Test: Arturia, Oberheim SEM V, Software-Synthesizer

14. Januar 2012

Obereim Four Voice x 2

Das Marken- und Urheberrecht, es bleibt dem einfach strukturierten Menschenverstand ähnlich verschlossen, wie die Beziehung zwischen Masse und Zeit, dem Leben nach dem Tod oder der kindlichen Begeisterung für Ü-Eier.

Hier ist es so, dass Arturia das Oberheim-Logo nebst Schriftzug seinem jüngsten VST Baby aufsetzen darf, Tom Oberheim selber dies bei seiner SEM Hardware Neuauflage untersagt bleibt. Das ist echt durchgeknallt, aber wohl rechtens.

Ein paar Worte zum Vorbild, dem Oberheim SEM Modul bzw. den Oberheim Four/Eight Voice Synthesizer.

Das SEM (Synthesizer Expander Modul) entwickelte Tom Oberheim Mitte der 70er Jahre als Expandersound-Modul für die vornehmlich verbreiteten Minimoog und ARP Synthesizer. Mehrere SEMs in einem Gehäuse zusammengefasst, verschaltet mit einer  E-MU Lizenz-Tastatur, einem Sequencer und Programmer, gab es zudem als vollständiges Synthesizersystem zu kaufen. Dieses war dann 2-, 4- oder 8-stimmig. Einen Bericht über diesen Synthesizer gibt es hier auf Amazona.de. Den direkten Link nenne ich am Ende des Artikels.

Selbstredend war der Klang seinerzeit aufgrund der diskreten Schaltungen und der Zielsetzung Tom Oberheims über jeden Zweifel erhaben. Der Name „Oberheim“ stand von da an für die bestklingenden polyphonen Synthesizer. Leider sehr teuer in der Anschaffung, waren diese Instrumente nur den schwerreichen Profis vorenthalten. Erst mit dem Matrix-6 und dem Matrix-1000 bediente Oberheim Mitte der 80er Jahre das ärmere Volk.

Und jetzt gibt es einen Oberheim für knapp 230,- Euro. Unglaublich.

Die Mutter aller Fragen lautet natürlich: „Klingt der Arturia VST-Synthesizer genauso wie ein echtes, altes Hardware Oberheim SEM?“ Meine Antwort lautet: „Weiß ich nicht!“

Klar, ich kenne die üblichen Klangbeispiele hier von Amazona.de, von Matthias Becker (seines Zeichens Synthesizerpapst der 90er) und anderen, habe aber jetzt keinen echten SEM hier vor mir stehen.

Erster Rundgang

Das Arturia Oberheim SEM V Software Modul benötigt Rechenpower. Mit einem alten Vobis PC aus dem Keller ist da nichts zu machen. Windows XP/Vista, 7,1 GB RAM und 2 GHz Multicore CPU sollten es schon sein oder alternativ ein Apple ab OSX 10.5 mit ähnlicher Rechenleistung. Das soll nicht als Kritik an dieser Software verstanden werden, sondern ist eben so. Ich sehe es aber trotzdem als meine bürgerliche Pflicht an mitzuteilen, dass die empfohlenen Mindestleistung kaum ausreicht, um geschmeidig mit dem SEM V arbeiten zu können. Mein 2 GHz Dual Core tat sich hörbar schwer mit Dreiklangakkorden, von mehreren SEM-Instanzen ganz zu schweigen.

Arturia beliefert mit dem SEM V die üblichen Schnittstellen VST 2.4 & 3 (Steinberg) , RTAS-Digidesign, AU (Audio Unit/Apple). Eine Standalone-Version ist ebenfalls mit im Karton. Freizuschalten ist das Programm via Soft-eLicenser Key. Ob damit ein späterer Verkauf an Dritte problemlos möglich ist, setzte ich einfach mal voraus.

Das Oberheim-Arturia Modul ist zügig installiert, sieht gefällig aus und stellt sich bei einer Bildschirmauflösung von 1680 x 1050 Pixeln angenehm dar. Die virtuelle Oberfläche zeigt uns ein Abbild eines SEM Moduls von 1975, umrahmt von einer zweiten LFO Bank, einem SUB OSC und auf der rechten Seite dem Effektmodul mit Overdrive, Chorus und Delay. Unterhalb ist die obligatorische Tastatur, angedockt an einen Arpeggiator-Zappelautomaten und dem Portamento. Schick, gefällt mir! Ob jetzt die gemalte Tastatur sein muss oder es durch Weglassen nicht etwas kompakter hätte gehen könnte? Geschmackssache. Oben gibt es was Interessantes zum Aufklappen, doch dazu später mehr.

Das eigentliche „Synthesizer Expander Modul“ stellt sich wie folgt dar:

Zwei identisch aufgebaute VCOs lassen sich jeweils über 4 Oktaven in Halbtonschritten durchstimmen. Mit der rechten Maustaste gelangen wir zum Finetuning und können dann sehr nuanciert Schwebungen einstellen. VCO1 kann VCO2 bei Bedarf synchronisieren. Damit sind schöne Lead- und Effeksounds möglich. Die Modulation für Frequenz und Pulsbreite können individuell eingestellt werden. Das Filter ist das Highlight, traditionell bei den echten Hardware-Oberheimern und erfreulicherweise auch hier bei seinem virtuellen Namensvetter. Die Simulation eines hochwertigen 12db Filters ist Arturia wirklich gelungen. Cutoff und die Resonanz klingen weich und geben das Feeling analoger Filter ausgesprochen gut wieder. Die stufenlose Überblendung des Filters vom Lowpass über Notch zum Highpass macht den Großteil des Charmes des SEM aus. Und da wir in einem VST-Modul alles automatisieren und synchronisieren können, drängen sich hier Achterbahn Filterfahrten geradezu auf. Und hier, in der VCF-Sektion, werden auch die VCOs in Lautstärke und Schwingungsform bestimmt. Sehr schön ist die Erweiterung gegenüber dem Original in Gestalt eines Sub-Oszillators. Damit geht es verdammt tief runter und es lässt sich damit prima die Fassaden-Außendämmung auf ihre Festigkeit testen.

Klangbeispiele
Forum
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    tompisa

    Sehr gut Klangbeispiele und gute Beschreibung ! Ich mag zwar eigentlich keine PlugIns, aber mit U-He Diva und offenbar Arturias SEM ist mein Interesse wieder erweckt. Danke

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    AMAZONA Archiv

    Wer den Unterschied hören möchte, der sollte
    den Test „3.Blue Box: Oberheim Four Voice“ unter Verweise am Ende dieses Artikels anklicken. Ein schöner Test wie immer von Herrn Bloderer.

    Dort dann die Soundbeispiele insbesondere „Oszillator Synchronisation“ anhören.

    Danach kennt man den Unterschied zwischen Emulation und Original.

  3. Profilbild
    4damind

    Hat mir auf Anhieb gefallen. Die clevere Bedienung die mit wenigen Bedienelementen auskommt ist zwar die Idee von Tom Oberheim aber gerade auch auf einem Plug-in mag das sehr Gefallen.

    Der Klang ist wirklich gut und unterscheidet sich von anderen Softsynth. Das Teil hat Charakter!

    Was mir nicht Gefallen hat: Es hat noch einige Bugs die aber schon bestätigt und in Kürze beseitigt werden sollen.
    Mir fehlt Legato! Gibt es zwar im Original nicht aber hätte ich mir sehr bei der Emulation gewünscht.
    Unison wäre auch sehr gewünscht. Der Voice Programmer ist zwar gut aber das ist noch nicht alles, zumal der SEM recht wenig Resourcen benötigt was gerade bei Unison ja sehr vorteilhaft wäre.
    Die Modulationsziele sind etwas begrenzt, hier wünschte ich mir etwas mehr Auswahl.

    Ich mochte keinen der Arturia Synth aber der SEM ist wirklich gut und der wurde deswegen auch gekauft :P

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    AMAZONA Archiv

    Der OPX-Pro II klingt um klassen besser und kostet fast nur die Hälfte.

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    tomeso  

    Sehr gute Audiobeispiele, die sich positiv von dem uninspirierten Geduddel in anderen Tests abheben. Danke!

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    der jim  RED

    Man kann bei diesem Plugin die gleichen Schwächen wie bei allen anderen Arturia’s feststellen. Im mittleren Bereich klingt es zwar alles ganz ok, aber am oberen Ende des Frequenzbereiches kommt es zu ziemlich fiesen Digitalgeräuschen und am unteren Ende auch zu unschönen Nebengeräuschen, beim SEM V rauscht es sogar seltsam, aber nicht analog. Eigentlich verwundert das nicht, denn es wird ja immer der gleiche Algorithmus verwendet, egal ob man Moog, Roland oder Oberheim nachbildet…
    Zwar spielt man eigentlich nicht in diesen äußeren Oktavlagen (und die Presets konzentrieren sich alle schön auf den unkritischen Sektor) aber bei Modulationen im Audiobereich (FM, RM, Sync) erzeugt man schnell Seitenbänder, die dann den Simualtionsschmutz in die „normalen“ Regionen tragen. Das hat mir schon CS80 (RM), Jupiter8 (Crossmodulation) und ARP2600 (S&H / Sync) verleidet. Schade das man bei Arturia keine Mühe darauf verwendet (sich) weiter zu entwickeln. Aber zum Glück es gibt genügend Alternativen am Markt, da braucht man sich nicht an Unzulänglichkeiten aufzuhalten.

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    keen K

    Anna Lüse hat absolut recht! Arturia bildet per Software analoge Klassiker nach. Diese „virtuell analogen“ VSTis müssen daher immer einen Vergleich mit dem Original standhalten können. Ansonsten brauch Arturia (aber auch jeder andere VSTi Hersteller) nicht die Struktur zu kopieren und das ganze unter dem Originalnamen + fotorealistischen GUI anzubieten. Wer ist denn die Zielgruppe dieser Art VSTis ? Doch wohl vordergründig diejenigen, welche einen Oberheim SEM oder auch Jupiter 8 etc. immer mal besitzen wollten, oder mal gespielt haben.

    So MUSS der erste Ansatz des Testers sein, diese direkt mit den Originalen zu vergleichen. Deswegen verstehe ich nicht, weshalb diese Software von jemand getestet wird, der das Original nicht als Vergleich zur Hand hat.

    Nicht destotrotz ist der Test gut und ausführlich geschrieben, aber darum geht es Anna Lüse gar nicht.

    Analoge Instrumente sind auch nach über 25 Jahren nach ihrem Aussterben (gemeint sind die „großen“ Synthboliden) immer noch der Gradmesser für guten Klang. Dies gilt für Synths wie auch für analoge Studiotechnik. Neben sicherlich auch innovativen digitalen Neuentwicklungen ist es verwunderlich, bzw. erschreckend, dass der technische Fortschritt zum 21. Jahrhundert hin leider nur zu mehr „virtuellen“ billigen Kopien geführt hat und z.b. diskrete polyphone analoge Synthese mittlerweile in der Entwicklung unbezahlbar bleibt, der Markt überschwemmt wird mit hunderten VSTis + VAs und leider auch zu vielen monophonen analogen Hardwareinstrumenten… nix neues polyphones dabei… warum wohl sehnt sich Peter Grandl und andere nach einer „vergleichsweise einfachen“ Juno 60 Hardware-Kopie ? Ja, VAs lassen sich günstig produzieren, aus kaufmännischer Sicht sicherlich sinnvoll – aber eine Weiterentwicklung zum besseren Klang hin ist das garantiert nicht.

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      Kann ich nur zustimmen. Einfach treffend.

      Aber vielleicht besteht ja Hoffnung:

      Walfdorf Pulse2
      Arturia MiniBrute

      Mglw. geht der Trend ja mal in eine erfreulichere Richtung. Die Ohren würden es danken ;-)

  8. Profilbild
    Theo M

    Das SEM-Filter im OB-X klingt so knarzig, was ich persönlich nie mochte (www.moebus.de/audio/obx_filter.wav). Ansonsten gefallen mir die Klangbeispiele des Testers. Schöne (Analog-) Synthesizermusik, die sich mit dem Arturia SEM realisieren lässt. Was die Authentizität der Nachbildung betrifft, könnte man ja mal OBiges Hörbeispiel nachbauen. Müsste mit dem Arturia SEM ja ein Kinderspiel sein.

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