crimson)

Robert Fripp probiert seit jeher gern mal aus! In ihren 50 Jahren Geschichte hat ihre Band King Crimson nicht nur unzählige hochkarätige Musiker beschäftigt, sondern auch mehrere Umbesetzungen erlebt – vom Trio über ein Doppel-Trio bis hin zum heutigen Oktett-Line-up mit drei Schlagzeugern.

Aber erst 1981 holte Fripp zum ersten Mal mit Adrian Belew einen Co-Gitarristen in die Band (Bill Bruford an den Drums und Tony Levin am Bass und Stick machten jene fundamentale Besetzung komplett). Belew, der zu diesem Zeitpunkt bereits bei Frank Zappa, David Bowie und den Talking Heads in der Lehre gewesen war, stellte diesen Erfahrungsschatz und den innovativen Ansatz seines Gitarrenspiels im Dienste von Fripps Konzept, eines, in dem der Begriff „Disziplin“ eine zentrale Rolle spielte, nicht nur als Titel für das erste gemeinsame Album.

Das Wechselspiel der beiden Saitenkünstler ergänzte sich in Perfektion – mal waren es mit Akribie verschachtelte Passagen, gern auch in 7/8-Takt und für Herrn Belew mit einem Gesangpart obendrauf. An anderen Stellen wiederum legte Fripp einfach eine Schippe Soundscapes als Fundament, damit Belew aus seiner Gitarre das ganze Repertoire an extravaganten Tönen und Geräuschen herausquetschen konnte, für die er auch bekannt war.

Seitdem Adrian Belew bei King Crimson nicht mehr an Bord ist, ist im Mutterschiff des Prog-Rock so etwas wie kreativer Stillstand eingekehrt – Welttourneen, Livealben en masse, aber kein neues Material, als ob Fripps maßgeschneiderte Les Paul noch keine Partnerin gefunden hätte, um sich auf gleicher Ebene auszutauschen.

Twin Guitars – Rodrigo y Gabriela

Und zum Schluss ein vielleicht überraschender Griff für diese Twin-Guitars-Auswahl – ein Spaziergang ins Terrain der Nylonsaiten an der Hand von Rodrigo y Gabriela, dem mexikanischen Gitarrenduo, das mit seiner Mischung aus Flamenco, Rock und Jazz mit einer Prise Metal (ja, das geht tatsächlich!) es auf alle internationalen Bühnen schaffte.

Twin Guitars

Rodrigo y Gabriela – Twin Guitars unplugged

Angenommen, man startet eine Band und entscheidet sich für ein Format (Duo), das in Sachen Understatement der Namensgebung (die Vornamen beider Mitglieder) in nichts nachsteht. Zudem möchte man – vor allem live – nicht auf Hilfe von anderen Kollegen angewiesen sein – dann entstehen viele Räume, die abgedeckt werden wollen. Um diese Aufgabe mit nur zwei klassischen Gitarren zu verrichten, trennen Rodrigo Sánchez und Gabriela Quintero ihre Rollen so … dass sie die ursprüngliche Intention dieser Kolumne dadurch zu unterminieren drohen.

Dennoch lohnt sich ein Blick in derer eigentümliche Aufgabenteilung. Was die Arbeit von Sánchez betrifft, beschreibt das Wort „Lead“ an erster Stelle die Melodieführung und die Riff-Salven, die seine Vergangenheit als Thrash-Metal-Gitarrist verraten. Die Rhythmus-Parts von Quintero ihrerseits erlangen dank ihrer Komplexität gelegentlich Lead-Charakter. Mit ihrer ausgefeilten Anschlagtechnik beansprucht sie den ganzen Perkussionsanteil für sich und gleichzeitig stellt ihr sicheres Akkordspiel den idealen Konterpart zu Sánchez dar. Alles in allem, diese akustischen Twin Guitars sind zu mitreißend und originell, um draußen zu bleiben!

Outro

Und wo bleiben Wishbone Ash? Waren Jerry García und Bob Weir etwa für die Liste nicht gut genug? Kein Thurston Moore/Lee Ranaldo? Die Dudelsackgitarren von Big Country hätten’s auch verdient! Und die Twin Guitars von Thin Lizzy?! Kein Dave Mustaine/Marty Friedman … übrigens, von diesen beiden gab es vor Jahren eine besondere Erklärung ihrer Arbeitsformel: „When he (Friedman) plays, he plays with a lot of love. When I (Mustaine) play, I play with a lot of hate“. Wie dem auch sei, liebe Leser: Es ist für eure Kommentare angerichtet!

Forum
  1. Profilbild
    volcarock  

    Schöner Bericht ! Und natürlich wie immer bei solch einer Auflistung,
    vermisst werden immer die, die man selbst gerne hört.

    Der absolute Inbegriff ist für mich in dieser Kategorie ist THIN LIZZY – durch alle Epochen und wechselnde Besetzungen hindurch. Aber du hast die ja am Ende noch erwähnt ;-)

    Aber auch Iron Maiden, Helloween und selbst Whitesnake wären hier gut aufgehoben.

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    MannishBoy

    … ganz zu Schweigen von Allman Brothers Band mit Duanne Allman und Dickey Betts

    oder Lynyrd Skynyrd (ok, hier waren es drei Gitarren, passt also nicht zum Thema :-) )

    und Wishbone Ash?

    anyway, die Liste lässt sich beliebig erweitern :-)

  3. Profilbild
    Cristian Elena  RED

    @volcarock und @MannishBoy:

    Danke für euer Feedback!

    Eine solche Liste lebt natürlich auch von den Ergänzungen der Leser.

    Und die Sache mit den 3 Gitarren stand auch im Raum – für diesen Artikel als Ausschlusskriterium, wohlgemerkt ;-). Aber Lynyrd, Eagles, Maiden (im 21. JH) und eine Handvoll mehr könnten in Zukunft Teil einer ähnlichen Liste werden.

  4. Profilbild
    MidiDino  AHU

    Auch ich bedanke mich für den Artikel, besonders wegen des Hinweises auf King Crimson (Mutter des Prog-Rock). In jüngerer Zeit mag grundsätzlich nichts musikalisch Neues mehr geschehen sein, doch die CD ‚The Power to Believe‘ aus 2003 hat mir ausgesprochen gut gefallen, besonders das Stück ‚Level Five‘. Ich persönlich fände eine Geschichte über die Band sehr interessant, über die einzige Rockband, die ich heute noch für erwähnenswert finde ;-) In ‚The Power to Believe‘ wurde es geschafft, die Rockband zu erden (durch den Sound), ohne die komplexe Gestalt der Stücke aufzugeben. Wer traut sich an eine Geschichte?

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      Cristian Elena  RED

      Gern geschehen!

      „The power to believe“ ist in der Tat Crimsons bisher letztes Studioalbum und es ist ein starkes geworden (*auch wenn mir persönlich „The Construkction of light“ ein Tick besser gefällt); zudem funktioniert „Happy with What You Have to Be Happy With“ so gut als Song als auch als Zungenbrecher ;-)

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    Stephan Güte  RED

    Klasse Artikel, Herr Kollege :) Für mich persönlich in der Liste ist das Highlight De Garmo/Wilton. die „Operation Mindcrime“ ist die „Dark Side of the Moon“ für Metaller. Eine Wahnsinnscheibe mit einem Festival der geilsten Gitarrenriffs (!!)

  6. Profilbild
    Markus Galla  RED

    Dave Murray/Adrian Smith – das Maiden Dream Team! Ich liebe die klassische Kombination immer noch mehr als die 3-Gitarren-Version nach der Rückkehr von Smith/Dickinson. „Piece of Mind“ ist eines der Alben, die toll zeigen, was man mit zwei Gitarren alles anstellen kann. Die Kombination lebt auch live vor allem aus der Improvisationsfreude von Murray mit seiner Vorliebe für Triller und dem selbst live durchkomponiertem Spiel von Smith, der darüber hinaus als Komponist noch verantwortlich für viele große Maiden-Hits ist. Auch die beiden Gitarren-Synth Alben „Somewhere in time“ und „Seventh son of a seventh son“ bieten eine geniale Aufteilung auf beide Gitarren.

    Ebenfalls sehr schön in der Zwei-, später Drei-Gitarren-Abteilung: Bruce Springsteen’s E Street Band mit dem Duo Springsteen/van Zandt, dann Springsteen/Lofgren, dann Springsteen/van Zandt/Lofgren. Hier finde ich in der ersten Kombination alles von „Born to run“ bis „Born in the USA“ herausragend, dann mit Nils Lofgren die Live-Sachen ab „Born in the USA“. Die unterschiedlichen Solo-Stile von rauhem Rock (Springsteen), Blues Rock (van Zandt) und den interessanten Flageolet-Soli Nils Lofgrens machen das interessant.

    Nicht vergessen sollte man außerdem das Duo Francis Rossi/Rick Parfitt von Status Quo und natürlich die beiden Jungs von AC/DC.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      „Seventh Son …“ ist für mich persönlich der absolute Zenit von IM. Luftige Kompositionen, coole Synthflächen, Heulboje Dickinson in Bestform und dann Smith/Murray an ihren Gallien Krueger Amps … ich durfte es damals Live erleben in Nürnberg bei den Monsters of Rock. Ein Abend, von dem ich noch auf dem Sterbebett erzählen werde :D

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