Test: Avantone Pro CLA-10A, Nahfeldmonitor

7. Dezember 2020

Comeback der NS-10?

avantone cla 10 test

Avantone Pro CLA-10A, Nahfeldmonitor

Ganz ehrlich: Das hat schon was, die Avantone Pro CLA-10A bei sich im Studio zu haben. Was muss ich für ein toller Profi sein, dass ich die Nachbauten der legendären Yamaha NS-10 in meinem Setup habe, um meinen Mix zu prüfen?

Aber: Im September hatte Kollege Markus Schroeder die passive Version samt Endstufe im Test und war, sagen wir „semizufrieden“. Jetzt hat der US-Hersteller Avantone Pro die aktive Version mit je 200 Watt RMS Leistung nachgeschoben. Wäre doch gelacht, wenn jetzt nicht das perfekte 80s Feeling aufkommt. Also, gehen wir es an!

Avantone Pro CLA-10A: Ausstattung und Verarbeitung

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Rein äußerlich ist die CLA-10 bis auf den Buchstaben „A“ identisch mit der passiven Version – zumindest von vorne. Hinten ragen die ausladenden Kühlrippen der Verstärker hervor und neben der Kaltgerätebuchse, dem Spannungs-Umschalter(110 V/230 V), dem ON/OFF-Schalter und dem Volume-Regler befinden sich auf der Rückseite noch die TRS/XLR-Kombibuchse, ein Cinch-Eingang, ein Erdungsschalter und ein Regler mit dem ominösen Aufdruck VTPC. Das steht für Variable Tissue Paper Control. Mit diesem VTPC-Regler können Sie alles vom vertikalen „m“-Modell der Yamaha NS-10 bis zum horizontalen „Studio“-Modell und alles dazwischen simulieren. Letztlich kann man auch sagen, dass man mit diesem Regler im Bereich von 1,8 kHz den Pegel um +6 dB und bis zu -30 dB variieren kann.

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Warum Tissue Paper (also Taschentuch)? Nun, hier geht es wohl um den „berüchtigten“ Trick, ein Taschentuch vor dem Tweeter zu befestigen, um das vorlaute Chassis etwas zu dämpfen. Gleichzeitig geht es dabei auch um die Ausrichtung des Monitors, der entweder liegend oder stehend betrieben werden kann und dies mit besagtem VTPC im Klang angepasst werden kann. Da dem Gerät keine Anleitung beiliegt, ist hier wohl die Hörerfahrung gefragt – oder der persönliche Geschmack.

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Interessanterweise findet man keine optische Anzeige auf dem Lautsprecher: Nichts weist darauf hin, in welchem Betriebszustand der Speaker ist (On, Off, Standby). Erfreulicherweise rauscht das System sehr wenig und eignet sich so auch für sehr geringe Hörabstände.

Avantone_CLA10a_woofer

Auch die Chassisbestückung ist identisch mit der passiven Version – wobei Avantone nicht müde wird zu betonen, dass der weiße Tief-/Mitteltöner genau nach den Spezifikationen des Originals von Yamaha gefertigt wurde, um dem Klang bestmöglich nachzubilden. Neben diesem 18 cm Chassis finden wir noch – hinter Gittern – den 3,5 cm Tweeter, der als „Soft Dome“ beschrieben wird.

Avantone_CLA10a_tweeter

Die wichtigsten technischen Daten

  • Maße: 381,5 x 215 x 197,5 mm (H x B x T)
  • Gewicht: 8,2 kg / Stück
  • Gehäuse: 18 mm MDF mit Echtholzfurnier
  • Maximaler Schalldruck (SPL): 104 dB; (Peak): 110 dB
  • Frequenzbereich: 60 Hz – 20.000 Hz

Moment, wie? Als tiefste wiederzugebende Frequenz wird 60 Hz angegeben? Bei einem 18 cm Chassis in einem aktiven Lautsprecher mit 200 Watt? Das erscheint mir doch recht wenig. Aber dazu später mehr.

In Sachen Verarbeitung gibt es nichts zu mäkeln: Die Verstärkereinheiten sind gerade und bündig eingelassen und alle Schalter, Regler und Buchsen sitzen fest. Auch die Chassis wurden sauber eingepasst und sauber verschraubt. Das Furnier ist astrein (Wortspielalarm!) und der Aufdruck mit der gekrakelten Lord Chris Alge Unterschrift sieht sehr schön vintage aus.

Avantone_CLA10a_logo

Lord Chris Alge? Ja, das ist ein Mysterium, das ich mir nicht erklären kann. Die Avantone Pro CLA-10A sollen originalgetreue Nachbildungen der Yamaha NS-10 sein und doch durfte der Producer dort an der Abstimmung unterstützen? Wie jetzt? Original oder LCA-Style? Egal, es kommt darauf an, was vorne rauskommt.

Avantone Pro CLA-10A: Einordnung

Niemand, ich wiederhole, niemand sollte sich diese Lautsprecher holen, um a) Musik zu genießen oder b) damit eine Party zu beschallen oder c) dem Nachbarn zeigen, was ein richtiger Bass ist.

Avantone_CLA10a_KSD

Um die Blaupause, also die Yamaha NS-10, ranken sich viele Gerüchte: War es wirklich von Yamaha geplant, dass die so klingen? Wurde hier nicht einfach nur aus der Not („klingt eigentlich ziemlich mies“) eine Tugend („nur wenn es mit der NS-10 gut klingt, dann ist es gut“) gemacht?

Fakt ist: Die NS-10 galt lange als die letzte Hürde im Mixing- und Mastering-Prozess. Wenn der Song mit diesem Lautsprecher klingt, dann kann man das Master zum Pressen geben. Was bedeutet das? Die NS-10 und auch die CLA-10A klingt viel zu hell, fast aufdringlich und sehr bassarm. Mein Kollege Schröder hat es schon bei der passiven Version herausgestellt und dem kann ich mich auch bei der CLA-10 in der aktiven Variante nur anschließen.

Was bei all dieser Legendenbildung gerne vergessen wird: Wir reden hier von den 80er-Jahren. Dem Zeitalter, als man erkannt hatte, dass man durch Kompression den Sound einfach nur lauter und dichter hinbekommen konnte. Wo einerseits Lautsprecher-Gigantismus herrschte (in diesen Jahren wurde „High End“ gesellschaftsfähig) und man im Gegensatz dazu in der Küche oder im Auto eigentlich nur „Klangmüll“ an die Ohren bekam – dumpf und undifferenziert. Man hatte also entweder top High-End-Ware im Wohnzimmer oder indiskutable 70er Speaker. Und darauf reagierten die Producer mit einem höhenlastigen, stark komprimierten Sound – und Chris Lord Alge war der König dieser Mixing-Engineers.

test Avantone_CLA10a_both_right

Und unter diesen Voraussetzungen muss man die CLA-10A betrachten – und sich gleichzeitig fragen: Braucht es das noch? Denn heute klingt eigentlich schon jeder HomePod, jeder Bluetooth-Lautsprecher und jedes Standard-Autoradio schon ganz vernünftig. Was sollte ich also mit den Avantones anfangen?

Der Klang

Ganz klar heraus ist der Klang – gemessen an modernen Maßstäben – ziemlich unterirdisch. Die Höhen sind in keinster Weise seidig oder hochaufgelöst, sondern nur sehr vordergründig und einfach zu grell. Im Bereich der Übergangsfrequenz bei 1,8 kHz kann man zwar ein bisschen mit dem VTPC-Regler etwas spielen – aber das ändert an der grundsätzlichen Abstimmung des Lautsprechers nichts. Da aber dem Klangbild auf der anderen Seite praktisch alles an verwertbarem Bassfundament fehlt, leiden auf die Mitten und somit die menschliche Stimme ganz besonders. Das Ganze hat immer der Eindruck eines Telefons aus den 80ern. Ja, man weiß schon, wer an der Leitung ist, aber natürlich hört sich das beim besten Willen nicht an.

Avantone_CLA10a_screen

Kollege Schröder ist diesem Phänomen ja mit einem EQ oder sogar einer Sonarworks Reference Software an den Leib gerückt, aber dabei machte ich bei der aktiven Version eine interessante Entdeckung:

Der Lautsprecher kann (!) keinen Bass wiedergeben! Was hier so plakativ geschrieben steht, sieht in der Praxis so aus: Am Apollo Twin X von Universal Audio angeschlossen habe ich den formidablen Cambridge EQ in den Signalweg geholt und unterhalb 60 Hz das Kuhschwanzfilter aktiviert. Dieser parametrische Equalizer ermöglicht so eine Tiefenanhebung im gesamten Frequenzbereich unter 60 Hz und nicht in Form einer Glocke.

Das Ergebnis: nichts! Selbst bei 15 dB Anhebung gesellt sich nur ein leises Brummen in den Signalweg. Und wenn ich dann den Pegel anhebe, dann übersteuert die CLA-10A sofort mit einem deutlichen Verzerren. Und laut ist es dabei überhaupt nicht. Ich frage mich: Was macht der Lautsprecher mit den versprochenen 200 Watt? So richtig heiß wurde das System bei mir nie, also in Wärme wird die elektrische Leistung schon mal nicht umgewandelt. Diese Frage kann ich ehrlich gesagt auch nicht beantworten.

Immerhin löst sich der Klang ganz gut von den Speakern und die räumliche Abbildung ist auch gut.

Conclusio

Was also tun? Hier kann ich nur die Hardcore NS-10 Fans fragen. Avantone behauptet selbstbewusst, dass die CLA-10 (passiv) die meist verkauften passiven Monitore der Welt seien. Nun, weil es kaum noch passive Monitore im professionellen Studiobereich gibt? Und wenn es um aktive Speaker geht, dann hat ja KRK nach eigener Aussage die Nase vorn. Letztlich ist das für mich als Tester eine Zwickmühle: Nach modernen Maßstäben ist der Klang klar ungenügend. Aber andererseits hat der Hersteller wirklich sehr klar gemacht, dass es sich um eine sehr originalgetreue Version der Yamaha NS-10 handelt und wer den Klang dieser Lautsprecher sucht, der findet das hier in Perfektion. Deswegen muss und will ich hier die Zielsetzung und das Ergebnis auch wertschätzen: Die CLA-10A ist die perfekte Yamaha NS-10. Das haben die Amerikaner wirklich gut hinbekommen. Ob man diesen „Sound“ noch braucht, muss jeder für sich entscheiden.

Fazit

Gute Verarbeitung, praxisgerechte Ausstattung und ein Klangerlebnis, das das Original sogar noch übertrifft. Für Fans der ideale Lautsprecher.

Wer an einen modernen Monitorlautsprecher den Maßstab von Neutralität, Dynamik, Raumabbildung und einer umfangreicher Frequenzwiedergabe über das gesamt Hörspektrum anlegt, der wird auch in niedrigeren Preisklassen mehr Klangqualität finden. Avantone geht hier einen Weg, der vielleicht bei aktuellen Produktionen so nicht mehr gebräuchlich ist, aber für einige Toningeneure nach wie vor gefragt ist.

Somit ist es eben auch schwierig, diesen sehr speziellen Monitor mit allgemein gültigen Maßstäben zu bewerten. Das „Gut“ in der AMAZONA.de Bewertung würdigt somit die Qualität des Nachbaus. Für jemanden, der einen zeitgemäßen, modernen Monitor sucht, wäre ein „Befriedigend“ wohl die passendere Wertung.

Plus

  • gute Verarbeitung
  • Kultcharakter
  • rauscharm

Minus

  • sehr mitten- und höhenbetonter Klang
  • kein Tiefbass
  • wenig Dynamik

Preis

  • 1.222,- Euro
Forum
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    Holden  

    Für mich ein ganz heißer Kandidat für die goldene Grütze 2020. 1222€ für Bullshitboxen aus den 80ern. Im Caritas-Sperrmüll finde ich bestimmt noch ein passendes Referenz-Küchenradio zum abgleichen. Der Schlüsselsatz im Test war sinngemäß etwas so: „im Wohnzimmer Hifi und in der Küche eine Plärre“. Heute steht im Kinderzimmer DSP High-End und in Papas Studio Retro-Lofi. Kopfschüttel…..

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      Atarkid  AHU

      Herrlich! Ich musste echt herzhaft lachen als ich deinen Beitrag gelesen hab. Denn genau so sieht es aus! „Caritas Sperrmüll“…. *thumps up*

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    bluebell  AHU

    Jörg zieht genau das richtige Fazit. Der Einsatzzweck solch mieser Lautsprecher in den 80ern war klar, hat sich heute aber erledigt. Guter Test.

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    Maxi  

    Yamaha’s NS-10M Studio als „Sperrmüll“ zu bezeichnen, trifft es nicht, wenn Boxen seit 1978 mehrere Jahrzehnte als Standard-Nahfeld-Studiomonitore galten. Dass sich die Hörgewohnheiten seitdem verändert haben und es technisch zeitgemäßere Systeme geben mag, bezweifelt ja keiner. Was immer noch gilt, wenn man die Eigenschaften dieser „analytischen“ Lautsprecher kennt: Klingt ein Mix auf den NS-10M Studio gut, klingt er auf nahezu jedem Wiedergabegerät gut. Auf NS-10M Studio zu mischen, ist ein mühsamer, frustrierenden Prozess, aber er wird belohnt. Es macht immer noch Sinn, Produktionen auch auf diesen Monitoren zu prüfen.

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      Round Robin  

      Ich rate keinem „nur“ mit diesen Monitoren zu mischen. Du kannst die tiefen Frequenzen untenherum nicht ansatzweise hören bzw. einordnen. Dazu sollten weitere richtig gute Monitore vorhanden sein. Daher spielt heute die hochgelobte NS10M Magie überhaupt keine Rolle mehr. Meiner Meinung nach sind diese Lautsprecher keinen Blick wert.

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    Filterpad  AHU 1

    Eine neue Definition des Begriffes „Vintage“. Mich stört weniger das die Monitore berühmten Klassikern nachempfunden wurden, sondern wenn Käufer sich nicht vorher über den Klang informieren und sich nur am hochwertigen Preis orientieren. Alle Producer im Bereich EDM würden sehr entäuscht werden.

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    Markus Schroeder  RED

    Hallo Jörg,

    Ich kann allem was Du schreibst nur zustimmen und offensichtlich konntest Du auch das wesentliche meiner Eindrücke verifizieren (ist immer gut die Vergewisserung zu haben, dass sich das Klangverhalten nicht nur in meinem Kopf abspielt ;) ). Die Kompression fand ich jetzt nicht so extrem wie Du das beschreibst – ob das an der aktiven Ausführung liegt?

    Wie dem auch sei: sehr schöner und aussagekräftiger Test mit knackigem Fazit. :)

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    tantris  

    Wenn Menschen per Smartphone mit 5-Euro-Stöpseln oder mit ultraflachen Lautsprechern am High-End-Fernseher Musik hören, wenn die Werbung jede Sendung mit lautem Dum-Dum-Tratra unterbricht, wer braucht dann noch Nahfeld-Monitore ? Herbert von Karajan ist auch schon tot.

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    lightman  AHU

    Wir hatten NS-10s in unserem Labelstudio, hab damit eigentlich ganz gern gearbeitet. Wie schon angemerkt, setzen die Monitore eine gewisse Einarbeitungszeit voraus, um damit was anfangen zu können. Das kann auch heute noch eine lohnende Investition sein, wenn man akzeptieren kann, daß man Monitore hat, die wirklich nur und ausschließlich für mehr oder weniger chirurgische Mixes brauchbar sind, fürs Musikmachen, also den direkten kreativen Prozeß, waren mir die NS-10s schon immer zu flach.

    Nachbauten/Varianten der NS-10s gabs immer mal wieder, die Originale werden für dicke Knete gehandelt, was ich zum Kichern finde, das erinnert mich immer an die bedauernswerten Zeitgenossen, die haufenweise Geld für alte Braun LS710-Boxen ausgeben und allen Ernstes glauben, diese alten Gurken aus den späten 60ern würden ohne Radikalerneuerung immer noch wie früher klingen.

    Wenn es sein müßte, würde ich wohl auch mit diesen Nachbauten irgendwie zurechtkommen, aber das ist für mich Geschichte, hab einfach nicht mehr die Ohren dazu. Wären mir auch zu teuer, soviel Geld muß man nicht für ordentliche Monitore ausgeben.

  8. Profilbild
    SoundForger2000  

    Sehr guter Test.

    Endlich mal eine klare Aussage zu dieser Sound-Legende !
    Als ich die Yamaha Originale zum ersten mal gehört habe war ich auch erschrocken, was da zu hören war. Für mich alles andere als „legendär“.
    Meine Behringer Truth 2031 klingen da deutlich besser. ;-)
    Meine JBL 4208 sicherlich auch.
    In Anbetracht des „legendären“ NS-10M-Sounds wundert es mich nicht, daß so viele Aufnahmen dermaßen suboptimal klingen. Und zu den Lord-Alge Bros. fällt mir nur ein, daß wir diesen Herren in hohem Maße den Loudness War und die daraus folgende Hyperkompression verdanken. :-(

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