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Test: Tracktion Abyss, Software Synthesizer Plug-in

28. Juli 2021

Ambient-Maschine auf Spektral-Basis

Der Output an Synthesizer-Plugins ist hoch bei Tracktion, dem Hersteller der DAW Waveform. Vor wenigen Wochen erst war der FM-Synth F-EM bei uns im Test, und schon wieder hat die Firma aus Seattle im US-Staat Washington ein neues Plugin am Start. 

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Abyss wird als „visual synthesiser with character and a bit of fairy dust“ beworben, der sich insbesondere für Pads, Drones und Texturen eignen soll. Das klingt schon mal vielversprechend, zumal man, ob man nun Soundtracks oder Techno macht, ungewöhnliche Flächenleger immer gut brauchen kann. Und da neue Herangehensweisen das Sounddesign inspirieren können, bin ich schon mal interessiert.

Die Installation von Abyss erfolgt über den Tracktion Download-Manager, die Systemanforderungen sind mit Windows 10 oder macOS 10.11 (64 bit) moderat. Registriert wird das Plugin einfach und problemlos per Seriennummer und E-Mail-Adresse. Die für den Test vorliegende (Release-)Version 1.0.1 machte in Ableton 10 / macOS 10.15 keinerlei Probleme – hierzu schon mal Glückwunsch an den Entwickler. Dies ist bei dem neuen Tracktion-Synth nicht mehr der hinlänglich bekannte Wolfram Franke, sondern ein gewisser Peter V. mit seiner Firma Dawesome. Deren Logo prangt auch unübersehbar auf dem Plugin, wohingegen ein Hinweis auf Tracktion fehlt. Man kann also davon ausgehen, dass die Entwicklungsarbeit vollständig von dem in der Szene noch unbekannten Mathematiker und Fagottisten aus Hamburg geleistet wurde und Tracktion nur den Vertrieb des Plugins übernommen hat. Eine solche Kooperationsmöglichkeit wird jedenfalls auf der Tracktion-Website ausdrücklich angeboten. Womöglich werden wir hier in Zukunft also noch viele innovative Produkte sehen.

Die ungewöhnlichen „Oszillatoren“ des Tracktion Abyss

Im Zentrum von Abyss steht der sogenannte „Tone Color Gradient“, eine Leiste die – ähnlich dem Verlaufswerkzeug in Photoshop – mit verschiedenen Klangfarben bestückt werden kann. Diese Tone Colors werden als Farbpunkte angezeigt und sind auf der Edit-Page, wo man sie aus einer zweidimensionalen Matrix auswählt, sowohl nach Brillianz als auch nach Geräuschhaftigkeit sortiert. Da ich meine zahllosen Drumsamples über eine ähnliche Matrix in XO von Addictive Drums organisiere, finde ich dieses Prinzip ganz angenehm, wobei mir die räumliche Anordnung auf in Abyss leider nicht immer ganz kongruent zum Klang erscheint. Die farbliche Codierung der 2.000 Grundbestandteile des Abyss-Sounds ist jedoch sehr stimmig und ermöglicht es, schnell verwandte Timbres aufzufinden.

Dies ist aber nur der erste Schritt, denn die Edit-Page bietet einige Regler, mit denen sich die ausgewählte Tone Color noch deutlich verändern lässt. Spätestens jetzt stellt sich natürlich die Frage nach der verwendeten Synthesetechnologie, zu der sich leider sowohl das gut geschriebene Handbuch als auch das Videotutorial ausschweigen. Somit habe ich beim Hersteller angefragt und zur Antwort bekommen, dass es sich um Spektralmodelle handelt, die aus unterschiedlichsten Quellen (Field Recordings und Samples von Analogsynthesizern oder anderen Klangerzeugern) erzeugt worden sind. Diese Modelle werden, um die CPU-Last im Zaum zu halten, nicht in Echtzeit zur Tonerzeugung verwendet, sondern gemäss der Edit-Einstellungen in Multisamples umgerechnet. Letzteres hat mich doch erstaunt, denn die CPU-Last des Plugins ist zwar tatsächlich sehr okay (in der Regel etwa in der Größenordnung einer Diva-Instanz), irgendwelche Wartezeiten habe ich aber nicht wahrgenommen. Tatsächlich läuft die Umrechnung offenbar so schnell ab, dass es allenfalls dann zu kleinen Glitches kommen kann, wenn man während des Spielens im Edit-Modus an den verwendeten Tone Colors herumschraubt. Dieses Problem lässt sich aber leicht umgehen, indem man einfach verschiedene „Edits“ einer Tone Color auf der eingangs erwähnten „Tone Color Gradient“ Leiste ablegt.

Es folgen zwei Audiobeispiele zu Tone Colors und Edits:

Im ersten hört man verschiedene Tone Colors mit etwas Cutoff-Modulation durch die Hüllkurve in ein und derselben Phrase. Dabei erklingt jeweils zunächst die Tone Color mit vollem, dann mit halbem und schliesslich mit minimalem „Detail“-Amount. Erkennbar ist hier, wie das Spektralmodell jeweils in seiner Komplexität reduziert werden kann, bis zum Schluss ein reiner Sinuston übrig bleibt.

Im zweiten Tonbeispiel wird eine Tone Color (mit vollem „Detail“-Amount) als Drone gespielt und dabei zunächst der Anteil von „Organic“ allmählich auf Null reduziert, was sich in verringerter Modulationsintensität bemerkbar macht. Im weiteren Verlauf wird der Parameter „Straighten“ allmählich bis zum Maximum erhöht, so dass die Tone Color schliesslich in eine Single-Cycle-Wellenform mündet.

Weitere Einstellmöglichkeiten für die Tone Color sind Level, Pitch, Tune (jenseits der Mittenstellung ein Detuning) sowie Noise. Letzteres erhöht die geräuschhaften Anteile im Spektralmodell, wobei durchaus noch tonale Anteile erhalten bleiben können.

Synthese und Modulation mit dem Tracktion Abyss

Hat man seine Verlaufsleiste nun mit beliebig vielen dieser Tone Colors bestückt, geht der Spass erst los, denn jetzt bewegt man sich innerhalb eines übersichtlich gestalteten One-Window-Designs auf bekanntem Synth-Territorium. Hier gibt es global auf den Sound wirkende Parameter wie Pitch und Tune, Cutoff und Resonance, Level, Pan und EQ. Zur Modulation stehen zwei grafische Hüllkurven und drei LFOs zur Verfügung sowie Velocity, Modwheel, ein frei wählbarer Continous Controller und Polyphonic Aftertouch. Außerdem unterstützt Abyss MPE-Pressure, -Glide und -Slide. Den Gesamtsound veredeln schliesslich noch vier Effekt-Slots mit verschiedenen Phaser-, Delay-, Reverb- und Shimmer-Algorithmen, die tatsächlich einiges an „fairy dust“ verbreiten können.

Besonders hat es mir der „Dirt“ genannte Drive angetan, denn der klingt in Verbindung mit dem richtigen Sound echt mächtig, gerade in tiefen Lagen. Da ist es gut, dass am Ende der Signalkette noch ein (abschaltbarer) Limiter werkelt, der den Pegel im Zaum hält.

Audiobeispiel mit zunehmendem „Dirt“ in den ersten vier Durchläufen, anschliessend Reduktion des Cutoffs

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Die Spektralfarben der auf dem Gradient abgelegten Tone Colors stellen in Abyss also quasi (komplexe) Schwingungsformen dar, die dann auf traditionell subtraktive Art weiterbearbeitet werden. Filterähnliche Verläufe ergeben sich bereits durch die Veränderung des Mixes zwischen den Colors. Dieser Mix wird durch den modulierbaren „Position“-Slider bestimmt und durch eine sich bewegende Linie auf dem Gradient visualisiert. Bei polyphonem Spiel gibt es sogar für jede klingende Note eine entsprechende Linie zu sehen.

Überhaupt ist die grafische Darstellung der Modulationen (getreu der Bezeichnung „visual synthesiser“) konsequent umgesetzt. So verfügt Abyss nicht nur über animierte „LEDs“ für die Modulatoren, auch die Modulationsziele zeigen zusätzlich zur Reglerposition ihren aktuellen Zustand durch einen beweglichen farbigen Balken an. Wie z.B. bei Softube’s „Parallels“ sind die Envelopes ebenfalls grafisch als Kurven ausgeführt, was die Einstellung sehr kurzer Zeiten zwar manchmal etwas fummelig macht (mit Ctrl/Cmd gibt es die Möglichkeit für ein Feintuning), dafür aber ein aufgeräumtes Interface mit sehr gutem Überblick bietet.

Sehr gut ausgestattet sind die drei synchronisierbaren, wahlweise global oder polyphon wirksamen LFOs. Sie bieten 30 (!) Wellenformen einschließlich Noise, die mit dem Zeichenstift sehr schnell in Teilen geändert oder komplett neu erstellt werden können. LFO1 bietet eine Glättungs-, LFO2 und 3 eine Quantisierungsfunktion, mit der man z.B. eine Noise-Wellenform graduell bis zum Rechteck reduzieren kann. Wird eine solche Modulation durch LFO3 auf den Pitch angewandt, lässt sich diese auf vordefinierte oder selbst erstellte Skalen beschränken, um Arpeggien zu erzeugen.

Im vierten Audiobeispiel (Abyss-Preset „Krell“) übernimmt die Pitch-Modulation ein teilweise quantisierter Noise, dessen Geschwindigkeit von einer weiteren Noise-Wellenform in LFO1 gesteuert wird (ja, auch Modulatoren lassen sich modulieren). Der Level-Parameter wird dann noch von einem Rechteck in LFO2 gesteuert, um den gehaltenen Ton zu gaten. Effekte dazu und fertig ist der selbst spielende Patch.

Handling und Bedienung von Tracktion Abyss

Die Bedienung des Plugins ist durchgängig gut bis hervorragend gelöst. So kann man sich zum Beispiel per Ctrl/Cmd-Klick auf einen Syntheseparameter alle auf diesen einwirkenden Modulatoren hervorheben lassen und ein Ctrl/Cmd auf einen Modulator zeigt alle zugehörigen Ziele an. Mit Ctrl/Cmd-Doppelklick lassen sich alle Zuweisungen entfernen und im Menü gibt es eine „Init all Sliders“ Funktion. Das Speichern eines Factory-Presets überschreibt dieses nicht etwa, sondern legt automatisch eine Kopie im User-Directory an. Lediglich eine Undo-/Redo-Funktion hätte ich mir noch gewünscht. 

Der konsequente Verzicht auf alle Skeuomorphismen gleicht manchen Nachteil der Klangsynthese am Bildschirm aus und schafft sehr viel Übersicht. Das Plugin-Fenster ist sogar frei skalierbar. Schade nur, dass man fürs Editieren des Tone Colors dann doch die Ansicht wechseln muss; allerdings bleiben alle Syntheseparameter weiterhin sichtbar, nur auf die Kontrolle der Effekte muss man dabei verzichten.

Das nur 16-seitige englischsprachige Handbuch im PDF-Format verzichtet zwar darauf zu erklären, was beispielsweise ein Cutoff-Regler macht, führt einen aber schnell und unter Berücksichtigung aller Besonderheiten sowie Shortcuts in das Plugin ein und liefert sogar einige Anregungen fürs eigene Sounddesign mit. Wer’ s lieber multimedial hat, sei auf das gute gemachte Erklärvideo verwiesen (der lustige deutsche Akzent beim Voiceover kommt vom Entwickler selbst).

Wie klingt Tracktion Abyss?

Zahlreiche Presets aus den Kategorien Pad, Drone, Synth, Pulse und Noise stehen als Ausgangsbasis für eigene Klangkreationen zur Verfügung. Audiobeispiel 5 zeigt eine kleine Auswahl davon.

Wie man hört, ist der Grundklang von Abyss durchaus kraftvoll und kann – je nach dem verwendeten Quellmaterial – sowohl digital als auch analog anmuten. Die Vielfalt der Tone Colors erlaubt jedenfalls ein breites Spektrum an Sounds und da bereits in den Spektralmodellen interessante Modulationen enthalten sind, ist die Erstellung von lebendigen Soundscapes mit Abyss ein Kinderspiel. 

Aber auch jenseits des beworbenen Einsatzgebiets macht das Plugin eine gute Figur wie Audiobeispiel 6 beweist. Dabei habe ich hier nur schnell mal aus zwei verschiedenen Tone Colors, zwischen denen in acht Takten einmal hin und her überblendet wird, einen kleinen Pluck-Sound gebastelt. Schade, dass das Abyss-Delay keine Synchronisierung zum DAW-Tempo bietet (es ist halt wohl eher für „Bewegung“ in Klangflächen gedacht), ansonsten kann sich das Ergebnis durchaus hören lassen.

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Fazit

Wer nicht davor zurückschreckt, auch mal die Maus oder das Trackpad fürs Sounddesign zu nutzen, erhält mit Tracktion Abyss einen Softwaresynthesizer, der mit seinen vielfältigen Klangfarben nicht nur bei Ambient Soundscapes überzeugen kann. Für Brot-und-Butter-Sounds gibt es zwar Besseres, aber die etwas fehlende „Körperlichkeit“ der Sounds hat auch ihren Reiz, insbesondere beim anvisierten Einsatzzweck des Plugins. Hat man das Grundprinzip der Tone Colors erst einmal verstanden, eröffnet sich einem eine Fülle an Material für Entdeckungen und Experimente, die gar nicht so leicht ins akustisch Ungenießbare abdriften können. Dieser Prozess des Experimentierens macht durch den logischen und schnell nachvollziehbaren Aufbau des Plugins viel Spaß, denn hier wurden die Möglichkeiten einer visuellen Darstellung am Bildschirm nahezu optimal ausgeschöpft.

Plus

  • Vielseitige Auswahl an Klangfarben, die recht weitgehend editiert werden können
  • Bedienungsfreundliche visuelle Umsetzung der Synthese- und Modulationsfunktionen
  • Für den Einsatzzweck (Ambient Soundscapes, Pads, Drones) klanglich sehr gut geeignet

Minus

  • Kein Undo / Redo
  • Delay ohne Sync-Funktion

Preis

  • $ 129
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Henrik Fisch  AHU

    Oh Gott! Wieder ein VST auf der GAS-Liste! 😉

    Was aber im Moment ein bischen dadurch gebremst wird, dass er im Falle vom PC nur für Windows 10 zur Verfügung steht. Uff! Noch mal Glück gehabt. 😆

  2. Profilbild
    tantris  

    Eine Kombinationen von bestimmten Regler-Einstellungen als Farbton darzustellen, halte ich für überflüssig und beim Erstellen von Sounds wenig hilfreich. „Könntest Du bitte bei diesem Sound etwas mehr Blau dazumischen?“ Die Farbshow ist reine Effekthascherei. Trotzdem ist dieses Plugin ist eine weitere Bestätigung, dass analoge Synthesizer den Rest ihres Daseins gerne im Museum verbringen können.

    • Profilbild
      Michael Schill  RED

      Hallo tantris, ich glaube, das hast du falsch verstanden. Die Farbtöne sind keine „Presets“ der Reglereinstellungen ein und desselben Sounds. Es sind alles verschiedene Spektralmodelle. Der Klang der Modelle lässt sich zwar durch die Regler verändern, es ist aber nicht möglich, aus einem Modell ein anderes zu machen. Insofern macht die Farbcodierung schon Sinn, um die klangliche Charakteristik des Grundmaterials zu erkennen, bevor man es für die Weiterbearbeitung auswählt.

    • Profilbild
      liquid orange  AHU

      „ Trotzdem ist dieses Plugin ist eine weitere Bestätigung, dass analoge Synthesizer den Rest ihres Daseins gerne im Museum verbringen können.“
      Aus diesem Grund werden ja auch keine analogen Synthesizer mehr hergestellt.

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