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Test: Steinberg Dorico Pro 4, Notationssoftware

11. Februar 2022

Update für die Notensatz-Software

steinberg dorico 4 test

Steinberg Dorico Pro 4, Notationssoftware

Notationssoftware gehört für viele Musiker zum Alltag. Lange Zeit teilten zwei Platzhirsche den Markt größtenteils unter sich aus. Gemeint sind Sibelius und Finale. Übersehen wurden dabei oft andere interessante Lösungen, die aber eher ein Nischendasein fristeten. Vor einigen Jahren setzte sich Steinberg dann das Ziel, mit Dorico endlich einen Konkurrenten zu etablieren. Dieser geht nun mit Steinberg Dorico 4 in die vierte Runde und wir haben uns die Neuerungen genauer angeschaut und den Vergleich zu Sibelius gewagt.

Die Software-Firma Steinberg im Portrait

Eigentlich muss man über die deutsche Software-Schmiede nicht mehr viele Worte verlieren. Dennoch blicke ich einmal schnell zurück ins Jahr 1983, in dem sich Karl Steinberg und Manfred Rürup trafen und beschlossen, dass die gerade neu vorgestellte MIDI-Schnittstelle nach einer passenden Software für Homecomputer schreit. Der erste Multitrack Sequencer für den damals sehr populären Commodore 64 erscheint unter dem Namen Steinberg Pro-16. Aus dem Pro-16 wurde 1986 mit dem Markteintritt des Atari ST der Steinberg Pro-24 und 1989 folgt die erste Version von Cubase. Nur zwei Jahre später bekam Cubase eine Audiofunktionalität und wurde somit zur DAW: Cubase Audio erschien 1991. Es folgt mit Wavelab eine mächtige Mastering-Software und 1996 legen Steinberg den Grundstein für eine Technologie, die die Audiowelt verändern sollte: VST wird als Plug-in Schnittstelle vorgestellt und Cubase VST vorgestellt. Auf einem Apple Macintosh gelingt das gleichzeitige Abspielen von 24 Spuren. Von da an geht es steil bergauf und mit Nuendo folgt ein weiterer Meilenstein. Im Jahr 2005 wurde Steinberg von Yamaha übernommen. Es folgt 2008 die VST3 Schnittstelle als Weiterentwicklung der mittlerweile in die Jahre gekommenen VST Spezifikation. Dorico wird im Jahr 2016 vorgestellt. Beteiligt waren angeblich auch Entwickler von Sibelius, die nach der Übernahme durch Avid zu Steinberg gewechselt sind. Die erste Version hatte noch zahlreiche Schwächen und wirkte etwas unfertig. Einen Test der Version 2 lest ihr hier. Diese fügte bereits einige der noch schmerzlich vermissten Features hinzu, doch mit Finale und Sibelius mithalten konnte das noch junge Dorico nach wie vor nicht. Nun befinden wir uns in Revision 4 und die Liste der neuen Features ist lang. Wird das Produkt nun tatsächlich Finale und Sibelius das Fürchten lehren?

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Dient Steinberg Dorico 4 als Sibelius-Ersatz?

Das Update auf Version 4 war für mich zu allererst eine Überraschung, weil Steinberg neuerdings auf Dongles verzichtet. Lange Zeit habe ich als Mac-User Steinberg gemieden, weil ich kein Freund von Dongles bin. So war meine erste Frage nach der Testanfrage durch die Redaktion auch die nach einem Dongle. Seit diesem Jahr verzichtet man bei Steinberg allerdings auf genau diese lästigen USB-Sticks und fügt sich dem Willen der Kunden nach einer Dongle-freien Zukunft. Sehr gut.

Für die Installation benötigt man den Steinberg Download Assistant, für die spätere Aktivierung den Steinberg Activation Manager. Das ist bei vielen Software-Herstellern mittlerweile so üblich, zum Beispiel auch bei Avid. Nach der Eingabe des mir zugesandten Aktivierungscodes ist die Installation von Dorico Pro 4 schnell erledigt. Etwas länger dauert der Download der Klangbibliothek und von Halion SE. Knapp 11 GB wollen über die Internetleitung auf meinen heimischen Mac transferiert werden.

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Das Eingeben der Noten geschieht im „Schreiben“ Modus. Alle Icons sind sehr groß dargestellt und die Benutzeroberfläche wirkt modern.

Nach dem Start begrüßt mich Dorico Pro 4 mit einem für mich ungewohnten Bild. Die Bedienelemente sind nicht wie bei Sibelius am oberen Bildschirmrand angeordnet, sondern in zwei Seitenleisten rechts und links. Alles wirkt unglaublich groß und einige Symbole ungewohnt, während andere sofort erahnen lassen, was sich dahinter verbirgt. In der oberen Leiste des Programmfensters befinden sich nur wenige Tabs und Icons. Die meisten Funktionen lassen sich aber über die Menüleiste abrufen, die am Mac vom eigentlichen Programmfenster entkoppelt ist.

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In Dorico 4 sind viele Funktionen per Icon auf der linken wie rechten Bildschirmseite aufrufbar.

Tatsächlich sind in Steinberg Dorico 4 manche wichtige Elemente immer sichtbar, für die man in Avid Sibelius erst per Tab das jeweilige Menü einschalten muss. So verbergen sich wichtige und ständig benötigte Tools zur Noteneingabe in Avid Sibelius hinter den Tabs am oberen Fensterrand. Um einen Takt oder ein Instrument hinzuzufügen, muss man den HOME-Tab auswählen, um hingegen Noten einzugeben, den NOTE INPUT-Tab, für Notenschlüssel, Tonart, Taktart oder Taktstrich sowie alle Arten von Artikulationen den NOTATIONS-Tab und für alle Arten von Text und Akkorden den TEXT-Tab. In Steinberg Dorico 4 hingegen sind diese Menüs alle am rechten Fensterrand untergebracht und somit immer im Blickfeld. Wählt man hier ein Icon aus, öffnet sich links daneben das zugehörige Fenster mit allen Auswahlmöglichkeiten und Optionen. Natürlich lassen sich sowohl in Sibelius wie Dorico alle Funktionen auch per Tastaturkommando erreichen.

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In Sibelius werden die einzelnen Funktionen und Icons am oberen Fensterrand dargestellt und verbergen sich teilweise hinter Tabs.

Auffällig ist die Entwicklung beider Produkte. So zeigt mir Avid Sibelius Ultimate nach dem jüngsten Update plötzlich ein Chord Input Tool, das in fast identischer Form auch in Steinberg Dorico zu finden ist. Gleiches gilt für das Pitch Correction Tool. Sogar die Icons sind in beiden Produkten nahezu identisch. Beide Software-Firmen bieten außerdem eine iPad Version an. Auch hier zieht Sibelius nach. Die Entwickler scheinen also jeweils gut die Konkurrenz im Blick zu haben und ich vermute, dass Dorico nach dem wackeligen Start nun doch als ernsthafte Konkurrenz angesehen wird.

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Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Dorico 4 (linke) und Sibelius (rechts).

Lernkurve in Steinberg Dorico 4

Auch nach mehreren Tagen mit Steinberg Dorico Pro 4 habe ich selbstverständlich nur einen Bruchteil der Funktionen testen können. Das ist mir auch nach mehreren Jahren mit Avid Sibelius Ultimate noch nicht gelungen. Jeder Musiker benötigt schließlich je nach Aufgabengebiet beim Notensatz andere Funktionen. Ein professioneller Notensetzer für einen Verlag hingegen wird einen erheblich umfangreicheren Befehlssatz benötigen, da er mit sehr verschiedenen Aufgaben betraut wird. Viele Notensetzer arbeiten schon ihr ganzes Berufsleben mit Finale oder Sibelius und der Umstieg auf eine andere Software ist entweder aufgrund der Anforderungen der Auftraggeber gar nicht möglich oder einfach mit einem zu erheblichen Aufwand verbunden. Musiker hingegen, die gelegentlich für sich selbst oder für ihre Band Noten setzen möchten, sollten den Umstieg nicht scheuen. Die Lernkurve ist für die Grundfunktionen weniger steil als zunächst vermutet und manche Funktion ist in Dorico intuitiver als in Sibelius oder Finale. Zudem erscheint die Oberfläche von Steinberg Dorico 4 aufgeräumter und moderner als bei Sibelius, wo man viele Altlasten mitschleppen (muss). Nutzer hingegen, die sich bereits in die tieferen  Strukturen von Sibelius eingearbeitet haben, damit große Projekte stemmen und im Prinzip jeden Handgriff ohne nachzudenken beherrschen, sollten sich wie gesagt gut überlegen, welche Vorteile ein neues Produkt mit sich bringt, die die lange Einarbeitungszeit rechtfertigen.

Import von Partituren in Dorico 4

Eine Frage, die sich vor einem potentiellen Umstieg immer stellt, ist die nach der Kompatibilität von Konkurrenzformaten. Schon Sibelius hat sich lange Zeit über schwer damit getan, Notensätze aus Konkurrenzprodukten zu öffnen oder Dateien dafür zu exportieren. So gibt es zwar schon geraume Zeit das MusicXML-Format, doch war dessen Implementation wohl nicht das primäre Interesse der Software-Hersteller. So arbeitete ein Musikverlag, für den ich gearbeitet habe, mit Finale, während ich meine Notensätze in Sibelius geschrieben habe. Der Dateiaustausch war jedes Mal eine mittelschwere Katastrophe. Das ist heutzutage endlich anders und somit lassen sich Notensätze aus Sibelius problemlos als MusicXML-Datei exportieren und in Dorico 4 importieren. Eine Demo-Orchesterpartitur, die bei Sibelius Ultimate mitgeliefert wird, sieht nach dem MusicXML-Austausch in Dorico 4 gut aus und es sind lediglich Feinheiten zu korrigieren. Das ist jedoch zu erwarten gewesen und auch nach dem Import in andere Produkte der Fall. In den meisten Situationen sollte also das „Mitnehmen“ der alten Projekte von Sibelius zu Dorico 4 kein Problem darstellen.

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Die Demo-Orchesterpartitur in Sibelius. Diese wurde anschließend als MusicXML exportiert.

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Die gleiche Partitur als Import in Steinberg Dorico 4.

Ausprobiert habe ich den Austausch auch mit einigen Lead Sheets, die ich in Sibelius geschrieben habe. Das Notenbild war aus dem Stand heraus nach dem Import gut zu lesen und hätte so verwendet werden können. Nach dem Setzen einiger Umbrüche war das Ergebnis sehr gut und druckreif.

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Ein von mir erstelltes Lead Sheet in Sibelius.

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Das als MusicXML exportierte und in Steinberg Dorico Pro 4 importierte Lead Sheet. Das Ergebnis bedarf nur kleinerer Korrekturen.

Neue Features in Steinberg Dorico 4

Steinberg Dorico hat in der Version 4 eine Fülle an neuen und herausragenden Features bekommen, die ich mir für diesen Test näher angeschaut habe.

Key Editor

Nun besitzen Notensatzprogramme üblicherweise die Möglichkeit, die Partitur auch wiederzugeben. Außerdem ist in der Regel ein Export der Partitur als MIDI-File oder der Import von MIDI-Files und die Darstellung als Partitur möglich. Auch Steinberg Dorico 4 macht diesbezüglich keine Ausnahme. Doch bekanntlich gibt es einen Unterschied zwischen Notation und Interpretation. Möchte man aus einer Partitur ein MIDI-Playback erstellen oder ein Mockup zur Präsentation einer Komposition, spielt die Interpretation der Noten eine sehr große Rolle, soll das Ergebnis ansprechend klingen.

Steinberg Dorico Pro 4

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Steinberg hat Dorico 4 deshalb einen Key Editor, der im Prinzip einer Pianorolle entspricht, spendiert. In diesem editiert der Anwender parallel zur Notendarstellung die MIDI-Daten. Während des Editiervorgangs hat man die Noten die ganze Zeit über vor Augen, sodass eventuelle Änderungen, die sich durch das Editieren der MIDI-Daten am Notenbild ergeben, sofort ersichtlich werden. So lassen sich Controller-Daten einfügen oder verändern, die MIDI Velocity verändern und vieles mehr. Erst durch diese Möglichkeiten wird die Partitur lebendig und klingt auch ansprechend. Früher musste man dafür den Weg über eine DAW gehen und die Partitur als MIDI-Datei exportieren, um sie dann in der DAW bearbeiten zu können. Mit Steinberg Dorico 4 sind die meisten Bearbeitungsschritte direkt im Notensatzprogramm möglich. Das Editieren im Key Editor gelingt jedem, der schon einmal mit der Pianorolle in der DAW gearbeitet hat, auf Anhieb.

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Im neuen Play-Editor lässt sich eine Pianorolle zuschalten, um MIDI-Daten und Notendarstellung anzugleichen.

Polyphone MIDI-Transkription

Ein großes Problem beim Import von MIDI-Daten oder beim Live-Einspielen in das Notensatzprogramm ist die Interpretation von polyphonem Material. Oft sieht das Endergebnis unbrauchbar aus, weil entweder alle Töne einer einzelnen Stimme oder willkürlich irgendwelchen Stimmen zugeordnet werden. Die Nachbearbeitung erfordert dann viel Zeit und Geduld. Steinberg haben Dorico 4 deshalb einen Algorithmus implementiert, der das importierte oder live gespielte Material analysiert und dann entsprechend die Stimmenzuordnung richtig vornehmen soll. Dorico 4 analysiert die Spielweise und setzt Artikulationen wie Legato oder Staccato entsprechend um. Auch Pedalzeichen werden automatisch gesetzt. In der Theorie zumindest, denn in der Praxis funktioniert das leider überhaupt nicht vernünftig.

Spielt man zum Metronom live auf einem MIDI-Keyboard wird das Notenergebnis selbst bei sehr genauer Spielweise sehr unterschiedlich interpretiert. Das beginnt bei der Quantisierung und endet bei der Artikulation. Daran ändern auch ein minimaler Buffer und der Latenzausgleich nichts.

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Interpretation der Live-Einspielung durch Dorico 4: Leider wurde das Staccato trotz sehr sauberer Spielweise nicht richtig erkannt. Für das Legato ist ein sehr deutliches Überlappen der Noten notwendig, damit Dorico 4 dieses erkennt.

Hinzu kommt, dass eine wichtige Funktion aus Dorico 4 entfernt wurde, die in der Bedienungsanleitung aber beschrieben wird: Der MIDI Split-Punkt. Laut Bedienungsanleitung ist dieser in den Preferences unter Play zu finden. Das ist für Dorico 3 auch richtig, in Dorico 4 fehlt diese Option jedoch und ist nur für den MIDI Import vorhanden. Trotzdem hilft auch diese Funktion in vielen Fällen nicht weiter, denn weder die Automatik noch die manuelle Einstellung ändert das Endergebnis: Die Zuordnung funktioniert bei einer Klavierpartitur nur dann richtig, wenn beide Hände weit voneinander entfernt spielen. Schon bei einem einfachen Beispiel wie dem Anfang der Sonata Facile von Mozart versagt der Algorithmus. Hier ist dann leider nach wie vor Editieren angesagt.

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Die Polyphone MIDI-Transkription in Dorico 4 funktioniert leider derzeit nur sehr eingeschränkt, da die Option, den Split-Punkt festzulegen, entfernt wurde.

Intelligenter MIDI Import

Ausprobiert habe ich außerdem den MIDI Import mit verschiedenen MIDI-Files von Klavierpartituren und das Ergebnis hängt im großen Maße davon ab, wie aufwändig die Partitur ist. Nach drei Anläufen und dem Ausprobieren verschiedener Einstellungen im Advanced Modus war es möglich, die Partitur eines einfachen Bach Menuetts nahezu fehlerfrei aus einer MIDI-Datei zu importieren. Mit Sibelius gelang dies ohne weitere Konfiguration auf Anhieb.

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Eine der vielen Interpretationen, die Dorico 4 aus dem importierten MIDI File erstellt hat.

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In Sibelius lassen sich zahlreiche Optionen für den MIDI File Import einstellen. Ich entscheide mich, es ohne weitere Einstellungen zu versuchen.

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Das Ergebnis: Eine sehr akkurate Interpretation des MIDI Files durch Sibelius Ultimate ohne weitere Einstellungen.

Neuer Einfügemodus

Mit Dorico 4 erhält das Notationsprogramm auch einen neuartigen Einfügemodus, mit dem es möglich ist, durch das Setzen eines Stopp-Punktes zu bestimmen, bis wohin Änderungen möglich sind. So bleibt alles, was nach dem Stopp-Punkt geschrieben wurde, so bestehen. Des Weiteren lässt sich festlegen, welche Stimme bearbeitet wird oder ob alle Stimmen verändert werden sollen. Das funktioniert sogar auch mit Instrumenten. Auf diese Art und Weise lassen sich auch ungerade Taktarten oder metrisch freie Takte erzeugen. Im Test funktionierte das ganz hervorragend. Man muss lediglich den richtigen Einfügemodus auswählen. Dies geschieht durch längeres Drücken auf das Insert Icon. Nun öffnen sich vier weitere Icons, über die einer von vier Einfügemodi ausgewählt werden kann:

  • Voice bezieht sich auf die selektierte Stimme. Alle anderen Stimmen bleiben unbeeinflusst.
  • Player bezieht sich auf einen Spieler in der Partitur. Enthält ein Spieler mehrere Instrumente, so werden alle Instrumente des Spielers entsprechend verändert.
  • Global verändert alle Instrumente aller Spieler in einer Partitur
  • Global Adjustment of Current Bar bezieht sich auch auf alle Spieler, verändert aber den aktuell selektierten Takt, indem die Taktart entsprechend angepasst wird.

Transformationen

Die Transformationen sind ein praktisches Kompositions-Tool. Mit ihnen lassen sich nicht nur einfach Partituren oder Teile einer Partitur in eine andere Tonart setzen, sondern auch Passagen auf andere Skalen mappen, Tonfolgen umkehren, spiegeln, Rhythmen variieren und vieles mehr. Das funktioniert hervorragend.

Neue Eingabemöglichkeiten

Neben den üblichen Eingaben über die Computertastatur, die Maus oder ein MIDI Keyboard stehen nun auch ein virtuelles Keyboard, ein Gitarrengriffbrett und Drum Pads zur Verfügung. So kann man mit der Maus (oder auf einem Microsoft Surface auch mit dem Stift) auf dem Keyboard oder dem Gitarrengriffbrett herum tippen, um Noten einzugeben. Das funktioniert mit dem Chord Tools auch für die Eingabe von Akkorden hervorragend.

SuperVision

Weniger ein Tool für den Notensatz als für den Arrangeur ist SuperVision, eine Sammlung von Messinstrumenten für Lautheit, Pegel, Korrelationsgradmesser, Analyzer, Spekrum, Wellenform und vielen weiteren nützlichen Anzeigen. Die Verteilung der entsprechenden Messinstrumente innerhalb des Fensters lässt sich frei konfigurieren. Das Fenster kann horizontal und vertikal aufgesplittet werden. Die einzelnen Messinstrumente passen sich automatisch hinsichtlich der Größe an oder ändern die Ausrichtung. So kann die Wellenformdarstellung auch vertikal von unten nach oben verlaufen und nicht nur horizontal von rechts nach links. Durch Anfassen und Verschieben der jeweiligen Trennlinien zwischen den Messinstrumenten ist eine individuelle Anpassung an die eigenen Bedürfnisse möglich.

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SuperVision: Die Plug-in Suite mit einer Vielzahl verschiedener Messinstrumente zur Analyse des Audiosignals gehört zum Lieferumfang

Natürlich würde man solche Messinstrumente eher in der DAW erwarten als in einem Notensatzprogramm. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass viele Komponisten und Arrangeure Orchester Mockups mit Sample-Librarys erstellen müssen, die dann als Audiodatei an die Auftraggeber gehen, um Entscheidungen zu treffen, bevor dann ein richtiges Orchester beauftragt wird. Gerade im Bereich der Filmmusik ist das üblich (und nicht selten bleibt es bei Samples). Statt nun erst alles für den Mix in die DAW zu überspielen, kann das auch gleich in Dorico 4 erledigt werden. Und so ist es natürlich sinnvoll, auch einige Messinstrumente zur Verfügung zu haben. In meinen Augen eine gelungene Zugabe, die in dieser Qualität selbst in mancher DAW fehlt und erst durch Drittanbieter-Plug-ins nachgerüstet werden muss.

Remote Control

Mit Dorico 4 wurde das Remote Control API überarbeitet, sodass Dorico 4 nun auch mit Hardware wie Elgato Streamdeck oder Software Remote Controls auf iPads arbeiten kann. Die Anbindung geschieht laut Bedienungsanleitung über WebSocket. Für die Nichtinformatiker als Erklärung: WebSocket ist eine Netzwerktechnologie, die es einem Server nach einmaliger Verbindung zum Client erlaubt, mit diesem zu kommunizieren, ohne vorher für jede Aktion eine neue Verbindung aufzubauen und eine neue Anfrage erhalten zu haben, wie es zum Beispiel bei HTTP (dem für das Internet üblichen Protokoll) der Fall ist. So werden schnelle und bidirektionale asynchrone Übertragungen möglich, wie wir sie für eine möglichst verzögerungsfreie Verbindung von Software mit einer Remote Control möchten. Steinberg stellt das API auf Anfrage Entwicklern zur Verfügung, die dann auf dieser Grundlage ihre Produkte anpassen oder neu entwickeln können.

Weitere Neuheiten in Dorico 4

Es gibt unzählige Neuheiten, viele sind recht klein und fallen vielleicht gar nicht sofort auf, erleichtern aber die Arbeit ungemein. So wurde der Mixer neu gestaltet, um den Workflow zu verbessern. Akkorddiagramme können nun mit Fingersätzen versehen, Notenschlüssel und Tonart für Lead Sheets ausgeblendet werden. Ein VST Amp Rack sorgt für einen guten Gitarren-Sound beim Abspielen von Partituren für E-Gitarre. Musikalische Symbole können nun auch in Textfeldern genutzt werden. Das Look & Feel der Software wurde ebenfalls angepasst.

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Über ein Mischpult lässt sich die Wiedergabe der Partitur ähnlich wie in einer DAW bearbeiten.

Für Nutzer mit aktuellen Apple-Rechnern dürfte interessant sein, dass Steinberg Dorico 4 nativ auf Macs mit M1-Prozessor ausgeführt wird.

In Steinberg Dorico 4 lassen sich Taktzahlbereiche definieren. Das ist besonders sinnvoll bei zu wiederholenden Passagen. Zu Beginn des Bereichs wird dann sowohl die aktuelle Taktzahl als auch die Gesamtzahl der Takte in diesem Bereich angezeigt.

Bedienungsanleitung und Lokalisierung von Dorico 4

Aktuell ist noch keine deutsche Bedienungsanleitung für Dorico 4 verfügbar. Es empfiehlt sich allerdings zum jetzigen Zeitpunkt, die Software mit der englischsprachigen Lokalisierung zu benutzen, denn die Lokalisierung für Deutschland ist leider noch recht unvollständig. An vielen Stellen mit Schaltflächen und in vielen Menüs begegnet dem Benutzer trotz deutschem GUI die englische Sprache, weil schlicht und ergreifend vergessen wurde, diese zu übersetzen. Hier sollte eine deutsche Firma wie Steinberg zügig nachbessern.

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Fazit

Mit Steinberg Dorico 4 schließt das Notensatzprogramm erneut weiter zur Konkurrenz auf und wird so langsam aber sicher zu einem ernstzunehmenden „Gegner“ für die Platzhirschen Sibelius und Finale. Während Finale weiterhin bei den Musikverlagen fest etabliert ist, konnte sich Sibelius aufgrund des etwas leichteren Zugangs schnell einen Platz bei Musikern und Arrangeuren sichern.

Doch gerade die etwas komplizierte und unübersichtliche Einbindung von Plug-ins für die Wiedergabe und das recht sperrige Anpassen von Layouts sorgen bis heute für Frust. Hier geht Dorico 4 neue Wege und bietet mit den vielen neuen Optionen eine gute bis sehr gute Alternative zu Sibelius. Zwar ist auch in Dorico 4 noch nicht alles intuitiv und einige Neuheiten wie die Polyphone MIDI-Transkription funktionieren nicht in jedem Fall einwandfrei, doch ist das auch in anderen Produkten an der einen oder anderen Stelle der Fall.

Das neue Lizenzmodell mit dem Verzicht auf Dongles und der Möglichkeit, Steinberg Dorico 4 auf bis zu drei Computern mit einer Einzelnutzerlizenz zu nutzen, macht das Produkt noch attraktiver. Insbesondere denjenigen, die noch keine Notensatz-Software besitzen, sei vor der endgültigen Entscheidung für ein Produkt ein Blick auf Steinberg Dorico 4 empfohlen.

Die Version Steinberg Dorico Pro 4 kostet im Download 579,- Euro, das Update von Dorico Pro 3.5 liegt bei 99,99 Euro. Für Umsteiger ist das Competitive Crossgrade interessant, das mit 299,- Euro zu Buche schlägt. Gelegenheitsnutzer finden vielleicht in der Version Dorico Elements 4 das geeignete Tool. Dieses ist für 99,99 Euro im Download zu erwerben.

Preislich ist Dorico 4 damit  sogar etwas günstiger als Sibelius Ultimate. Sibelius Ultimate wird allerdings als Abo inklusive regelmäßiger Updates und als Dauerlizenz angeboten, Dorico derzeit nur als Dauerlizenz. Zum Zeitpunkt des Tests lag noch keine deutschsprachige Bedienungsanleitung vor und auch die deutsche Lokalisierung war sehr unvollständig. Interessenten, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, sollten mit dem Umstieg oder dem Kauf also besser noch etwas warten.

Plus

  • viele neue Funktionen
  • verbessertes Look & Feel
  • neues Lizenzmanagement
  • verbesserter Import von MIDI Files
  • SuperVision Plug-in Suite

Minus

  • polyphone MIDI-Transkription funktioniert nicht immer zufriedenstellend
  • Split-Punkt Option derzeit nicht verfügbar
  • deutsche Lokalisierung noch sehr unvollständig

Preis

  • Steinberg Dorico Pro 4 Vollversion: 579,- Euro
  • Steinberg Dorico Pro 4 Update von Version 3.5: 99,99 Euro
  • Steinberg Dorico Pro 4 Competitive Crossgrade: 299,- Euro
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Forum
  1. Profilbild
    gaffer AHU

    Vor Yamaha war Steinberg im Besitz von Pinnacle, da sah es mMn. sehr schlecht für die Firma aus. Dass sie von Yamaha gekauft wurden, dürfte ein Glücksfall gewesen sein.

    Bei Software gab es immer vielversprechende Ansätze, die von den jeweiligen Firmen an die Wand gefahren wurden. Dazu gehört Passport, eine Firma, die zu den Pionieren, in den Achtzigern und bei den Big Playern war. Sie haben meiner Meinung nach den Grundstein für die Darstellung des Arrangementfensters gelegt (Master Tracks Pro), hatten bis in die Neunziger mit Encore und der kleinen Version Music Time hervorragend bedienbare Produkte für Notensatz. Die dümpeln heute noch irgendwo rum, haben das Feld aber schon vor 25 Jahren verlassen und merken es nicht.

    Ich sehe bei Steinberg eine Chance, Sibelius tendiert immer zu merkwürdigen Schlenkern in der Lizenzpolitik, von Finale bekomme ich praktisch nichts mehr mit. Gibt es die noch? Auch die Entscheidung, iPad Versionen zu bringen ist sehr vernünftig.

  2. Profilbild
    defrigge AHU

    Danke für den ausführlichen und gut gemachten Testbericht!

    Früher habe ich Notion benutzt, weil es das schon früh sowohl für PC als auch für iPad gab.

    Sibelius und Finale haben mir beide beim Ausprobieren aus verschiedenen Gründen (von Lizenz-Gebaren bis Workflow mit verschachtelter Menü-Struktur) nie zugesagt. Einmal eingearbeitet, kann man mit allen wohl mehr oder weniger zurecht kommen.

    Seit Dorico 4 bin ich nun Dorico-Benutzer – und schon nach kurzer Zeit insgesamt damit deutlich zufriedener, als mit allen anderen bisher getesteten Möglichkeiten. Mit Stream Deck XL und „Notation Express“ shortcuts in Griffreichweite (gibt’s auch für Finale und Sibelius) ist das Ganze dabei für mich noch mal deutlich schneller und komfortabler zu nutzen.

    Zum Zeitpunkt des Tests liegt übrigens bereits ein sehr ordentliches erstes Dorico 4 Update sowohl für PC als auch für iPad mit Bug-Fixes und Verbesserungen vor.

    Zur Notengebung: wenn Dorico hier ein „Gut“ bekommt, müssten aus meiner Sicht Sibelius und Finale gut bis befriedigend bewertet werden. Gleich gut oder besser ist aus meiner Sicht seit Dorico 4 keine von beiden Alternativen mehr.

    • Profilbild
      Filterpad AHU

      Interessant das hier Steinberg so zugelegt hat. Bislang dachte ich das Finale hier der Platzhirsch sei und auch von der Bedienung her die Nase vorn hat. Was bei Finale tatsächlich umständlich ist, dass man zum einscannen ein extra Programm namens SmartCore braucht. Sprich, ein eigenes Programm was Finalekompatibel ist. Das muss man sich separat zulegen bei Bedarf. Dennoch sind nicht wenige Verbesserungen von nöten, je nachdem wie „sauber“ der Notenschrieb ist. Was mich mehr wundert? Was macht das Supervision-Tool in einer Notationssoftware? Gibt es wenigstens HALion für die Instrumentenauswahl? Bei Finale lassen sich verschiedene Instrumente einbringen, auch wenn sich diese noch sehr nach General Midi anhören. Jetzt könnten die Steinberger endlich mal Cubase (Producersoftware) rausbringen. Ich warte schon ewig ungeduldig. Meine Nerven. ;)

      • Profilbild
        Markus Galla RED

        Eine Version von HALion ist enthalten. SuperVision macht für Komponisten, die direkt mit Dorico 4 und ohne DAW arbeiten und Orchester-Mockups erstellen möchten, schon Sinn.

    • Profilbild
      Markus Galla RED

      Das Update ist schon aufgespielt und behebt leider die Minuspunkte nicht. Auch ist immer noch kein vollständiges Manual vorhanden. In der englischsprachigen Version zu Version 4 sind immer noch Beschreibungen von Version 3 enthalten, die nicht mehr greifen. Offenbar kommt man mit der Erstellung nicht hinterher. Die polyphone Transkription funktioniert leider überhaupt nicht. Ich versuche das täglich, irgendwie nutzbar zu bekommen, weil das für mich ein sehr interessantes Feature wäre. Aber es geht nicht. Beim MIDI-Import hat Sibelius derzeit die Nase immer noch vorne. Aber das mag sich in Zukunft ändern. Im Steinberg-Forum gibt es auch eine Frage zur polyphonen Transkription, die nicht wirklich beantwortet wurde. Die „Offiziellen“ drücken sich irgendwie darum herum. Warum auch immer. Ich hätte das nicht so groß angekündigt, wenn es nicht funktioniert. Es ist ja hier ein Test des Updates auf Version 4. Wenn dann eines der größten Features nicht richtig funktioniert, bleibt es halt nur bei „gut“. Das zur Erklärung der Note.

      • Profilbild
        defrigge AHU

        Die wenigen, aber wichtigen Kritikpunkte finde ich völlig gerechtfertigt und teile ich. Hier muss Steinberg Farbe bekennen und nachbessern.

        Trotzdem gefällt mir Design und Workflow bei Dorico 4 insgesamt in den meisten Punkten deutlich besser als bei sämtlichen Konkurrenten.

  3. Profilbild
    zm33

    Ich verwende Sibelius seit 1994/5. Seit Avid die Software übernommen hat, ist sie einfach nur teuer und bringt kaum nennenswerte Verbesserungen (Updates). Die Einführung der Microsoft Word Leiste kommentierte ein befreundeter Notensetzer mit: „Ich suche heute noch“ (wo sich was verbirgt).
    Die hier zur Abwertung herangezogenen Funktionen sind einfach nur Marginalien, die kaum ein Notensetzer wirklich verwendet. Auch in Sibelius habe ich damit nie jemanden arbeiten sehen. Viel wichtiger sind Funktionen, die z.B. das Layout betreffen. Da ist Dorico bisher ungeschlagen, bzw. geht Wege, die vorher kein Programm so beschritten hat.
    Auch die neue Darstellung als Pianorolle, bringt Dorico4 deutlich näher an die DAWs, in denen man eine, bzw. Teile einer Score komponiert hat.
    Einschübe in grosse Partituren lassen sich mit Dorico 4 deutlich besser durchführen, als mit jeder anderen Notationssoftware. Das Zusammenfügen verschiedener Stücke, die damit verbundenen Stimmauszüge, einfach und übersichtlich &c&c&c
    Sibelius war früher mal ein Programm, dass das Arbeiten deutlich vereinfacht und schneller gemacht hat – gegenüber Finale. Es ist heute leider voller Bugs, die man mittlerweile kennt und für die man workarounds suchen musste. Die will Avid aber einfach nicht beheben, „we can’t serve everybody“. Ich verwende Sibelius nur noch, weil es viele Kunden verwenden, noch (hoffentlich bald nicht mehr).

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