Test: Eventide SP2016, Reverb Plugin

25. März 2019

Ein Hall überlebt seine Zeit

Eventide hat mit dem SP2016 Reverb-Plugin für MacOS und Windows eine Software-Version ihres vielgesuchten digitalen Hardware Halleffekts aus dem Jahr 1983 herausgebracht. Die originale Hardware EVENTIDE SP-2016 hatte einen unglaublich klaren Hall und saubere Hallfahnen, die auch 30 Jahre nach Einführung kaum etwas von ihrem Glanz verloren hatten.

Das SP-2016 war anscheinend so gefragt, dass Eventide im Jahr 2016 eine Neuauflage herausbrachte, namens Eventide 2016, mit einem Preis von 3.000,- Euro. Damit hält sich der Preis in etwa die Waage mit dem, der aktuell für die Vintage-Hardware verlangt wird.

Zwischen den beiden Hardware-Ausgaben konnte man noch höchstens mit dem Eventide 2016 Stereo Room-Plugin an den gesuchten 2016er-Hall kommen. Das bot aber auch nur einen Algorithmus der insgesamt 36 Möglichen des SP-2016 (Vintage), nämlich den namensgebenden Stereo Room. Das Plugin klang auch sehr gut, führte aber mehr ein Underground-Dasein.

Das möchte Eventide nun mit dem SP2016 Reverb (neues Plugin) beheben und seitdem tobt der Rave im Netz. Was leider nur wieder bestätigt, dass die meisten DAW-Nutzer nur etwas (an)erkennen, wenn es auch nach dem aussieht, wonach es benannt wurde, was der computergestützten Musikproduktion jede Menge dysfunktionale, skeuomorphe Bedienoberflächen beschert hat, die auf dem Bildschirm nicht funktionieren.

Stereo Room 2016

Stereo Room 2016

Wir können also von Glück reden, wenn uns Eventide mit dem SP2016 Reverb eine Emulation beschert hat, die auch auf dem Bildschirm funktioniert, wenn man sich mit dem „Schwarz auf Schwarz“-Design anfreunden kann.

Wer jetzt aber glaubt, endlich einen vollwertigen Ersatz des SP-2016 Reverbs (vintage) zu bekommen, liegt leider falsch. Von den 36 Algorithmen der Vintage-Hardware, die als EPROMs nachgerüstet werden konnten, sind beim SP2016-Plugin lediglich drei geblieben. Technisch gesehen eigentlich sechs: Stereo Room, Room Reverb und Hi-Density Plate in jeweils einer „Vintage“- und einer „Modern“-Ausführung. Damit ist das SP2016 Plugin funktionsidentisch mit der Neuauflage der 2016 Reverb Hardware.

Was aus den verbleibenden 33 Algorithmen, Small Room, Inverse Room, Stereo Synthesis, Kens Rooms, Gated Reverb, Split Halls, Split Plates, Split Hall/Plate, Loop Edit, Flanger, Envelope Flanger, Chorus, Plate Reverb, Multi Tap Delay, Generic Reverb, RMX Simulation +, Hi Density Plate, Timescramble, Channel Vocoder, Band Delay, Musical Combs, Dual Robots, Moving Reverb, Sync’d Repeats, Long Delay, Dual Delay, Dual Digiplex, Long Digiplex, Lossless Room, Dynamic Reverb, Dynamic Digiplex, Shimmer Reverb, Psycho Panner und Random Ambience geschehen wird, darüber schweigt sich Eventide aus. Vielleicht gibt es Updates für das SP2016-Plugin, vielleicht gibt es separate Plugins, vielleicht geschieht nichts davon. Bleibt uns also nur, mit dem zu arbeiten was wir haben.

Wie alle Eventide Plugins benötigt auch dieses Plugin ein iLok der 1., 2. oder 3. Generation. Eine Autorisation ohne Dongle auf der Festplatte ist auch möglich, doch sollte man immer daran denken: Geht die Festplatte hinüber, ist die Lizenz weg und SSDs sind nur geringfügig weniger fehleranfällig als herkömmliche mechanische Festplatten. Da sollte man sich nichts vormachen. Die iLok-Cloud wird nicht unterstützt.

SP2016 Reverb - Algos

SP2016 Reverb – Algos

Die „Schwarz auf Schwarz“-Oberfläche besitzt 11 Regler und vier Taster. Ein- und Ausgangslautstärke sind getrennt regelbar und bieten max +10 dB Verstärkung in 1 dB-Schritten. Der Kill-Taster eliminiert das Eingangssignal komplett. Außer zur Demonstration der Hallfahnen hatte das bei der Hardware auch sicher den Zweck, schnell die Hallzeiten passend einzustellen und nicht ständig die Bandmaschine stoppen zu müssen, könnte ich mir vorstellen.

Ein weiteres Relikt ist der Monitor-Taster, mit dem sich entweder die Eingangs- oder die Ausgangspegel kontrollieren lassen. Der Effektanteil am Signal lässt sich wie zu erwarten mit dem Mix-Regler einstellen, heutzutage ein obligatorischer Standard. Das Pre-Delay ist allerdings etwas besonderes. Es reicht von 1 bis 999 ms und lässt sich auch hervorragend als Delay-Effekt gebrauchen. Sehr praktisch!

Auch der Decay-Parameter ist nicht zu verachten. Die Abklingzeit reicht von 200 ms bis 100 Sekunden! Im Bereich von 200 ms bis 1000 ms in jeweils 10 ms Schritten ab 1 Sekunde dann mit einer Dezimalstelle. 100 Sekunden und der Hall klingt immer noch. Ein ebenfalls sehr praktischer Parameter ist „Position“. Damit wird die Schallquellenposition im Raum von vorne nach hinten verschoben. Damit lassen sich also diverse Stimmen im Mix zueinander positionieren. Zwar nur auf einer Achse, aber wozu gibt es den Panorama-Regler in der DAW. Diffusion bestimmt zuletzt den Streuungsgrad der Schallreflektionen, also ob der virtuelle Raum harte Kachelwände hat oder weiche Teppichverhänge.

Der abschließende EQ bietet ein Low-Shelf von 50 Hz bis 500 Hz in 50er-Schritten und einen High-Shelf von 1000 Hz bis 8000 Hz in 500er-Schritten zu einem eher groben, aber dennoch recht effektiven Anpassen des Ausgangssignals. Warum genau diese bedientechnische Grobkörnigkeit hier übernommen wurde, ist für mich nicht ersichtlich, aber sehr wahrscheinlich wieder so „Weil das Orignal…“-Ausflüchte.

Dafür gibt es aber wieder ein getrenntes Mix- und I/O-Lock, das den Mixanteil und Einstellungen der Signalpegel und des Effekanteils bei Preset-Wechsel fixiert.

Klang des Eventide SP2016 Reverb

Einige Charakteriska, die der Hardware nachgesagt werden, offenbaren sich auch beim Plugin auf den ersten Blick. Als da wären die wirklich natürlich färbenden und lebendig klingen Algorithmen und keine Einstellungen, bei denen der Hall den Klang wirklich versaut.

Der übergroße Sweetspot der Parameter sorgt dafür, dass man sehr schnell herausfindet, ob der 2016er-Hall funktioniert oder nicht. In den allermeisten Fällen funktioniert er und dabei können sowohl die kleinen wie die großen Hallfahnen bei flächigen als auch perkussivem, elektronischem und ganz besonders bei akustischem Material absolut überzeugen. Der Plattenhall ist meistens nur bei geringerem Mixanteil wirklich sexy, aber das trifft auf die meisten Plate-Reverbs zu, während die ganzen Room-Variationen auch bei 100% Effektanteil weder einknicken noch den Klang verwaschen. Meines Erachtens ein Hall, der ganz vorne mitspielt, auch nach über 35 Jahren.

Markt für das Eventide SP2016 Reverb

Alternativen gibt es reichlich und keine. Für 100,- Euro mehr gibt’s das Flux IRCAM Verb für Film und Post Production und viel besser geht es meiner Meinung nach nicht, was Hall-Plugins und Flexibilität angeht. Dafür braucht man zur Bedienung der großen Version aber auch einen Doktortitel. Das kleinere Verb Session ist da eher auf den musikalischen Einsatz zugeschnitten. Oder LiquidSonics Illusion, das genauso viel kostet wie das SP2016 aber deutlich umfangreicher ist. Aber auch diese Optionen haben nunmal den so legendären Klangcharakter der Eventide 2016er Familie nicht.

Als Klangerzeuger kamen U-He Repro 1 (Sage-Preset) und Native Instruments 70ties Drummer (AR-Tight Full Kit) Drums zu Einsatz. Als Sprachteaser kam mal wieder der Opa Jott (Album: Mondlixht) zu Wort.

Die Audiobeispiele sind alle mit 100% Wet aufgenommen, soweit nicht anders angegeben. Die Plates-Demos starten mit 100% Wet und werden dann auf 60% reduziert.
Die unterschiedlichen Lautstärkeantworten der verschiedenen Enstellungen und Plugins wurden so belassen und pendeln zwischen -12 und -1 dBFS.

Zum Vergleich kamen Soundtoys Little Plate und Flux IRCAM Verb (Session) zum Einsatz.
Die genauen Parametereinstellungen sind in den Bildern zu sehen.

Soundtoys Little Plate - Parameter

Soundtoys Little Plate – Parametereinstellungen

Flux IRCAM Verb - Parameter

Flux IRCAM Verb – Parametereinstellungen

Fazit

Das Plugin ist einfach, auf der anderen Seite sind mit dem SP2016 aber auch keine experimentellen Spielereien, wie z.B. mit dem Eventide Ultraverb oder dem Flux IRCAM Verb, möglich. Dafür können diese aber wie gesagt einen Klang oder einen Track auch ganz schnell richtig an die Wand fahren. Was das Eventide SP2016 Reverb wiederum zu einem Plugin mit einem recht spezifischen Einsatzgebiet macht.

Klar, wer nur wenige (musikalische) Räume braucht, kann mit dem Eventide nichts falsch machen, schon allein anwendnungstechnisch betrachtet. Jene, die mehr brauchen, sollten sich überlegen, ob sie immerhin 249,- Euro nicht etwas Flexibleres nehmen. Hätte Eventide noch die fehlenden 33 Algorithmen der Vintage-Hardware implementiert, das SP2016 Reverb wäre „Best-Buy-No-Brainer“-Material. So ist es ein zwar absolut hervorragendes Hall-Plugin, aber in der jetzigen Form am Ende des langen Mix-Tages auch nur ein Luxus, den man sich gönnen kann. Wenn ich hier drei Sterne vergebe, dann ist das nur dem Konzept und der Qualität des Plugins geschuldet, nicht dem Preis.

Plus

  • Klang
  • supereinfache Bedienung
  • Mix- und i/O-Lock
  • als Delay einsetzbar

Minus

  • wo sind die restlichen 33 Algorithmen des Vintage Vorbilds?
  • Schwarz-auf-Schwarz-Design

Preis

  • Ladenpreis: 249,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    Stef M Froelich

    Die Sterne sind wirklich verdient! Dem Fazit kann ich zustimmen, aber ich würde es noch ein wenig versüßen: Durch die effektive, weil einfache Bedienung wirkt das Plug-in sehr professionell.
    Die Bedienung über meine alte Logic Control ist ein Traum – what you see is what you hear, das ist gut für den Flow. Kein Regler zuviel, kein Schnick-Schnack und einfach toller Sound.
    Der Vorne-Hinten-Regler ist in Kombination mit dem Panoramaregler der DAW großartig beim Mischen.
    Der Room-Sound ist ähnlich dem „Room“-Algorithmus der Ursa Major Space Station 206, die ich hier stehen habe.
    Was mit beiden nicht geht, sind „offene“ Räume, aber dafür gibt es einfach andere Spezialisten.

  2. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Interessantes Plugin. Für sich genommen gefällt es mir sehr gut. Im Vergleich mit dem SP2016 gibt es leider auch hier (Überraschung !) klangliche Unterschiede. Ob das nun an den Wandlern oder am Signalprozessor liegt ist eigentlich egal. Schon die modernisierte Hardware klang anders.
    Das alte Teil ist ein absolutes Soundmonster und war nicht umsonst lange Jahre der digitale Lieblingshall von Mr. Massenburg und Konsorten. In Deutschland ist es immer ein wenig unter dem Radar geblieben.
    Wie Du im Testbericht richtig schreibst: Schade, dass nur eine kleine Anzahl der Programme des Originals übernommen worden. Die Modulationseffekte klingen z.B. Saugut. Dagegen stinken sogar der H3000 und die späteren Eventides ab, genau wie beim Hall.

  3. Profilbild
    fkdiy  

    Also im Prinzip ein Abfallprodukt des Hardware-Reverbs, dessen Algorithmen kopiert und mit einer rudimentären GUI versehen wurden.

    Für 250,- € – na wenn das mal nicht leicht verdientes Geld ist.

    Und zusätzlich fehlt noch ein Großteil der eigentlich fix und fertig vorhandenen Räume, so dass es sich hier im Prinzip um eine Demoversion der Hardware handelt, die man dann für läppische 3000,- € „nachkaufen“ darf, wenn man auf den Geschmack gekommen ist.

    Eine Demo für 250,- €.

    In der regulären Softwarebranche würden dich die Kunden bei so einer Produkt- und Preispolitik öffentlich an den Pranger stellen, aber Musiker sind ja Mondpreise gewohnt.

    Und sorry, „kleiner Kundenkreis und kleine Firma“ zieht hier nicht, da nur minimaler Entwicklungsaufwand in dieses Produkt geflossen sein wird (von der Implementierung des iLok Blödsinns abgesehen).

    Klassischer cash-grab in meinen Augen. Ich bleibe bei Valhalla mit seinen 50,- € Billigalgos (also nur ein fünftel so gut wie Eventide!).

    • Profilbild
      psv-ddv  AHU

      Kann man so sehen. Nur dass das Gerät, welches hier eigentlich simuliert werden soll schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr hergestellt wird.
      Die Valhallas sind bei algorithmischen Hallplugins meine Favoriten, wenn mal keine Hardware verfügbar ist. Preis/Leistung = unschlagbar.

    • Profilbild
      Markus Schroeder  RED

      Über den Preis kann man sich durchaus streiten, aber das 2016 Plugin ist definitiv keine Demo!

      und es hat auch niemand etwas gegen Plugins mit einem besseren Preis/Leistungsverhältnis.

      ;)

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