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Test: Elektron Analog Four MKII, Synthesizer, Sequencer

1. August 2018

Lohnt sich ein Upgrade?

Elektron Analog Four MKII

Der Elektron Analog Four MKII im Studio-Setup

Neben den Neuauflagen von Elektrons Octatrack und Analog Rytm wurde nun ebenfalls der erstmals 2012 vorgestellte Synthesizer und Sequencer als Elektron Analog Four MKII in überarbeiteter Version auf den Markt gebracht. Wie auch beim Octatrack MKII wich das ehemals charakteristische rot-schwarze Lunchbox-Design einem angewinkelten Gehäuse, das sich in einem zurückhaltenden Grau präsentiert. Auf Bildern kommt dieser neue Anstrich zwar nicht wirklich hinreichend zur Geltung, in der Realität wirkt er jedoch durchaus ansprechend und fügt sich optisch auch gut in die Studioumgebung ein. Die neu verpasste Optik schreit förmlich nach Reformation, doch wurde sich neben dem neuen Outfit auch um die Mankos des Vorgängers gekümmert?

Was ist neu am Elektron Analog Four MKII?

Ein kurzer Überblick.

Zunächst fällt beim ersten Betrachten des Analog Four MKII sofort ins Auge, dass Elektron die wohl offensichtlichsten Stolpersteine des Vorgängers erkannt hat: Bedienungstaster und Display.

Sämtliche Taster des Gerätes wurden durch Knöpfe mit farblich abgesetzter Multicolour-Hintergrundbeleuchtung und gewohnt weichem Druckpunkt (Druckgefühl und -Klang entsprechen in etwa der Haptik einer alten Computertastatur) ersetzt, die durch die farbliche Kennzeichnung einerseits schneller und intuitiver deutlich machen, in welchem Menü man sich befindet, andererseits aber auch in ihrer Haptik, Bedienbarkeit und nicht zuletzt durch deren robustere Anmutung eher dazu einladen, den Elektron Analog Four MKII schneller und beherzter zu bedienen. Im Vergleich zum winzig anmutenden, unübersichtlichen Display der MKI-Version wartet Elektron hier nun ebenfalls mit einem großen und aus jedem Blickwinkel gut lesbarem OLED-Display auf. Dieses lässt sich mit Sicherheit auch und gerade im Club gut ablesen und aufgrund der hohen Helligkeit und des Kontrasts sollte es auch in Open-Air-Situationen bei großer Sonneneinstrahlung einen zuverlässigen Dienst verrichten. Die robust anmutenden Endlos-Drehregler mit Druckpunkt sind bereits bekannt, diese verarbeiten nun jedoch sämtliche Befehle intern noch einmal deutlich hochaufgelöster als in den bisher allseits bekannten 0-127er Schritten, respektive der ebenfalls intern bereits hochaufgelösteren Engine des Vorgängers.

Elektron Analog Four MKII

Das OLED-Display des Elektron Analog Four MKII

Ein besonderes Feature, das zwar auch in anderer Version für die MKI-Modelle bereits verfügbar ist, blieb allerdings für den Test verwehrt: Sowohl auf der Produktverpackung als auch in sämtlichen Anleitungen wird seit Februar mit Elektrons Software „Overbridge“ geworben, mit der sich das „Digital Brain“ des Elektron Analog Four MKII in all seinen Funktionen von einem Computer aus steuern lassen soll, sprich: DAW-Integration, Automatisieren aller Parameter, Übertragung von mehrkanaligen Audiosignalen via USB-Schnittstelle sowie der Möglichkeit, sämtliche im Vorhinein vorgenommenen Einstellungen am Gerät beim Öffnen eines Projektes innerhalb der DAW automatisch zu recallen, also wiederherzustellen. Auch soll diese eine Nutzung des Gerätes als externe Soundkarte zulassen. Leider ist die Software für sämtliche MKII-Modelle von Elektron noch nicht verfügbar, obwohl sie seit geraumer Zeit angekündigt war und umfangreich beworben wurde. Deswegen kann diese im nachfolgenden Test nicht berücksichtigt werden.

Die vielleicht wichtigste Neuerung gegenüber der alten Version stellen jedoch die vollständig überarbeiteten Klangerzeuger des Synthesizers dar. Ließ sich der Sound des alten Gerätes eher als direkt, crispy, modern aber auch etwas dünn charakterisieren, so wartet der neue mit vollständig überarbeiteten Schaltkreisen sowie einer aktualisierten Sättigungsstufe (Overdrive) auf, welche die klanggestalterischen Möglichkeiten des Desktop-Gerätes auf ein völlig neues Level bringen. Ebenfalls der neue, umfassendere Performance-Mode stützt die musikalische Evolution des Gerätes. Hierzu jedoch später mehr.

Elektron Analog Four MKII – Basics

Im Lieferumfang enthalten sind neben dem Netzteil ein wertig anmutendes, durch eine Ummantelung aus Textilstoff geschütztes USB-Kabel und eine Kurzanleitung „Quick Guide“. Als Neuling in der Elektron Produktreihe empfiehlt es sich jedoch, das englischsprachige Benutzerhandbuch von den Elektron-Seite herunterzuladen, wobei höchstwahrscheinlich selbst jenes für Sequencer- beziehungsweise Elektron-Neulinge wenig Aufschluss darüber geben wird, wie sich das Gerät am besten bedienen und erlernen lässt. Obwohl das Gerät in seinen Abmessungen geringfügig sperriger als sein Vorgänger ist, bleibt es mit seinen 2,4 kg, die es mit seinem Aluminiumgehäuse auf die Waage bringt, gleich schwer.

Elektron Analog Four MKII

Verpackung, USB-Kabel und Kurzanleitung des Elektron Analog Four MKII

Diejenigen Leser, die das Gerät bereits kennen, wissen höchstwahrscheinlich ebenfalls bereits um dessen umfassenden Bearbeitungs- und Einsatzmöglichkeiten. Für jene, die sich neu mit dem Thema befassen, empfiehlt es sich, zunächst einmal zu ergründen, wozu das Gerät auf dem Papier imstande ist. Der Elektron Analog Four ist ein detailliert programmierbarer Sequencer mit vier gleichwertig analogen, multitimbral und vierstimmig poly- bzw. paraphon spiel- und programmierbaren Synthesizern und Effekt Send- und Return-Weg, der Chorus, Hall und Echo beinhaltet. Des Weiteren lassen sich per CV/Gate, unabhängig von dem Ansteuern der internen Synths, mit dem Sequencer noch vier weitere Parameter von externen Geräten kontrollieren sowie via MIDI-Out und -Thru weitere Geräte in die Kommunikation mit einbinden.

Die einzelnen Synthesizer des Elektron Analog Four MKII bauen sich in jeweils zwei digital angesteuerten Oszillatoren mit analogen Integratoren (DCOs), zwei Suboszillatoren, einem digitalen Rauschgenerator, einem 24 dB Tiefpass-Ladder-Filter, einem nachgeschalteten 12 dB Multimode-Filter und einem Overdrive-Schaltkreis auf. Als Alternative zu den standardmäßig verfügbaren, jedoch alle per Waveshaping modulierbaren Schwingungsformen, lassen sich neben einer Feedbackschleife auch externe Quellen über die zwei Eingänge auf der Rückseite als Ausgangsbasis für die fort folgende subtraktive Klangmanipulation einpflegen. Hält man die Gates offen, lässt sich das Gerät so beispielsweise auch als Filterbank oder rudimentärer Gitarreneffekt nutzen, für diese Zwecke hätte natürlich noch das Verbauen eines Envelope-Followers ein nettes Schmankerl darstellen können.

Signalflussplan einer Synthesizerstimme des Elektron Analog Four MKII

Der Signalweg des Geräts ist vollständig analog, die Kontrolle über jenen gestaltet sich durchweg digital. Eine digitale Hüllkurve gibt es für die Amplitude sowie zwei frei zuweisbare. Wie auch schon beim MKI gibt es für jede davon verschiedene Hüllkurvencharakteristiken, 11 an der Zahl, mit denen sich das Ansprechverhalten gewählter Parameter auf umfassende Art und Weise beeinflussen lässt. Hinzu kommen noch zwei digitale, frei zuweisbare LFOs. Eine weitere Neuheit gegenüber dem Vorgänger bieten die zwei CV-Inputs, mit denen sich Parameter des Elektron Analog Four MKII beispielsweise per Pedal oder Breath-Controller steuern lassen. Neben dem Elektron-typischen Sequencer mit Parameter-Locks finden sich ebenfalls sechs verschiedene Arpeggiatoren zur Beeinflussung der Notenwerte.

Oberfläche des Elektron Analog Four MKII

Gewohntes verbessert

Elektron Analog Four MKII

Die Frontplatte des Elektron Analog Four MKII

Dem Connaisseur der ersten Generation Elektron Analog Four bietet sich beim Anblick des Aufbaus der Bedienoberfläche nichts wirklich Neues: Drehregler, Programmer-Keyboard, Sequencer-Steps, Transport-Sektion und Funktions- und Banktasten finden sich an den gewohnten Stellen. So bleiben leider auch die an jener Stelle nicht sehr intuitiv bedienbaren „yes“- und „no“-Taster erhalten, weshalb man Letztere in vor dem Gerät sitzender Position häufig anstelle des „nach links“ Pfeiltasters berührt oder gar drückt und so aus dem Menü geworfen wird, in dem man sich gerade befindet. Ein großer Vorteil gegenüber der letzten Generation ist jedoch, dass die verfügbaren Soundbänke A-H nun mit einzelnen Tastern abrufbar sind, der Vorgänger wies für jene Funktion lediglich vier Taster (Bank A-D) aus, mit denen sich unter Zuhilfenahme der „Function“- (Second) Taste ebenfalls die Bänke E-H erreichen ließen. So bieten diese acht Taster nun auch, anstelle der vorherigen vier, acht weitere (Second) Funktionen, wie etwa dem schnellen Einstellen von Akzenten oder Slides von Noten oder anderen Parametern bezogen auf einzelne Step-Trigger einer Sequenz, die beim Vorgänger nur über Menüs zu erreichen waren. Auch die sechs hinzugekommenen Menü-Taster für Kits, Sounds und Mixer sowie für Track, Pattern und Song-Parameter erleichtern den Workflow erheblich, nicht zuletzt auch hier wieder durch die neu gewonnene Auswahl an direkt per Funktionstaster-Kombination anwählbaren Zweitfunktionen wie beispielsweise der Einstellung des Swings, des Metronoms oder der „Poly Config“, in diesem Menü lässt sich einstellen, ob sich die jeweils angewählte Stimme monophon, zwei-drei oder vierstimmig polyphon oder auch unisono spielen lassen soll.

Die Anschlüsse des Elektron Analog Four MKII

Elektron Analog Four MKII

Elektron Analog Four MKII – Rückseite links

Rückseitig befindet sich auf der linken Seite zunächst der Ein/Ausschaltknopf und die DC-In-Buchse für das mitgelieferte Netzteil. Rechts daneben ist eine USB 2.0 Buchse verbaut, mit der sich das Gerät mit dem Computer verbinden lässt, diese Verbindung ist neben der Übertragung von Updates auch in der Lage, MIDI-Data und DIN-Sync vom Computer an das Gerät zu übermitteln. Ebenfalls dient diese als Schnittstelle der Anbindung für Elektrons später nachfolgende Overbridge Software.

Daneben finden sich zwei CV-Eingänge, hier lassen sich Pedale oder andere CV-gesteuerte Expression-Controller zur besseren, Performance-orientierteren Kontrolle über frei zuweisbare Parameter anschließen. Darauffolgend finden sich die MIDI In/Out- und Thru-Buchsen, die sich einerseits zur Übermittlung von MIDI-Daten eignen, sich aber andererseits auch in einem Menü für das Übermitteln von DIN-Sync als Clock-Geber konfigurieren lassen. In Kombination mit den vier rechts daneben befindlichen CV-Ausgängen lässt sich eine Menge Outboard oder eben ein einziges (Modular) Gerät tiefgehend und problemlos mit dem „Digital Brain“ des Elektron Analog Four MKII steuern, wie und auf welche Art und Weise bleibt durch die umfassenden Optionen ganz und gar dem Nutzer überlassen.

Elektron Analog Four MKII

Elektron Analog Four MKII – Rückseite rechts

Auf der rechten Seite der Rückseite befinden sich die Audioein- und Ausgänge. Zunächst gibt es hier zwei Eingänge für die Einspeisung von externen Signalen, die dann den Oszillator zur Klangerzeugung in der jeweils gewählten Synthesizer-Spur ersetzen. Darauf folgt eine der wichtigsten Neuerungen in der MKII-Version des Analog Four: vier dedizierte, rauschfreie Ausgänge ohne Vorstufe für die vier einzelnen Synthesizer Spuren. Doch damit nicht genug: Das eingebaute Audiointerface des Gerätes verfügt über eine umfassende Routing-Matrix, mit der sich auch einzelne Sounds, möchte man sie beispielsweise mit den internen Effekten in Stereo abgreifen, auf zwei verschiedene Outputs routen lassen. Daneben befinden sich, jeweils mit Vorstufe, ein L/R-Stereo-Summenausgang und eine große Stereoklinke als Kopfhörerausgang. Spannend im Hinblick auf das Ausspielen der Einzelspuren bleibt es im Bezug auf die noch ausstehende Overbridge Software, mit Veröffentlichung dieser werden sich mit Sicherheit noch weitere Routing Optionen auftun.

Die Dateistruktur des Elektron Analog Four MKII

Konzentrierten wir uns zunächst auf die kreativ basierten Möglichkeiten des Gerätes, so lohnt sich ebenfalls ein Blick auf die digitale Speicherzentrale. Wie bei anderen Geräten auch ist der Aufbau der internen Projektstruktur hierarchisch gestaltet, so unterscheidet man hier zunächst zwischen Kits, welche die Speicherbausteine für die Sound- und Sequencer-Einstellungen für die vier Synthesizer-Spuren und die FX- und CV-Spuren beinhalten. Pro Projekt sind acht Soundbänke verfügbar, die pro Bank jeweils 16 verschiedene Patterns beinhalten können. Außerdem gibt es pro Projekt 16 wählbare „Songs“, dieser Baustein macht es möglich, verschiedene Patterns im Playback anzuordnen beziehungsweise zu „chainen“. Über das Global Menü lassen sich pro Speicherslot vier gänzlich verschiedene Projekte speichern. In groben Zahlen bedeutet das, dass sich auf dem Gerät 128 mal 4 Projekte speichern lassen, die jeweils 16 Songs, 128 Patterns, 128 Kits und über Elektrons +Drive Sound Library 4096 verschiedene Sounds beinhalten können.

Dateistruktur des Elektron Analog Four MKII

Das Abrufen dieser gespeicherten Dateien erfolgt extrem schnell und flüssig. Auch die Auswahl der Sounds im Sound-Browser gestaltet sich aufgrund der Möglichkeit der schnellen Preview sowie dem problemlosen Überblenden und Wechseln dieser absolut intuitiv, genauso wie die Manipulation dieser. So ist es beispielsweise sogar ebenfalls möglich, für jeden Sequencer-Step einen gänzlich neuen Preset-Sound aus der Library auszuwählen. Bei einer maximalen Step-Länge von 64 für jedes der vier Synthesizer-Module ergäbe das 256 verschiedene intern erzeugte analoge Sounds pro Pattern und das bei einer Geschwindigkeit von 120 BPM gespielt in einem Zeitraum von acht Sekunden. Die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt und die Umsetzung dieser bereitet im Hinblick auf den flüssigen, ausgereiften Workflow großen Spaß.

Der neue Sound des Analog Four MKII

Erst beim Einschalten des Gerätes offenbart sich die wahrhaftigste Neuerung des Gerätes. Beim Durchschalten der Sounds und Presets kommt teilweise der Gedanke auf, man hätte es mit verschiedenen Synthesizern zutun. Die durch die zwei verschiedenen Overdrive-Algorithmen, von denen einer übrigens exakt der des Vorgängers ist, erzeugbaren Sound-Anstriche und dem stufenlosen Hin- und Herblenden dieser beeindruckt bereits an sich. Das zweipolige Multimode-Filter und dessen Einsatzmöglichkeiten, beispielsweise als Bass-Booster mit einem Hochpass und hoher Resonanz und Pitch-Tracking auf der Grundfrequenz liegend, als wabernder Schwingungsform-Beeinflusser mit Notch-Kurve durch einen der LFOs langsam zirkulierend oder als zweiter, unterstützender Resonanz-Tiefpass mit packender Envelope zur Attack-Stützung von fiesen Basslines zeigt sich nicht nur als handliches Multi-Tool à la Korg MS-20.

Elektron Analog Four MKII

Das 4-polige Ladder-Tiefpassfilter hingegen klingt sehr musikalisch, ohne jedoch zu viel vom Elektron-typischen „Mittel zum Zweck“-Charakter einzubüßen. Bei gewissen Drive-Pegeln treibt man das Filter schnell in die Selbstoszillation, auch frequenz- und ringmodulationsartige Sounds machen so wirklich großen Spaß. Bei aufgedrehter Resonanzflanke verliert der Synth schnell an Bassfundament, jedoch nicht auf unnatürliche oder hinderliche Art und Weise. Bei stark gefahrenem Overdrive kann die Resonanz allerdings auch mal völlig in den Vordergrund treten und alles übertönen. Natürlich hat hier klangtechnisch niemand das Rad neu erfunden, dennoch hat sich der Eindruck der Allzweckwaffe nach mehrwöchigem Einsatz im Studio manifestiert. Nicht nur als allumfassender, entweder weich, dreckig oder nach irgendwas dazwischen klingendem Mono- oder Polysynth oder gar als perkussiver (Poly) Rhythmusgeber, zum Erstellen von experimentellen Sequenzen oder als Filterbank für externe Sounds, sondern auch als sehr stabile Clock für Drummachines und als CV-Modulator eines alten Korg MS-10, von dem ich niemals dachte, dass man ihn noch mal so zum Leben erwecken könnte. Die Weiterentwicklung des Analog Four verliert nicht seine präzise, rasierklingenartige Attitüde, mutet aber nun dennoch extrem farbenfroh und versatil an, ohne sich charakterlich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Der Sound an sich klingt nicht zu vollendet, lässt sich wunderbar durch heiß gefahrene Preamps oder Nachbearbeitung in der DAW individualisieren und fügt sich immer gut in den Mixdown ein. Trotz der neu gewonnenen klanglichen Vielfalt der Geräts ist es auch nach wie vor einfach super „mischbar“ und fügt sich auch als Master- oder „Mutter“-Gerät extrem gut in den Studioalltag mit ein.

Elektron Analog Four MKII – Seite

Praxis – von Sequencer, Lernkurve und Intuition

Grundsätzlich lassen sich Notenwerte im Sequencer entweder durch das live Einspielen über die Programmer-Tastatur im TB-303 Style oder das klassische Step-Programming im Lauflicht Sequencer ändern, beziehungsweise erstellen. Von Hand Eingespieltes lässt sich im Nachhinein selbstverständlich quantisieren und auch die programmierten Steps lassen sich alle einzeln im Mikrotiming anpassen. Daraufhin lässt sich das Trigger-Material noch durch Parameter wie Swing, Akzente (Anschlagsdynamik à la 303) oder Glides veredeln. Ist einem dann das Ausgangsmaterial noch nicht lebendig oder abwechslungsreich genug, lassen sich die Step-Längen der einzelnen Patterns der vier Synth-Tracks und für CV unterschiedlich justieren. Hierbei werden alle Patterns jedoch immer nach der Länge des Masterpatterns neugestartet, was ein bisschen schade ist, da so einige Polyrhythmen in ihrer vollen Gänze tabu bleiben. Ist das Masterpattern beispielsweise 64 Steps lang und Synth-Track 3 soll mit 12 Steps etwas Triolisches spielen, so läuft dieser 5×12 Steps plus noch einmal die ersten vier, sodass das Pattern bei 64 Steps wieder neugestartet wird, hier lassen sich jedoch diverse Workarounds durch intelligentes Chaining von Patterns etc. finden. Wie schon im Vorhinein erwähnt, lässt sich jeder einzelne Step über die Elektron typischen Parameter-Locks umfassend verändern, möchte man zum Beispiel nur bei Step 4 die Oszillator-Schwingungsform ändern, hält man diesen einfach gedrückt und nimmt währenddessen die Einstellung vor – kinderleicht.

Elektron Analog Four MKII

Alle anderen Steps lassen sich trotzdem noch „unlocked“ ändern und auch der „gelockte“ lässt sich wie gewohnt durch das erneute Gedrückthalten dessen weiterhin veredeln. Ist man mit seinem Pattern zufrieden, so lässt sich von hier aus entscheiden, in welche Richtung es weiterhin damit gehen soll. Möchte man einen geräteinternen Song bauen, so lassen sich die Patterns leicht duplizieren und daraufhin verändern, woraufhin man sie über die „Song“-Funktion chainen und anordnen kann. Möchte man das Pattern einfach nur aufnehmen oder eben live performen, so hilft einem hier der neue, umfassendere Performance-Mode auf die Sprünge. Dieser stellt ein eigenes Menü dar, in dem sich die zehn Data-Entry-Potis frei mit jeglichen auf dem Gerät verfügbaren Parametern aller Synth-, CV- und Effekt-Spuren versehen lassen. Doch hiermit nicht genug: Pro einzelnem Poti lassen sich fünf Parameter zuweisen, auch von unterschiedlichen Synth-Tracks. Möchte man zum Beispiel als Performance-Effekt eine Art „Master“-Hochpassfilter erstellen, um allen Tracks gleichzeitig punktuell die Bässe nehmen zu können, stellt dies ein Leichtes dar. Noch ein bisschen Hall und Echo dazugemischt, für ein wenig mehr Dramaturgie während der Hochpass eingreift und schwupps – eine extrem musikalische Veränderung findet durch das Drehen eines einzelnen Potis statt. Die einzelnen Data-Entry-Potis lassen sich zur besseren Übersicht noch benennen und unter diesen lässt sich noch eines auswählen, das man auf einen der beiden Nicht-Endlosregler am Gerät namens „Quick Performance Amount“ routen kann, um dessen Funktionen permanent anliegen zu haben, selbst wenn man sich gerade nicht im Performance-Mode-Menü befindet.

Aufgrund der Tatsache, dass ich bereits Elektron Vorkenntnisse besaß und so mit dem grundsätzlichen, immer um den Sequencer herum gestalteten Aufbau bereits bekannt war, fiel der Einstieg sehr leicht. Der Aufbau des Geräts gestaltet sich intuitiver und logischer denn je, die in Tausenden von Elektron Reviews bemängelte steile Lernkurve ergibt sich meiner Meinung nach nur für jemanden, der auch im Vorhinein noch nie mit Hardware-Sequencern gearbeitet hat. Alle essentiellen Parameter sind via direkter Tasterkombination am Gerät abrufbar und aufgrund der Tatsache, dass alle Menüs ihren logischen Platz haben, auch als Elektron Analog Four MKII – Neuling extrem schnell zu finden. Nach ein bisschen Fuchserei findet man auch ohne Anleitung die kleinen, aber wichtigen Helferlein wie etwa die Konfiguration der MIDI-Ports von DIN SYNC 24 über 48 zu normalem Data oder die beeindruckenden Konfigurationsmöglichkeiten der vier CV-Ausgänge. Diese lassen sich einerseits als normale Trigger und Gates nutzen, andererseits kann man hier auch die Steuerspannung von Volt zu Oktave selber „stimmen“ und Polarität und Volt-Level per Notenabstand einfach stufenlos selbst konfigurieren, weshalb auch alte S-Trig Schätzchen wie mein alter Korg MS-10 sich in den Fängen des Elektron Analog Four MKII sehr wohl fühlen. Und natürlich kann man sie auch einfach als Clock verwenden, die ebenfalls, genauso wie die DIN-Sync-Clock, top läuft.

Der Elektron Analog Four MKII on You Tube

Fazit

Fassen wir zusammen – für einen Ladenpreis von 1149,- Euro bekommen wir mit dem Elektron Analog Four MKII ein Herzstück fürs Studio als Steuerzentrale von diversem Outboard, eine intuitive Jam- und Inspirationsmaschine und den Elektron Sequencer, dem in seinen Möglichkeiten erstmal jemand das Wasser reichen soll, auch was das Steuern anderer Geräte anbelangt. Außerdem erhalten wir ein Musikinstrument, das sich zu lernen lohnt, sei es für das Herauswachsen aus sich selbst im Studio oder live auf der Bühne. Vier analoge, sehr gut und versatil klingende Synthesizer, die sich mit größter Leichtigkeit in eine DAW einbinden lassen, wenn Overbridge dann kommt sogar mit full recall – sprich: vier analoge Synthesizer-Stimmen, die sich so pragmatisch verhalten wie ein VST-Plug-in. All die Möglichkeiten, die das Gerät an sich bietet, sind schon Argument genug. Dass das alles auch noch, obwohl eine der allerersten Firmwares installiert war und vorerst nicht upgedatet wurde, absolut perfekt funktioniert hat, ist maßgeblich und bestätigend, hier klappt alles so, wie man es sich vorgestellt hat. Der Apparat in sich wirkt von Anfang bis Ende durchdacht und lässt sich intuitiv bedienen. Dabei bewegt er sich sowohl preislich gemessen an den Möglichkeiten als auch was seine Möglichkeiten an sich anbelangen außer Konkurrenz und ist für diejenigen, die von den im Vorhinein genannten Möglichkeiten Gebrauch machen können, als klare Kaufempfehlung zu sehen. Für Neulinge ist das Gerät jedoch auch unter Hinzunahme des englischen PDF-Handbuchs kaum erlernbar, hier bietet das Elektronauts Forum einen guten Ansatz, jedoch auch kein definitives „Getting Started“. Grundsätzlich konnte Elektron mit dem Elektron Analog Four MKII alle Fehler der ersten Version beheben, Dinge wie die steile Lernkurve oder die damit verbundene umständliche Bedienung liegen jedoch nach wie vor im Auge des Betrachters. Hier hat Elektron versucht, dem durch eine bessere Ausgangsbasis beizukommen, was ich aus meiner Perspektive als durchaus gelungen betrachte. Das OLED-Display und die zusätzlichen Taster sowie das Quick-Performance-Poti verhelfen zu schnellerem und flüssigerem Workflow, was dem Kreativitätsfluss nachhaltig auf die Sprünge hilft.

Plus

  • Verarbeitung
  • Vielseitigkeit in Klang und Möglichkeiten
  • durchdachtes Konzept
  • Preis-Leistung
  • Sequencer
  • zuverlässiges Gerät zum Steuern externer Hardware

Minus

  • noch kein Overbridge Support

Preis

  • Ladenpreis: 1149,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    sub out  

    Danke für den Bericht, bin auch sehr glücklich mit meinem A4 mk2!
    Hoffe Elektron kann die Latenzen mit Overbridge 2.0 deutlich senken. Soll ja angeblich auch eine Konfiguration mit weniger (/ohne?) USB-Audio-Stream geben.

    Momentan laufen Ableton + Rytm mk1 + A4 mk2 über die Expert Sleepers Usamo Midi Clock sehr tight! Dann aber mit erheblichen Latenzen beim Live-Einspielen auf dem Gerät. ;)

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Hey,

      danke dir vielmals für dein tolles Feedback! Ich bin mega gespannt auf die neue Overbridge Software und dessen Bandbreite und Stabilität, wenn hier alles richtig gemacht wird, wird das Gerät sicherlich nochmal einige zusätzliche Features erlangen! Die Usamo ist ein völlig geiles Teil, funktioniert einfach. ;)))

      Vince

  2. Profilbild
    h3rtz  

    Ja und, lohnt sich denn nun ein Upgrade? Wie deutlich ist der klangliche Unterschied zum Vorgaenger? Kacken die Oszis immer noch so ab in den tiefen Lagen?

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Cheers,

      wie im Test erwähnt war ich sehr überzeugt vom Klang des MKii, der MKi war aber auch super im Studioumfeld. Einfach eine weiße Weste, die nur darauf gewartet hat, sich klanglich färben und „andicken“ zu lassen.

      Der neue ist soundtechnisch absoluter Allrounder geworden und hat deshalb natürlich auch viel größeren Alleinstellungswert, der kann dick, dünn, clean und dirty sowie alles dazwischen. Würde hier einfach nochmal auf Seite zwei (ff.) verweisen und dir die Audiobeispiele ans Herz legen wollen. Von den DCO’s und dessen Spektren an sich war ich sehr üerzeugt :)

      Vince

  3. Profilbild
    J.P.

    Als „Herzstück“ eines Studios seh ich den Analog Four nicht. Dazu fehlt ihm die Steuerbarkeit von externen Synth via MIDI. Als ein solches Herzstück würde ich da eher den Octatrack sehen.

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Hey,

      da hast du recht, was MIDI data angeht, geht noch was. In meinem spezifischen Umfeld kam das aber nicht zum tragen weil all meine externen Synths auch CV und Trigger ins hatten und ich die MIDI Outs nur sync gebraucht habe (Drummachines). Da bringt jedes Gerät halt seine eigenen Qualitäten mit sich, in meinem persönlichem Umfeld würde ich, wenn ich die Entscheidung treffen müsste, die vier frei konfigurierbaren CV Outs dem vollen MIDI vorziehen. Am liebsten hätte ich beide Geräte. ;)

      Vince

  4. Profilbild
    Ralle373  

    Moin, auch wenn der Artikel schon etwas älter ist, so danke ich für diesen ausführlichen Bericht. Ich habe den A4 MK II sowie den Rytm MK II im Studio im Einsatz. Möchte beide Kisten nicht mehr missen! Und bei mir ist die Lernkurve noch um ein vielfaches größer, da ich blind bin.
    Eine Fachfrage an die Kommuniti… Ich möchte meinen MS-20 mit dem A4 steuern, z.B. Ausgang A für Pitch, B für Trigger (Hüllkurve), C für HPF und D für LPF. Wie muss das konfiguriert werden??? In der Eurorack Welt komme ich sehr gut zurecht, jedoch bin ich beim MS-20 überfordert. Hat da jemand draußen einen Tipp für mich, incl. Patchfeld beim MS-20 (wo muss jetzt welches Kabel rein)??? Hintergrund… ich habe zwar sehende Hilfe an meiner Seite, jedoch hat der Null Ahnung von Synthesizern!

    Danke und Gruß Ralle

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Lieber Ralf,

      entschuldige die späte Antwort, ich war für einen Monat in Kalifornien auf Tour. Es wäre mir eine große Freude, dir hiermit helfen zu können, einen Korg MS hatte ich selber mal in meinem Besitz und ebenfalls mit der Kiste zum laufen bekommen. Haste du eine Email Adresse? Dann schreibe ich dir da ein- zwei Sachen zu. :)

      Ganz lieben Gruß,
      Vincent

      • Profilbild
        Ralle373  

        Moin Vincent,

        Danke für Deine schnelle Antwort.
        Hier meine Adresse: ralle373 bei gmx in Deutschland

        Gruß Ralf

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