Test: Boss GT-1000 Core, Multieffektgerät

15. Dezember 2020

Der Alleskönner von Boss - Konkurrenz für den Stomp?

Das Line6 HX Stomp ist – könnte man argumentieren – das erfolgreichste Multieffektgerät der letzten Jahre. In Sachen Kompaktheit und Vielfalt und (Platz-)Ergonomie ist es eine Nummer für sich. Oft kopiert, nie erreicht – so lautet die Devise und generell stellt man fest, dass es für dieses Format auf dem Markt bislang keine so wirkliche Konkurrenz gibt.

Test Boss GT 1000 Core E-Gitarre

Boss hat das gewusst – und einen ähnlichen Weg beschritten wie Line6. Will heißen: Ein vorhandenes Multieffekt-Konzept verkleinert und in einen kompakteren Rahmen verfrachtet, ohne bei der Leistungsfähigkeit und im Umfang nennenswerte Abstriche zu machen. In Sachen Hype war das Boss GT-1000 Core also zweifelsohne in diesem Jahr ganz vorne mit dabei, insofern freut es unsere Redaktion, das gute Stück endlich auf Herz und Nieren überprüfen zu können. Also – Multieffekt im 500er Gehäuse. Kann das funktionieren, und ist es eine nennenswerte Konkurrenz für den HX Stomp? Das finden wir jetzt raus.

Boss GT-1000 Core – Multieffektgerät für Gitarre

Was mich am HX Stomp immer ein bisschen – wenn auch nur ein kleines bisschen – gestört hat: das Gehäuse ist einwandfrei und funktional, aber irgendwie nicht so richtig elegant. Der HX Stomp ist alles andere als hässlich, aber der GT-1000 Core ist von der Ästhetik her schon mal einen kleinen Zacken besser. Geschmacksfrage? Sicherlich. Das schwarze Stahlbleich wiegt ein bisschen weniger als ein Kilo und besitzt ein etwas größeres LCD-Display als der HX Stomp – die Maße sind 90 x 30 Millimeter und die zahlreichen Regler darunter kümmern sich um die Parameter. Insgesamt besitzt der Boss GT-1000 Core die DSP-Kapazitäten des Vorgängers und soll ähnlich gut und einfach die Navigation durch die zahlreichen Optionen erlauben. Fünf Regler für die Parameter, ein Regler für die Engine-Auswahl, ein Regler für das Output Volume und mehrere Tasten, auf die wir noch zu sprechen kommen. Gummifüße sind mit am Start, ebenso ein Netzteil.

Test Boss GT 1000 Core E-Gitarre

Wenn es an die Anschlüsse geht, merkt man: Boss wollten unter keinen Umständen unter dem HX Stomp stapeln. Das heißt konkret: Stereo lautet die Devise. Zwei 6,3 Klinken jeweils für Input und Output, darüber hinaus jedoch auch ein Stereo-FX Loop – ähnlich dem HX Stomp, der für den Send jedoch nur einen Stereo-Anschluss besitzt. Das heißt also: Vier-Kabel-Methode ist genauso drinnen wie Live-Monitoring mit integrierten Cabs sowie zwei gänzlich voneinander abgegrenzte Setups pro FX-Loop. Nachteil: Direkt ins Mischpult könnt ihr aufgrund fehlender XLR-Anschlüsse nicht reingehen. Auf der linken Seite gibt es Miniklinken für MIDI-In und -Out sowie den zweiten von zwei Expression-Anschlüssen. Auch selbstredend mit dabei: Der USB-Anschluss, der euer Multieffektgerät mit der sehr übersichtlichen Boss Tone Studio App verknüpfen kann. Klar – reguläre MIDI-Anschlüsse sind prinzipiell vorzuziehen, aber darüber hinaus haben Boss hier wirklich gar nichts vergessen.

Boss GT-1000 Core – Cabs, Effekte und Sounds

Die Navigation ist wie beim Boss GT-1000 nach ein paar Blicken auch weitgehend erfasst: Ihr habt insgesamt 250 Speicherplätze für Presets, durch die Ihr euch mit dem Select-Wähler oder den Up-/Down-Fußschaltern navigieren könnt. Es steht und fällt mit der Signalkette. Meines Erachtens hat keine Firma das Ganze so gut gelöst wie Headrush mit ihrer Drag- und Drop-Funktion, auch wenn deren Board ein ziemlicher Brocken ist (ich rechne übrigens fest damit, dass Headrush demnächst mit einem Mini-Board ála Core nachziehen werden – mit dem Gigaboard ist es irgendwie nicht getan). Hier agiert Ihr mithilfe der Effect-Taste und schaltet euch so durch maximal 24 Segmente eurer Signalkette. Wenn Ihr euch von Segment zu Segment schalten wollt, kommt der Select-Regler zum Einsatz – und die Regler 1 bis 5 steuern die Parameter.

Test Boss GT 1000 Core E-Gitarre

Übersichtlich und einfach, das Ganze, mit mehreren Ansichtsoptionen. Nach ein bisschen Rumprobieren muss ich sagen, dass es im unmittelbaren Vergleich zum HX Stomp keine nennenswerten Unterschiede gibt in Sachen Komfort und Übersicht. Machen beide Multieffektgeräte gleich gut – ein intuitiver, schneller Einstieg ist garantiert. Auch der Boss GT-1000 Core kann die Parallelschaltung, eine der großen Stärken des HX Stomp. Wie exzessiv man solche Aspekte wie die Boss Tone App nutzt, ist vom Spielertyp abhängig, der man letzten Endes ist. Ich persönlich halte mich bei der Benutzung solcher Editoren zurück, speziell wenn sie eher der Übersicht dienen und kein Kreativ-Tool sind wie beispielsweise der Neuro Editor von Source Audio. Der Boss Tone Editor verschafft einem noch einmal bessere Übersicht hinsichtlich der Signalkette, eröffnet aber nicht vollständig neue Dimensionen.

  • Den Treiber und die Installationsdateien findet Ihr hier.

Test Boss GT 1000 Core E-Gitarre

Man muss bei allen Vergleichen hinzufügen: der Boss GT-1000 Core ist knapp hundert Euro teurer als der HX Stomp. In Sachen DSP-Stärke agiert man auch hier wieder mit der AIRD-Technologie, die nicht nur beim Boss GT-1000 zum Einsatz kam, sondern auch bei den Katana Amps und den Waza-Produkten der Firma. Sie ist der alten COSM-Technologie aus dem Boss-Hause zweifelsohne überlegen und nichtsdestotrotz immer wieder Gegenstand zahlreicher Lobeshymnen und Kritiken gewesen. Viele attestieren der AIRD-Technologie ein sehr natürliches Klangverhalten, die in Abgrenzung zum HX Stomp jedoch nur im Rahmen eines Vergleichstests verglichen werden kann – was es bei uns demnächst geben wird. Jetzt geht’s erstmal an die Sounds des Boss GT-1000 Core, die mit 32 Bit AD/DA-Wandlung, 32 Bit und einer Samplingrate von 96 kHz arbeiten.

So klingt das Boss GT-1000 Multieffektgerät mit Gitarre

Das Boss GT-1000 Core ist strenggenommen kein ultra-flexibler Modeller, der euch mit digitalen Amps und IRs versorgt. Er gehört auf das Pedalboard und muss im Zusammenhang mit einem Amp erlebt werden. Nichtsdestotrotz speisen wir das Boss GT-1000 zum einen trocken in die DAW, ehe wir den Umweg über den REVV G20 gehen. Nicht vergessen – hier passiert eine Menge, aber es wird mit bekannten Zutaten gekocht: Sounds aus dem Boss DD-500, dem MD-500 sowie dem RV-500 bilden so etwas wie das Fundament des Multieffektgeräts.

Test Boss GT 1000 Core E-Gitarre

Ich hatte bei meinem Test des Boss SY-1000 den Treiber problemlos installieren können und das Gerät quasi als Interface nutzen können. Dies erweist sich hier als schwieriger – der Treiber wird heruntergeladen, installiert, scheint sich mit der DAW jedoch nicht zu vertragen. Nach einer Weile des Rumprobierens gehen wir zunächst also den Weg über ein Interface.

In Stereo zeigt sich unmittelbar eine dem HX Stomp ähnliche Qualität der Zerren: Angemessen sensitiv gegenüber der Anschlagsdynamik, eigenartig starr im Sustain. Trotzdem spricht das Ganze für sich: 24 Effektblöcke, die frei eingestellt und simultan verwendet werden können. Im Gegensatz zu Mooer beispielsweise heben sich die Pad-Sounds wirklich vom Rest ab und kommen mit dem tollen Tracking daher, das man schon vom GT-1000 kennt.

Im Global Menü kann sich der Output-Modus einstellen lassen. Je nachdem, ob man den Boss GT-1000 Core ohne oder mit Amp fährt, sollte man im Vorfeld im Output Select die Verstärkertypen aufsuchen. Dabei zeigt sich der Pragmatismus von Boss: Neben den zahlreichen Boss Verstärkern wie die Nextone-Generation oder die Katana-Reihe kann der Output-Modus auf das spezifische Röhrenverhalten zahlreicher anderer Amps gemünzt werden. Dabei stehen jeweils ein Input oder ein FX-Loop Modus zur Verfügung. Speziell letzterer – also die Nutzung des Return-Anschluss – arbeitet der AIRD-Technologie gut zu. Der Boss GT-1000 Core kann auf Verstärkerklassiker wie dem Fender Twin Reverb, dem Vox AC30, dem JCM2000, dem JVM410H und ein paar mehr ausgerichtet werden. Schränkt das die Benutzung ein? Der REVV G20 arbeitet wie der Vox AC30  mit drei 12AX7-Röhren in der Vorstufe – also nutzen wir diese Voreinstellung und testen das Verhalten des Amps, wohlgemerkt nur über den Input und den Clean Channel des REVV G20. Jede Verzerrung und jeder Effekt kommt also vom Boss GT-1000 Core, und DAW-Nachbearbeitung findet nicht statt.

Das Klangverhalten lädt förmlich dazu ein, mit dem HX Stomp verglichen zu werden – was wir uns in einem getrennten Special separat ansehen werden. Fakt ist: beispielsweise der British-Sound der AIRD-Technologie kommt gut zum Ausdruck und das Spielgefühl hinterlässt – wie man es auch schon vom GT-1000 gewöhnt ist – einen organischen und dynamischen Eindruck. Die Aufnahmebedingungen für die AIRD-Technologie sind aber wohlgemerkt nicht optimal. Von Interesse wäre es zweifelsohne, den GT-1000 Core in Kombination mit einem Katana auszuprobieren. Diese Bevorzugung der eigenen Marke im Handling des Geräts dürfte bei manchen einen schalen Beigeschmack hinterlassen, ist aber aus Boss‘ Sicht nachvollziehbar. Mit dem REVV verträgt sich das Gerät zumindest gut, aber da ist Luft nach oben. In Sachen Spieldynamik harter und gemäßigter Zerren unterscheidet sich die AIRD-Technologie, so mein erster Technologie, nur in Nuancen vom HX Stomp.

Es liegt auf der Hand: der Platz, der gespart wird und die sagenhaft einfache Bedienung sprechen für sich. Der Stompbox-Modus, der das GT-1000 Core in ein Pedalboard verwandelt, die beliebige Zuweisung der gewünschten Parameter auf die Regler 1 bis 5 im Control-Modus und der integrierte Looper machen einiges her. Das GT-1000 Core ist die Essenz von Boss, wenn man so will: intuitiv, einfach und mit einem starken Sound-Fundament.

Fazit

Keine Überraschung – aber wollte man das auch? Wozu die Siegesformel auch ändern – die AIRD-Technologie und das lückenlose Konzept des GT-1000 wurde hier elegant und fehlerlos in ein kompaktes Format überführt. Verlässlicher Prozessor, verlässliche Sounds, gute Amp-Zerren und Stereo-Kapazitäten: das erste Gerät, das dem HX Stomp ernsthaft Konkurrenz machen kann und eine tadellose Angelegenheit aus dem Traditionshaus. Wem die Sounds in Sachen Klangqualität reichen, braucht eigentlich nur noch einen MIDI-Adapter und kann sein Pedalboard dann in den Ruhestand schicken – die Kombinations- und Sound-Möglichkeiten sind quasi unbegrenzt und in Kombination mit einem Katana Artist MKII definitiv bühnentauglich.

 

Plus

  • Kompakt und robust
  • AIRD-Technologie technisch stark
  • leistungsfähiger Prozessor
  • Stereo-Kapazitäten
  • MIDI-Anschluss

Minus

  • Probleme mit dem Treiber

Preis

  • 647,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Eibensang  

    Klingt ja soweit schon mal passabel … Auf den Vergleichstest bin ich gespannt! Hatte mir selber – als einstiger Modeler-Skeptiker und alter Pedalboard-Selbstbestücker ;-) – vor anderthalb Jahren den Stomp zugelegt, der mich seither begeistert. (Auch die Produktpflege von Line 6 mit regelmäßigen Software-Updates ist hier erwähnenswert.)

    Ob der neue kleine Boss an die geniale Menüführung des Stomp heranreichen kann, erscheint mir – mit Blick auf SW-Display, Regler- und Schalterbestückung – erstmal eher fraglich. Die Tretknöpkens müssen schon mal ohne Beleuchtung auskommen (hier unterstützt der Stomp z.B. seit dem vorletzten Update zusätzlich das Tuning, das sich – wem die Displayanzeige live zu dünn ist – auch von den Farbringen ablesen lässt). Da hilft mir die etwas schlanker wirkende „Eleganz“ des Bösschens nur bedingt.

    Aber wer weiß, was das Kistchen inside und im Alltagsbetrieb so drauf hat. Und schön, wenn sich mehr Auswahl entwickelt im Bereich kleiner, aber hochkarätiger Modeler!

  2. Profilbild
    Sebastato

    Tut mir wirklich leid, aber ich habe in den Samples kein einziges Beispiel gehört, das dem Line6 HX Stomp auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte. Klingt irgendwie alles dünn und künstlich. Mit einer sägenden Zerre, die ich schon beim völlig überhypten Boss Katana so gehaßt habe. Ansonsten schließe ich mich dem Herrn Eibensang an, der wie immer auf sehr eloquente Art und Weise seine kundige Meinung weiter oben feilgeboten hat.

    • Profilbild
      Hein Schlau  AHU

      Ich habe auch so meine Zweifel, ob sich das Ding irgendwie klanglich sinnvoll in ein Pedalboard integrieren lässt (siehe Bild).
      Die Soundbeispiele klingen zu glatt und wenig lebendig, mein Steinzeit GS-10 von Boss klingt nicht viel schlechter.

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