Test: Chandler Limited TG 1, Kompressor/Limiter

6. Juli 2020

Die Dynamik der Legenden

chander limited tg1 test

Chandler Limited TG 1, Kompressor/Limiter

Zweifellos sind es die besonderen Ereignisse im Leben eines Testberichteschreiberlings, wenn echte Legenden der Studiogeschichte, wie beispielsweise der Kandidat dieses Tests, der Chandler Limited TG 1 im heimischen Tonstudio aufschlagen. Sofort fallen einem die unzähligen berühmten Songs, Künstler und Aufnahmen ein, bei denen das Gerät prägenden Einfluss auf die moderne Musikgeschichte nahm. Es handelt sich hier immerhin um die Neuauflage der Dynamiksektion von den Kanalzügen einer der berühmtesten Konsolen überhaupt, der EMI TG 12345, in die im Abbey Road Studio zahlreiche Berühmtheiten hinein sangen und spielten. Der amerikanische Hersteller Chandler Limited baut unter anderem einzelne Komponenten dieser Konsolen nach und verpackt sie in 19″ und 500er Standards, um sie dann so auf den Markt zu bringen.

Lieferumfang und Verarbeitung

Der Testkandidat wird in einem Pappkarton geliefert, als Zubehör erhält man ein Kabel, das zwecks Stromversorgung mit dem optional zu erwerbenden Netzteil verbunden wird. Ja, richtig gelesen – das benötigte Netzteil ist nicht im Lieferumfang enthalten und muss zum Preis von Euro 301,- zusätzlich gekauft werden, sonst bleibt die Legende stumm. Zusammen mit den 4.290,- für den TG 1 addiert sich die Gesamtinvestition auf stolze 4.591,- Euro.

Das zwei Höheneinheiten messende 19-Zoll- Gerät versprüht mit seiner grau lackierten Front und den roten und blaugrauen Kunststoffreglern die spröde Eleganz historischer Studiotechnik. Das optische Markenzeichen sind dabei die vertikal angeordneten VU-Meter, die ausschließlich die Gain-Reduktion anzeigen. Wie bei so vielen klassischen Dynamikprozessoren erfolgt die Steuerung über eine Diodenbrücke.

Test Chandler Tg 1 VU

Per Schalter hat man die Wahl zwischen Dual-Mono oder Stereobetrieb, außerdem lässt sich die Dynamiksektion in jedem Kanal einzeln aus dem Signalweg schalten, um lediglich den Grundsound der Schaltung zu nutzen. Das nennt sich dann „THD“-Modus, wobei THD für den dann stufenlos regelbaren Anteil an Verzerrungen (Total Harmonie Distortion) im Signal steht. Der Verzerrungsanteil kann bis zu 2 % betragen, was schon ordentlich zerrt, wie bei den Klangbeispielen zu hören sein wird.

Nach den True-Bypass-Schaltern folgen die mit „Hold“ (eine Abkürzung für „Threshold“, mehr Platz für Beschriftung war auf den EMI-Konsolen nicht) beschrifteten roten Regler, die gleichzeitig den Schwellenwert der Dynamikbegrenzung und die Lautstärke des Eingangssignals regeln. Die Drehwiderstände waren beim Testgerät an dieser Stelle relativ gering, außerdem war der eine der beiden Regler nicht ganz exakt montiert, was daran zu erkennen war, dass der Regler in Minimalstellung etwa 1 Millimeter unterhalb der Skalierung stand. Das ist nichts, was man nicht relativ problemlos durch das Betätigen der seitlichen Inbusschraube beheben könnte, bleibt aber in dieser Preisklasse ein Ärgernis.

chandler limited tg1 test

Die Output-Regler hingegen sind in satt einrastenden 21-Stufen-Potis ausgeführt und regeln die Ausgangslautstärke in 1 dB Schritten von -10 bis +10 dB.

Die Dynamikbearbeitung erfolgt in zwei schaltbaren Modi: „Comp“ mit einer fest eingestellten Attack-Zeit von 47 Millisekunden und einer Ratio von 2:1 oder „Limit“ mit 8 Millisekunden Attack-Zeit und der Ratio von 20:1. Die Rückstellzeit ist 6-fach schaltbar, von 250 Millisekunden bis 10 Sekunden (Comp) beziehungsweise von 50 Millisekunden bis 2 Sekunden (Limit).

Abgesehen von den erwähnten kleinen Schwächen ist der Studioprozessor äußerst robust gebaut, was auch ein Blick ins Innere mit der diskret aufgebauten, mit Übertragern versehenen Schaltung, bestätigt.

Sound &Praxis

Zunächst begebe ich mich auf die Suche nach dem „Mojo“ der Studiolegende, indem ich vier verschiedene Signale (eine Schlagzeuggruppe, einen E-Bass, eine Akustikgitarre und ein Software-Rhodes) im „THD“-Modus durch die Schaltung geschickt habe. Der Input-Regler war hier bewusst in den Bereich „9 bis 10 Uhr“ gestellt, um wenig bis gar keine hörbaren Verzerrungen zu erhalten. Diese Signale wurden dann wieder einzeln aufgenommen und normalisiert. Sie sind hier zunächst in Zweiergruppen sortiert, so können das trockene und das bearbeitete Signal direkt verglichen werden:

Chandler Tg 1 Front

Im nächsten Schritt sind die Signale grob gemischt und gemastert, wodurch es eine Version mit den Originalsignalen und eine mit den „chandlerized“ Spuren gibt. Die Einstellungen von den Equalizern, Dynamikprozessoren und Effekten in den Kanälen sind ebenso identisch wie die der Masteringkette. Das mag nicht ganz praxisgerecht sein, ermöglicht aber meines Erachtens noch am ehesten einen Vergleich und eine Beurteilung dessen, was mit den Signalen passiert.

Sowohl bei den Einzelsignalen, hier in unterschiedlicher Ausprägung, als auch beim Mix ist eine dezente „Analogisierung“ der Signale hörbar. Die Signale wirken etwas „runder und weicher“ (besonders deutlich beim E-Bass festzustellen), ohne an Kontur und Präsenz einzubüßen. Im Gegenteil: Akustikgitarre und Schlagzeug erscheinen einen Hauch lebendiger und offensiver, nachdem sie den Chandler passiert haben.

Chandler Tg 1 rear

Im Mix profitieren die Einzelsignale ebenfalls von der Bearbeitung durch den TG 1. Sie verschmelzen besser zu einer Einheit und wirken dennoch klarer voneinander abgegrenzt (z. B. die Höhen von Gitarre und Schlagzeugbecken). Interessanterweise lässt dieser Effekt nach, wenn man zusätzlich Analogsimulationen wie virtuelle Bandmaschinen oder Pultsimulationen verwendet, diese wurden komplett weggelassen.

Die folgenden Klangbeispiele zeigen auf, was der Testkandidat mit Schlagzeugsignalen (hier vom Logic-Drummer geliefert) veranstalten kann. Die Einstellungen des Gerätes sind der Beschriftung der Files zu entnehmen „Chandler TG 1 drums comp r1 4 db“ bedeutet, dass der Modus auf Kompressor geschaltet ist, die Release-Zeit auf Position „1“ steht und die „Hold“ Regler so eingestellt sind, dass eine  Gain-Reduzierung von in diesem Fall 3 dB, erreicht wird.

Hier ist der Kompressormodus zu hören:

Wesentlich mehr zur Sache geht der Limiter:

Indem in der DAW das unbearbeitete Signal im Verhältnis 50 zu 50 mit “ Chandler TG 1 Drums Lim r1 gr >16db“ gemischt wird, entsteht eine parallele Signalbearbeitung:

Im „THD“-Modus kann man die Signale auch stärker verzerren als in dem obigen Beispiel:

Die folgenden beiden Beispiele sind mono, da hier beide Kanäle hintereinander geschaltet sind. Da ist zunächst der im Handbuch empfohlene „Eddie Kramer-Trick“, benannt nach dem Erfolgsproduzenten. Der erste Kanal ist im Limitermodus mit schnellem Recovery-Wert (hier: r1) und der zweite mit einem langsameren (r5) Wert in den Kompressormodus geschaltet. Im zweiten Beispiel wird das Signal zunächst im THD-Modus verzerrt und dann limitiert.

Chandler Tg 1 01

Auch Bässe zu bearbeiten bringt spannende Ergebnisse, wobei mir beim E-Bass die reine Dynamikglättung nicht so richtig gelingen wollte, während drastischere, „sounddesignerische“ Eingriffe ins Klangbild ziemlich überzeugend klingen. Den Kontrabass hingegen bringt der Testkandidat richtig schön zum „Singen“.

Ein Gesangssample aus Logic Pro X wird hier bearbeitet:

Aus dem Modular-Plugin von Softube stammt die hier zu hörende Sequenz:

Meine einfach direkt ins Audiointerface gestöpselte und so direkt aufgenommene E-Gitarre fernöstlicher Herkunft klingt unbearbeitet recht fad und profitiert enorm davon, durch den Chandler Limited TG 1 geschickt zu werden.

Obwohl das Vorbild des Chandler Limited TG 1 ja aus einem Kanalzug stammt und explizit nicht zur Summenbearbeitung konstruiert ist, sind hier ebensolche Klangbeispiele zu hören. In der Tat sind die flinken Attack-Zeiten von einer Millisekunde hier kaum sinnvoll zu gebrauchen. Allerdings kann die THD-Schaltung hier durchaus zum Einsatz kommen und dem Mix zu geschmackvoller Sättigung verhelfen.

chandler limited tg1 test

Wie kaum anders zu erwarten, macht die Arbeit mit dem Testkandidaten wirklich Spaß – vor allem wenn man es richtig schön krachen lässt. Zwar kann man, je nach Signal, auch dezente Eingriffe in die Dynamik vornehmen, aber generell möchte man ihn doch eher als Effektgerät denn als Werkzeug nutzen. Ein Wermutstropfen sind die schon beschriebenen Mängel der „Hold“-Regler, deren Leichtgängigkeit dazu führt, dass man gefundene Einstellungen durch versehentliches Berühren schnell mal verstellt. Außerdem ist die nicht exakte Montage des unteren Reglers gerade bei der Arbeit mit Stereosignalen doch ein kleiner Abtörn … wie gesagt, kann man leicht selbst beheben, aber bei dem Preis?

Chandler Tg 1 Hold Knobs

Jedenfalls kann das Gerät Signale aller Art durch seine markante Färbung in den Höhen im Mix nach vorne holen und hat dabei einen eigenen, unverwechselbaren Sound.

Oder doch lieber Software?

Der Preis des Testkandidaten ist ja nun nicht von Pappe, moderne Rechner sind leistungsstark und Programmierer von Audio-Plugins beweisen stets aufs Neue, dass die begehrte analoge Klangwelt mittlerweile auch weitgehend von digitalen Prozessoren geliefert werden kann.

Die einzige erhältliche Emulation des TG 1 scheint die Dynamiksektion des TG12345 Channels von Waves zu sein, der hier bei AMAZONA.de bereits ausführlich getestet wurde (die Softube und UAD-Versionen emulieren die Mastering-Versionen aus dem Summenmodul der EMI-Konsolen). Über den Daumen gepeilt, kann man dieses Plugin schon mal im Sale für den hundertfünfzigsten Teil dessen erwerben, was man hier in Europa für die Hardware berappen muss.

Klar ist, dass man Einstellungen nicht 1:1 übertragen kann, schon weil die Software über Input- und Hold-Regler verfügt und ja auch zwei verschiedene, leicht unterschiedlich klingende Kanäle emuliert werden. Außerdem unterscheiden sich Attack- und Rückstellzeiten …

So habe ich per Trial & Error versucht, dem Klang der Hardware möglichst nahezukommen, was bei den verschiedenen Signalen unterschiedlich gut gelingt.

Test Chandler Tg 1 Waves Tg 12345

Wenn auch das Regelverhalten trotz der erwähnten prinzipiellen Unterschiede im Vergleich zur Hardware recht nahekommt, fehlt doch das Besondere, das spezielle klangliche Flair, das der Chandler versprüht. Die Becken sind nicht ganz so „Ringo“, die Transienten vom Kontrabass klingen vergleichsweise künstlich und der Gesang erhält nicht den „Grip“, den er von der Hardware aufgeprägt bekommt. Somit hat, nicht ganz unerwartet, das analoge Gerät die Nase dann doch deutlich vorne. Trotzdem ist das Plugin natürlich ein fairer Deal (zumal ja unter anderem noch ein gut klingender Equalizer dabei ist), und hilft vielleicht dabei, die Ansparphase für den Chandler Limited TG 1 zu überbrücken.

Fazit

Der Chandler Limited TG 1 genießt nicht zu Unrecht seinen Legendenstatus. Sein spezieller, eigenständiger Sound, der auf unzähligen berühmten Produktionen zu hören ist, macht ihn zu etwas Besonderem und trotz seiner etwas eingeschränkten Ausstattung ist er für vieles zu gebrauchen. Schön auch, dass Chandler dem Gerät noch den THD-Modus spendiert hat, wodurch es sich auch als wirkungsvolles und hervorragend klingendes Sättigungswerkzeug einsetzen lässt.

Kleine Nachlässigkeiten bei der ansonsten guten Verarbeitung werden wohl niemanden vom Kauf dieses Gerätes abhalten, eher noch der gesalzene Preis. Wer allerdings dem Zauber des Chandler Limited TG 1 erliegt, wird dennoch zugreifen müssen.

Plus

  • eigenständiger, legendärer Sound
  • robuste Bauweise
  • dank "THD"-Modus auch als Sättigungstool einsetzbar

Minus

  • kleine Nachlässigkeiten bei der Montage eines Reglers (siehe Text)
  • "Hold"-Regler relativ leichtgängig
  • hoher Preis

Preis

  • Chandler TG-1: 4.290,- Euro
  • Netzteil PSU-1: 301,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Vielen Dank für den spannenden Testbericht und die aussagekräftigen Klangbeispiele.
    Macht schon richtig gut Sound das Ding.

    Auf der Mixsumme wäre er mir definitiv ’ne Nummer zu extrem aber auf den Einzelsignalen stellt sich sofort ein hochwertiger vintage Pop Klang ein, den man aus Funk und Fernsehen zu kennen meint. Dabei bleibt das Signal erstaunlich lebhaft und behält trotz der starken Färbung weitgehend seine Qualität.

    Ich bin mir nur nicht sicher inwiefern der Chandler Klang vielleicht etwas zu zeitgeistig ist. 60ies Retro ist ja in. Ob das immer so bleibt wage ich nicht zu prognostizieren. Ohne Frage ein beeindruckender Kompressor.

    • Profilbild
      martin stimming  

      Guter Punkt! Ich habe vier Dynamikprozessoren auf diesem Level und zum Abschluss eines großen Projekts, also jetzt, darf der Chandler wieder gehen.
      Irgendwie ist er mir immer zu, wie du schön gesagt hast, zeitgeistig gewesen und er passte dann doch überraschend selten.

      Zwei Sachen kamen mir zu kurz in dem Test (oder ich hab sie überlesen): wenn man ihn sehr laut macht rauscht er auch sehr laut. Und auf Bässen neigt er sehr schnell zum hässlichen Zerren, dort ist große Vorsicht geboten.

      Dieser „boa, den Sound kenn ich doch“ – Effekt ist aber wirklich immer wieder überraschend. :)

  2. Profilbild
    Sudad G  

    Schöner Test dieser Compressor Legende!
    Der Chandler wird in vielen Studios gerne für den Drum-Buss und für Overheads im Parallel Mode verwendet. Hier kann er seine Stärken voll ausspielen und man kann so entscheiden wie viel Vintage Feeling man dazumischen möchte. Drums werden dadurch richtig fett und breit mit dem berühmten gewissen Etwas. Auch bei elektronischer Musik (Dance, House, Club etc.) macht er eine tolle Figur auf der Drum-Gruppe (ohne Kick), vor allem Hi-Hats und Rides klingen fantastisch. Auch für Vocals eignet er sich recht gut zum Finalisieren, sofern eine gewisse Färbung erwünscht ist.

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