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Aufbau eines Tonstudios Teil 1: Einführung

18. März 2017

Aller Anfang ist schwer

Wer sich heute mit dem Aufbau eines Musikstudios beschäftigt, kann sich im uferlosen Angebot der Musikinstrumentenindustrie oft schwerlich zurechtfinden. Monat für Monat erscheinen die neuesten Synthesizer, geben sich Monitorboxen und Mischpulte ihren Einstand und die unermessliche Zahl der am Markt befindlichen Audiointerfaces kann einem schon vor der ersten selbst geschriebenen Note den Appetit aufs eigene Studio vermiesen. Daher möchten wir in diesem Workshop die wichtigsten Fakten und Informationen zusammentragen und einige Tipps geben, was und wie am Anfang wirklich benötigt wird. Viel Spaß beim Workshop Projektstudio.

Aufbau eines Tonstudios Teil 1: Einführung

Tatort unseres Projekts

Das eigene Wohn- oder Schlafzimmer, ein Eckchen im (trockenen und beheizbaren) Keller, unter dem Dach oder einfach im Bad – wegen der „total krassen Akustik“ – Letzteres sollte aber dann doch vor dem Duschen abgebaut werden. Ein kuscheliges Plätzchen findet sich also sicher, denn viel ist nicht nötig, um CD-reife Aufnahmen machen zu können.

So weit muss man ja nicht gehen

Bedarfsermittlung

Wir wollen Songs aufnehmen. Klingt banal und ist es auch, wenn wir ein paar Dinge beachten. Erste Erfahrungen mit einem Sequencer wie Logic Pro, Cubase oder Ableton Live sind vorhanden und wir arbeiten auf einem Laptop, den wir im Folgenden als DAW bezeichnen. Wir gehen davon aus, dass wir die Songs nicht nur im Computer mit den integrierten Klangerzeugern und Loops zusammenbasteln, sondern die kreativen Ergüsse mit ein, zwei genialen – und natürlich – selbst gespielten Keyboardakkorden, Basslicks oder Gitarrenbrettern pimpen möchten.

Dafür brauchen wir die Anbindung zur externen Audiowelt und damit ein Audiointerface, das die Analogsignale in Bits und Bytes übersetzt. Diesen Weg nehmen auch die Gesangssignale, die wir auf die fertigen Playbacks singen. Für unser Wunschmikrofon brauchen wir im Falle eines Kondensatormikrofons prinzipbedingt einen zusätzlichen Mikrofonvorverstärker, der das Mikrofon mit 48 Volt Phantomspeisung versorgt und XLR-Stecker aufnehmen kann. Wir kommen also um das Thema Mikrofone, Mikrofonvorverstärker, Audiointerface etc. nicht herum.

Zusätzlich wäre es praktisch, wenn wir die DAW nicht nur mit der Maus steuern müssten, sondern über die Tasten und Fader eines DAW-Controllers. Einen guten Hall und andere hochwertige Effekte brauchen wir ebenfalls. Hier greifen wir auf die internen Effekte unserer DAW bzw. Plug-ins zurück. Externe Effektgeräte sind sicherlich nicht zu unterschätzen, denn auch heute noch schwören viele Top-Produzenten auf deren Haptik und Soundqualität. Für unser Projektstudio reichen die Software-Versionen doch zunächst vollkommen aus.

Was bringt uns der Spaß ohne ordentliche Boxen, die unsere potentiellen Hits frequenztechnisch korrekt und knackig in die Gehörgänge pusten? Hier werden wir uns ein paar schöne „Hingucker“ holen (das Auge hört ja schließlich mit), die wir im richtigen Winkel, der richtigen Höhe und in der richtigen Entfernung vor uns positionieren. Alles und nichts hängt natürlich von den räumlichen Gegebenheiten und einer vernünftigen Raumakustik ab. Da wir nicht in einer professionellen Regie Platz nehmen, werden wir uns Nahfeldmonitore holen, die uns das optimale Direktsignal garantieren.

Mal abgesehen vom Aufnahmeraum und den hochwertigen Preamps entspricht das Setup einem typischen Projektstudio

Wozu ein Mikrofon?

Für ordentliche Aufnahmen sollten wir uns mit dem Thema ein klein wenig beschäftigen, denn was wir bei der Aufnahme versauen, bekommen wir später nicht oder schlecht zu hören. Mikrofone sind der heilige Gral in der Audiowelt.

Studiofreaks kennen natürlich jedes angesagte Großmembranmikrofon für schlappe 6.000 Euro – natürlich nur in USA erhältlich und überhaupt – gaaanz wichtig. Klanglich mag an dem Hype etwas dran sein und in einigen Fällen machen solche Mikros den Mix einfach aus.

Zum Trost sei aber gesagt, dass gute Gesangsaufnahmen auch mit dynamischen Mikros unter 100,- Euro veröffentlicht wurden und trotzdem (gerade deswegen?) Millionen eingespielt haben. Das Wichtigste zum Thema ist: Das Teil muss sitzen, denn was für die persönliche Stimme das Goldmikro, muss für eine andere Stimme überhaupt nicht funktionieren. Profis leisten sich oft mehrere Exemplare, um ein breites Stimmen- und Instrumentenspektrum einfangen zu können.

Zu Beginn unserer Karriere sollten wir uns ein gutes Allrounder-Mikro zulegen, mit dem wir selbst gut zurechtkommen. Am besten, wir lassen uns vom Händler eine Auswahl Mikros über das Wochenende mitgeben und testen diese dann ausgiebig durch. Nicht nur um das eigene Ego zu beruhigen, raten wir zuerst zum Großmembran. Aus klanglicher Sicht sind sie gerade für Vocals oft die bessere und weichere Wahl als die präziseren, aber analytischer klingenden Kondensator-Kleinmembranen, die sich dafür wieder besser für Akustikgitarren, Percussion und Pianos eignen.

Der Mikrofonmarkt ist riesig und es gibt von Handelsmarken bis High End einfach alles. Aber nur wenige Hersteller bemühen sich wirklich um zuverlässige (und reproduzierbare) Qualität bei ihren Mikrofonen. Die üblichen Vertreter wie Neumann oder Brauner kennen die Meisten, sind für den Einstieg aber mit Sicherheit zu kostspielig. Eine gute Übersicht zu Mikrofonen findet ihr in unserem Vergleichstest Studiomikrofone, in dem sich unser Mikrofonspezialist Armin Bauer mit Mikrofonen aus drei verschiedenen Preisklassen beschäftigt hat:

Studio Gesangsmikrofone Teil 1 (Einsteiger bis 300,- Euro)

Studio Gesangsmikrofone Teil 2 (Mittelklasse bis 750,- Euro)

Studio Gesangsmikrofone Teil 3 (Oberklasse bis 1.500,- Euro)

Und da es gerade passt, gleich eine Info hinsichtlich der Akustik: Mit dem sE Electronics Space Reflexion Filter für ca. 270,- Euro lassen sich ohne akustische Maßnahmen sehr schnell gute Aufnahmeergebnisse realisieren. Eine (etwas kostspieligere) Alternative ist die Isovox Mobile Vocal Booth. Mit diesen beiden lassen sich bei leisen Umgebungsgeräuschen schon fast perfekte Sprach- und Gesangsaufnahmen machen.

Wozu Effekte im Tonstudio?

Jede DAW bietet heutzutage alle wichtigen Effekte in guter Qualität. In einer Musikproduktion ist der Halleffekt, im englischen Reverb genannt, neben dem Kompressor aber mit Sicherheit die Sahnesoße, die alles zusammenhält.

Die Variation dieses Effekts geht weit über den klassischen Wölkchen-Hall hinaus und umfasst neben der Raumsimulation auch die Erzeugung von frühen Reflektionen. Zu Anfang des Recording-Zeitalters gab es noch keine Effektgeräte und man gönnte sich den Luxus von sogenannten Hallkammern, die teils variabel in ihrer Beschaffenheit und manchmal auch fernsteuerbar konstruiert wurden.

Nicht jeder kann (bzw. muss) sich zu Hause einen Hallraum einrichten

Im Bereich des Halleffekts gibt es mittlerweile viele sehr gute und vor allem günstige Plug-ins, sofern man diesem wichtigen Effekt noch etwas mehr Qualität verleihen möchte. Obwohl am Ende unseres Vergleichstest Algorithmische Reverb Plug-ins der Branchenprimus Lexicon siegte, gibt es mit dem Atomic Reverb, den man für gerade einmal 69,- Euro kaufen kann, einen absoluten Preis-Leistungs-Kracher. Auch der Valhalla DSP gehört mit einem Anschaffungspreis von 50,- US-Dollar zu den sehr günstigen Plug-ins, die eine sehr gute Leistung erzielen.

Dass die internen DAW-Effekte für den Anfang vollkommen ausreichen, hat auch der erste Teil unseres Workshop Effektiv komprimieren gezeigt, in dem ausschließlich die internen Kompressoren von Logic Pro zum Einsatz kamen. Neben dem Hall sind Kompressoren fast schon Pflicht beim Mix.

Wozu Studiomonitore?

Gute Studiomonitore gab es früher nur für betuchte Studiobesitzer. Wer wenig Geld hatte, musste deswegen auf die Hi-Fi Anlage ausweichen oder selbst anfangen zu basteln. Im Jahr 2017 stehen dem Anwender dagegen eine Fülle von technisch ausgeloteten und durch sämtliche Tester-Ohren gedrehten Boxen in jeder Preislage zur Verfügung.

Auf Grund der hervorragenden Ergebnisse im letzten Vergleichstest Studiomonitore wollen uns gar nicht lange damit aufhalten und greifen entweder zu den ADAM F7 oder den Yamaha HS8, beides Monitore, die für einen Paarpreis von unter 600,- Euro bereits einen sehr guten Klang bieten.

ADAM F7

Das Hauptproblem bei unausgewogenen Monitoren sind die unteren Frequenzen, denn dieser Anteil entscheidet, wie transparent und kompatibel unser Mix auf anderen Systemen klingt.

Die Yamaha-Box ist objektiv in vielen fachbezogenen Tests gut bis sehr gut weggekommen und zu diesem Preis begeistert auch noch die optische Reminiszenz an ihre Vorgängerin, der berühmten NS10, die lange Zeit der Quasi-Studiostandard war und vielerorts noch ist. Gegenüber dem Vorbild ist die HS8 aber rein technisch überlegen: Aktive 2-Wege Verstärkung, 120 Watt, Bassreflex System, 8″ Bass, 1″ Hochton, Frequenzgang 38 Hz – 30 kHz, XLR- und Klinkeneingang, regelbarer Eingangs-Level, eingebaute Raumanpassung Mid, High Trim, magnetisch geschirmt. Die Bässe reichen, so dass wir auch erst einmal ohne Subwoofer arbeiten können.

Yamaha HS8

Wozu ein Keyboard oder Synthesizer?

Je nachdem, welche Art von Musik wir machen möchten, sollten wir uns über die Art des Klangerzeugers Gedanken machen. Auch hier bieten Software-Produkte sehr gute Qualität, es lassen sich dank Terrabyte-großer Festplatte nahezu alle Instrumente in guter bis sehr guter Qualität erzeugen und spielen. Dafür benötigt man dann nur noch ein Controllerkeyboard mit 2-3 Oktaven Tastaturumfang und einigen Bedienelementen wie Fader, Potis und Buttons und schon kann es losgehen. Die Steuerung des Keyboards erfolgt je nach Typ entweder über die MIDI-Schnittstelle oder über USB.

Doch einige Naturinstrumente wie Gitarren oder Blasinstrumente sind auch heute nur bedingt mit Software-Instrumenten reproduzierbar. Spätestens da kommt also wieder das Thema Mikrofone auf den Tisch.

Alternativ sind all-in-one Workstations von Roland, Yamaha oder Korg weiterhin eine gute Wahl für den Anfang. Günstige Einsteigermodelle gibt es bereits ab 700,- Euro.

Für elektrolastige-Styles wie House, Dance, Techno etc. sind Analog-Synthesizer empfehlenswert, auch wenn die Software-Pendants von Native Instruments, Spectrasonics oder U-he ungemein fett klingen. Vorteil der Hardware-Synthesizer: Ihr Sound ist oftmals noch etwas druckvoller und eigenständiger. Die Haptik mit vielen Reglern unterstützt den Spieltrieb und führt zu überraschenden Ergebnissen.

Nachteile: Auf Analog-Sounds festgelegt, keine Imitation von Naturinstrumenten und für einen anständigen Analogboliden mit wirklich gutem Grundsound, Mehrstimmigkeit und Multipartfähigkeit (verschiedene Sounds gleichzeitig) müssen wir tief in die Tasche greifen.

Es muss ja nicht gleich so aussehen, um Hits zu schreiben

Hier gehts zu Teil 2 der Serie.

Fazit

Die o.g. Kombination aus Computer, Monitoren, Mikrofon, Effekten und Keyboard genügt schon semiprofessionellen Ansprüchen. Sehr viel hängt von der eigenen Erfahrung und von der Akustik des Raumes ab und natürlich würde eine Beschreibung aller Optionen der Geräte den Rahmen sprengen. So wünschen wir erst einmal viel Spaß beim Experimentieren und Produzieren. Im nächsten Teil des Workshops Projektstudio werden wir detailliert auf einzelne Punkte eingehen, um euch bei der Gestaltung des Homerecording-Studios unter die Arme greifen zu können.

Forum
  1. Profilbild
    Chick Sangria  

    Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Projektstudio und einem Homestudio? Ist letzteres aus der Mode gekommen (so in etwa wie das Wort „Hobby“)?

  2. Profilbild
    Coin  AHU

    Moin Chick, und hey, ja da kann man drüber stolpern.
    Alle Tonstudios, ob groß oder klein, sind doch „Projektstudios“,
    da dort Projekte realisiert werden.
    Auch bei Homestudios.
    Das „Home“ steht für zuhause. (is klar nech ^^)
    Das kann für Hobby stehen, muss aber nicht.
    Es gibt auch professionelle Musiker, die ein Studio zuhause haben.
    Das Bild hat sich in der Neuzeit gewandelt,
    da alles kompakter geworden ist.
    Heute reicht doch schon ein Rechner und Du hast ein „Studio“ ;)
    Ich würd das aber nicht so ernst sehen.
    Grüße

    • Profilbild
      A.Vogel  AHU

      Du stolperst beim Begriff „Projekt“ über einen landläufigen Irrtum, der sehr häufig gemacht wird.
      Ein wesentliches Merkmal eines Projekts ist, dass es durch einen (mehr oder weniger) fest umrissenen Zeitraum begrenzt wird, sprich: Es gibt ein Enddatum. Selbst bei einem Projekt wie dem Bau eines Flughafens bei Berlin, auch wenn eine in Teilen unprofessionelle Planung und Durchführung dieses Enddatum immer weiter rausschiebt. Aber es gibt ein definiertes Ende….
      Projektstudio heißt also, dass es für einen vordefinierten Zeitraum aufgebaut/eingerichtet wird, entweder für eine Produktion, eine örtlich bedingte Zusammenarbeit o.ä..
      Das ist der Hauptunterschied zum „normalen“ Studio, das ohne Bezug zu einem _bestimmten_ Projekt aufgebaut und betrieben wird.

      • Profilbild
        Chick Sangria  

        Das ist schon klar. Aber wird das Wort Projektstudio auch wirklich so verwendet? Also ist es nicht einfach eine schickere Bezeichnung für Homestudio? Schließlich hat auch ein Home mal ein Ende, sobald man eben umzieht ;)

  3. Profilbild
    Coin  AHU

    Hallo A. Vogel, das stimmt, daran hab ich jetzt nicht gedacht.
    Sondern eher an meine eigenen Projekte,
    die kein Enddatum haben.
    Aber gut, ich hab auch nur ein „Homestudio“
    …oha, sorry

  4. Profilbild
    Franz Walsch  AHU

    Das wichtigste ist immer noch der Raum. Ein guter ruhiger Raum kann viel Geld sparen. Auch Hardrock braucht einen ;)). Schallisolation lässt sich sehr einfach mit dicken Decken bewältigen. Die Schallreflektoren für Mikrofone sind eigentlich eine Fehlkonstruktion, denn sie beschneiden gerade die sowieso geringen Rückreflexionen der Niere! Ihr Platz wäre besser um den Hinterkopf herum. Habe ich ausprobiert, aber ich finde die Lösung mit Decken viel preiswerter und flexibler. Zum Anfang reichen Freeware Daws/PlugIns die oft eine sehr gute Qualität aufweisen. Ein gutes Mikrofon (Shure SM 57/58) Interface (Steinberg) fängt um die 100 Euro an.
    Es ist wie beim Film: Ein gutes Script/Song ist wichtiger als die Technik!
    Die Diskussion wie der Raum heisst bringt nichts.
    Es ist letztlich ein Aufnahmeraum.

  5. Profilbild
    Coin  AHU

    Hehehe, ihr spinnt doch alle :D
    Btw. hab mal gelesen, das es Leute gibt,
    die sich vor einer Recording-Session den Bart abrasieren ^^

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