Workshop Modular Synthesizer: Hüllkurven

15. September 2018

Modular: Die Zeit I

Hüllkurven

Die Amazona Modular Serie widmet sich nun einem Bereich, der über Modularsysteme, Synthesizer, ja selbst über die Musik weit hinausgeht: „Zeit“. So selbstverständlich der Umgang mit zeitlichen Aspekten für Musiker auch ist, so sehr lohnt es sich, immer wieder die Möglichkeiten und Grenzen zeitlicher Abläufe auszuloten.

Workshop Modular Synthesizer: Hüllkurven

Roland System-700 ADSR Hüllkurven. Foto (c) B.M. Land

Mit „Zeit“ einhergehend ist der Bereich „Rhythmus“ untrennbar verbunden. Als „natürlichster“ aller musikalischer Aspekte ist Rhythmus Bestandteil jedes Lebewesens, ja – des Lebens, der Welt, des Kosmos an sich. Das ist nun keinesfalls ein esoterischer Gedanke oder spirituell gemeint, Rhythmus ist – sehr nüchtern betrachtet – die Basis aller Existenz. Es gibt immer einen Anfang, ebenso hat alles sein Ende. Dazwischen liegen wechselnde Abläufe, Veränderungen, Entwicklungen. Doch die „Eckpfeiler“ stehen – wenn auch nicht immer genau bezifferbar – fest. Rhythmus ist etwas so Grundlegendes und zutiefst Existenzielles, dass es sich durchaus lohnt, dem Thema der „Zeit“ viel Zeit (und Raum) zu geben.

Hüllkurven

Club Of The Knobs Hüllkurve. Foto (c) Kazike

Interessant ist, was „Rhythmus“ ist seinem Ursprung – der Wortstamm entspringt der Griechischen Antike – eigentlich bedeutet:

„Rhythmus (rhythmos, Fließen) ist in einer Fortbewegung (einer materiellen oder einer Tonbewegung) die regelmäßige Wiederkehr bestimmter, gleichartiger Momente, Phasen, Zustände. Jede so gegliederte Strecke ist rhythmisch gegliedert. Ein Teil unserer Bewegungen (Herz-, Atembewegungen, Gang) ist rhythmisch. Schon deshalb die Lust am Rhythmus, besonders aber noch wegen der erleichterten Zusammenfassung einer Vielheit von Eindrücken in die Bewußtseinseinheit, die durch den Rhythmus ermöglicht ist. Das Rhythmisieren der Tätigkeiten (direkt oder durch begleitende Bewegungen oder Tonverbindungen) erleichtert die Arbeit. Wichtig ist der Rhythmus für die Ausbildung der Zeitvorstellung, ferner für die Ästhetik (Musik, Poesie, Tanz).“
(Aus: Rudolf Eisler „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, siehe http://www.textlog.de/5025.html)

 

Workshop Modular Synthesizer: Hüllkurven

DADSR Hüllkurven von Technosaurus

In der Musik, und darum geht es hier schließlich, hat Rhythmus einen (beinahe) ausschließlich positiven Effekt. Rhythmus ist ein „Grundpfeiler“, den jeder Mensch in sich trägt. Bemerkungen wie „Ich bin total unmusikalisch“ treffen eigentlich nie zu. Höchstens in der Definition der betreffenden Person selbst: Viele verbinden den Begriff der „Musikalität“ mit Treffsicherheit eines Tones, mit exaktem Spiel eines Instrumentes, mit gutem Gehör, langjähriger Ausbildung und vielem mehr. Das ist technisches Denken und ein unverkennbares Leiden unserer westlichen „Kultur“, es hat mit dem Wesen der Musik nicht viel zu tun.

Hüllkurven

Platzsparende, aber etwas ungewohnte Einteilung: Formant ADSR Hüllkurve

So gesehen leistet die Musik-Elektronik seit vielen Jahren bedeutende Pionier-Arbeit, da sie für „klassische“ Werte wie Klangfarbe, Tonfolge, Tonhöhe und Tondauer neue Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Dabei dringt sie in tonale bzw. rhythmische Grenzbereiche vor, die eben nur in der Musik-Elektronik realisierbar sind.

Rhythmus ist insofern ein positives Element, weil es grundsätzlich kein „falsch“ gibt. Vielleicht liegt ein Schlag mal „daneben“ oder etwas kommt zu früh oder zu spät, egal – es ist das Wesen des „Fließens“, nicht immer gleich und nicht immer exakt festgelegt zu sein. Es kann auch passieren, dass das, was für unsere Ohren „daneben“ klingt, in Wirklichkeit absolut korrekt und eben genau so gedacht ist. Lange Zeit wurden Rhythmen ethnischer Musik (wie etwa Gamelan) von der westlichen Musikwissenschaft als „wirr“ und „unkoordiniert“ eingestuft. Heute sind wir eines Besseren belehrt: Die Rhythmen sind so komplex (Polyrhythmik), dass man die musikalischen Zusammenhänge – die vielschichtigen, sich überlagernden Rhythmen und ständigen Taktwechsel – zunächst nicht erkannt hat.

Hüllkurven

Moog ADSR und COTK ADSR im Vergleich. Fotos (c) B.M. Land und Kazike

Nebenbei: Im Gegensatz zu anderen Kulturen darf sich die westliche Welt keines sehr „lebendigen“ rhythmischen Gehabes rühmen. Abseits durchgehender 4/4 Takte und eventuell noch vorkommender 3/4 bzw. 6/8 Rhythmen passiert in unserem musikalischen Ausdruck allgemein sehr wenig.

Die „Zeit“ ist – neben der Tonhöhe – die wohl wichtigste Basis beim Erstellen von Klängen bzw. beim Arbeiten mit Modularsystemen / Synthesizern. Vielleicht ist es sogar das wichtigere der beiden Elemente, da sie deutlich weniger Vorgaben und Gesetzen unterliegt und einen kreativeren / freieren Zugang erlaubt.
Hüllkurven

Dual ADRS (R=Final Decay) und Dual DADRS des PPG 300 Modularsystems. Foto (c) B.M. Land

Tonal unterliegen wir häufig bestimmten Vorgaben … so sollte in C-Dur kein fis vorkommen oder ein G-Moll Akkord nicht unbedingt as im Bass haben, rein harmonisch betrachtet. Hilfswerkzeuge wie Sequenzer geben uns in der Regel die bekannten 12 Töne vor, aus denen zu wählen ist. Micro-Intervalle wären zwar auch spannend, würden aber unser Gehör (und ebenso den musikalischen Schaffensprozess) rasch überfordern. Während die Töne bzw. Tonhöhen also meist klaren Regeln folgen (müssen), ist der Umgang mit der „Zeit“ deutlich weniger eingeschränkt und erlaubt eine spielerisch-kreativere Arbeitsweise.

Workshop Modular Synthesizer: Hüllkurven

Transient Generator … Dual DADSR (R=Final Decay) des EMU Modularsystems

Betreffend Modularsysteme / Synthesizer fließt das Thema der Zeit vor allem bei Hüllkurven, LFOs und Sequenzer- bzw. Gate/Trigger-Modulen ein. Während dieser Teil der Modularserie sich den Envelopes widmet, werden nächstes Mal Niederfrequenzoszillator und Sequenzer im Mittelpunkt stehen.

Hüllkurven

DAHDSR Hüllkurve des GRP A8 Synthesizers

Hüllkurven

Worum es bei einer Hüllkurve geht, ist klar: Der zeitliche Verlauf einer Steuerspannung (für Klang- und/oder Modulationsabläufe) soll festgelegt bzw. gesteuert werden. ADSR – allseits bekannt – besteht aus drei zeitlichen Komponenten (Attack, Decay, Release) und einem Halte-/Pegelwert (Sustain). Damit lassen sich – mehr oder weniger – alle nötigen Zeitverläufe erstellen, wie sie uns auch bei akustischen Instrumenten begegnen.

Hüllkurven

EEF Modularsystem ADSR Hüllkurve mit VC Delay

Von der Schnelligkeit der Attack …

Der wohl wichtigste Teil einer Klangentwicklung ist die Attack-Zeit, sprich: die Einschwingphase. Bei akustischen Instrumenten kommt ihr eine klangformende Rolle zu. Innerhalb der Einschwingzeit passiert all das, was den „Klang“ bzw. das Instruments als solches erkennbar und typisch macht. Ohne Einschwingphase könnten wir ein Violine nicht von einer Trompete unterscheiden.

In der Elektronik kommt der Attack ebenso eine klangformende, ganz besonders aber eine rhythmisch-perkussive Rolle zu. „Wie schnell ist die Hüllkurve?“ – eine der zentralen Fragen in der Elektronik-Szene seit 20 Jahren – bezieht sich auf die Schnelligkeit der Attackzeit (und genau genommen auch auf die der Decayzeit). Nachdem viele Musiker sich dem Electronic Beat widmen, hierbei ab 130 BMP erst richtig was passiert (wobei die durchgehende Sechzehntel in den meisten Fällen das Sagen hat), ist kein Platz für „langsame“ Hüllkurven. So sind alle Hersteller analoger Modularsysteme bzw. Synthesizer redlich bemüht, möglichst „schnelle“ Hüllkurven anzubieten.

Hüllkurven

Eine sehr kurze Decay-Zeit ist häufig das, was unter einer schnellen Hüllkurve verstanden wird

… zur Entdeckung der Langsamkeit

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Wie sieht es denn wirklich mit „langsamen“ Hüllkurven aus? Haben sie musikalisches Potenzial? Nun, keine Frage! Tatsache ist jedoch, dass viele Hüllkurven-Module eine maximale Attack-Zeit von 10-20 Sekunden erlauben. DAS ist definitiv zu wenig und ermöglicht es noch nicht, in das interessante Feld wirklich „langer“ Zeitverläufe einzutauchen. Dabei geht es um Attack-Zeiten von mindestens 1 Minute oder besser noch deutlich mehr.

Hüllkurven

Enorm ausgedehnte Attack-Zeit des Korg PS-3100

Einer der wenigen mir bekannten Synthesizer, der definitiv „extrem lange“ Attack-Zeiten erlaubt, ist der Korg PS-3100 (bzw. PS-3300). Das folgende Klangbeispiel steigt bereits bei „Einer Minute Attack-Zeit“ ein, zu Hören sind die weiteren 2 Minuten (!) Attack-Phase. Es demonstriert sehr schön, welche Energie in wirklich langen Anstiegszeiten steckt bzw. wie beeindruckend es ist, wenn sich – wie in diesem Fall – ein Filter im Laufe von 2 Minuten langsam öffnet.

Als Vergleich dazu zwei weitere, beliebige Synthesizer. Yamahas CS-40M bietet bei maximaler Länge (Attack x5) nur eine Einschwingphase von 3 bis 4 Sekunden! Das ist schon fast grotesk.

Sequentials Six Trak ist da schon etwas großzügiger. Das Instrument erlaubt Attack-Zeiten bis ca. 14 Sekunden. Doch auch das ist nicht „sehr ergiebig“ und weit abseits eines wirklich „langsamen“ Klangaufbaus.

Der RS-60 Envelope Generator von Analogue Systems ist ebenso wenig ein Pionier langer Attack-Zeiten. Er schafft es auf ganze 9 Sekunden.

Das AS-Modul ist allerdings sehr schön konzipiert, nebenbei gesagt. Die fehlende „lange“ Attack darf somit – wie auch in allen anderen Fällen – nicht als Wertung (denn eher als Hinweis) verstanden werden.

Wenn man die Wahl zwischen verschiedenen Envelope-Modulen hat bzw. auf der Suche nach geeigneten Hüllkurven ist, wäre es ideal, das „Beste beider Welten“ in einem Paket zu bekommen. Sehr kurze aber auch sehr lange Attack-Zeiten würden eine Hüllkurve universell einsetzbar machen.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    changeling  AHU

    Da der Artikel kürzlich mal wieder verlinkt wurde ein Hinweis:
    Über ein zurück patchen der Ausgänge von VC Hüllkurven in einen der VC Eingänge lassen sich die Kurvenformen ändern. So wird aus einer linearen eine exponentielle Hüllkurve und mit einem Inverter dazwischen kann auch eine logarithmische Kennlinie eingestellt werden. Mischformen wie beim Maths sind dadurch ebenfalls möglich. Beim neueren Doepfer A-171-2 VCS sind daher die Ausgänge auf die CV Eingänge vorgepatcht. So lässt sich ohne Zusatzkabel die Kennlinie einstellen, wenn keine externe Steuerung gewünscht ist.

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