Test: Harmony Guitars Silhouette, E-Gitarre

2. Februar 2021

Silhouette - die bessere Jazzmaster?

Harmony Guitars sind aus der Versenkung aufgetaucht. Unsere Redaktion versucht sich immer wieder, unbekannteren Namen zu nähern. Das hat einige Gründe, auf die man jetzt nicht in allzu großer Bandbreite eingehen muss. Als wir uns die Harmony Guitars Rebel angesehen haben, dann aus dem einfachen Grund, dass die Firma seit zehn Jahren dabei ist, ihre unverwechselbare Marke wieder aufzubauen. Und da schauen wir eben gerne hin.

Test: Harmony Guitars Silhouette, E-Gitarre

Harmony Guitars hat einen Stand in den 60ern und waren das Baby des leidenschaftlichen Instrumentenbauers Wilhelm Schulz aus Deutschland, der sich vor allem erst einmal Geigen gewidmet hatte. Sie verschwanden in der Versenkung, ein bisschen verdrängt von den großen Namen und fanden durch die Nutzung prominenter Musiker ihren Weg zurück ins Rampenlicht. BandLab Technologies ist seit 2018 der Schirmherr von Harmony Guitars. Seitdem gilt: Harmony Guitars kämpfen sich allmählich zurück. Meine persönliche Neugier auf die Marke wurde durchaus belohnt: Ich hatte viel Freude an der Rebel – viel Sustain, Vintage-Charakter mit bestechender Klarheit und ein breites Klangspektrum. Inspiriert von den guten Erfahrungen mit der Double-Cut haben wir uns nun dem aktuellen Jazzmaster-Modell von Harmony Guitars gewidmet: der Silhouette.

Moderne Vintage Gitarre – die Harmony Jazzmaster

Jazzmaster polarisieren – ich gehöre ganz klar zur Ja-Fraktion und freue mich immer darüber, eine in die Hand nehmen zu dürfen. Neben Fender jedoch ist der Markt in der Hinsicht nicht gerade vollgepackt mit Non-Original-Jazzmastern und die, die einem in die Hand fallen, haben dann oft das Nachsehen. Die Silhouette nicht: Vom ersten Moment, als ich das gute Stück aus der Verpackung nehme, muss gesagt werden: ein echter Hingucker. Eine enorm elegante Solidbody Jazzmaster, die Harmonys Pickup- und Soundcharakter mit Klangholz und Fender-inspirierter Bauart in sich vereint und dabei etwas Einzigartiges ergibt.

Test: Harmony Guitars Silhouette, E-Gitarre

Interessanter Fakt: Harmony Guitars werden wie Heritage Guitars zurzeit in der originalen Gibson Fabrik in Kalamazoo, Michigan, hergestellt. Die Silhouette besitzt einen ganz eigenen Touch – sie ist weitaus schlanker als herkömmliche Jazzmaster, die Bauart am Korpus ist verengt, das gute Stück ist definitiv sexy. Kurz befürchte ich eine leichte Kopflastigkeit, aber das bestätigt sich nicht. Das dunkelblaue metallische Finish aus Nitrocellulose hat einen Saphir-Touch sowie eine leichte kristalline Note. Der leichte geneigte Headstock trägt eine klare Fender-Handschrift, der Hals ist in einem Medium C-Shape mit einem 12 Zoll Radius gehalten. Es will angepackt werden, hält aber nicht dagegen wie beispielsweise die griffigen Hälse der aktuellen Fender Jazzmaster American Original Serie. Generell sorgt der schlanke Verlauf für den Eindruck, dass die Gitarre eine ungewöhnliche Mensur haben könnte – tatsächlich ist dem aber nicht so und mit 22 Medium-Jumbo-Bünden sowie einer 25 Zoll Mensur läuft hier alles prächtig zusammen. Die konturierte Rückseite sorgt dafür, dass die Gitarre gut aufliegt.

Test: Harmony Guitars Silhouette, E-Gitarre

Komfortabel und ansehnlich ist die Harmony Guitars Silhouette also. Welche Hölzer kommen hier zum Einsatz? Der Korpus ist interessanterweise aus Erle, der einteilige, verschraubte Hals aus Ahorn. Leider haben sich Harmony Guitars nicht dazu durchringen können, auch das Griffbrett in Ahorn zu lassen – was ich persönlich sehr mag – sondern haben es aus Ebenholz aufgelegt. Kein Problem damit, die sauber versetzten Metallbünde am schmalen Hals behindern das Spielgefühl in keiner Weise. Die Breite des Halses beginnt bei nur 11 Zoll und endet bei 16 – und das ist vergleichsweise schmal. Das ist zumindest mein Eindruck – wahrscheinlich, deshalb, weil ich in letzter Zeit viel mit Siebensaitern zu tun hatte.

Harmony Guitars – Silhouette E-Gitarre als Jazzmaster

Man spielt sie, hört den Sound, lässt das Spielgefühl auf sich wirken – die Silhouette ist eine zutiefst amerikanische Gitarre. Jedenfalls verströmt sie diese Aura und ich bin mir zunächst nicht genau sicher, woran das liegt. In der Hardware haben wir es wieder mit den enorm coolen Custom-Cupcake-Reglern zu tun, die jeweils Tone und Volume für die Pickups regeln, die verchromten Locking-Mechanismen verströmen wie bereits erwähnt einen Touch Fender und die gekappte Bridge ist etwas, was man eher von Telecastern kennt – kompensierter Sattel bei einer Jazzmaster? Auch hier eher ungewöhnlich. Aber Fakt ist: Mit dem perfekt zur Form ausgelegten Schlagbrett, den Cupcakes und der Half-Bridge ergibt das optisch einfach ein ungemein stimmiges Gesamtbild.

Test: Harmony Guitars Silhouette, E-Gitarre

Kommen wir zum Kern des Hingucker-Faktors, den Custom Golden Foil Mini-Humbuckers, die wir auch schon von der Harmony Rebel kannten, sowohl in Neck und Bridge. Was die Wicklungen angeht und inwiefern sie in beide Positionen identisch sind, lässt sich nicht herausfinden, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass die Golden Foils in beiden Positionen identisch sind. Der Sound bei der Harmony Rebel sprach eine deutliche Sprache: Frequenz-Peak in der oberen Mitten, eine Gitarre mit Freuden an den Höhen, die durch den Tone-Knopf eine famose Vintage-Note entfesseln konnte. Inwiefern sich das hier wiederholt, wird sich zeigen im Praxistest.

Das ist der Sound der Harmony Guitars Silhouette

Treble-lastig, bissiger Twang und eine helle Grundnote – das ist das, was der Anblick der Silhouette irgendwie erahnen lässt und wie sich zeigen wird, bestätigt das der Praxistest durchaus. Ist sie bisweilen vielleicht ein wenig schrill, verträgt sie sich mit Overdrive-Pedalen? Beides finden wir raus, indem wir die Harmony Guitars Silhouette direkt in den REVV G20 speisen und zum Teil mit Pedalen hantieren.

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In der Tat stellt sich hier ein Stück weit ein ganz eigenes Spielgefühl ein. Die Silhouette ist die höhenfreudigste Jazzmaster, die ich bislang gespielt habe. Der Snap, vor allem in Neck-Position, hat meines Erachtens eigentlich nichts mit dem röhrigen Jazzmaster-Sound vieler Fender-Modelle zu tun, sondern ist um ein vielfaches klarer und sehr nahe am Telecaster-Twang. Ein Stück weit passiert da mehr unten rum, so hat der Sound einen leicht glockigen Charakter – ein bisschen wie die Vintage Player 1966er, jedoch ohne deren enormen Biss.

Was mir bei der Rebel bereits gut gefallen hatte, war der umfangreiche und effektive Regelweg des Tone-Schalters. Will heißen – da passiert richtig was und die Gitarre nimmt vor allem im dunklen Bereich einen ganz anderen Charakter an, der Vintage par Excellence verheißt. Am besten kommt das jedoch zum Ausdruck, wenn man den Regelweg nicht vollständig zurückdreht, sondern zu 3/4 – fertig ist der muffige Beatles- und Psychedelic-Rock und Gitarren-Sound.

Am stärksten glänzt die Silhouette meines Erachtens in der Bridge-Position, den Tone-Regler um dreißig bis vierzig Prozent zurückgedreht, mit einem kleinen Hauch Gain – das hat Charakter, inspiriert und macht richtig Spaß. Der Sound bleibt angenehm klar, besitzt aber diese leicht muffige Note, um die eine Jazzmaster nie verlegen ist.

Nun geht es an das Gain. Hier nehme ich den Brothers von Chase Bliss Audio zur Hand und nutze seinen JFET-Overdrive sowie erst einen, dann beide Fuzz-Channels. Tun die Golden Foil Mini Humbucker hier ihren Dienst? Ja, vor allem beim Fuzz brutzelt es herrlich. Der brillante und Treble-lastige Klang der kleinen Humbucker übersetzt sich gut, wenn er durch einen Overdrive gejagt wird, bleibt dabei brillant und schwächelt nicht. Fuzz brutzelt und beim Overdrive bleibt der Frequenzrahmen schön gleichmäßig und reißt nicht hässlich in den Höhen aus.

Zu guter Letzt hauchen wir dem Gain-Channel des REVV-G20 mit dem Brothers einen Hauch Fuzz ein und schauen, wie sich die Silhouette an der Front schlägt – starker Attack kommt hier zum Ausdruck, der Sound springt einen förmlich an und bleibt dabei, vor allem beim Öffnen der Chords und den Dreiklängen ungemein transparent. Eine der größten Stärken der Jazzmaster ist, wie sich verzerrte Akkorde im Sound artikulieren. Selbst bei der Fender AM Orig. 60 kam mir das nicht so differenziert vor. Auch abgedämpfte, tiefe Chords wirken nicht schwach auf der Brust – ist der Tone offen, atmet die Silhouette, und das steht ihr sehr gut zu Gesicht.

Fazit

Es muss eben nicht immer Fender sein. Diese schlanke und einzigartige Jazzmaster aus den Staaten ist ein kleines Juwel: Sie vereint Telecaster Twang und dunkle Vintage-Sounds in sich und springt hervorragend auf alle Formen der Verzerrung an. Nicht nur sehen die Golden Foil Humbucker einzigartig aus, sie erledigen den Job ungemein transparent und klar, egal wie viel Verzerrung im Spiel ist. Für mich eine der stärksten Jazzmaster, die ich in den letzten Monaten in der Hand hatte; ein verdammt schönes, verlässliches Instrument, das jeder Jazzmaster-Liebhaber unbedingt auf seine Liste setzen sollte.

Plus

  • tolle Optik
  • ergonomischer Korpus
  • Tone-Regler verwandelt Sound
  • heller und flexibler Grundsound

Preis

  • UVP 1599,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Sven Blau  

    Ich sehe da null Jazzmaster drin, ergo für mich auch kein Konkurrent. Es ist eine tolle Offset-Form, keine Frage, aber ich sehe da eher eine aufgepimpte Tele im Offsetkleid.

    • Profilbild
      Dimi Kasprzyk  RED

      Hi Sven!

      Kann ich gut nachvollziehen. Im Praxisteil habe ich den Eindruck ja bestätigt – vor allem in der Neck Position offenbart sich da durchaus Tele-Charakter. Mit ordentlicher Zerre und in der Bridge Position jedoch zeigt sich die Jazzmaster im Offset-Kleid, die Golden Foils produzieren hier einen Sound, der meines Erachtens nicht fernab von den Pure Vintage 65er liegt.

      LG

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