Black Box: Novation Drum Station, TR-808 und TR-909 im Rack

12. August 2001

TR-808 & TR-909 im Rack

Im Bild die zweite, farblich leicht veränderte Version der Drum Station

Geschichtlicher Hintergrund zur Novation Drumstation

„Es war einmal….“ ist für den Testbericht eines High-Tech Musikinstruments (..sind Schlagzeuger auch Musiker?) eine ungewöhnliche Einleitung, doch diesmal 100% zutreffend, denn die Geschichte beginnt 1932 durch einen russischen Erfinder namens LEON THEREMIN. Er gilt heute als Erfinder der ersten „Schlagzeugmaschine“ der Welt. Seinem „RHYTHMICON“ war allerdings nur ein sehr kurzer Ruhm beschieden.
Erst als die Firma ROLAND 1979 mit de Roland CR-78 den ersten Microchip-gesteuerten Rhythmuscomputer präsentiert, überschlagen sich die Ereignisse, und der Grundstein zum heutigen Drumcomputer ist gelegt.

Schon 1981 schuf ROLAND eine bis heute lebende Legende mit der Bezeichnung TR808. Zum Preis von DM 2.200,- erhielt man erstaunlich druckvoll klingende Schlagzeugklänge, die sich vielseitig programmieren ließen und zudem über Einzelausgänge abgenommen werden konnten. Die erstmals eingeführte Logik von Pattern und Songstrukturen der Roland TR-808 wurde bis zum heutigen Tag von allen Herstellern übernommen. Die Schar der TR-808-„Jünger“ reicht von PHIL COLLINS bis MICHAEL JACKSON und ist heute im Techno-Zeitalter größer denn je.
Basierte die Roland TR-808 ausschließlich auf einer analogen Klangerzeugung, die zwar einen sehr eigenen Klangcharakter, aber alles andere als authentische Schlagzeugklänge lieferte, entwickelte fast gleichzeitig ein Amerikaner namens ROGER LINN den ersten digitalen Drumcomputer mit gesampelten Sounds unter der Bezeichnung LM-1 und kurz darauf die berühmte LINN DRUM. Schlagzeuger bangten von nun ab um ihren Job, denn immer mehr Studios setzten die LINN DRUM als Ersatz für echte Schlagzeuger ein.

War der TR808 sowie der LINN DRUM schon bei ihrer Markteinführung eine große Zukunft sowie legendärer Status sicher, durfte die 1983 erscheinende TR909 von ROLAND nur mit dem Ruhm klotzen, der erste DRUM-COMPUTER mit MIDI-Schnittstelle gewesen zu sein. Der große Erfolg ihrer berühmten Vorgänger blieb ihr viele Jahre versagt und das, obwohl in ihr die Vorteile beider genannten Legenden vereint waren. Die ROLAND TR909 besaß sowohl analoge, druckvolle Drumsounds als auch digital gesampelte Becken für eine höhere Authentizität.

Doch wie jedes Märchen endet auch dieses Märchen mit dem Satz „…und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute…“.

In der Original Farbgebung – Die Novation Drum Station

Die Reaissance der TR-808 und TR-909

Die Geschichte hat sich entschieden. Die ROLAND TR-909 zählt seit einigen Jahren mit Abstand zum angesagtesten Werkzeug populärer Musik. Da auch „Legenden“ nicht ewig gebaut werden und Totgesagte schon zweimal nicht, bewegt sich der derzeitige Gebrauchtmarktpreis für eine gut erhaltene TR-909 um die DM 2.500,-. Für eine einwandfrei funktionierende TR808 „ohne Midi-Schnittstelle“ muss man schon mal ganze DM 1.500,- hinlegen. Mit passendem Midi-Interface ist man auch bei der TR808 schnell sein sauer verdientes Geld in Höhe von ca. DM 2.200,- los. Ganz abgesehen davon, dass gut betuchte Fanatiker trotzdem Schwierigkeiten haben dürften, eine der genannten Raritäten zu ergattern. Und genau hier schlug die moderne Mikroelektronik und der risikofreudige Entwicklungsgeist der Firma NOVATION ein neues Kapitel der Musikgeschichte auf.

Die Wiedergeburt als 19″-Rack

Die DrumStation von NOVATION erscheint in Gestalt einer 1HE 19″ Büchse und blickt so unscheinbar aus dem Karton wie einst der Frosch aus dem Brunnen. Anstelle eines Kuss erfolgt die Verwandlung zum Prinzen über den Anschluß an den Audio- und Midikreislauf des Studios. Schon für (Preis einsetzen….) soll sich also von nun ab jeder für einen Bruchteil des Gebrauchtmarktpreises gleich beide Legenden TR808 und TR909 ins heimische Rack stellen können und das in Form eines einzigen Gerätes. STOP!!! Moment mal, heutzutage sind doch bereits in jeder drittklassigen „Aldi-Workstation“ Samples der gennanten Klopfgeister enthalten. Warum also erneut Geld ausgeben?

Ganz einfach: Die DRUM STATION nimmt für sich in Anspruch, jeden veränderbaren Parameter seiner Vorbilder reproduzieren zu können. Da es sich bei den allermeisten Sounds ja um eine analoge Klangerzeugung handelte, gehen diese Möglichkeiten natürlich weit über das „Tuning“ eines Samples hinaus. Ob dieser Vorsatz erfüllt wird und sich unser FROSCHKÖNIG vielleicht doch nur als STALLJUNGE entpuppt, erfahren Sie nach der Werbung…., sorry, im nächsten Absatz:

Die magische ASM-Technologie

GULLIVERS REISEN…

Von Zwergen und Riesen war da die Rede und Inseln, die fliegen können. NOVATION verspricht uns ähnliche Wundersamkeiten von DIGITALEN MASCHINEN, die durch eine Synthese namens „ASM“ so klingen als seien sie ANALOGE MASCHINEN. Die Firma CLAVIA hatte ähnliche Wundersamkeiten mit ihrem NORDLEAD versprochen. (Haben Sie schon einmal einen AB Vergleich zwischen einem PROPHET5, einem MINI MOOG und einem NORD LEAD gemacht? – Heraus kommt ein gut klingender Digital-Synthie mit analogen Zügen und die Allmacht der Werbung!) Doch schon der erste Höreindruck der DrumStation ließ den Rezententen bangen, bei der Anschaffung der eigenen TR808 und TR909 evtl. einen Fehler gemacht zu haben. Ein direkter Vergleich wird später mehr Licht in diese Frage bringen.

Die DrumStation bietet neben einem Stereo-Mix-Ausgang, sechs frei belegbare Einzelausgänge, die komplette Midi-Ausstattung (leider nicht immer selbstverständlich) einer IN, OUT und THRU Buchse sowie einen DIN SYNC – Anschluß. Den kennen Sie nicht? Der DIN SYNC – Anschluß diente in der Pre-Midi-Zeit den Roland Sequencern und Drum-Computern zur Synchronisation. Wer heute z.B. eine ROLAND TB303 in sein Midi-Set-Up integrieren möchte, benötigt dazu einen Midi-To-Sync-Converter wie z.B. den MSV-1 von DOEPFER. Die DrumStation bietet so einen Converter quasi kostenlos als On-Board Ausstattung – Klasse! Wie in dieser Preisklasse üblich liegt das Netzteil als externer und ungeliebter Block vor. Frontseitig stechen einem die vielen Drehpotties ins Auge, die allesamt die gleichen Bezeichnungen tragen wie die Potties der TR808/909. Auf der linken Seite, nahe einem kleinen Display befinden sich die Drucktasten mit den typischen Mehrfachbelegungen des Digital-Zeitalters.

Auf 25 Speicherplätzen kann man nun seine eigenen Sets und Sounddaten verewigen. Ein Feature, das die Vorbilder natürlich nicht bieten. Alle Soundparameter sind speicherbar. Wer seine 808 Snare also lieber stark „snappy“ haben möchte mit einem langen „decay“ und einem sehr hohem „tuning“, der speichert sich diese in einem der 25 Drumsets einfach ab. Darüber hinaus läßt sich natürlich jedem Sound sein eigenes Panorama im Stereo-Mix, seine Lautstärke oder gar ein Einzelausgang zuweisen. Quasi als Bonus lassen sich die Attack-Phasen der einzelnen Sound beschneiden um die Pallette der möglichen Klänge noch zu erweitern. Ein externes Feature, das gerade in jüngster Vergangenheit im Techno-Bereich immer stärker an Beliebtheit zugneommen hat, ist es den Kick-Drum-Sound der 909 nochmals durch einen Distortion-Effekt zu jagen und kräftig zu verzerren. Die DrumStation bietet auch dieses Feature gleich inclusive. Gleich vorweg: Die Qualität des Distortion-Effekts ist erstaunlich gut und erzielt absolut das gewünschte Ergebnis.

Kommen wir nun zum wichtigsten Aspekt einer Drum Station, den Drum-Sounds:
Wer erwartet, die Vielseitigkeit eines Multi-Percussion-Modul ala EMU PROCUSSION oder ROLAND R8m zu finden, der hat noch nicht verstanden, dass es sich bei der Drum Station um einen echten Klangerzeuger und nicht nur um eine Sample-Abspieldose handelt. Insofern entschied man sich nicht für Quantität sondern für Qualität. Ein Punkt, der heutzutage bei vielen „Soundbüchsen“ leider nur zu oft vernachlässigt wird. Also: Wer Bongos, Timbales und Tablas sucht, ist hier falsch, der Rest kann weiterlesen.

Grundsätzlich kommen alle Sounds der Drum Station druckvoll und frisch. Sie sind zeitlos und passen sich perfekt in moderne Musikproduktionen jeglicher Coulor ein. Nur sind die Erwartungen natürlich besonders hoch geschraubt, da sich die Drum Station als perfekte Kopie der TR808 und TR909 sieht. Hier also nun der direkte Vergleich.

Das Original: Die Roland TR-909

Roland TR-909 Imitate

  • Kick Drum – hervorragende Kopie,
  • Snare Drum – deutlich anderer Klangcharakter, aber eher positiv gemeint, da sie mehr Höhen besitzt,
  • Toms – druckvoll und rund wie beim Original,
  • Rim Shot – heller und daher besser als das Original,
  • Clap – kein Unterschied hörbar,
  • HiHat – No Problem für die DS,
  • Crash und Cymbal – genauso „schlecht“ wie bei der echten TR909.

Das Original, die Roland TR-808

Roland TR-808 Imitate

  • Kick Drum – setzt sich besser durch und „kickt“ mehr, dafür fehlt es unten herum ein bisschen am Druck. Das ist allerdings nur im direkten AB Vergleich bemerkbar.
  • Snare Drum – sehr nah am Original, aber eben nur sehr nah.
  • Toms – bei unterschiedlichem Tuning verändert sich der „Bauch „unverhältnismäsig stark. Gerade noch dick und rund, ist der Klang plötzlich nur noch dünn. Mit ein bisschen „Vorsicht“ lässt sich aber auch hier die gewünschte Kopie erzielen.
  • Rim, Clap und Cowbell – kein Unterschied festzustellen.
  • HiHat & Cymbals – deutliche Abweichung zum Original, aber auf keinen Fall schlechter, sondern eben nur etwas anders.
  • Congas – von allen Sounds am schlechtesten getroffen. Als eigenständiger Klang jedoch sehr vielseitig und klar.
  • Maracas – Sehr gut.
  • Clave – das Original „klickt“ meines Erachtens mehr.

Zu den Soundvergleichen

Selbst mehrere baugleiche TR808 klingen im AB Vergleich unterschiedlich. Analoge Geräte haben einfach einen stärkeren, eigenen Klangcharakter. Alle oben angestellten Vergleiche sind deshalb subjektiver Natur in Bezug auf meine eigene TR808 und TR909.

Die Anschlussmöglichkeiten der Novation Drum Station

Gebrauchtmarkt-Tipp

Besonders im Live-Setup macht sich die Drumstation hervorragend und sollte selbst den Software-Konkurrenten wie ReBirth oder Attack den Schneid abkaufen. Einzelausgänge, robustes Gehäuse, gutes Timing und vor allem direkter Zugriff über viele Knöpfe haben die Software-Versionen einfach nicht zu bieten. Selbst im Studio bevorzuge ich nach wie vor eine Drumstation, um die CPU Kapazitäten meines Rechners nicht zu stark zu strapazieren. Derzeit steht der Gebrauchtmarktpreis bei ca. DM 600,–. Also worauf warten Sie?

Übrigens gibt es die Drumstation in zwei Versionen, die sich aber nur in der Optik unterscheiden. (siehe die beiden Abbildungen). Die alte Version hatte noch gelbe Streifen auf der Frontblende. Die neue Version kommt etwas weniger krachig daher mit zwei grauen streifen sowie einem braunen Streifen über den Potis.

Nachtrag zur Novation Drumstation März/2007

Seit Erstellung dieser Story sind 5 1/2 Jahre vrgangen. Der Gebrauchtmarktpreis ist unter 250,– Euro gefallen. (siehe auch Link zur Syntacheles-Liste). Das Argumet mit der CPU-Auslastung der Rechner ist heute kein Thema mehr. Und trotzdem, Dank der direkten Kontrolle auf jeden einzelnen Parmeter und des überzeugenden Klanges, bleibt die Drumstation auch im Zeitalter von Plug-Ins ein attraktives und empfehlenswertes Produkt.

Die Novation Drum Station on YouTube

Fazit

Es gibt Unterschiede zu den Legenden TR808 und TR909. Soweit sich diese auf die Bedieneroberfläche und die Eingriffsmöglichkeiten bezieht, ist die DrumStation ihren Vorbildern allerdings weit überlegen. Was den Klang anbelangt, hat auch die DrumStation ihren eigenen Charakter und trifft nur bei 70% der Klänge die Originalsounds. Aber auch dieser Punkt ist kein negativer Punkt, denn so mancher Klang hat durch die AMS Synthese sogar an Qualität gewonnen. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass sich alle Klangparameter in Echtzeit kontrollieren und über Midi aufzeichnen und wiedergeben lassen, erahnt man langsam, welche Möglichkeiten einem die DrumStation bietet. Selbstredend verfügt die DrumStation über keinen Sequencer. Anders als bei der TB303, wo die Art des Sequencers viel zum Klangcharakter beiträgt, stellt dies jedoch kein Handicap dar, da die meisten Software-Sequencer heute über hervorragende Drumeditoren verfügen. Sei noch der Hinweis gestattet, dass der deutliche Hinweis „Rack“ auf der DrumStation schon fast ein Garant dafür ist, dass in absehbarer Zeit ja vielleicht noch eine echte Drum-Computer-Drum-Station ins Haus steht. Mein Urteil: THE SAGA CONTINUES.

Plus

  • Hervorragende, analog klingende Sounds
  • Viele Editiermöglichkeiten
  • Direkter Zugriff auf die Parameter per Potis
  • Distortion Effekt / Einzelausgänge
  • alle Parameter über Midi steuerbar
  • TR-909 und TR-808 Sounds gleichzeit verfügbar
  • Din-Sync Buchse zum Anschluß z.B. einer TB303
  • Preis

Minus

  • Externes Netzteil
  • Mono-Abnahme des Mix-Ausganges funktioniert nicht
Forum

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