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Piano Lounge 2: Sind Flügel besser als Klaviere?

18. September 2019

Klavier oder Flügel: Was ist der Unterschied?

In der heutigen Ausgabe der Piano Lounge geht es um die Unterschiede zwischen Klavieren und Flügeln. Und wer denkt, dass sich dieser Artikel nur an Profis richtet, hat sich getäuscht. Flügel sind nicht a priori nur für professionelle Musiker gedacht. Abgesehen vom offensichtlichen Unterschied (ein Flügel braucht mehr Platz!), kursieren einige Vorurteile und Klischees, die ich gerne unter die Lupe nehme: 

Klischee Nr. 1: Flügel klingen besser als Klaviere

Kann sein, muss aber nicht. Die Klangqualität eines Klaviers oder Flügels hängt von vielen Faktoren ab, wie beispielsweise den verwendeten Hölzern und Saiten. Sehr wichtig ist auch der Resonanzboden. Es gibt – kein Witz – Billig-Flügel mit Resonanzböden aus MDF, während andere Instrumentenbauer bestimmte Fichtenarten von Hand auswählen und über Jahre lufttrocknen lassen. Weiter geht es mit der Mechanik: Die Beschaffenheit der Hammerfilze spielt ebenso eine Rolle wie die Länge der Tasten bzw. deren Hebelwirkung. Kurz gesagt: Der Klang eines Klaviers oder eines Flügels ist eine komplexe Geschichte und hängt von zahlreichen Aspekten ab, nicht zuletzt auch vom Wissen und der Erfahrung der Klavierbauer.
Die pauschale Aussage, dass ein Flügel besser klänge als ein Klavier, ist falsch. Und dennoch stehen auf großen Bühnen nur Flügel. Was haben sie einem Klavier voraus? In erster Linie ihre Größe. Ein sehr klangrelevanter Aspekt sind die Ausmaße des Resonanzbodens und die Länge der Basssaiten. Ein großes Klavier von 120 bis 130 Zentimetern Höhe bietet mehr Resonanzbodenfläche als kleine Flügel von 150 bis 170 Zentimetern. Viele Klavierbauer sind der Meinung, dass ein Flügel seine klanglichen Vorzüge erst ab einer Länge von ungefähr 180 cm ausspielen könne, darunter sei ein gutes Klavier die bessere Wahl. Andere, und dazu gehören viele Pianisten, schwören auch auf kleine Flügel und zwar aus einem ganz anderen Grund: der Mechanik.

Ein Konzertflügel der Firma Sauter aus Baden-Württemberg. Mit 275 Zentimetern eine klangliche Wucht, die in jedem Wohnzimmer überdimensioniert wäre. (Bild: Sauter-Pianos.de)

Klischee Nr. 2: Die Mechanik eines Flügels lässt sich feinfühliger spielen

Stimmt, sofern die Flügelmechanik sauber reguliert ist und regelmäßig gewartet wird. Eine gut justierte Flügelmechanik spielt sich feiner und schneller als die Mechanik eines Klaviers. Zum Beispiel, wenn man dieselbe Taste schnell hintereinander spielen möchte, sofern die eigenen Finger dies überhaupt zulassen. Die Repetitionsmechanik erreicht beim Flügel Geschwindigkeiten von bis zu 16 Tönen pro Sekunde. Beim Klavier liegt dieser Wert bei zwei bis drei Tönen. Der Grund dafür liegt in der Bauweise der Instrumente: Beim Flügel schlägt der Hammer von unten und wird von der Schwerkraft zurückgezogen, während er sich am Klavier horizontal bewegt und naturgemäß länger braucht, um in die Ursprungsposition zurückzukehren. Es gibt zwar verschiedene Klaviermechaniken, die mit Magneten oder Federn den Hammer zurückziehen. Sie sind zwar schneller als herkömmliche Klaviermechaniken, erreichen das Niveau einer Flügelmechanik jedoch nicht. Steingräber bietet solche Klaviere an, ebenso Sauter. Die Preise liegen auf Kleinwagenniveau.
Eine gänzlich andere Frage ist, ob diese Unterschiede für das eigene Spiel überhaupt eine Rolle spielen. Meine Antwort dazu wäre: Wer ernsthaft übt und vor allem in der klassischen Musik unterwegs ist, kann sich auch von Anfang an einen (kleinen) Flügel besorgen, sofern der Platz dies zulässt. Wer eher am Klangeindruck interessiert ist – und dazu zähle ich mich selbst auch – ist mit einem guten Klavier zuweilen besser bedient.

Regulierung einer Flügelmechanik. (Bild: August-Foerster.de)

Klischee Nr. 3: Flügel haben mehr Pedale

Falsch, aber sie funktionieren anders als beim Klavier. Kurz der Reihe nach: Rechts befindet sich bei allen Instrumenten das Haltepedal, englisch Sustain. Es hebt die Dämpfung von den Saiten, damit diese ausklingen können.
Links ist das Pedal zum Leise-Spielen, auf dem Klavier „Piano-Pedal“ genannt, am Flügel „Una Corda“. Nicht nur die Namen sind unterschiedlich, auch die Wirkungsweise ist gänzlich anders auf dem Flügel als beim Klavier. Am Klavier werden die Hämmer ein gutes Stück näher zu den Saiten gebracht, so dass diese mit weniger Schwung auf die Saiten schlagen, was die Lautstärke reduziert. Ganz anders beim Flügel: Das linke Pedal verschiebt die Mechanik um ein paar Millimeter, so dass die Hämmer nur noch zwei statt drei Saiten anschlagen, was den Ton auch leiser macht. Doch en passant geschieht noch etwas anderes: Durch die Verschiebung schlägt der Hammerkopf versetzt auf. Dazu muss man wissen, dass sich durch das Spielen automatisch Rillen im Filz bilden und an diesen Stellen etwas fester wird. Mit gedrücktem Una-Corda-Pedal schlägt der Hammer an einer weniger verdichteten Stelle auf, was den Klang weicher macht. Versierte Pianisten nutzen das Una-Corda-Pedal deshalb in erster Linie, um dem Instrument weitere Klangfarben zu entlocken; gerne drückt man es nicht ganz zum Anschlag, sondern experimentiert mit den feinen Übergängen zwischen den verhärteten und weicheren Zonen des Filzes. Und wem dies alles zu esoterisch klingt, möge es selbst ausprobieren; je nach Alter und Abnutzungsgrad der Hammerköpfe ist der Unterschied beträchtlich.
Viele, vor allem moderne Flügel, besitzen noch ein drittes Pedal in der Mitte. Es hört auf den Namen Sostenuto und ermöglicht es, nur bei den gerade gedrückten Tasten die Dämpfer zu lösen, während alle anderen weiterhin automatisch gedämpft werden. Man kann damit einen Akkord lange klingen lassen und wilde Läufe drüber spielen, ohne dass diese verwischen.
Es gibt auch Klaviere mit Sostenuto-Pedal, z. B. von Sauter, Steingräber und Yamaha. Ansonsten ist das mittlere Pedal beim Klavier, sofern vorhanden, mit dem Moderator gekoppelt, der ein Stück Filz zwischen die Hämmer und die Saiten legt, um die Lautstärke zu verringern. Umgangssprachlich auch Dämpfer genannt, kann der weiche Ton des Moderators auch musikalisch interessant sein.

Klavier:

  • linkes Pedal: verringert die Anschlagsdistanz der Hammerköpfe
  • mittleres Pedal: aktiviert den Moderator (leiser und dumpfer Klang)
  • rechtes Pedal: Sustain

Flügel:

  • linkes Pedal: Una Corda (verschiebt die Mechanik, so dass die Hämmer zwei statt drei Saiten anschlagen)
  • mittleres Pedal: Sostenuto (Sustain für die gerade gehaltenen Töne)
  • rechtes Pedal: Sustain

Das Steingräber 138: ein Klavier mit Sostenuto Pedal und schnell repetierender (Beinahe)-Flügelmechanik. Neupreis? knapp 40 000. Bild: Steingraeber.de

Klischee Nr. 4: Flügel sind teurer als Klaviere

Stimmt, sofern die Qualität vergleichbar ist. Bei gleicher Qualität kosten Flügel desselben Herstellers doppelt bis dreimal so viel wie Klaviere. Die Gründe sind mir auch nicht ganz klar, stecken ja in beiden Instrumenten unzählige Stunden feinster Handarbeit, beim Flügel wegen der besonderen Gehäuseform und der Mechanik noch ein bisschen mehr. Ferner ist es denkbar, dass die Margen bei Flügeln generell ein bisschen höher sind, da sie es in Sachen Stückzahlen nicht mit Klavieren aufnehmen können. Die meisten Kunden kaufen Klaviere, Flügel sind stets die etwas exklusivere Variante. Auf dem Gebrauchtmarkt sieht es hingegen anders aus. Einen alten, unrestaurierten, aber spielbaren Flügel bekommt man schon für 1000,- Euro.

Klischee Nr. 5: Flügel sind lauter als Klaviere

Stimmt. Zumindest bei großen Flügeln ist dies der Fall. Was hingegen auch stimmt: Große Flügel können auch viel leiser gespielt werden. Allgemein gilt, dass mit der Größe des Instrumentes auch die Dynamik wächst – und zwar in beide Richtungen.

Klischee Nr.6: Flügel sind für experimentelle Musik besser geeignet

In der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts ist häufig die Rede von „prepared pianos“. Gemeint sind damit Flügel, in die, nach genauer Anweisung des Komponisten, bestimmte Gegenstände gelegt werden. Zum Beispiel Schrauben, die auf den Saiten liegen und mitschwingen. Dies geht bei einem Klavier natürlich nicht. Für gewisse Stücke von John Cage braucht man unweigerlich einen Flügel.
Hingegen sind am Klavier andere Dinge möglich: Beispielsweise kann man bei geöffneter Frontplatte die Hämmer direkt mit den Fingern anschnippen für sehr perkussive Töne. Oder man hängt ein Stück Stoff, Papier, Alufolie oder was auch immer zwischen Hämmer und Saiten für neue Klänge. Der Pianist Nils Frahm ist bekannt für solche Experimente.

Klischee Nr. 7: Flügel sind nur etwas für Profis

Falsch. Auch Amateure werden ziemlich schnell bemerken, dass sich Flügel anders anfühlen als Klaviere. Nicht unbedingt besser, aber anders. Einige Dinge funktionieren auf dem Klavier besser, andere auf dem Flügel. Klanglich ist es ein anderes Erlebnis: Ein Klavier würde ich mit Near-Field-Monitoren vergleichen: Man sitzt nahe am Klang und hört die Töne sehr direkt, vor allem bei geöffneter Frontplatte.
Am Flügel befindet man sich eher in einer Klangwolke mit mehr Raumtiefe, was nicht nur Vorteile hat. Bei großen Flügeln ist man spürbar weiter vom Klang entfernt.

Fazit

Flügel sind nicht a priori die besseren Instrumente, da es hier auf zahlreiche Faktoren ankommt. Es gibt viele Klaviere, die manch kleinen Flügel klanglich in den Schatten stellen und dabei weniger kosten. Der entscheidende Unterschied ist die Mechanik. Auf einer gut justierten Flügelmechanik lässt es sich präziser und feiner spielen als auf einem Klavier. Außerdem verhalten sich die Pedale anders. Für Jazz und klassische Literatur können diese Unterschiede ins Gewicht fallen.

Forum
  1. Profilbild
    swift  

    Danke für die interessanten und aufklärenden Worte. Ich habe selbst nur ein kleines Piano-Modul. Da ich öfter mal umziehe, wären sowohl Flügel als auch Piano für mich eine ziemliche Belastung ;)

  2. Profilbild
    Herr Mikrobi  

    Wird der Zusammenhang bzw. die Auswirkungen des Pedalverhaltens auf klassische Literatur
    im nächsten Teil vertieft? Frage als Buchhändler…

  3. Profilbild
    EinTon

    >>Zum Beispiel Schrauben, die auf den Saiten liegen und mitschwingen. Dies geht bei einem Klavier natürlich nicht. Für gewisse Stücke von John Cage braucht man unweigerlich einen Flügel.<< Cool klingt auch: Dünne Papierblätter (zB Löschpapier, (Krepppapier könnte evtl noch besser funktionieren, aber das habe ich nicht getestet)) zwischen Saiten und Dämpfer legen. Dazu muss man zunächst die Dämpfer mittels Haltepedal anheben und dann das Papier dazwischenschieben.

  4. Profilbild
    Sebastian Voltz

    Schöner Text, jedoch an zwei Stellen nicht richtig:
    Die Repetition ist bei einem Klavier ganz sicher nicht auf zwei bis drei Töne pro Sekunde beschränkt.
    Und die Werke von Cage für präpariertes Klavier sind eben nicht nur für Flügel komponiert. Cages Angaben beziehen sich auf ein Klavier. Zudem sind die Präparationen nicht aufgelegt, sondern zwischen die Saiten gedreht, aufgelegt flögen sie einfach weg. Leg mal ne Schraube auf die Saiten eines Flügels und kuck was passiert…

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