Album Release: Helge Bol – Kunstlieder für Sampler…

1. September 2018

Musik auf selbstentwickelten Skalen

Komponieren und hören bezeichnet der Interview-Partner Helge Bol als einen konkreten, jedoch zumeist abstrakten Vorgang und stellt hier sein aktuelles Album-Release „Kunstlieder für Sampler über das Sterben der Arten“ vor mit 4 Liedern auf der Basis von selbstentwickelten Skalen.

Im ersten Augenblick klingt das sehr schräg, aber befasst man sich näher mit dem Interpreten, was wir in Form dieses Interviews getan haben, entsteht eine neue Sichtweise auf diese Musik. Wir freuen uns, dass Helge Bol alias Reinhard Matern sich für uns die Zeit genommen hat, Einblick in seine musikalische Welt zu geben.

Helge Bol in den 90ern (c by Barbara Koxholt)

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Wie bist du zur Musik gekommen?

Helge Bol
Zur Musik kam ich durch privaten Unterricht in meiner Kindheit und Jugend. Zunächst lernte ich das Flöte-Spielen bei der Gemeindeschwester unseres Stadtteils in Gelsenkichen-Heßler, mitten im Ruhrgebiet, dann das Gitarre-Spielen im dortigen CVJM, schließlich nahm ich einige Stunden Klavierunterricht. Das damalige Spielen-Lernen war jedoch wenig erquicklich, ob hinsichtlich Mozart Sonette oder das Schrammeln von Wanderliedern, deshalb brachte ich mir die wichtigen Sachen selber bei. Aber Notenlesen, eine zentrale Voraussetzung, hatte ich immerhin durch die Unterrichtungen gelernt. Erst im Studium (Politische Wissenschaften, Philosophie) begann ich, selber zu komponieren: Es entstanden damals die freitonalen Improvisationen 1-6 für Gitarre solo, die später bei ‚Copy-us‘, einem kleinen Musikverlag am Niederrhein, erscheinen konnten. Die Noten  dazu sind auf meiner Site immer noch frei zum Download.

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Wie war dein Einstieg in die elektronische Musik?

Helge Bol
Gegen Ende des Studiums hatte ich mir einen Atari 1040 angeschafft, nicht um Musik zu machen, sondern um meine Abschlussarbeit mit Signum!2 bewältigen zu können. Doch die Möglichkeit, mit dem Atari eventuell auch Musik erstellen zu können, reizte mich. Die MIDI-Schnittstelle war faszinierend. Der erste elektronische Klangerzeuger war ein Roland JV-1010, aber er enttäuschte mich. Was ich aus dem Gerät an User-Sounds zu hören bekam, gefiel mir überhaupt nicht.  Erst später lernte ich, mit dem Gerät auch umzugehen, eigene Presets unter Berücksichtigung der vorhandenen Erzeugungsstrukturen anzulegen. Die EP ‚Cocktail Spezial‘ ist u.a. mit dem JV-1010 entstanden.

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„Kunstlieder für Sampler über das Sterben der Arten“ ist dein wievieltes Werk?

Helge Bol
Die jüngste EP ist inzwischen die fünfte. Als erste EP entstand ‚Schneetage‘ für Piano solo, als zweite EP folgte ‚Cocktail Spezial‘, als Nachruf auf ein Duisburger Nachtcafé, das während des Studiums mein öffentliches Wohnzimmer geworden war. In der dritten EP, ‚One-Night-Stand‘, stellte ich eine Altflöte samt Elektronik ins Zentrum. Die vierte EP, ‚Modular‘, war Synthesizern gewidmet, die Jüngste und Kürzeste halt dem Gesang.

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Was willst du mit diesen Liedern ausdrücken, was ist deine Message?

Helge Bol
Es wird vermutlich nicht mehr als eine Warnung geboten: Das Artensterben aufgrund der klimatischen Veränderungen und des kleiner werdenden Lebensraums für die Tier- und Pflanzenwelt wurde und wird von vielen Biologen und politischen Organisationen beklagt. Durch den Zusatz ‚für Sampler‘, also nicht für lebende Artgenossen, erweitert sich die Warnung auf Menschen und die Zerstörung ihres Lebensraums, egal welche Stellung man der Menschheit in der heimischen Biosphäre zukommen lässt.

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Wovon wirst du inspiriert?

Helge Bol
Ich bin kein Tiefenpsychologe. Die Frage kann ich nicht beantworten. Für mich ist jedoch wichtig, mich mit Musik und mit vielen weiteren Sachverhalten auseinanderzusetzen.

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Welches Equipment hast du verwendet?

Helge Bol
Zentral war für dieses Projekt mein E-mu Sampler, ein um- und ausgebauter E-Synth, den ich irgendwann bei eBay erstanden  hatte. Als weiteres, eventuell nennenswertes Equipment diente mein Soundcloud M8 Mixer, ein Rechner und Reaper als DAW (Digital Audio Workstation). ‚Gemastert‘ wurde schlicht in der jeweiligen Summe. Und weil dies in der Audioerstellung wichtig war: Als zweites Plug-in im Chain kam als Kompressor das ‚Modell 670‘ von IK-Multimedia zum Tragen, danach ein softer Limiter ‚Event Horizon‘ von Stillwell Audio, zum Schluss setzte ich als Impuls ein Chamber vom Lexicon 960 L ein, den Beginn markierte ein EQ, ebenfalls von Stillwell Audio, den ich allerdings nur zur Volume-Anhebung vor dem Kompressor nutzte.

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Interpretieren die vier Lieder unterschiedliche Bereich im Thema „Artensterben“?

Helge Bol
Die Entscheidung für den Aufbau war primär instrumentell. Die Staccato-Stimme nimmt im ersten Lied sehr wenig Raum ein. Im Zentrum steht die Melodie-Stimme. Im zweiten Lied gewinnt die Staccato-Stimme hinzu, im dritten Lied gesellen sich noch Chöre dazu, bevor im vierten Lied die Chor-Präsenz bis ans plötzlichen Ende gesteigert wird. Der gesamte Aufbau kann eine Dramatik vermitteln, die vielleicht ohne den Titel ratlos lässt. Interpretativ vorgeben möchte ich jedoch nicht.

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Woher kommt die Stimme? Wurde sie erzeugt und/oder verfremdet?

Helge Bol
Ich nutzte die vergleichsweise alte ‚Symphony of Voices‘ von Spectrasonics. Ich hatte alternativ bei VSL nachgesehen, ob deren klassische Voices eine Alternative böten. Mir klangen die Stimmen jedoch nicht sympathisch genug. Außerdem fand ich die Online-Beispiele musikalisch abstoßend: typische Filmmusik, völlig uninspiriert, bestenfalls zur Untermalung tauglich. Einen Wermutstropfen hat meine Entscheidung aber schon: Im zweiten Lied, ungefähr in der Mitte, ist von geübten Ohren ein zweimaliger Durchlauf eines Samples zu hören. Als die Symphony hergestellt wurde, maß man Samples noch in MB, inzwischen sind GB relevant. Den Wermutstropfen nehme ich aber in Kauf. Die ausgewählten Stimmen sind (für mich) fantastisch. Verfremdet wurde nichts.

Helge Bols Studio & Büro

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Wie sieht deine Produktionsumgebung aus?

Helge Bol
Ich arbeite schlicht in meinem Büro, ob als Komponist/Musiker, als freier Texter, als Autor oder als Verleger (AutorenVerlag Matern). In diesem Raum gestalte ich meinen primären Aufenthalt und meine Arbeiten, häufig weit mehr als zwölf Stunden am Tag. Der Nachteil: Ich habe kaum Zeit für anderes.

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Wie lange hast du an diesem Projekt gearbeitet?

Helge Bol
Die Stücke sind allesamt 2016 entstanden, in relativ kurzer Zeit. Vorveröffentlicht hatte ich sie auf Soundcloud. Es blieb jedoch die Frage, ob ich das Projekt erweitern sollte. Ich entschied mich letztlich dagegen.

Pinselzeichnung c by Barbara Koxholt

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Musik wie deine Kunstlieder polarisieren – wie stehst du dazu?

Helge Bol
Ich weiß, dass ich keine Pop-Musik mache, nichts für die Charts oder YouTube, nichts für die Massen. Relativ wenig Leute können überhaupt mit solcher Musik umgehen, weil das Komponieren und Hören zwar ein konkreter, jedoch zumeist abstrakter Vorgang ist. Eine musikalische Bildung findet abseits der Popmusik kaum mehr statt. Ich selber hatte als Jugendlicher eine röhrende E-Gitarre und zudem auf Waschmitteltonnen eingedroschen. Die Umkehr kam mit ca. 18 Jahren, als ich in WDR 3 zeitgenössische Klassische Musik hörte und unvermittelt giggeln musste. Von da an ließ mich die Beschäftigung mit Klassik und Jazz nicht mehr los.

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Welches Zielpublikum möchtest du ansprechen?

Helge Bol
Vielleicht bin ich ja so etwas wie ein Dinosaurier in der heutigen ‚Pop-Kultur‘, der sich zunächst über mögliche Angebote Gedanken macht, nicht über Zielgruppen und Nachfragen. Die Frage ‚Für wen‘ ist für mich aus kreativer Sicht ziemlich gleichgültig. Auch wirtschaftlich gibt es den Unterschied zwischen einer Nachfrage- und einer Angebotsorientierung. Die Frage ‚Für wen‘ stellt sich erst viel später, nachdem ich geklärt habe, was ich anbieten möchte. Dies klärt sich aber nicht sozial, sondern sachlich, in der Auseinandersetzung mit der vergangenen und zeitgenössischen Musik. Wahrscheinlich bleiben mir als mögliche Zielgruppe nur Untergruppen von Klassik- und Jazzliebhabern übrig, nichts von wirtschaftlicher Relevanz.

Helge Bol 2013 (c by Thomas Rodenbuecher)

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Lässt sich deine bisherige Musik einem ähnlichen Genre zuordnen?

Helge Bol
Ich habe bereits einen Rahmen angeführt, Klassik und Jazz. Ich vermute jedoch, dass sich meine Musik keiner dieser Sparten eindeutig zuordnen lässt, dass ich irgendwo dazwischen hause, zwischen den präsentierten Stuhlreihen. Meine Arbeit mit eigenen Skalen und der Präferenz von Variationen sind derzeit singulär. Aber darauf habe ich als Künstler hingearbeitet.

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Planst du schon neue Projekte?

Helge Bol
Ja, es gibt bereits weitere Projekte: F. Couperin auf einem Rhodes-Piano inklusive (haarsträubender) Variationen, des Weiteren ein Trio-Projekt für Gitarre, Bass und Drums.

Forum
  1. Profilbild
    Ashatur  

    Nach dem lesen dieses interview´s war ich sehr gespannt wie nun die Musik des Herrn Bol klingen mag. Nur muss ich ich sagen das weder der YouTube wie auch der Bandcamp Link funktionieren, sie führen zu geschlossenen Seiten.

  2. Profilbild
    Markus Schroeder  RED

    Erinnert mich an György Ligeti. Dafür schonmal volle Sympathiepunkte und dafür dass sich jemand überhaupt noch mit der Gattung Kunstlied beschäftigt!

    Sehr ansprechend.

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