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Test: Electro Harmonix Oceans 11 Reverb, Gitarrenpedal

5. Juli 2018

Der Hall, der aus der Tiefe kam

Electro Harmonix Oceans 11 Reverb title

Die Suche nach dem perfekten Hall scheint so wie die Suche nach dem perfekten Ton zu sein: nie enden wollend. Nicht anders ist es zu erklären, dass in der Kategorie der Hallpedale seitens der Hersteller unentwegt für Nachschub gesorgt wird und ein Ende nicht in Sicht zu sein scheint. Unser heutiger Raumsimulator stammt aus dem ehrwürdigen Hause Electro Harmonix und bietet unter seiner Hülle nicht weniger als 11 Programme, unter denen sich auch weitere nützliche Effekte befinden. Nach den Echos aus dem Canyon-Delay folgen also nun Hallräume aus dem Oceans 11 und wir wollen mal rausfinden, ob eine Atmosphäre entstehen kann oder hier doch eher Meeresrauschen vorherrscht.

Electro Harmonix Oceans 11 – Facts & Features

Bis auf den Anschluss für das Netzteil, das sich erfreulicherweise im Lieferumfang befindet, sitzen alle übrigen Anschlüsse an den Gehäuseseiten des Pedals. Das sorgt für etwas Grummeln, wird doch so, selbst beim Einsatz von Winkelsteckern, immer auch etwas Platz auf dem Pedalboard verschwendet. Das schwarz lackierte und mit 114 x 70 x 53 mm kompakt ausgefallene Gehäuse besitzt drei Anschlussbuchsen: einen Eingang, einen Ausgang und eine dritte Buchse zum Anschließen eines Expression-Pedals, das eine Hold-Funktion übernehmen kann.

Auf der Unterseite gibt es nichts weiter zu entdecken. Da das Ocean 11 nicht mit einer Batterie betrieben werden kann, gibt es folglich auch keine Öffnung für einen Saftspender. Dafür aber vier stabile Gummifüße, die allerdings so hoch sind, dass man sie wohl abnehmen muss, wenn man vorhat, das Oceans 11 auf einem Pedalboard mit Klettband zu befestigen.

Electro Harmonix Oceans 11 Reverb Gitarrenpedal

Das Electro Harmonix Oceans 11 besitzt keine Stereosignalführung, was bei einem Hallprozessor natürlich immer auch etwas schade ist und das Pedal somit für den Einsatz im Studio oder in einem Keyboard-Setup nur halb so wertvoll macht. Auf der anderen Seite würde es den Preis durch ein Mehr an DSP-Power natürlich auch in die Höhe treiben, so befindet sich das Oceans 11 mit einem VK von rund 150,- Euro jedoch in einem Bereich, in dem es mit der Konkurrenz locker mithalten kann. Und die ist ja nicht gerade klein in diesem Bereich, wie ich eingangs ja bereits erwähnte. Zumal sie auch aus eigenem Hause kommt, nicht umsonst zählt der EHX Holy Grail beispielsweise zu einem der erfolgreichsten Hallpedale überhaupt und ist dabei nicht nennenswert teurer als der Neuling im Produktangebot von Mike Matthews‘ Kultfirma. An dieser Stelle möchte ich ganz kurz noch auf unsere Electro Harmonix Story hinweisen, in der man die Geschichte des Unternehmens mit allen Höhen und Tiefen nachlesen kann. Ein Klick HIER führt euch direkt zum Artikel. Doch nun zurück zum Oceans 11 und zu dem, was uns das Pedal an Möglichkeiten bietet.

Electro Harmonix Oceans 11 – Regler und Schalter

Die vier fest mit dem Gehäuse verschraubten Potis zeigen sich von bester Qualität, sie laufen weich auf ihren Achsen und ermöglichen so eine sehr genaue Einstellung der gewünschten Parameter. Etwas „glitschig“ hingegen fühlen sich die weißen Plastikknöpfe on top an, zudem sitzen die Regler relativ dicht beieinander bzw. die Knöpfe hätten gut und gerne ein Stück kleiner ausfallen dürfen, sodass man sie mit mehr als nur zwei Fingerspitzen hätte umgreifen können. Es existiert ein Regler für die Effektintensität (FX LVL), einer für die Färbung des Effektsignals (TONE), einer für die Halldauer bzw. die Intensität der übrigen Effekte (TIME) sowie der wohl Wichtigste, der Regler zur Auswahl der 11 Presets im Speicher des Ocean 11.

Die 11 Presets an Bord des Oceans 11

Electro Harmonix Oceans 11 presets

Neben den üblichen Verdächtigen bzw. den Sounds, die man bei einem Hallpedal einfach erwartet, haben sich noch weitere Algorithmen im Speicher des Oceans 11 eingefunden. So gesellen ich neben Hall, Plate, Spring und diversen „Reverb-Specials“ ein Echo, ein Tremoloeffekt, ein Stereochorus, ein Flanger und ein Shimmer-Effekt, die mit dem Mode-Button und einer „Secondary Knob Funktion“ noch tiefer gehend editiert werden können. Was diese beiden zusätzlichen Modi bewirken, kann man an den folgenden Abbildungen erkennen:

Electro Harmonix Oceans 11 Reverb modes

— Was der Mode-Button am Oceans 11 bewirkt —

 

Electro Harmonix Oceans 11 Reverb secondary knob

— Die weiteren Funktionen innerhalb der Secondary Knob Ebene —

Die Power-LED informiert durch ein Blinken in unterschiedlichen Farben über die verschiedenen Modi, nachdem der Mode-Schalter > 2 Sekunden gedrückt wird. Ein Lob gibt es für den Metallschalter, denn der ist relaisgesteuert und versetzt das Pedal daher ohne ein lautes Knacken in den Betriebszustand. Prima, das ist selbst bei doppelt so teuren Pedalen keine Selbstverständlichkeit und rundet den guten Eindruck ab, den das Electro Harmonix Oceans 11 nach der ersten Begutachtung in puncto Hardware abgibt.  Und damit ab zum nächsten wichtigen Kapitel, dem Sound!

Electro Harmonix Oceans 11 Reverb – Sound & Praxis

Electro Harmonix Oceans 11 Reverb side right

Ohne ein Knacken –  und damit ist nicht nur der flüsterleise Servoschalter gemeint – nimmt das Electro Harmonix Oceans 11 seinen Betrieb auf. Die grundsätzliche Signalqualität geht für ein Pedal dieser Preisklasse absolut in Ordnung, der Originalsound büßt in keiner Weise an Kraft ein und fügt sich mit dem Effekt zu einem homogenen Sound zusammen. Dank True-Bypass sind auch bei deaktiviertem Effekt keine Nachteile zu hören oder zu spüren, das eingehende Signal wird unverändert am Ausgang wieder abgegeben.

Beim Durchhören der Presets gibt es Höhen und Tiefen, so ist der Spring-Reverb ziemlich blechern ausgefallen, dafür aber zeigt sich etwa der Shimmer-Effekt von seiner besten Seite und kann durch seine Dichte und die zugefügten Intervalle sehr kreatitätsfördernd auf den Benutzer wirken. Für den Reverse-Hall sollte man sich etwas Zeit zur Eingewöhnung gönnen, dann sind aber auch mit diesem Preset eine Menge Gimmicks möglich, die sich dennoch sinnvoll im musikalischen Kontext einsetzen lassen.

Durch die „Secondary Knob“ Funktionen sowie den Einsatz der verschiedenen Modi ergeben sich eine Unmenge an Einsatzmöglichkeiten. Profitieren vom Sound des Oceans 11 könnte daher der Rockabilly-Gitarrist, genau so wie auch der Klangforscher auf der Suche nach neuen Ambientflächen. Wirklich schade ist nur, dass es das Ganze nur in Mono gibt, ich erwähnte es ja bereits weiter vorne im Text.

Hören wir rein in das Oceans 11, für die folgenden Klangbeispiele wurde das Pedal in den Effektweg meines Orange Amps eingeklinkt, der Amp wiederum war verbunden mit einer 1×12″ V-30 Box, ehe das Signal in Logic Audio aufgenommen wurde.

Fangen wir mit einem eher dürftigen Sound an bzw. mit einem, der im Gegensatz zum Großteil der vorhandenen Presets im Oceans 11 aufgrund seines blechernen Klangs nicht gerade inspirierend wirkt: der Spring-Reverb, also die Simulation einer Federhallspirale.

Auch mit dem Tone-Poti lässt sich der  helle, blecherne Sound leider nicht kaschieren und nach einer Federhallspirale klingt das meiner Meinung nach nun nicht gerade.

Nun aber zu den gelungenen Sounds im Speicher des Oceans 11 und da ist vor allem der Shimmer-Effekt hervorzuheben, den wir im folgenden Klangbeispiel hören. Trotz der intensiven Hallfahne sind die Intervalle sauber und transparent wahrzunehmen, ohne sich jedoch dabei zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Eine Spielwiese für Ambient-Fans!

Im dritten Klangbeispiel hören wir das Echo-Preset im Oceans 11. Positiv ist hier, dass man mithilfe des Mode-Schalters die rhythmische Unterteilung sogar variieren kann. Nicht so schön ist hingegen die fehlende Möglichkeit, das Hallsignal komplett zu entfernen.

In Klangbeispiel 4 nun das Preset „Dyna“, in dem gleich drei Hallalgorithmen zu einem verschmolzen wurden: „Swell“, „Gate“ und „Duck“. Ein interessanter und dichter Sound, der ebenfalls sehr inspirierend wirken kann.

Abschließend noch ein Sound aus der MOD-Abteilung des Oceans 11 – ein Chorus. Wie auch beim Echo, so klingt auch bei den übrigen Effekten stets ein Hallsound mit. Für Puristen kann das störend sein, aber das Electro Harmonix Oceans 11 ist halt nun mal primär ein Hallpedal!

 

Fazit

Nach der Reise in den Canyon mit dem gleichnamigen Delay/Looper schickt uns Electro Harmonix nun also mit dem Oceans 11 auf ein Trip in die Tiefen des Ozeans. Und der ist, bis auf wenige Ausnahmen, gut gelungen! Die elf Programme bieten eine Rundumversorgung mit wichtigen und fast unverzichtbaren Hallsounds, als Bonus obendrauf gibt es noch Echos und Modulationseffekte, die sich dank der Secondary Function weiter im Detail bearbeiten lassen. Ein interessantes, kreativitätsförderndes Pedal für einen sehr fairen Preis, unbedingt mal antesten!

Plus

  • gute und ausreichende Grundversorgung bis auf kleine Ausnahmen
  • erweiterte Editiermöglichkeiten
  • Signalqualität
  • Expression-Pedal-Anschluss

Minus

  • nur mono

Preis

  • Ladenpreis: 149,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    penishead  AHU

    Es ist immer wieder schade, wenn ich auf den Produktfotos keine zwei Ausgänge entdecke. Da wird soviel Potential verschenkt. Schade!

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      Stephan Güte  RED

      Ja, vor allem bei Reverbs, Echos, Modulationseffekten … aber doppelte Leitung heißt ja auch fast immer doppelte DSP-Power nötig. Ich habs im Artikel ja erwähnt, wäre dann sicher teurer.

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        Coin  AHU

        Hallo Stephan, kannst Du mir erklären was ein Modulationseffekt macht ?
        Oder ist das eine Kategorie ?

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          Stephan Güte  RED

          Der Modulationseffekt (Chorus, Flanger, Phaser, Vibe, …) moduliert den Klang nach Wunsch und kommt erst dann richtig zur Geltung, wenn man ihn in Stereo benutzen kann. Viele Gitarristen mögen so etwas ;)

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            Coin  AHU

            Was versteht man denn als „moduliert“ ?
            Wie erklärst Du einem Anfänger
            was ein Modualtionseffekt macht ?
            Deine Aussage ist (sorry) als wenn Dich jemand fragt, was für ein Auto Du fährst, und Du mit: „Eins mit 4 Rädern“ antwortest.
            Ich halte die Bezeichnung „Modulationseffekt“ für Schwachsinn.
            Auch wenn viele das anders sehen, anscheinend hat sich noch
            keiner einen Kopf darüber gemacht.
            Habe gelernt Effekte nach der Aufgabe zu benennen, die es hat.
            Phaser, Chorus und Flanger sind Phaseneffekte und so versteht auch jeder sofort was es macht.
            Bei Modulationseffekt weiss niemand genau was es macht.
            Das kann alles möglich sein und man wird dann erstmal aufteilen müssen.
            So und jetzt will ich ein paar Minuse sehen.

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              AMAZONA Archiv

              Coin, hatten wir die Diskussion nicht letztens erst?
              Mag ja sein, dass du das für Schwachsinn hältst, aber es ist die gängige Bezeichnung für die von Stephan genannten Effekte.
              Da kannst Du dich zum Beispiel auch bei Native Instruments beschweren, die in Guitar Rig Phaser, Chorus, Flanger, Rotator, Tremolo unter MODULATIONSEFFEKTE führen.

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              TobyB  RED

              Hallo Coin,

              Phaseneffekte modulieren dann nicht? Ich könnte ja verstehen, wenn man zwischen Verzögerungseffekten und Modulationseffekten unterscheidet. Nur reicht das eben auch nicht zur Beschreibung dessen was physikalisch passiert. Auf der einen Seite haben wir alles was mit Filtern und Schwingkreisen beliebiger Ordnung arbeitet und auf der anderen Seite Effekte die mit diskreter Eimerkette arbeiten. Beiden ist aber gemein, dass sie modulieren. Entweder FM, AM oder sogar PWM. Es hat sich unter Musikern so ein Marketing Voodoo Sprech etabliert. Dabei ist das simpelste Nachrichtenelektronik. Entweder Analog, Diskret oder Digital.

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                Coin  AHU

                Ja die Diskussion hatten wir letztens erst.
                Schade das meine Frage unbeantwortet bleibt.
                Ein Anfänger weiss nun immer noch nicht was ein Modulationseffekt macht.
                Was wird moduliert ? Lautstärke ?, Tonhöhe ?, Echo vielleicht ?,
                oder doch die Frequenzen ?
                Modulationeffekt kann alles sein, eben wie ein Auto, mit 4 Rädern.

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                  TobyB  RED

                  Hallo Coin,

                  mir steckt grade noch die Delay Diskussion in den Knochen 😊 Ich denke aber es gibt auf amazona.de genug Workshops zu den Themen. Aber da offensichtlich grundsätzlich Bedarf gibt, spreche ich mal mit Stephan, Felix und Peter. Zwischenzeitlich empfehle ich Klaus seine Artikel über Effekte. Und die Grundlagenserie zu Modularen Synthesizern.

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                      TobyB  RED

                      Hallo coin,

                      ich hab dir hier mal die wichtigsten Links zusammengestellt,
                      https://bit.ly/2u3KN6K

                      Hier Klaus Bodentreter Workshop
                      https://bit.ly/2m64vL4

                      Aufpassen muss man mit den Verzögerungseffekten, Eimerkettenspeicher sind immer diskret, siehe Otto Mildenberger, Entwurf analoger und digitaler Filter. Analoge Delays mit Spule als Verzögerungsglied gabs wohl nur in der DDR(?) die machen sich die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit in einem Leiter zu nutze. Haben aber den Nachteil einer gewaltigen Dämpfung. Das selbe gilt für einen Chorus, denn auch dieser ist ein Verzögerungseffekt. auch dieser ist mit einer Eimerkette diskret. Modulationseffekte werden gerne mal synonym genommen. Aber hier gilt als Faustregel, alles was AM, FM, PWM und Stereobreite moduliert, ist ein Modulationseffekt. Dann gibst noch Filter, ein Phaser und Flanger sind auch welche, je nach dem von welcher Seite man das aufdröselt. Wobei der Flanger auch ein Kammfilter sein kann.

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                      TobyB  RED

                      Dann gibt es noch Filter und alles was verstärkt und sich an der Amplitude der Hüllkurve zu schaffen macht. Drive, Fuzz, Envelopefollower. Aufpassen muss man nur bei Delays und allem was sich an der Stereobreite vergeht. Das kann ihn Stereo ode Dual Mono funktionieren, kann aber im Mono bis zur Signalauslöschung führen oder dem Kammfiltereffekt. Deswegen sollte man die Verkabelung und Reihenfolge seiner Effekte genau planen, nicht alles ist sinnvoll. Hallefekte habe ich ausser acht gelassen, dass sprengt hier den Rahmen.

  2. Profilbild
    L. Lammfromm  

    Mir klingen alle Beispiele etwas zu „schepperig“, ich höre da recht krachende, unangenehme Höhen. Das wird vermutlich mit einem EQ noch relativ leicht zu bändigen sein, und mehr noch, eingebunden in gängige Hardware für Gitarristen könnte sich das evtl. sogar noch als Vorteil erweisen. Das wäre dann nämlich ein Hall, der unter realen Bedingungen ein brillantes Klangbild ermöglicht.
    .
    Dennoch, nicht ganz mein Fall. Mit rund 150 Euro und seiner klanglichen Variabilität ist der Oceans 11 aber ein respektabler Kandidat, der getestet werden sollte, sofern man noch auf der Suche nach einem schönen Hall-Pedal ist.

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