Test: EastWest Voices of Opera Sample Library

21. August 2019

Stimmgewaltige Library

Eastwest Voices Of Opera

Mit Voices of Opera kommt die nächste Stimmensammlung von EastWest auf den Markt. Die Firma aus Kalifornien hat zuletzt bereits mit hochwertigen Bibliotheken wie Voices of Passion oder Voices of the Empire für Aufsehen gesorgt.

Aufnahmen mit Opernsängern sind im Normalfall unheimlich aufwendig und mit gewöhnlichen Gesangsaufnahmen nicht zu vergleichen. Zum einen benötigt man einen richtig großen Aufnahmeraum, in dem sich die gewaltige Stimme ausbreiten kann. Wer sich die Nähe einer Opernsängerin begibt, die sich mit voller Inbrunst ins Zeug legt, wird vor Ehrfurcht mit den Knien schlackern. Das ist in etwa vergleichbar mit einem startenden Düsenjet und das riesige Klangvolumen schreit geradezu danach, einen großen Saal bzw. ein Opernhaus zu füllen.
Zum anderen stellen die hohen Pegel auch höhere Ansprüche an das Aufnahmeequipment (wie Mikrofon und Vorverstärker) als dies bei normalen Sessions der Fall ist. Auf die technische Seite muss zu 100 % Verlass sein, denn eine weitere Eigenheit von Opernstimmen ist, dass nach zwei Takes meistens Schluss ist. Hier hat man es mit absoluten Gesangs-Spitzensportlern zu tun, die am absoluten Limit der menschlichen Stimme agieren. Dieses Limit lässt sich nicht mehrmals ausreizen. Nach einer ausgedehnten Aufwärmphase heißt es daher „Hop oder Top“. Lange Soundchecks oder mehrfache Wiederholungen sind meistens nicht drin. Versagt das Aufnahmeequipment, ist man den Job los. Der Druck auf alle Beteiligten ist bei einer solchen Session vergleichsweise hoch.

Eastwest Voices Of Opera

Tenor Carlton Moe

Neben all diesen Zutaten benötigt man für eine gute Aufnahme natürlich auch noch talentierte Sänger. Hier hat EastWest in die Vollen gegriffen und für Voices of Opera Larisa Martinez und Carlton Moe ins Boot bzw. auf die Bühne geholt. Larisa Martinez ist derzeit als erste Sopranistin mit Andrea Bocelli auf Tour, während Carlton Moe in den Staaten als „Ubaldo Piangi“ in Andrew Lloyd Webbers Phantom der Oper auftritt. Mit EastWests Voices of Opera bekommt man also im Grunde genommen gleich zwei Librarys – einmal Sopran und einmal Tenor.

Die Aufnahmen zu Voices of Opera fanden in den hauseigenen EastWest Studios in Kalifornien statt. Laut der Produzenten Doug Rogers und Nick Phoenix wurde ausschließlich hochwertigste Mikrofone verwendet. Neben einem Telefunken 251 (hier im Vergleichstest) und einem Neumann U67 für die Nahaufnahme wurden im Raum das Coles 4038, ein Paar AKG C12 sowie ein klassischer Decca-Tree mit drei Neumann M50 installiert. Wir konnten ein Foto der Aufnahmesession ergattern und hier kann man sehen, dass ursprünglich noch einige weitere Mikrofon-„Schmanckerl“ zum Einsatz gekommen sind.

Die Installation von Voices Of Opera

Larisa Martinez im Eastwest Studio

Die Installation von Voices Of Opera

Mit rund 45 GB ist Voices of Opera ein recht mächtiges Paket. Die Installation erfolgt einfach über das EastWest Installation-Center. Dass Deutschland beim Thema Internetgeschwindigkeit noch immer Entwicklungsland ist (aktuell Platz 31 im internationalen Vergleich), musste ich beim Download feststellen. Dieser wurde leider mehrmals abgebrochen und es hat sich über zwei Tage hingezogen, die Bibliotheken herunterzuladen. Um sie zu verwenden, wird der kostenlose Sample-Player PLAY benötigt, der aktuell in der Version 6.1.2 vorliegt. Dieser zeigt sich während der Testphase von seiner besten Seite und ich konnte keinerlei Bugs oder ungewollte Abstürze feststellen. Zur Aktivierung ist ein ILok-Account erforderlich, wobei es möglich ist, die Lizenz entweder auf den Stick oder auf einen Computer zu laden.
Als Betriebssystem benötigt man dafür entweder Win7 (64 Bit) oder Mac OSX mit 10.7, mit mind. 2,7 GHz Dual-Core und 8 GB RAM. Das Plugin steht in den Formaten AU / VST2 / AAX native / NKS / VIP und auch Standalone zur Verfügung. Einen Überblick über die Kompatibilität zu verschiedenen DAWs findet ihr hier.

Eastwest Voices of Opera

Larisa Martinez und Andrea Bocelli

Voices Of Opera – vollgepackt bis obenhin

Wie oben schon erwähnt, ist das Paket mit 45 GB ausgesprochen umfangreich. Darin finden sich sage und schreibe 229 Multi-Samples (24 Bit / 44 kHz) in verschiedensten Kategorien. Zunächst gibt es von jedem Sänger fünf SUSTAIN Patches in Ah, Ee, Eh, Oh, Oo (auf Neudeutsch: A, E, I, O, U). Dem folgen je 16 STACCATO Patches mit unterschiedlichen rhythmischen Akzentuierungen wie Bra, Fa, Goh, Te Toh etc. Die LEGATO Patches lassen sich bis zu einer Oktave verbinden und beinhalten Ah und Oh für Sopran und Tenor. Unter der Bezeichnung COMBO stehen 8 Patches zur Verfügung, die verschiedene Artikulationen in einem Instrument kombinieren und über Round-Robin oder Mod-Wheel getriggert werden. Nun wird es etwas ausgefallener. Unter WORDS stehen 42 italienische Wörter zur Verfügung, die auf einer Note gesungen wurden. Forza, Amore, Bravissiomo und viele weitere opernhafte Ausdrücke werden angeboten. Der nächsten Italo-Hymne (Titelvorschlag: „Forza Amore – Bravissimo!“) steht also nichts mehr im Weg.

PHRASES treibt das Ganze noch auf die Spitze. Hier finden sich komplette Versatzstücke aus bekannten Opern von Verdi, Mozart und vielen weiteren Komponisten. 43 Phrasen für Soprano, 40 für Tenor und 37 Duett-Passagen wurden jeweils in verschiedenen Tonhöhen aufgenommen. Den fantastischen Wordbuilder, wie man ihn zum Beispiel von EastWest Hollywood Choirs kennt, sucht man leider vergeblich. Man kann also keine individuellen Phrasen oder Satzkreationen erzeugen. Mit den KEYSWITCH Patches lassen sich die verschiedenen Samples (zum Beispiel Ah, Ee, Eh, Oh, Oo bei Sustain) innerhalb eines einzelnen Instruments aufrufen. Zur verbesserten Übersicht wird der Wert jeder einzelnen Umschalttaste in PLAY angezeigt.

Die Artikulationen sind übersichtlich dargestellt

Voices of Opera in der Praxis

Bei der Arbeit mit Eastwest Voices of the Opera weiß der hochwertige Grundklang schnell zu gefallen. Auch kommt man vor allem mit den Soprano Legato-Patches recht schnell zu guten, realistisch klingenden Ergebnissen. Die Versuchung ist groß, euch die Titelmelodie von Star Trek (Soprano Part) als Audiobeispiel anzubieten, da das Lied aber noch urheberrechtlich geschützt ist, müsst ihr es selbst ausprobieren. Leider fallen die Tenor-Samples im Vergleich dazu ab und klingen nicht sehr homogen:

Die Sustain-Patches haben jeweils drei Samples mit unterschiedlicher Dynamik vom soften Ton mit leicht anschwellenden Vibrato bis hin zum schnell ansprechenden Ton mit mehr Vibrato.
Mit den Sustains lassen sich schöne, mehrstimmige Chorparts bauen, die sich auch gut in bestehende Choraufnahmen integrieren lassen, um diese anzudicken. Einzelne Stimmen können ähnlich einer ersten Violine im Orchester dazu verwendet werden, einem großen Chor mehr Kontur zu geben. Es stehen ungemein viele Staccato-Aufnahmen zur Verfügung. Hier ein Beispiel mit „Fah – Ki – Lo – Ho“ am Sopran:

Leider scheinen einige Startpunkte der Tenor-Samples nicht richtig gesetzt zu sein. Bei gleicher Phrasierung hört sich der Tenor so an:

In der Schlussfolgerung daraus ergeben dann beide Stimmen zusammen leider keinen Sinn:

Ein Blick auf die Wellenform verdeutlicht das Problem des verschobenen Anfangspunkts:

Eastwest Voices Of Opera

Der Tenor startet hier etwas verzögert

Die Phrasen selbst sind eine nette Beigabe, für mich erschließt sich der praktische Nutzen daraus aber nur bedingt. Was mir teilweise etwas schwammig vorkommt, ist die Stimmung einzelner Phrasen. Die Tonhöhe ist manchmal nicht präzise genug.
Ich bin im Studio beileibe kein „Glattbügler“ oder notorischer „Autotuner“, der alles Mögliche quantisiert. Das Gegenteil ist der Fall. Ich liebe es, wenn es menschelt, oft ergibt das Imperfekte den interessanten Touch und Identität.
Doch gerade im Opernbereich, in dem das Instrument Stimme so zur Perfektion gedrillt wurde, erwartet man Präzision. Hier geht es mir nicht um das Vibrato, sondern um Tonansatz und die Übergänge von einem Ton zum nächsten. Hier der Tenor mit einem Auszug aus der Zauberflöte:

Der Weg vom hohen E runter zum F ist leider nicht ganz sauber. Ein Blick in Melodyne veranschaulicht, dass einzelne Töne (C / A) schon am nächsten Halbton kratzen:

Eastwest Voices Of Opera

Manche Töne sind leider nicht gut getroffen

Hier die korrigierte Version von Melodyne (Value 80%):

Auch beim Soprano finden sich kleine Unsicherheiten, wie hier bei Puccinis „O Mio Babbino Caro“ kurz vor dem Sprung zur hohen Oktave bei Sekunde 11 (im Wort „Bello“).

Im Zweifelsfall muss man mit Melodyne, Flex Pitch oder einem ähnlichen Programm Intonationsschwächen ausbessern. In einer Pop-/Rock-Produktion wären diese Feinheiten kein Problem. Bei einer Opern-Library würde ich mir allerdings mehr Sorgfalt und Liebe zum Detail wünschen.

In Play lassen sich für jedes Sample drei verschiedene Mikrofonpositionen mischen. Toll, dass das auch in der normalen Composer-Cloud machbar ist und man dafür keine Diamond-Version benötigt. Auf diesem Weg lässt sich die Stimme schnell in einem Mix positionieren. Auch lässt sich damit die Tonhöhe verändern und es stehen verschiedene, hochwertig klingende Hall-Arten und Ausgangsformate (Stereo, Mono, Mono from Left, Mono from Right, Swap Left and Right) zur Verfügung. In der Effekt-Sektion findet man sogar noch einen SSL Channelstrip, einen SSL Compressor, ein Delay und einen ADT-Effekt, um das Signal anzudicken.

Die Library ist ausgesprochen umfangreich – hier die Liste der Staccato-Samples

Einige Patches stehen in einer MOD-Variante zur Verfügung. Bei diesen lässt sich die Intensität durch das Mod-Wheel am Controller-Keyboard steuern. Auch bei den Phrasen ist das Mod-Wheel sehr nützlich. Damit lässt sich der Startpunkt verschieben und man kann an einem beliebigen Punkt innerhalb der Phrase das Sample starten. Wer kein Mod-Wheel zur Hand hat, kann die Werte natürlich auch manuell in die MIDI-Automation schreiben.

Abschließend lässt sich sagen, dass Voices Of Opera enorm viel bietet, man sollte aber hier und dort planen, bezüglich Tuning oder Timing selbst Hand anzulegen.

Eastwest Voices of Opera

Soprano Larisa Martinez

Fazit

Mir ist keine andere Software bekannt, die den Opernbereich mit dieser enormen Sample-Vielfalt abdeckt. Die gebotene Klangqualität ist ausgesprochen hoch, mit den Sustain-, Staccato- und Legato-Patches kommt man schnell zu guten Ergebnissen. Bei einigen Phrasen fehlt mir die Präzision bezüglich der korrekten Intonation, hier muss man eventuell manuell etwas nachhelfen. Auch ist das Legato des Tenors nicht so geschmeidig wie jenes der Sopranistin und die Startpunkte einzelner Samples wurden falsch gesetzt ist. Ich hoffe, dass EastWest hier mit einem Update nachbessert. Trotzdem kann ich ein Antesten der Software  empfehlen, schon ab 20 Euro im Monat kann man diese im Rahmen der EastWest Composers-Cloud uneingeschränkt nutzen.

Plus

  • sehr umfangreiche Library
  • generell sehr hohe Klangqualität
  • verschiedene Mikrofonpositionen
  • MOD-Wheel, Round Robin und Keyswitches für Samples-Steuerung
  • PLAY 6.1 übersichtlich, stabil - umfangreiche FX

Minus

  • Intonation einzelner Samples unpräzise
  • Tenor Legato klingt teilweise inhomogen
  • Sample-Start manchmal zu spät gesetzt

Preis

  • 149,- Euro (Aktionspreis)
  • Composer Cloud: ab 19,99 Euro / Monat
Klangbeispiele
Forum

Es sind momentan noch keine Kommentare für diesen Artikel vorhanden.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.