SPECIAL: Riebes FACHBLATT MUSIKMAGAZIN und seine Geschichte

10. Februar 2018

Deutschlands erstes Musikmagazin

„Endlich, das neue Fachblatt ist da!“

So oder ähnlich haben in den 70ern und 80ern viele Musiker empfunden, wenn die neue Ausgabe des FACHBLATT MUSIKMAGAZINS im Briefkaste lag, im Handel auslag oder am Kiosk gekauft werden konnte. Meistens von der Branche und den Musikern einfach nur FACHBLATT genannt, war das FACHBLATT MUSIKMAGAZIN nicht nur irgendein Musikmagazin, es war  vielmehr eine Institution.

Der Umstand, dass das FACHBLATT viele Jahre das einzige Fachblatt für Musiker war, lange vor Keyboards, Soundcheck und Co., ebnete dem Magazin nicht nur bei Musikern eine eingeschworene Gefolgschaft, sondern hatte auch wirtschaftlich enormen Einfluss auf die Popularität und den Abverkauf von Produkten.

Wir sprechen von einer Zeit lange vor Internet und Google. Wollte man Informationen zu neuem Equipment haben, gab es nur zwei Möglichkeiten, den Handel und das FACHBLATT. Und der Handel hatte sehr schnell verstanden, dass nur Produkte, die im FACHBLATT gut bewertet wurden, sich einfacher verkaufen ließen.

Das FACHBLATT-Monopol hatte aber auch seine Schattenseiten. Meinungsverschiedenheiten zwischen Redaktion und Vertrieben wurden da schon mal öffentlich ausgetragen. Anzeigenboykotts sollten dieses Monopol in die Knie zwingen, Preisanzeigen sollten unterbunden werden und die Branche wartete händeringend auf Erlösung durch Verlage, die Wettbewerber zum FACHBLATT ins Rennen schickten.

Aber erst 1984, 12 Jahre nach der ersten Ausgabe des FACHBLATTs, begannen die Magazine KEYBOARDS und SOUNDCHECK zunächst zaghaft an diesem Monopol zu rütteln. 1986 folgte schließlich GITARRE & BASS und schließlich nach und nach weitere Musikmagazine, die sich auf einzelne Musikergruppen spezialisierten. Genau diese Spezialisierung brach dem einstigen Klassenprimus das Genick. War das FACHBLATT immer ein Heft für die ganze Band, bei dem noch dazu lange der Teil Reportagen  über neue Platten und aktuelle Bands sogar den Instrumenten-Anteil überwiegte, waren Magazine wie KEYBOARDS oder GITARRE & BASS maßgeschneiderte Fachmagazine für spitze Zielgruppen und damit auf lange Dauer auch deutlich erfolgreicher. Unter diesem Gesichtspunkt ist es erstaunlich, dass das FACHBLATT, welches mittlerweile mehrmals den Besitzer gewechselt hatte, erst Ende 1999 endgültig eingestellt wurde. Für viele war das damals das Ende einer Ära und sicher ein Grund zu trauern, auch wenn die letzte FACHBLATT Ausgabe nur noch ein Schatten seiner selbst war.

Riebes Fachblatt

Erstausgaben Riebe’s FACHBLATT

RIEBE’s – Fachblatt für die deutsche Musikszene

Kehren wir zurück zu den Anfängen dieses Magazins, als noch ein vollkommen anderer Name das Cover zierte, kehren wir zurück zum Ursprung 1972, als das FACHBLATT noch „RIEBE’s“ hieß und nur in der Subline mitgeteilt wurde „Fachblatt für die deutsche Musikszene“.

RIEBE’s stand damals für den Erfinder und Gründer dieses Magazins „Hans Riebesehl“. Ein ehemaliger Roadie, der erkannt hatte, dass die deutsche Musikerszene dringend ein „Informations-Medium“ für Musiker benötigte.

Wir haben für euch Hans Riebesehl ausfindig gemacht, besucht und zu einem hoch interessanten Interview gebeten. Geht mit uns auf eine Zeitreise, die 1972 beginnt. Willy Brandt war Bundeskanzler der BRD, Richard Nixon Präsident ist Präsident der Vereinigten Staaten und wird im selben Jahr über die Watergate-Affäre stolpern. Die USA und UDSSR schließen erstmals einen Vertrag zur Eindämmung des nuklearen Wettrüstens. Im deutschen TV wird erstmals eine Folge von STAR TREK ausgestrahlt. Vicky Lendros gewinnt  in Edinburgh den Eurovision Song Contest für Luxemburg. In Schweden gründet sich ABBA, in USA die Hard-Rock-Band VAN HALEN. „Komm gib mir deine Hand“ von Tony Marshall ist der erfolgreichste Hit den Jahres in den deutschen Charts. In UK geht Pink Floyd mit DARK SIDE OF THE MOON auf Tour. Zu den erfolgreichsten internationalen Interpreten gehören 1972 die ROLLING STONES, DAVID BOWIE, NICK DRAKE, NEIL YOUNG, LOU REED, YES, DEEP PURPLE, JETHRO TULL, GENESIS und CAN.

Und … der Moog Minimoog Model D war sicher für Keyboarder in diesem Jahr „THE HOTTEST SHIT ON EARTH“.

Ich wünsche viel Spaß bei unserem Interview mit FACHBLATT-Gründer Hans Riebesehl.

Interview mit dem Gründer Hans Riebe

Peter:
Ich habe mich mal ein wenig schlau gemacht, bevor das mit Riebe’s Fachblatt, warst du Roadie. Wie muss man sich das vorstellen? Wie war das damals?

Hans:
1965 hatte ich als Kamerahilfe beim TV-Beat-Club von Radio Bremen erstmals Kontakt zu damals schon richtig bekannten Gruppen aus England und den USA. Sie hatten alle Begleiter dabei, die sich um die Band selbst (als Tour Manager) und solche, die sich als Roadmanager um das Equipment (meist nur Gitarren, denn die Verstärker wurden vom Sender gestellt) kümmerten. Da ich in jenen Jahren auch schon als Veranstalter tätig war, stellte ich fest, dass Deutschlands damals bekannteste Gruppe, die RATTLES, keinen Roadmanager hatten. Als ich die RATTLES dann für einen Dreifach-Gig (drei Auftritte an drei verschiedenen Orten am selben Tag) engagierte, habe ich das so gut vorbereitet, dass alles „in time“ funktionierte. Sie boten mir an, ihr Roadie zu werden, was ich dann auch tat. Sie waren die erste Band in Deutschland, die einen festen Roadie hatten. In den folgenden Jahren habe ich sie dann deutschlandweit landauf landab im Ford Transit zu den Auftrittsorten gefahren, die Anlage auf- und abgebaut, mich um Getränke und Essen gekümmert und mit den Veranstaltern abgerechnet. Sehr bequem für die Band, sie brauchten „nur“ noch auf die Bühne zu gehen und zu spielen, alles andere nahm ich ihnen ab. Allerdings war die Anlage nicht sehr umfangreich, alles passte in den Ford Transit, auch die Band. Als die RATTLES dann Ende der 60er Jahre nicht mehr so angesagt waren, wechselte ich zu FRUMPY. Hier war die Anlage schon etwas umfangreicher, ein Mercedes 813 mit Doppelkabine wurde benötigt und ein zweiter Roadie kam dazu. Immer noch fuhren Band, Roadies und Anlage gemeinsam von Gig zu Gig.

Peter:
Wie kommt ein Roadie auf die Idee, ein Musik-Magazin zu gründen?

Hans:
Da wir ja in vielen verschiedenen Städten spielten und immer mal irgendwas gebraucht wurde, seien es Saiten, Plektren, Drumsticks oder auch mal eine Ersatz-Röhre für einen Verstärker, lernte ich viele Musikgeschäfte kennen. Hier fielen mir immer wieder die Pin-Wände mit kleinen Zetteln auf, wo Bands Musiker suchten oder Musiker Anschluss an Bands oder auch mal gebrauchtes Equipment angeboten wurde. So reifte die Idee, dass man diese Infos mal bündeln sollte, denn so ein Zettel in einem Musikgeschäft erreicht ja nicht so viele. Auch hatte ich inzwischen ein umfangreiches Wissen um die (Un-)Zuverlässigkeit von Veranstaltern angesammelt und von fast jeder Autobahn-Raststätte wusste ich, ob sie zu empfehlen war oder man besser vorbeifahren sollte.

Peter:
Hast du für die ersten Ausgaben des Magazins eine Finanzierung benötigt oder habt ihr einfach losgelegt? Wie muss man sich die Premiere der ersten Ausgabe vorstellen?

Hans:
In meiner 1-Zimmer-Wohnung in Hamburg St. Pauli war inzwischen eine WG entstanden, die nur aus Roadies bestand. Unter anderem wohnten dort Norbert Demski, der heutzutage Udo Lindenbergs Livesound-Mixer ist, Bernd Gutt, der bis vor kurzem Chef der Lautsprecher-Anlagen im Hamburger Volkspark-Stadion war und Walter Rudat, der Deutschlands erster Veranstaltungs-Meister wurde. Zum Freundeskreis gehörten aber auch einige Leute, die mit Zeitungen zu tun hatten. So kreisten die Gedanken immer wieder um die Idee: Lass uns doch mal diese Zeitung angehen. Nur, wir hatten ja kein Geld, denn unsere Gagen als Roadies waren doch sehr bescheiden und reichten mal gerade so für Miete, Telefon und Essen. Aber irgendwie hat es dann doch geklappt, eine Nullnummer war zusammengeklebt und nun fehlte uns nur noch eine Druckerei. Und ein Vertriebsnetz.

Peter:
Klingt nicht so, als wäre das FACHBLATT als richtiges Magazin geplant gewesen.

Hans:
Von Anfang an wollten wir keine „richtige“ Zeitung/Zeitschrift sein, sondern das Fachblatt sollte allen Interessenten kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Und da bot sich an, den Vertrieb über die Musikgeschäfte zu organisieren. Ich schrieb dann aus den in einem großen Postamt ausliegenden Telefonbüchern der gesamten Bundesrepublik die Adressen der Musikgeschäfte heraus. Es waren über 250 Stück. Inzwischen hatte sich eine kleine Druckerei bereit erklärt, die Null-Nummer zu drucken, wenn sie dann auch den Auftrag für die folgenden Hefte erhalten würde. So entstand die Null-Nummer und diese wurde an die Geschäfte verschickt mit der Anfrage, ob man bereit wäre, die folgenden Ausgaben kostenlos zu verteilen. Dazu wurden noch alle erreichbaren Redaktionen bemustert mit der Bitte, über dieses neuartige Informationsportal für Musiker zu berichten. Das Echo war überwältigend. Fast alle Läden waren bereit, das Fachblatt zu verteilen und die Portokosten zu übernehmen. In vielen Zeitschriften und in Radiosendungen wurde das Fachblatt erwähnt und es kam unglaublich viel Post. Auch das Telefon stand kaum noch still.

Peter:
Zu Beginn war das ja kostenlos. Wie habt ihr da eure Kosten gedeckt?

Hans:
Von Anfang an wollten wir die Kosten durch den Verkauf der Anzeigen decken. Das war dann aber gar nicht so einfach. Große Firmen hatten kein Interesse, denn sie verkauften ihre Sachen ja auch so. Und Anzeigen von kleineren Läden führten oft dazu, dass andere Läden in der jeweiligen Stadt das Fachblatt nicht mehr verteilen wollten (…wir machen doch keine Reklame für unsere Konkurrenz!…) Es war sehr viel schwieriger als gedacht, aber nun retteten uns die vielen Abonnenten. Sie schickten uns jeweils 10 D-Mark in bar im Briefumschlag, damit sie die nächsten 10 Ausgaben direkt mit der Post erhielten. So hangelten wir uns von Ausgabe zu Ausgabe und nach etwa einem Jahr kamen dann auch endlich mal größere Anzeigenaufträge. Besonders geholfen haben uns Anzeigen von Paiste und Farfisa. Die Platten-Industrie hielt sich vornehm zurück und inserierte lieber in der „Bravo“. Hätte unsere Druckerei nicht soviel Geduld mit uns gehabt, wären wir wohl schon bald wieder von der Bildfläche verschwunden. Aber letzten Endes hat sie immer alle Rechnungen bezahlt bekommen.

Peter:
Wer waren deine ersten Mitarbeiter und wie muss man sich damals so einen Redaktionsverlauf vorstellen?

Hans:
Die eingehenden Zuschriften wurden zunächst gelesen und nach Rubriken vorsortiert. Dabei musste man sehr drauf achten, alles, auch den Umschlag und beiliegende Bilder (die sofort auf der Rückseite beschriftet wurden), zusammen zu tackern, denn viele Briefschreiber hatten zwar den Absender auf dem Umschlag geschrieben, nicht aber auf den eigentlichen Brief. Verschiedene Menschen haben dann aus den Briefen die Artikel für das Heft auf einer normalen Schreibmaschine geschrieben. Einer machte die Band-Vorstellungen, ein anderer die Veranstalter-Tipps und  wieder ein anderer kümmerte sich um die Kleinanzeigen. Immer, wenn etwas fertig geschrieben war, ging unsere Schreibmaschinen-Beste-Mitarbeiterin mit diesen Texten in das Redaktionsbüro der „St. Pauli-Nachrichten“, deren Chef uns freundlicherweise erlaubt hatte, abends und nachts deren „Composer“ zu benutzen. Das war eine spezielle Kugelkopf-Schreibmaschine, mit der man verschiedene Schrifttypen erzeugen konnte und die vor allem „Block-Satz“ konnte. Wenn dann alles fertig gesetzt worden war, klebte ein Grafiker diese Texte für jede Seite auf eine DIN-A3 große Pappe, markierte die Stellen, wo Bilder hin sollten und in der Druckerei wurden dann Druckplatten hergestellt.

Einer der ersten Anzeigenkunden 1972: ARP

Peter:
Wieso Riebe’s Fachblatt? Ist euch kein besserer Name eingefallen oder fandet ihr das einfach nur kultig?

Hans:
Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo das Kind einen Namen haben musste. Schon lange war unser Arbeitstitel „Fachblatt (für die deutsche Musiker-Szene)“ und weil „Fachblatt“ alleine allen zu wenig war, schlug irgendjemand vor, warum nicht „Riebe’s Fachblatt“. So kam es zu dem Namen. Der damals in Hamburgs Musik- und Zeitungsszene sehr bekannte Fotograf Jens-Arthur Carstens hatte zudem während der Layout-Arbeiten von uns Bilder gemacht und allen gefiel das Bild von mir am besten. So bin ich dann eben auch auf dem Titel gelandet. Aber es war ja auch irgendwie insgesamt meine Idee gewesen, so eine Zeitschrift überhaupt zu machen.

Peter:
Kannst du dich noch erinnern, wie sich die Auflagenzahlen damals entwickelt haben?

Hans:
Von der ersten Ausgabe wurden 15.000 Exemplare gedruckt und verteilt. Ab der zweiten haben wir zunächst 20.000, dann wurden 25.000 und einmal sogar 35.000 gedruckt.

Peter:
Irgendwann wolltest du dich vom Magazin wieder lösen. Wieso und wie kam es dann zum Verkauf?

Hans:
Im Laufe der Jahre hatten wir immer das Problem mit den zu geringen Einnahmen aus dem Anzeigenverkauf. So konnten wir keine festen Löhne zahlen und waren auf die freiwillige Mitarbeit von vielen Mitarbeitern angewiesen. Also herrschte eine ständige Ebbe in der Kasse. Zudem hatte ich immer mehr das Gefühl, dass die meisten Leser das Fachblatt nur als „Info-Blättchen“ betrachteten und nicht, wie es eigentlich gedacht war, auch ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen. Wir konnten ja auch nicht alle Infos, die uns erreichten, auf Wahrheitsgehalt überprüfen. So habe ich einmal erlebt, dass uns eine MuSuGru (Musiker sucht Gruppe) Kleinanzeige erreichte, in der ein Profi-Drummer eine Band suchte. Und ich wusste von einer Band, die ganz in seiner Nähe wohnte und dringend einen neuen Drummer suchte. Also rief ich die Telefonnummer an und bekam von der Mutter zu hören: „Nein, das Fritzchen ist nicht da, der ist noch in der Schule.“ Wie sich dann herausstellte, war das Fritzchen mal gerade 14 Jahre alt und hatte sein Schlagzeug erst seit Weihnachten … Und wirkliche Profis haben sich auch kaum an dem Info-Austausch beteiligt, kurz, ich glaubte, dass unsere Vorstellungen nicht erreicht wurden und unsere ganzen Bemühungen „Perlen vor die Säue“ waren. Immerhin hatte sich im Sommer 1974 eine Anzeigenagentur bei uns gemeldet und wir waren uns schnell einig: Die Agentur akquiriert  und verwaltet die Anzeigen einschließlich des Besorgens der Druckvorlagen und wir bekamen bei Vorlage des gedruckten Heftes die Gesamtsumme der Anzeigenerlöse abzüglich einer Gebühr von 15 Prozent. So konnten wir uns das mühselige Verkaufen der Anzeigen sowie deren Berechnung und das Überwachen der Bezahlung ersparen. Eine Riesen-Erleichterung für mich! Aber irgendwie war für mich die Luft raus aus dem Fachblatt-Projekt und ich überlegte, was ich denn sonst mal machen könnte.

Peter:
Verkauft hast du es dann an einen Herrn Böhler. Wann war das und wie viel Geld hast du damals für die Rechte bekommen?

Hans:
Klaus Böhler aus Köln, der Inhaber der Anzeigenagentur, hatte natürlich mitbekommen, dass ich die Lust am „Fachblatt-Machen“ verloren hatte und kurz davor war, alles hinzuschmeißen und was anderes zu tun. So bot er an, mir den Titel „Riebe’s Fachblatt“ abzukaufen, um es mit eigener Redaktion von Köln aus weiterzumachen. Ich fand die Idee gut, denn so einfach sterben lassen wollte ich „Riebe’s“ ja auch nicht. Aber was wäre ein fairer Preis? Auf seine Vermittlung hin wurde ich dann vom „Bundesverband der Zeitschriften-Verleger“ beraten. Dort hat man mir dann eine missverständliche Info gegeben. Als Verkaufspreis für solche Rechte an Zeitschriftentiteln sei der durchschnittliche Umsatz in den letzten drei Jahren anzusetzen. Bei mir kam diese Info so an, dass das pro Ausgabe sei. In Wirklichkeit war aber der Jahresumsatz gemeint. Naja, ich habe mich dann darauf eingelassen und etwa 25.000 DM von Böhler bekommen, eigentlich hätte es das 12-Fache sein müssen. Als ich das dann einige Jahre später zufällig erfuhr, war es zu spät, noch mal Einspruch einzulegen. Und mir war es ehrlich gesagt auch völlig egal. Die Summe reichte für die Anschaffung meiner ersten Profi-Lichtanlage mit 36 1000 W-Altman-Lampen nebst 18-Kanal-Mischpult, Masten und allem Zubehör. Und die Grundüberholung meines alten Ford Transit war auch noch mit drin.

Ebenfalls früh vertreten: MOOG

Peter:
Eine der ersten Amtshandlungen von Herrn Böhler scheint die Streichung „Riebe’s“ im Magazin-Namen gewesen zu sein. Hat dich das damals getroffen?

Hans:
Nein, das hat mich nicht wirklich interessiert. Ich war so mit meiner Lichtanlage beschäftigt, dass ich die „neuen“ Fachblätter gar nicht mehr wahrgenommen habe und die regelmäßig ankommenden Freiexemplare meist ungelesen weiter verschenkte. Die Episode „Riebe’s Fachblatt“ war für mich durch.

Peter:
Hast du es später nie bereut, das Magazin verkauft zu haben?

Hans:
Nein, habe ich nicht, außer einmal: Böhler hatte, nachdem er mit seiner professionellen Redaktionscrew das „Fachblatt Musikmagazin“ zum stattlichen regelmäßig erscheinenden Werbeblatt der Musik-Instrumenten-Industrie gemacht hatte, den Titel für eine mehrstelligen Millionen-Betrag an die WAZ-Zeitungsgruppe verkauft. Da habe ich doch ein bisschen geärgert, damals so wenig für die Grundidee (und all die Mühen von meinen vielen Mitarbeitern) bekommen zu haben. Aber das von ihm verkaufte „Fachblatt“ hatte ja rein gar nichts mehr mit unseren selbstgestrickten Heftchen zu tun. Also was soll’s!

Peter:
Bist du in den Folgejahren der Musikbranche treu geblieben oder hast du umgesattelt?

Hans:
Umgesattelt hatte ich vom Roadie zum Zeitungs-Macher. Nun ging es „back to the roots“. Schon während der Fachblatt-Zeit hatte ich für Otto Waalkes als Roadie dessen Technik auf seinen ersten Tourneen betreut, war mit einer Karibik-Band (die u.a. aus Liz Mitchel, der späteren Boney M Leadsängerin bestand) auf einer dreiwöchigen DDR-Tournee und hatte meine England Kontakte gepflegt. Meine Lichtanlage war den in England zu mietenden durchaus gleichwertig, aber weil die mit ihren Trucks immer hohe Fähr-Kosten hatten, konnte ich etwas billiger sein. So bekam ich schnell viele Jobs und war u.a. mit Rory Gallagher (den ich schon aus meiner Rattles/Star-Club-Zeit kannte) und den von der gleichen Agentur vertretenen Status Quo auf ausgedehnten Europa-Tourneen. Und als Udo Lindenberg dann erstmals auf große Deutschland-Rundreise ging, saß ich am Lichtmischpult.

Peter:
Riebes und seine Lichtanlage waren offensichtlich ein ertragreiches Duo?

Hans:
Ja, absolut. Ein Höhepunkt war die erste „Rockplast-Nacht“ 1977 in Essen, wo ein großer Teil der dort eingesetzten Lichtanlage mir persönlich gehörte. Allerdings kam dann kurz danach der große Knall: Als bei einem Open-Air-Festival das Publikum erfuhr, dass alle großen Head-Liner-Bands nicht auftreten würden, wurde das gesamte Festivalgelände einschließlich der Bühne kurz und klein gehauen. Die Versicherungen weigerten sich, den Schaden zu ersetzen und beriefen sich auf „Höhere Gewalt“. So war ich von heute auf morgen völlig pleite.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Für mich ein Interview Highlight! Gar nicht so sehr wegen der Geschichten, sondern ob der vielen Wendungen und der für mich guten Einstellung. Hut ab und weiterhin alles Gute, vor allem Gesundheit.

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    iggy_pop  AHU

    „Und wirkliche Profis haben sich auch kaum an dem Info-Austausch beteiligt, kurz, ich glaubte, dass unsere Vorstellungen nicht erreicht wurden und unsere ganzen Bemühungen „Perlen vor die Säue“ waren.“ — Das glaube ich allerdings nicht: Unvergessen die Kontaktanzeige, daß eine Hannoveraner Hardrockband, gut gebucht, erfahrenen Sänger sucht. Kontakt: Scorpions z. Hd. Rudolf Schenker. Muß so um 1971/72 gewesen sein.
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    „Kann man sich heute kaum mehr vorstellen, dass eine wütende Menge vin Konzertbesuchern die PA kurz und klein haut.“ Das lief auch in Scheessel 1977 sehr überzeugend ab, und anschließend haben die Angels dann noch die Bühne abgefackelt. Klaus Schulze bekam noch mit Mühe und Not sein Set von der Bühne geholt. Andere hatten da nicht so viel Glück. Seither gibt’s ja auch drei Kilometer Todesstreifen vor der Bühne, wo keiner rein darf.
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    Ebenso unvergessen: Die Aufkleber-Cover — „Ich bin doof, ich mach Musik.“ Den hätte ich gerne wieder.
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    Noch unvergessener: Der Kleinanzeigenteil. „EMS VCS-3 Synthesizer aus dem Besitz von Pink Floyd, 1.500 DM“, „Korg PS-3300 Synthesizer, prima für experimentelle Musik, 4.500 DM“. Das tut weh.
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    Das erste Mal einen Mini Moog gesehen („ist der aber klein!“), und ein Plastikburger auf dem Synare bei SSB.
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    Sehr schöne Story, danke dafür.

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    costello  RED

    Danke für diese Supergeschichte!!! Das Fachblatt war wirklich die Bibel und Gerald Dellmann für die Keyboarder mindestens der Papst – um nicht höher zu greifen. Wenn er seinerzeit über den Crumar Organizer T1 schrieb, dass der Bassteil bombastische, fast synthesizerähnliche Klänge erlaubt, dann war das Teil so gut wie gekauft. An die großen Anzeigen vom Synthesizerstudio Bonn kann ich mich auch noch gut erinnern. Speziell für den Banana, der nicht ganz zufällig an das Design der Oberheim-Synthesizer angelehnt war. Schön hier mehr über die Anfänge zu erfahren, wobei Riebes Ära vor meiner aktiven Musikerzeit lang.

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      Dirk Matten  RED

      Das FACHBLATT stand für die deutsche Rockmusik-Szene als Gegenbewegung und als Abgrenzung zur angloamerikanischen und zur spießigen Alleiunterhalter-, Musikschul- etc. Szene. KEYBOARDS schaffte mit Gerald Dellmann das Unmögliche, nämlich diese Gegensätze in einer Musikinstrumentengattung zusammen zu fassen und dem übergeordneten Begriff der schwarz-weißen Tasten unterzuordnen. Schrecklich. Identitätsstiftung ade.
      Ich muss mal überlegen, wann der Spaß an meiner Arbeit in meiner Firma in Sarkasmus umgeschlagen ist, habe sie dann mehr in Richtung Gesamtkunstwerk gestaltet.

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        costello  RED

        Die Entwicklung war aber auch logisch, denn mit Ausnahme des Studio/Recording-Sektors hat sich ja keine Instrumentengattung so dynamisch entwickelt wie der Keyboard-Bereich. Da war ein eigenes Fachblatt schon gerechtfertigt. Und die Abgrenzung zu Tanzmuckern war vielleicht in den 70ern noch ein Thema. Seit ich in Brüssel mal in einer reinen Cover-Band gespielt habe, denke ich da anders drüber. Der Bassist hatte bei Kirmesveranstaltungen etc. hunderte von Auftritten gehabt und war so was von versiert – eben einfach ein guter Musiker. Und Amazona.de berichtet ja auch diskriminierungsfrei z.B. über den Xenos. ;-)

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            Markus Galla  RED

            Haha, das gefällt mir.
            Das spätere Fachblatt hat mir nie gefallen. Irgendwann war alles oberflächlich. Keyboards war zu Beginn sehr gut. Ich habe die Zeitschrift geliebt. Die Synth-Presets für DX, CZ & Co waren cool. Habe unendlich viele davon eingetippt. Die Noten für Orgel, Piano und Keyboards von WW waren auch richtig gut. Es war eine unglaublich hohe Fachkompetenz in der Redaktion vertreten. Später auch bei G&B. Da konnte das Fachblatt nicht mithalten. Aber: Irgendwann wurde alles zu kommerziell – immer mehr Anzeigen, immer weniger Inhalt. Später dann S&R und Keyboards wurde dünner und dünner und schließlich mehr Beilage als Fachzeitschrift. Chord Charts, die es im Internet kostenlos gibt (und in besserer Qualität) statt Noten, noch mehr Werbung. Als langjähriger Abonnent habe ich mich dann verabschiedet. Richtig cool war Solo – das Musikermagazin. Da habe ich mal als Autor gearbeitet. Das hatte den frühen Geist des Fachblatts. Über Christoph Rocholl und ein Abo des Nachfolgers Tools 4 Music bin ich dann wieder als Autor bei der Tools gelandet. Für mich bis heute das beste Magazin für Beschallungstechnik am Markt – und das sage ich nicht, weil ich für die Tools schreibe. Es gibt kaum irgendwo bessere und kritischere Testberichte und die Hersteller dürfen einen Kommentar abgeben. Und Amazona und Bonedo sind online maßgebend und richtungsweisend.

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        Theo Möbus  

        Früher gab es eine Krautrock-Szene sogar in deutschen Dörfern. Heute sind dort die Fanfarenzüge wieder auf dem Vorrrmarrrsch. Das sollte uns allen schwer zu denken geben. Wird wieder Zeit für eine Gegenbewegung! ;)

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      moogist  

      Dellmann der Papst?! – Mit „Karl der Käfer“ hat er – zumindest bei mir – viel Credibility eingebüßt…

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        Markus Galla  RED

        Zumindest hatte er einen Hit und durch Rolf Zuckowski und „Die Rinks“ wurde er ja noch einmal aufgewärmt. Als Papst würde ich ihn auch nicht bezeichnen. Eher als aufstrebenden Bischof, der dann irgendwann die Dollarzeichen in den Augen hatte. Zumindest kommt es mir rückblickend so vor. Aber was soll’s, wer weiß, wie man selbst in seiner Situation gehandelt hätte, schließlich ist es für die Printmedien durch das Internet nicht leichter geworden. Dieser Ausverkauf von Keyboards und S&R hin zu einem Anzeigenblatt mit einigen oberflächlichen Testbeilagen ist mir aber nach wie vor ein Rätsel. Aber alles hat eben seine Zeit und vielleicht war die Zeit jetzt auch einfach vorbei. Dass er eine Idee in den Anfangstagen der Keyboards so konsequent und gut umgesetzt hat, sollte ihm aber nicht abgesprochen werden.

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    Wellenstrom  AHU

    „Zu den erfolgreichsten internationalen Interpreten gehören 1972 die ROLLING STONES, DAVID BOWIE, NICK DRAKE, NEIL YOUNG, LOU REED, YES, DEEP PURPLE, JETHRO TULL, GENESIS und CAN.“

    Hahaha, so sympathisch das ja ist – in dieser Liste sehe ich CAN und Nick Drake sehr gern, aber so wirklich international kommerziell erfolgreich waren sie da nicht. Nick Drake ist leider erst sehr spät nach seinem Tod zu dem Ruhm gekommen, den er zu Lebzeiten verdient hätte.

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    Spartakus

    Ich habe damals auch regelmäßig das Fachblatt gelesen. Zeitweise war der Stapel mit den alten Zeitschriften über einen Meter hoch. Ich habe sie dann im Ofen verbrannt. Was will man sonst damit machen ?

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      Theo Möbus  

      Was man damit sonst machen will? Na, Leuten überlassen, die ihre Freude mit den Heften gehabt hätten. Verfluchte Wegwerfgesellschaft!

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        Markus Galla  RED

        Ich habe kürzlich Keyboards-Ausgaben von 1984 bis 2014 entsorgt, Ausgaben der S&R seit der Erstausgabe, G&B, Soundcheck und ja, auch einige wenige Fachblätter. Die große blaue Tonne war am Ende so schwer, dass man sie kaum noch bewegen konnte. Sie reichte noch nicht einmal…..es wurde noch bestimmt ein halber Altpapier-Container damit gefüllt :-)

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    psv-ddv  AHU

    Wunderbar! Danke für den Erinnerungszirkus.
    Damals nach der Schule immer als Erstes, wie von der Tarantel gebissen, zum Kiosk gerannt wenn das neue Fachblatt rauskam. …als Keyboarder.

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    Atarkid  AHU

    Mein Kumpel und ich haben als 7-10 Jährige das Fachblatt regelmäßig von seinem großen Bruder geschnorrt und dann die ganzen abgefahrenen, unerreichbaren Geräte angehimmelt. Stundenlang… Tagelang… Und das Highlight war dann das Nachbauen diverser Geräte aus Karton, Folien usw.. So zum Beispiel Linndrum (sah geil aus! ^^). GAS kenn ich dank Fachblatt also schon seit Kindesalter :)… Sehr cooles Fachblatt-Special!!!!

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    sabsipink  

    …. nach der Schule zum Kiosk ….. genau so war es bei uns auch ….. und dann sehr lange alles gehortet und gesammelt.
    ….. irgendwann hat man dann eine Baustelle und befreit sich von allen Zeitschriften.
    Sehr guter Artikel ……besten Dank

  9. Profilbild
    k.rausch  RED

    Die Kleinanzeigen im Fachblatt waren Institution und für so manchen An- und Verkauf in der Szene nicht ganz unbedeutend. Musugru und Grusumu war der Spiegel der Welt der Proberäume, Open Air Bühne und welchen in Hallen. Die sich Gitarristen mit allen anderen Musikern geteilt haben. Auch den Typen an den Drums :)

  10. Profilbild
    mdesign  

    ja, ohne die FB-kleinanzeigen wäre das regelmäßige umbauen der keyboardburg bei mir kaum möglich gewesen. ein bisschen geduld war dazu allerdings manchmal nötig, wenn man den redaktionsschluss verpasst hatte und dann vier wochen auf den nächsten warten musste…

  11. Profilbild
    moogist  

    Ohne das FACHBLATT hätte ich die 80er Jahre (musikalisch) kaum überlebt :-)
    Neben den vielen hervorragenden Instrumententests möchte ich auch an die tollen, oft viele Seiten umfassenden Interviews von Andreas Hub und Kurt Kölsch erinnern: Spliff, Mitteregger, Kate Bush, BAP, Pretenders, Wolf Maahn und und und….

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      iggy_pop  AHU

      Andreas Hub, einer der letzten guten Musikjournalisten, die in diesem Land tätig werden durften (macht er eigentlich noch was? — EDITH: Ich fürchte, er wird nie wieder etwas machen, denn anscheinend ist er im vorletzten Jahr von uns gegangen: http://ruh.....dreas-hub/). Gute Schreibe, kombiniert mit profunder Sachkenntnis — das gibt’s heute nicht mehr.
      .
      Andilein und das Mercedilein (und der Weihnachtsteller…) — aber das wäre Stoff für andere Geschichten.
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  12. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Das FB war 1982-83 zusammen mit Bernd Schreibers „Synthesizer-Handbuch“ meine einzige Informationsquelle auf der Suche nach dem ersten Synthie. Dafür bin ich dann auch mit dem Zug 30 Kilometer zum Musikhaus Wondra in Nürtingen gefahren, weil die den Juno-6 noch ein paar Hunderter günstiger verkauften. Das „Keyboards“ hatte ich auch viele Jahre abonniert, als es aber immer dünner wurde gekündigt. Nun verlasse ich mich auf online-Angebote wie Amazona und sonicstate, aber die Leser-Sound-Rubrik fehlt mir etwas…

  13. Profilbild
    anttimaatteri  

    Damit bin ich aufgewachsen :D. Das war mein Internet damals ^^.

    Ich hatte mal ne Ausgabe, da ging es um einen Percussionisten/Drummer, der wirklich aus fast allem irgendwelche Sounds erzeugt hatte, und wenn er nur die Tischplatte bearbeitet hatte. Der Typ war vällig verrückt :D.
    Ich komm einfach nicht mehr auf seinen Namen.

    wäre cool falls sich jemand erinnert und mir den Namen nennen kann!

  14. Profilbild
    gaffer  AHU

    Was in dem Artikel angedeutet wird, aber für mich nicht deutlich genug herauskommt: dieses Blatt veränderte die ganze Musikladenszene. Es kam eine neue Generation von Musikalienhändlern hoch, die mit geringeren Spannen arbeiteten und angesagte Produkte aus England oder USA importierten. Die sind jetzt natürlich auch schon im Rentnenalter, aber das hat die damals völlig verschnarchte Szene extrem durchgeschüttelt. Da wurden rotzfrech Preise abgedruckt, welch ein Frevel, der Preisvergleich wurde möglich und wahrscheinlich sind einige mit dem Heft in der Hand zu ihren Dealer gegangen und haben dem mal gezeigt wo der Frosch die Locken hat. War spannend. Ich hatte fast alle gekauft, egal was.

    Heute sieht die Situation so aus, dass Keyboards oder S&R es nichtmal schafft eine zeitgemässe Version eines Musikermagazins z.B. fürs iPad herauszugeben, einfach das Heft als pdf zum gleichen Preis ist ein Versuch, aber kein guter. Die werden’s auch noch stecken

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