Test: Elektron Analog FOUR, Synthesizer, Sequenzer

27. Februar 2013

Four Channel Analog Dream Machine?

Üblicherweise ist es für die Fachpresse kein großes Problem, vor Erscheinen eines neuen Produkts an ein Testexemplar zu kommen. Rechtzeitig vor Auslieferung wird den interessierten Kreisen – in der Regel unbürokratisch – vom Hersteller ein Gerät zum Ausprobieren als Leihgabe überlassen.

Nicht so allerdings bei Elektrons neuestem offenbar gut gehütetem Schatz, dem analog FOUR: In einer straff orchestrierten Marketingkampagne wurde der neue Sequenzer/Synthesizer überraschend bekannt gemacht und bald darauf in den freien Handel gebracht. Er ist nun zwar seit Anfang Dezember erhältlich, Amazona.de aber erst jetzt ein Testgerät in Aussicht gestellt worden – und zwar ausschließlich gegen Ausfüllen eines Formulars mit deftigen Haftungsklauseln…

Nachdem wir nun doch endlich an ein Exemplar gelangt sind, haben wir den analog FOUR gründlich unter die Lupe genommen – ob sich der Aufwand lohnt?

Überblick Elektron Analog FOUR

Der Elektron Analog FOUR stellt eine Kombination aus umfangreichem Sequenzer und vier identischen analogen monophonen Synthesizerstimmen dar. Außerdem verfügt er über drei gleichzeitig nutzbare Effekte (Hall, Chorus, Delay), die parallel anliegen und über Sends zu nutzen sind. Neben den vier Sequenzerspuren für die analogen Klangerzeuger gibt es noch eine Spur für die Automatisierung der Effekte sowie eine weitere zum Ansteuern externer Geräte via CV/Gate. Genaueres hierzu später.

Äußeres

Beim Auspacken kommen neben dem Gerät selber ein externes Netzteil, ein USB-Kabel und eine gedruckte Kurzanleitung zum Vorschein. Die vollständige Bedienungsanleitung gibt es als PDF zum Herunterladen von der Website des Herstellers; angesichts der Komplexität des Gerätes ist ihr eingehendes Studium auch unverzichtbar.

Bezüglich Form, Farbgebung und Material hat man sich sehr eng an das bereits von anderen Elektron Geräten bekannte Design angelehnt. Er kommt kompakt und nüchtern daher: Ein robustes, stylisch-schlichtes grau-schwarzes eckiges Metallgehäuse mit hellgrauen und weißen Knöpfen (plus einem roten) und Drehreglern birgt Verwechslungsgefahr mit dem Octatrack aus gleichem Hause und beweist Konzentration auf das Wesentliche – verspielten Schnickschnack sucht man vergebens. Nach dem Einschalten unterstreichen das rudimentäre grafische Display (weiß leuchtend mit schwarzen Zeichen) sowie diverse flankierende teils mehrfarbige LEDs den spartanischen Gesamteindruck.
Display

Die Verarbeitungsqualität macht einen sehr guten Eindruck, auch die Haptik ist angenehm – wie man es von einem Gerät „Made in Sweden“ erwartet. Lediglich die offenbar nur direkt auf der Platine befestigten Encoder scheinen etwas problematisch, eine vergleichbare Konstruktion hat beim Octatrack Usern zufolge nach einigem Gebrauch Probleme verursacht.

Anschlüsse

Auf der Rückseite des Elektron Analog Four finden sich Ein-/Ausschalter, Stromanschluß, MIDI-Trio sowie diverse 6,35 mm Klinkenbuchsen, jeweils zwei für CV/Gate Out, Input, Output und eine für den Kopfhörer.

Die analogen Ausgänge sind symmetrisch ausgeführt und anders als bei zahlreichen Mitbewerbern tatsächlich vollkommen frei von Nebengeräuschen.

Mittels der (unsymmetrischen) Eingänge kann man Signale sowohl einfach dem Ausgang zumischen und auf die Effekt-Sends routen, als auch als Quelle für Oszillatoren der Synthesizer-Stimmen verwenden und so durch die komplette Klangformung schicken.

Der Nutzen des MIDI-Ausgangs ist insofern eingeschränkt, als er lediglich Controller-Daten der Echtzeit-Regler sowie MIDI-Clock und wahlweise auch DIN-Sync ausgeben kann, nicht aber die Daten des internen Sequenzers. Vermutlich wollte man den anderen Geräten aus eigenem Hause weniger Konkurrenz machen.

Rückseite

Die internen Tracks des Elektron Analog Four können aber auf die vier konfigurierbaren CV-Ausgänge geroutet werden. Dies gilt nicht nur für den einen designierten CV-Track, sondern auch alle Spuren, die die internen Synthesizerstimmen ansteuern. Jeweils 2 CV-Signale lassen sich über eine der Stereoklinkenbuchsen ausgeben (auch wenn das Handbuch diesen Umstand leider nur beiläufig erwähnt). Für passende Adapterkabel muss der Käufer selber sorgen, denn mitgeliefert werden sie nicht.

Die CV-Ausgabe ist umfangreich einstellbar, neben eigenen Hüllkurven und LFOs kann man zwischen V-Trig und S-Trig wählen und die Spannung in kleinen Schritten auf bis zu 10V erhöhen, so dass auch 70er Jahre Vintage-Geräte vom analog FOUR angesprochen werden können.

Unverständlich ist die (offenbar) fehlende Möglichkeit, MIDI-Input auf CV zu routen, um den Elektron Analog Four als komfortablen MIDI-CV-Wandler zu verwenden.

Über den MIDI-Eingang lassen sich alle wesentlichen Parameter steuern, einschließlich der internen Klangerzeugung z.B. über ein externes Keyboard. Hier wird allerdings ein ganz wesentlicher Kritikpunkt deutlich: Polyphone Spielweise, also das Verteilen der vier Stimmen zum Spielen von Akkorden, ist nicht vorgesehen. Immerhin hat Elektron angekündigt, in Erwägung zu ziehen, diese Funktion durch ein zukünftiges Software-Update nachzurüsten.

Derartige Updates können über MIDI oder USB erfolgen. Letztere Schnittstelle ist nichts anderes als ein „MIDI-über-USB“ Anschluss, weitergehende Funktionen, wie die externe Steuerung über eine Spezialsoftware, sind hierüber (zumindest aktuell) nicht möglich.

Der Elektron Analog FOUR in der Praxis

Spätestens beim ersten Einschalten fällt auf, dass man im Vergleich zu anderen Elektron Geräten Abstriche beim Display machen muss, da es allenfalls halb so groß wie der Rest der Familie geraten ist. Zudem kommt es ziemlich grobkörnig daher, und die Lesbarkeit sinkt recht schnell, je weiter man sich vom senkrechten Blickwinkel entfernt. Die begrenzte Anzahl Knöpfe macht außerdem Doppelbelegungen über einen Funktionstaster erforderlich. Dieser Tatsache und dem eingeschränkten Platz auf dem Display ist es auch geschuldet, dass viele Einzel- und Untermenüs nötig sind, um Zugriff auf alle Funktionen zu geben; folglich ist eine recht hohe Einarbeitungszeit nötig, bis alle Handgriffe sitzen. Zum Programmieren von Sounds etwa muss diverse Male hin- und hergeschaltet werden, selbst für elementare Parameter wie z.B. die Filtereckfrequenz. Ein Software-Editor mit direktem Zugriff auf alle Funktionen wäre daher enorm hilfreich, ist aber – jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt – nicht verfügbar. Immerhin wäre dies über MIDI aber zumindest prinzipiell auch möglich.

Der Aufbau ist nicht immer logisch oder intuitiv, die Einbindung der häufig gebrauchten oben links angebrachte „Yes“-Taste empfand ich z.B. als ziemlich verwirrend.

Zu Beginn war das Testgerät von häufigen Abstürzen geplagt, die aber nach dem (unproblematischen) Update auf die aktuelle Version per Sysex zum Glück ausblieben.

Die Drehencoder verfügen bei Soundparametern über eine eingebaute Beschleunigung: Dreht man langsam, so kann der (intern höher aufgelöste) Schritt von einem der 128-MIDI-Werte zum nächsten durchaus eine Viertelumdrehung in Anspruch nehmen, beim schnellen Drehen werden dagegen wesentlich mehr Werte erfasst. Das ist sicher Geschmackssache, ich fand es gewöhnungsbedürftig, insbesondere weil dadurch schnelle übergangslose Sweeps schwierig zu realisieren sind. Zum Glück ist die Funktion durch Herunterdrücken des Drehreglers zumindest zeitweilig abschaltbar.

Der Aufbau des Elektron Analog Four erfolgt wie bei anderen Geräten auch hierarchisch, nämlich in Songs, Patterns, Chains (verkettete Patterns), Banks, Kits und Sounds. Angesichts des Kostenverfalls bei Speicherbausteinen könnte ich mir hier durchaus mehr Speicherplätze als 16 für Songs, 8 Banks mit je 16 Patterns und 128 Sounds vorstellen.

Struktur

Im Auslieferungszustand gibt es gerade einmal 32 Preset-Sounds (davon 8 Drum-Klänge), da ist man heutzutage doch deutlich mehr gewohnt, insbesondere da die Klangprogrammierung wegen der Menüstruktur, wie bereits erwähnt, recht umständlich ist. Immerhin sind über die Website des Herstellers je 24 Bässe, Leads, FX-Sounds, Atmos und Drumklänge kostenlos zum Download verfügbar.

Zum Einspielen findet sich ein eine Oktav umfassendes „Mini-Keyboard“ aus runden Druckknöpfen ohne Anschlagdynamik auf dem Gerät, wer mehr will, muss über MIDI eine externe Tastatur anschließen.

Das ausschließlich auf Englisch vorliegende Handbuch ist eher eine systematische Beschreibung der einzelnen Funktionen als eine Anleitung im eigentlichen Sinne. Das macht die Einarbeitung leider nicht leichter.

Sequenzer

Der Sequenzer des Elektron Analog Four folgt in Sachen Funktion den schon länger auf dem Markt erhältlichen Geräten des Herstellers. TR-ähnliche Programmierung über die 16 Einzeltasten ist ebenso möglich wie Echtzeitrecording, wahlweise mit oder ohne (auch Swing-) Quantisierung. Ein Highlight ist wie schon bei den anderen Elektron Geräten die „Parameter-Lock“-Funktion, mit der sich jeder Parameter auf ausgewählten Sequenzer-Steps festlegen lässt, ansonsten aber variabel bleibt. Dies geht auch bei den CV- und Effekt-Spuren. Dadurch lassen sich sehr komplexe, lebendige Muster und Abläufe programmieren und durch Echtzeiteingriff weiter verfremden, ein Traum für Frickel-Enthusiasten. Selbst komplette Sounds können pro Step gewählt werden („Sound-Lock“), was nicht nur die Limitierung auf vier Klangerzeuger-Spuren deutlich abmildert (Drumsounds etwa spielen selten alle auf jedem der 16 Steps pro normalem 4/4 Takt), sondern sehr abgefahrene Klangexperimente ermöglicht. Auch Parameterautomation, unabhängig von einzelnen Steps, beherrscht der Sequenzer.

Neben von teilweise deutlich älteren Step-Sequenzern bekannten Funktionen wie Mutes, Slides und Accents gibt es auch noch einen leistungsfähigen und umfangreich konfigurierbaren Arpeggiator.

Natürlich lassen sich alle Parameter im laufenden Playback editieren. Auch eine Transponierung in Echtzeit ist möglich.

Zudem gibt es einen Performance Modus, mittels dessen sich mehrere Parameter gleichzeitig einzelnen Drehreglern zuweisen lässt. So kann man in Echtzeit sehr umfangreiche Klangveränderungen auf mehreren Spuren gleichzeitig durchführen.

Signale

Der analog Four verfügt über vier Stimmen mit folgendem Signalpfad:

Signalpfad

Beide Oszillatoren (variable Wellenform) und Suboszillatoren des Elektron Analog Four sowie der Rauschgenerator gehen durch ein 4-Pol-Tiefpassfilter, einen Overdrive (Verzerrer), ein 2-Pol-Filter (einstellbar zwischen verschiedenen Tief- und Hochpassvarianten sowie Bandpass und Bandsperre) und schließlich den Hüllkurven- und Panoramagenerator.

Klangsynthese und -bearbeitung einschließlich der analogen Eingänge sind weitgehend analog ausgeführt, lediglich Rauschen, Hüllkurven und LFOs werden digital generiert. Die digitalen Effekte (Hall, Delay, Chorus) liegen parallel dazu als Send bereit. Anders als z.B. bei den Geräten von Dave Smith Instruments übernehmen keine spezialisierten Synthesizer-Chips (z.B. Curtis ICs) die Klangerzeugung. Stattdessen wird der Klang des analog FOUR durch eine Mischung diskreter Bauteile und integrierter Schaltkreise generiert. Bei den Oszillatoren handelt es sich um DCOs, also analoge Oszillatoren die digital angesteuert werden.

Sound

Der Grundsound des Elektron Analog Four offenbart die analoge Herkunft des analog FOUR. Er klingt sehr ausgeglichen und voll, selbst bei aufgedrehter Resonanz nicht schrill, der Overdrive lässt sich gut für satte angezerrte Klänge verwenden.

Neben Synthesizerklängen kann man auch brauchbare analoge Drumsounds erzeugen, die allerdings in ihrer Komplexität begrenzt sind.

Die digitalen Effekte klingen sehr gut, die Einbindung über Sends ist zweckmäßig gelöst.

In puncto Druck, Knackigkeit, Lebendigkeit und Brillanz kommt der Klang des analog FOUR meines Erachtens zwar nicht wirklich an Klassiker wie z.B. den Roland SH-101 heran. Verglichen mit heute auf dem Markt befindlichen Geräten steht er aber klanglich sehr gut da, um so mehr, wenn man bedenkt, dass man gleich vier Stimmen dieser Qualität erwirbt.

Der Sound ist wirklich produktionstauglich, daher schmerzt die Abwesenheit jeglicher Einzelausgänge um so mehr. Symmetrische Ausgänge sind eine tolle Sache, für die Praxis wären Einzelausgänge für die einzelnen Synthesizerengines allerdings wichtiger, dies hätte man angesichts des begrenzten Platzes auf der Rückseite notfalls auch wie bei den CV-Ausgängen über doppelt belegte TRS-Stecker realisieren können.

Mitbewerber

Als Konkurrent des Elektron Analog Four kommt am ehesten der Dave Smith Tempest in Frage. Er ist deutlich teurer und bietet einen leichteren Zugang, mehr schnelle Echtzeitzugriffe, gute Drumpads, mehr Stimmen und Sampleklänge. In puncto Soundqualität  ist er dem analog FOUR aus meiner Sicht allerdings klar unterlegen, die Ansteuerung externen CV-Equipments ist natürlich mit dem DSI Gerät auch nicht möglich.

Fazit

Allen Kritikpunkten zum Trotz ist der Elektron Analog Four ein professionelles Live- und Studiowerkzeug für erfahrene und ambitionierte User mit Hang zu komplexen Sequenzen und detailverliebter abstrakter Frickelarbeit. Für diese Zielgruppe gibt es auf dem Markt eigentlich nichts Vergleichbares. Ohne zeitintensive Einarbeitung und Beschäftigung mit Struktur und Funktionalität bleiben die tiefgehenden Möglichkeiten aber auf der Strecke. Wer jedoch dazu bereit ist erhält ungekannten Zugriff auf alle Parameter hochwertiger analoger Klangerzeugung, verbunden mit der Möglichkeit, externes CV-Equipment anzusteuern. Und seine klanglichen Stärken spielt der analog FOUR erst so richtig aus, wenn man die beispiellosen Möglichkeiten der Parametermanipulation voll ausschöpft.

Aus diesen Gründen eignet er sich auch kaum zum schnellen Festhalten impulsiv erdachter Momentaufnahmen oder für spontane 5-Minuten-Jams; Anfänger, Tastenvirtuosen und Produzenten mit zügiger Arbeitsweise werden sich mit dem Gerät daher eher schwer anfreunden können.

Plus

  • 4 unabhängige gutklingende analoge Synths
  • 2 Filter pro Stimme, einer davon Multimode
  • hochkomplexer Sequenzer mit nahezu unbegrenzten Eingriffsmöglichkeiten
  • umfassende Modulationsmöglichkeiten inkl. Parameter- und Sound-Locks
  • hochwertige Effekte
  • 4 unabhängige CV-Ausgänge mit eigener Sequenzer-Spur
  • hohe Verarbeitungsqualität
  • MIDI- und DIN-Sync
  • keine Nebengeräusche, symmetrische Ausgänge

Minus

  • (bislang) keine Polyphonie
  • Sequenzer ohne MIDI-Output
  • kein MIDI-to-CV
  • keine Einzelausgänge
  • externes Netzteil
  • Steuerung teilweise umständlich, viele Menüs und Doppelbelegungen
  • Handbuch nur auf Englisch
  • erfordert längere Einarbeitungszeit
  • kleines, von der Seite schlecht zu lesendes Display
  • Splitkabel für CV-Ausgänge nicht im Lieferumfang
  • im Auslieferungszustand kaum Preset-Sounds

Preis

  • UVP: 1099,- Euro
  • Straßenpreis: 1049,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Keine Polyphonie und keine Einzelausgänge. So viele „Facepalm“ Fotos kann man gar nicht an Elektron verschicken, wie nötig wären, um das zu kommentieren.

    Danke trotzdem an den Autor, für den aussagekräftigen Test.

  2. Profilbild
    Synthie-Fire  AHU

    Für mich die 4 Spurige-Analoge Groovebox.
    Klingt echt schön und man kann auch ein Modularsystem mit dem Sequencer ansteuern.
    Hätte ich gerne als erstes Synthteil gehabt.
    Wäre aber auch zu teuer gewesen wenn es das schon gegeben hätte ;-).

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