Test: Accutronics Hallspirale, Federhall

6. September 2014

Edler Vintage Sound für 30,- Euro

Wir elektronischen Musiker sind doch dauernd auf der Suche nach neuen Klängen. Sobald ein neues Instrument vorgestellt wird, lechzen wir alle nach Rezensionen und pilgern nach Frankfurt, um in den heiligen Hallen die ersehnte Kunde der neuen Klangerzeuger direkt von den Heilsbringern aus allen Herren Ländern zu vernehmen. Zu einem gewissen Grad sind wir Synthi Freaks eben auch Nerds, denen der simple Anblick edler Technik die Augen zum Glänzen bringen. Und die sich auch gerne nächtelang darüber unterhalten, ob denn die neue Workstation X dem Konkurrenzmodell Y vorzuziehen sei, und welcher Vintage Chorus denn am besten klingt und dass der Minimoog der Baureihe Z soooo viel besser klingt als alle Modelle mit einer Seriennummer höher als …  Manchmal verlieren wir ob all der Technik auch ein bisschen den Blick fürs Ganze und das Ziel aus den Augen.

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Hier soll es für einmal um den vielbeschworenen Vintage Sound gehen, von dem natürlich jeder wieder seine eigenen Vorstellungen hat. Jeder kocht da sein eigenes Süppchen, die Rechnung ist meistens gesalzen. Für Vintage Equipment wird man sein Geld schneller los, als dass man das Wort „Röhrenverstärker“ buchstabieren könnte. Zudem wird der eigene Fuhrpark immer größer, Freunde werden mit Freikarten zum Konzert gelockt, auf dass sie sich danach als Rowdy kumpelhaft am Aufbau beteiligen dürfen, auf der Bühne wird der Platz immer enger und drei Stromsteckleisten reichen schon lange nicht mehr aus, um alle Geräte mit dem heiligen Saft der Elektrizität zu speisen. Bleibt bloß die Frage: Spielen wir dadurch auch besser? Mein Vorschlag wäre: Reduce to the max. Manchmal reichen ein, zwei interessante Vintage Geräte, um authentischen Vintage Sound zu produzieren, während der Rest durchaus aus dem digitalen Multieffekt-Gerät oder dem iPad kommen darf. Und um ein kleines Helferlein, das jeden erdenklichen Sound gleich mal in die 60er Jahre katapultiert, geht es in diesem Test.

Zur Sache Hallspirale

Ich möchte heute eine Lanze brechen für den altehrwürdigen Spiralhall, wie man ihn häufig in Gitarrenamps und ganz selten in alten Synthesizern findet; bekannt waren dafür der ARP 2600 und der wunderbare EMS Synthi AKS. Seit einigen Jahren werden Spiralhallgeräte auch als eigenständige Effekte verkauft: Danelectro, Vermona und der schwedische Hersteller KNAS Ekdahl bieten entsprechende Geräte mit mehr oder weniger Schnickschnack zu dreistelligen Preisen an. Dabei kriegt man einen simplen Spiralhall auch schon für 30,- Euro, halt nicht im Musikladen, sondern beim Elektronikfachgeschäft oder im Netz. Gedacht sind sie als Ersatzteile für Gitarrenamps; wie wir später sehen werden, funktionieren sie auch tadellos als eigenständige Effekte. Der wohl bekannteste Hersteller ist Accutronics, der auf seiner Website vier Hallspiralen in zwei Längen anbietet. Mittlerweile werden sie in Südkorea von der Firma Accu-Bell hergestellt und über lokale Partner weltweit vertrieben.

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Transducer2

 

Historisches zum Federhall

Hier nur ein Abriss – ein ausführliches Special zur Entstehung finden Sie auf AMAZONa.de HIER.

Als Erfinder der Hallspirale gilt kein geringerer als Laurens Hammond, der seinen Orgeln, die damals als platzsparende Alternative zu Kirchenorgeln galten, etwas mehr akustisch-räumliche Tiefe verleihen wollte. Dass die Spring Reverb Einheiten über einen Meter lang waren, fiel bei den eher üppigen Dimensionen der Hammond Orgeln kaum ins Gewicht. Mit der Transistortechnologie hielt die Miniaturisierung auch bei Hammond Einzug, und man experimentierte mit verschiedenen Formen und Materialien, bis man Anfang der 60er Jahre auf die Idee kam, drei relativ kurze Federn in einem Metallgehäuse zusammenzufassen. Dies überzeugte unter anderem auch einen gewissen Leo Fender, der diese neuen und kompakten Hallkisten in seinem neuen Verstärkermodell verbaute: dem TWIN REVERB. Ein Amp, dem man einen gewissen Kultstatus nicht absprechen kann.

Eine Hallspirale in einem Hammondverstärker.

Alter Hammond Verstärker mit Hallspirale

Seither hat sich am Design der Hallspiralen kaum etwas verändert. Und das ist auch gut so. Das Prinzip ist denkbar simpel: Über einen Input Transducer wird das Signal auf das eine Ende einer spiralförmigen Feder übertragen und am anderen Ende wieder abgegriffen. Die Feder wird dadurch in Schwingung versetzt, sie klingt ein bisschen nach, was einem simplen Hall entspricht. Dass man damit keinen Konzertsaal imitieren kann, versteht sich von selbst.

Der Schematische Aufbau einer Hallspirale. (Quelle: oberlin.edu)

Der schematische Aufbau einer Hallspirale. (Quelle: oberlin.edu)

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    cubchris

    Vielen Dank für den super Tipp. Welche Ausführung wäre am besten für die Verwendung mit dem Mischpult geeignet?

    DIGIT #2 – INPUT IMPEDANCE
    A = 10 Ohm
    B = 190 Ohm
    C = 240 Ohm
    D = 310 Ohm
    E = 800 Ohm
    F = 1925 Ohm

    DIGIT #3 – OUTPUT IMPEDANCE
    A = 600 Ohm
    B = 2575 Ohm
    C = 12000 Ohm

    DIGIT #5 – CONNECTORS
    A = Input Grounded / Output Grounded
    B = Input Grounded / Output Insulated
    C = Input Insulated / Output Grounded
    D = Input Insulated / Output Insulated
    E = No Outer Channel

    • Profilbild
      Martin Andersson  RED

      Danke für die Blumen; das liest und hört man sehr gerne!
      Zu Deiner Frage: meiner Erfahrung nach funktionieren alle Hallspiralen gleichermaßen gut mit einem Mischpult. Wichtig ist nur, dass das Wet-Signal über einen Kanalzug mit regelbarem Gain zurückgeführt wird. Die normalen Aux-Return Eingänge sind schlicht zu schwach.

      • Profilbild
        Pflosi  

        Es lohnt sich durchaus, die Eingangs- und Ausgangsimpedanzen zu beachten, um „Impedance Mismatch“ zu vermeiden… Um möglichst universell vorgehen zu können: Eingangs-Impedanz so hoch wie möglich, Ausgangs-Impedanz so niedrig wie möglich.

        Ansonsten, den „Feedback-Trick“ kann man natürlich mit jedem Effekt, ganz egal ob Hall oder nicht und ob Feder oder nicht, realisieren – solange man ein Mischpult mit Sends hat. Insofern kann man auch mit jedem beliebigen Effekt mit weiteren Effekten in der Feedbackschleife usw. experimentieren, das ist definitiv kein Alleinstellungsmerkmal für Federhall. Tönt dort einfach speziell gut :)

        LG

  2. Profilbild
    greekotronic  

    Sehr schöner Bericht und wundervolles Rhodes-Spiel! Stevie Wonder wäre entzückt :)

    Ich bin auch ein großer Federhall-Fan und habe mir das großartige Retroverb Lancet von Vermona gegönnt. Ich benutze es quasi ständig. Auch für Drums beispielsweise. Es verleiht nicht nur mehr Räumlichkeit sondern auch Charakter. Kann ich nur wärmstens empfehlen.

  3. Profilbild
    Bernd-Michael Land  

    Nur als Ergänzung.
    Karl ist zwar schwedischer Abstammung, der Firmensitz von Knas ist jedoch in Maryland / USA:
    Karl Ekdahl
    407 North Paca Street #201
    Baltimore MD 21201

  4. Profilbild
    changeling  AHU

    Ich dachte man braucht noch eine Driver-Schaltung um einen Federhall benutzen zu können. Jedenfalls gab es von LeafAudio/Curetronic mal einen Hallbausatz mit CV-Steuerung:
    http://www.....31#p738486

    Wer was total schräges bauen will und keine Angst hat sich CA3280 zu besorgen, sollte sich mal den Neural Agonizer anschauen.

    Die beste Quelle für Hallspiralen in Deutschland ist der Tube Amp Doctor in Worms:

    Der hat auch noch NOS USA made Accutronics Spiralen und andere wie z.B. eine günstige Eigenmarke.

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