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Blue Box: Rhodes Chroma Polaris, Analogsynthesizer


Unterschätzter Klassiker

Vorwort:

Polyphone Analogsynthesizer sind gerade im Trend. Seit 25 Jahren gab es keine so große Auswahlmöglichkeit mehr an polyphonen Analogsynthesizern wie heute. Und sieht man sich die aktuellen Ankündigungen an, wird der Hype wohl einige Zeit auch so bleiben. Trotz allem sind auf dem Gebrauchtmarkt günstige Alternativen zu finden, die vor allem klanglich deutlich zu aktuellen Produkten variieren und trotzdem bezahlbar sind. Als Beispiele seien genannt der Kawai SX-240 oder der Roland Jupiter JX10, die beide unter 1.000 Euro kosten (der JX10 liegt sogar MIT Controller PG-800 unter 1.000 Euro) und über mehr Möglichkeiten verfügen als ihre populären (und daher heute kostspieligeren) Kontrahenten Roland Juno-106, Roland Juno-60 oder Korg Polysix.

Wer in dieser Riege aber allzu gerne in Vergessenheit gerät, ist der weit unterschätzte Rhodes Chroma Polaris. Mit dem Rhodes Chroma hat er zwar nur wenig gemeinsam, dennoch ist der Chroma Polaris für mich klanglich ein ganz großer Wurf. Und genau an dieser Stelle scheiden sich die Geister, werden ihm oft Attribute nachgesagt, die eher auf digitale Synthesizer zutreffen, die meines Erachtens aber alle unzutreffend sind.

Einziges Manko, der Rhodes Chroma Polaris arbeitet mit Folientastern, die wiederum über ein Flachbandkabel an das Mainboard angeschlossen sind. Genau dieses Flachbandkabel ist die Schwachstelle des Chroma Polaris und gibt in der Regel seinen Geist auf. Zum Glück gibt es aber im Netz genügend Tutorials für den Austausch dieses Kabels. Doch Vorsicht, der Austausch ist nicht gerade einfach. Und noch ein zweites Manko wäre zu nennen: Der Chroma Polaris findet nach und nach eine wachsend Fangemeinde, was zur Verknappung an Angeboten und zum steigenden Preisen führt. Ein restaurierter Polaris kostet heute daher bereits ca. 1.300 Euro, was aber angesichts seiner Möglichkeiten immer noch ein akzeptabler Preis ist.

Vintage-Freunde sollten den Polaris auf jeden Fall einmal angetestet haben, denn ob man ihn am Ende mag oder nicht, der Polaris hat seinen unverwechselbaren Charakter – und das ist bei heutigen polyphonen Analogsynthesizern selten geworden.

Viel Spaß nun mit dem BLUE BOX Report von Theo Bloderer aus dem Jahr 2008, der aber bezüglichen Preisen und Bildern überarbeitet wurde. (Einen Dank an Darkboneus für die zusätzlichen Bilder)

Euer Peter Grand

Rhodes Chroma 2

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Klangbeispiele

  1. Avatar
    Andreas

    Unglaublich, was dieser Synth so kann. Teilweise sehr atmosphärisch.

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    Theo Möbus

    Die Zeit verändert die Sichtweise. Im KEYBOARDS-Test 5/1985 hat der Chroma Polaris lange nicht so gut abgeschnitten. Das größte Problem lag im Dollar-Wechselkurs, das Gerät kostete stolze DM 7500,-. Gerade die als "große und sehr professionelle Fader" hochgelobten Schieberegler hat Tester Gerald Dellmann damals kritisiert: "Die Schieberegler machen mir nicht den stabilsten Eindruck. Da sie weit über die Oberkante der Seitenteile des Chassis herausragen, ist zu befürchten, dass man bei häufigem Transport bald mit ein paar Stümpfen arbeiten muss. Auch die etwas schwergängigen Spielhilfen haben mich beim Chroma schon ein wenig gestört." Die gravierendsten MINUS-Punkte wurden im PLUS/MINUS-Kasten des KEYBOARDS-Tests besonders hervorgehoben: erstens die Schieberegler, zweitens die fehlende Lautstärkeregelung der VCOs. Gegen den Chroma sprach 1985 vor allem die Übermacht des halb so teuren DX7.

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    swissdoc

    Na ja, damals in den Tests wurden hauptsächlich die Features der Geräte bewertet und nicht so sehr der Klang. Und da hat ein DX-7 eben einiges mehr zu bieten. Bei den meisten Tests stehen auch einfach lapidar drei Sätze zum Filter drinnen, aber nie etwas zum Klang. Und da haben die verschiedenen Synhts eben ihre Unterschiede. Auch das Speed-Verhalten der Envelopes wird in den Tests nie erwähnt. Es ist schon interessant, wie der Abstand sich auf die Wahrnehmung auswirkt.

    Georg.

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    gaffer

    Bei mir muss dieser Synth immer als Beispiel dafür herhalten, dass selten nicht automatisch gut ist. Fast niemand kann ein Urteil über ihn überprüfen, ich habe ihn auch nur einmal (bei der Vorstellung) und wollte das auch nicht nochmal tun. Vor allem die Tastatur war unter aller… Die Verarbeitung war mies und den Klang hat zu der Zeit wirklich niemand gebraucht und ich frage mich, ob sich das heute geändert hat. Aber über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten.

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    moogist

    Ich finde den Test ein wenig zu euphorisch. Da wird der Polaris in einem Atemzug mit Syntex, Jupiter 8 und ähnlichen gedacht. Man vergleich nur, welche Einstellungsmöglichkeiten man hinsichtlich Pitch-Bending und Modulation mit der linken Hand beim Jupiter 8 hat – und dann schaue man sich die zwei bescheidenen Schieberegler des Polaris an. Dasselbe gilt auch für alles anderem mit der Hand anfassbaren Teile: Beim Jupiter wirkt es teuer und wertig, beim Polaris billig und klapprig.

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    Cord

    Ich halte meinen Polaris als kleinen Schatz versteckt … im Schrank, als Ersatzteillager fuer meinen Matrix-12!

    Der Polaris ist NICHT sehr flexibel. Er kann Wellenform sweeping von Triangle zu Sawtooth, hat Anschlagdynamik und das ist es dann schon. Die Tastatur ist nicht grossartig und man kann die Anschlagdynamik auch nicht feinjustieren. Die LFOs laufen nur mit Triangle im Freerun mode, mit Square sind die synchronisiert. Die Filterresonanz ist nur in 7 Stufen zu verstellen und die Lautstarkehuellkurve ist keine vollwertige ADSR.

    Es gibt nicht viel, was ich an dem Polaris mag, zumal die Membrantasten das zeitige gesegnet hat (man kann aber alles uber CC# kontrollieren, wenn man wirklich will). Nichtsdestotrotz, der eine oder andere mag sich an die spezielle Architektur, die doch sehr an ARP erinnern ergoetzen. Es ist halt nicht mein Ding…

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    Theo Bloderer

    Danke für die guten Kommentare – dazu ein paar Gedanken. Ich habe den Polaris mit SerNr 45. Zumindest dieses Modell hat Fader aller erster Klasse. Schwergängiger, größer und – nach meinem Gefühl – professioneller als die des Jupiter-8. Auch ist die Tastatur ziemlich vom Feinsten, vor allem reagiert die Anschlagdynamik perfekt. In gewissen Bereichen ist der Polaris natürlich unterlegen, keine Frage (zb in der genannten Controller Sektion). Doch um die technischen Details geht es gar nicht so sehr. Ich denke, dass der Polaris viele Freunde dort finden wird, wo Standard-Analog-Sounds der Schiene Roland Juno/Jupiter bzw. vieler Oberheims einen mitunter etwas angestaubten oder nun schon "abgehörten" Eindruck hinterlassen. So gesehen ist der Polaris (als Ergänzung im Setup verstanden)ein intensives Antesten absolut wert – das ist meine Empfehlung.

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    Andre

    Hallo,
    also erst einmal freue ich mich sehr, wenn sich mal wieder einer mit den alten "Schinken" beschäftigt.
    Dazu muss ich sagen, dass ich einen Polaris und Polaris II besitze und auch den Chroma mit Expander. Tatsächlich ist das größte Manko die digitale Rasterung und die wenigen Modulationsmöglichkeiten. Aber der Grundklang ist kräftig und schön, da verliert sogar ein Jupiter 8 oder andere große Synthies. Mein Chroma, der leider auch die Rasterung besitzt, wurde deshalb auch etwas modifiziert, so daß er mehr Möglichkeiten besitzt. Auch sind beim Polaris öfter die flachen Verbindungskabel unter dem Panel defekt. Der "große Bruder" Chroma ist natürlich eine Welt für sich, da er diese geniallen und brachialen Layersounds besitzt, die jeder kennen sollte.

  9. Avatar
    Flipper

    Ich habe bisher noch keinen polyphonen Analog-Syntheziser unter den Fingern gehabt der solche sehr überzeugende E-Piano-Sounds bringt. toll!!
    Besondern wenn man den Polaris über Midi mit einer guten aktuellen Tastatur spielt.

    3 Sterne von mir.

    Jörg

  10. Profilbild
    atropa

    eine sehr ausführliche und und klare huldigung
    eines der interssantesten synthies der je gebaut wurde…
    ergänzen möchte ich dass es jetzt neue panels gibt!!david d rocco der eigentliche mastermind des synths supportet die kiste heute noch und die panels können bei ihm bestellt werden, was ich bereits getan habe, funzt ganz wunderbar..
    http://www.....eplacement

    einfach fantastisch das der vater des polaris sich heute noch um sein baby kümmert.

  11. Profilbild
    Florian Anwander RED

    Ok, dieser Artikel hat schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber ich darf jetzt mal kurz ein paar Fehler (von Theo und von Kommentarschreibern) korrigieren:

    1.) Der Ringmodulator ist digital (sorry Theo), das ist ein einfaches EXOR-Gatter (ein Baustein für 15 Cent) in dem die beiden Rechteck-Schwingungen kombiniert werden.
    2.) Die VCOs produzieren Sägezahn und Rechteck, aber kein Dreieck (sorry Cord). Was Theo nicht erwähnt und Cord misachtet: In der Sägezahn-Einstellung moduliert die Pulsweitenmodulation den Sägezahn zwischen der Grundwelle und einem eine Oktave höheren Sägezahn hin und her (technisch wird das sehr einfach durch Kombination von Saw und Pulse erzielt).
    3.) Der Polaris kann phantastische String- und Pad-Sounds bieten. Gerade die erwähnte Modulation des Sägezahn in Verbindung mit dem polyphonen, nicht gesyncten LFO pro Stimme produziert wunderbar flirrende Streicher. Das gleiche mit langsamer LFO-Frequenz und abgedämpftem Filter schenkt einem butterweiche Flächen.
    […gleich gehts weiter….]

    • Profilbild
      Florian Anwander RED

      […Fortsetzung…]

      4.) Die Fader sind aller erste Qualität. Ich renoviere öfters Jupiter- oder Juno-Synths; was mir da unter die Finger kommt ist grausam. Ich habe bisher zwei Chroma Polaris für Kunden überholt und besitze seit kurzem auch selbst einen. Die Fader laufen immer butterweich und ohne Aussetzer.
      5.) Die Folientastatur ist – wie Theo richtig anmerkt – der Schwachpunkt des Polaris. Aber sie ist inzwischen reparabel, bzw es gibt seit 2012 Ersatzmembranen von Paul D. DeRocco. Man suche in Netz nach „Rhodes Chroma Polaris Membrane Panel Replacement“. Der erste Hit führt einen zur großartigen rhodeschroma.com-Webseite. Dort findet man die Kontaktdaten von Paul. Die Folie kostet ca 300 Euro incl. Versand, Zoll und Mehrwertsteuer (Stand 2016).

      Was Theo zum Preis anmerkt gilt angenehmerweise heute noch. Einen Polaris bekommt man für 1000 bis 1200 Euro. Für einen Jupiter 6 darf man inzwischen das doppelt hinlegen. Also: Immer noch ein echter Schnäppchentipp!

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  13. Profilbild
    byBass

    ich besitze auch einen Polaris und wundere mich
    über die im Test genannte spannungsgesteuerte
    CV-Steuerung. Ich nutze ein Pedal um Cutof etc
    während des Spiels zu steuern…aber ist es möglich
    die Spannungssteuerung von einem anderen Synth
    aus zu steuern und wenn über welchen Eingang?
    (kann ja nur Pedal sein, oder?)

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Rhodes Chroma Polaris

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