Die Roland Vintage-Synthesizer und Toshio Yamabata Interview

6. Februar 2018

„Mein erstes Projekt war der Jupiter-8“

Bei meiner Werksbesichtigung und dem Interview in der Roland-Zentrale in Hamamatsu, Japan, hatte ich die willkommene Möglichkeit, mit Toshio Yamabata über die „gute alte Zeit“ sprechen zu können, denn er ist einer der letzten aktiven Mitarbeiter bei Roland, die die Analogepoche noch selbst mitgestaltet haben – die Epoche der Roland Vintage-Synthesizer

Roland Vintage-Synthesizer

Im Gespräch mit Toshio Yamabata (rechts)

Dem Namen nach ist Toshio Yamabata selbst Brancheninsidern unbekannt, da es bei Roland Tradition ist, keinen einzelnen Entwickler hervorzuheben, sondern alles als Teamleistung zu präsentieren. Unter anderem sind aufgrund dieser von Firmengründer Ikutaro Kakehashi herausgegebenen Leitlinie vor allem die älteren Roländer nicht bereit, sich fotografieren zu lassen. Deswegen hier nur die Rückansicht von ihm – nehmen wir es mit Humor.
Heute ist Toshio Yamabata General Manager des Intellectual Property Department, das für den Schutz der von Roland entwickelten Technologien und des geistigen Eigentums zuständig ist. Recherchiert man aber ein wenig zu Toshio Yamabata, findet man einige Patenteinträge zu grundlegenden Techniken, unter anderem einer Waveform-Reproduktion und speziellen Vibratosystemen, auf seinen Namen. Doch auch was er an Synthesizern (mit)-entwickelt hat, ist überaus hörenswert.

Amazona:
Sie waren in den 80ern bei der Entwicklung von einer ganzen Reihe von Synthesizern beteiligt, nicht wahr?

Toshio Yamabata:
Ich bin 1978 zu Roland gekommen und das erste Projekt, an dem ich gearbeitet habe, war gleich der Jupiter-8. Dann kamen SH-101, die Juno-Serie, der Sequencer MC-500, das Remote-Keyboard Axis und der D-50. Das waren so die wichtigsten Sachen in den 80er Jahren. Später habe ich viele Geräte der GS-Serie und den Sound Canvas entworfen. Danach bin ich jedoch von der Produktentwicklung in die Technologieabteilung gewechselt, habe mich also mehr der Grundlagenentwicklung zugewandt, z. B. Soundchip-Design und USB-Unterstützung.

Roland Vintage-Synthesizer

Roland Jupiter 8

Amazona:
Wow, da sind viele Klassiker dabei. Wie kann man sich das etwa beim Jupiter-8 vorstellen, gab es da ein großes Team?

Toshio Yamabata:
Wir waren nur drei Ingenieure. Später sind natürlich noch die Konstrukteure für das Gehäuse und das Keyboard dazugekommen. Aber Schaltungen, Programmierung und Hardware haben nur wir Drei gemacht.

Amazona:
Der Jupiter-8 ist berühmt für seinen warmen, dicken Sound. Haben Sie diesen Klangcharakter von Anfang an schon so geplant oder kam das erst während der Entwicklung?

Toshio Yamabata:
Bei Analogsynthesizern hängt alles von den verwendeten Bauteilen und der Verschaltung ab, das verhält sich ganz anders als bei der DSP-Programmierung. Wir haben damals viele Probeschaltungen aufgebaut und dann einfach nach Gehör ausgewählt, was am besten klang.

Amazona:
Nur mit den Ohren? Nichts gemessen oder analysiert?

Toshio Yamabata:
Manchmal haben wir einen Moog oder ARP Synthesizer zum Vergleich herangezogen. Das hat gereicht.

Roland Vintage-Synthesizer

Ausstellungsraum im Roland R&D Center

Amazona:
Wie haben Sie den tollen Filterklang des Jupiters erreicht?

Toshio Yamabata:
Wir hatten einen eigenen Chip entwickelt. Die Schaltung ist eigentlich gar nichts Besonderes. Es gibt ja die bekannten Schaltungen wie etwa das Ladder-Filter von Moog. Wir hatten im Prinzip nur drei unterschiedliche Filterschaltungen für unsere Synthesizer verwendet. Diese grundlegenden Schaltungen waren Transistor-basiert. Das musste nun auf unseren eigenen Chip übertragen werden. Diese Verkleinerung war nötig, um Platz auf der Platine zu sparen. Bei ein- oder zweistimmigen Synthesizern ist das ja nicht so ein Problem, aber bei acht Stimmen fällt das schon ins Gewicht. Diese analogen Chips haben den Klang noch ein bisschen verändert, aber in dem Fall durchaus zum Positiven.

Amazona:
Beim Juno wurde die Schaltung dann noch weiter miniaturisiert.

Toshio Yamabata:
Ja, da wurden dann mehr Elemente auf einem von uns selbst entwickelten Chip untergebracht, quasi alles, was man für eine Stimme braucht. Beim SH-101 hatten wir teils mit Curtis-Chips gearbeitet, aber wenn ich mich recht erinnere, hatten wir bei den meisten anderen Synthesizern unsere eigenen Chips verwendet.

Amazona:
Es stimmt also nicht, dass der SH-101 eine Mono-Version des Juno ist, wie man öfter liest?

Toshio Yamabata:
Nein, das ist eine komplett andere Schaltung.

Roland Vintage-Synthesizer

Curtis inside – Roland SH-101, ein halber Amerikaner

Amazona:
Der Juno ist nicht zuletzt wegen des integrierten Chorus so beliebt. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Effektsektion mit einzubauen? Das war ein brillanter Schachzug finde ich.

Toshio Yamabata:
Sie kennen doch unsere Boss-Line. Das erste Boss-Pedal war ein Chorus, die Technologie war somit quasi schon „im Haus“. Es war doch eigentlich ganz normal, einen Synthesizer mit einem Chorus zu kombinieren. Wir kannten viele Profi-Musiker, die ihren Jupiter über ein separates Chorus-Pedal spielten. Da der Juno aber auf die Einsteigerklasse ausgelegt war, hielten wir einen eingebauten einfachen Chorus für eine gute Idee. Zu dieser Zeit hatte keine andere Firma so etwas, das hat den Juno so besonders gemacht. Das war weniger eine Marketing-Entscheidung, sondern einfach aus der Praxis übernommen.

Amazona:
Während der Juno-Serie vollzog sich auch der Übergang zu MIDI, das Roland zusammen mit Dave Smith entwickelt hatte. Wurde dafür etwas von Rolands DCB-Schnittstelle übernommen oder war es eine komplette Neuentwicklung?

Toshio Yamabata:
Das Protokoll war schon ähnlich. Der Hauptunterschied war, dass DCB parallel arbeitete, MIDI hingegen seriell. Hardwareseitig unterscheidet es sich schon, aber das Meiste vom Protokoll ist gleich. Wobei MIDI natürlich viel umfangreicher ist, wie etwa Clock und Sysex, Bei DCB ging es im Grunde nur um Notenübertragung.

Roland Vintage-Synthesizer

SynthPlus60 – die Homekeyboard-Variante des Juno-60 mit eingebauten Lautsprechern

Amazona:
Wie kam es zur Kooperation mit Dave Smith, er war doch eigentlich ein Konkurrent?

Toshio Yamabata:
Genau weiß ich das ehrlich gesagt gar nicht. (Firmengründer) Ikutaro Kakehashi hatte sich mit Dave Smith getroffen und sie hatten diese Idee. Es gab zu der Zeit mehrere unterschiedliche Ansätze für Schnittstellen. Wir hatten DCB, bei Sequential, Oberheim und Yamaha gab es auch jeweils etwas Eigenes. Alles war inkompatibel, das wollten die Beiden ändern. Es gab dann ein Meeting mit den führenden Herstellern, ich glaube 1982, und jeder brachte den Prototypen seiner Lösung mit, aber nichts passte zueinander. Wir haben dann entschieden, unsere Technologie freizugeben.

Amazona:
Analoge Synthesizer werden heutzutage meist anders eingesetzt als in den 80ern. Erkennen Sie Ihre Geräte in der aktuellen Musik eigentlich noch wieder? Haben Sie sich das damals so gedacht?

Toshio Yamabata:
Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Natürlich hat sich die Musik total verändert, aber die Basicsounds, die man braucht, haben sich nicht so sehr verändert, finde ich. Bass, Strings, Flächen, Brass usw. sind doch weitestgehend gleich geblieben. Es gibt zwar auch viele neue Klänge, aber die Basics werden immer gebraucht, egal für welche Musikrichtung.

Roland Vintage-Synthesizer

Auch von Toshio Yamabata: der seinerzeit recht verbreitete Sequencer MC-500 / MK II

Amazona:
Wenn Sie was im Radio hören, erkennen Sie also Ihre Instrumente?

Toshio Yamabata:
Na, das ist dann doch etwas schwierig. Manchmal hört man zwar einen sehr typischen Jupiter-8 Sound, aber meistens ist ja alles mit Effekten versehen und mit anderen Sounds gemischt.

Amazona:
Apropos Musik: Haben Sie aus musikalischem oder technischem Interesse bei Roland angefangen?

Toshio Yamabata:
Eigentlich bin ich Gitarrist, Elektronik war eher ein Hobby von mir bevor ich zu Roland kam. An der Universität hatte ich dann ein Physikstudium absolviert. Ich hatte mir früher Effektgeräte und einfach Synthesizer als Hobby selbst gebaut. Zu dieser Zeit waren die Ingenieure bei Roland irgendwie alles solche Leute, die schon früh anfingen zu basteln und zu erfinden. Und es waren fast alles auch Musiker, die deswegen sehr engagiert bei der Arbeit waren. Wenn ich zum Beispiel an die Entwicklung der TR-808 denke, da war vieles auch spontan entstanden und im Endeffekt wurde die Maschine ganz anders genutzt, als es gedacht war.

Amazona:
Waren Sie an der 808 etwa auch beteiligt?

Toshio Yamabata:
Nein, aber das war gleich nebenan, ein Raum weiter. Deswegen wusste ich immer Bescheid, wie es dort voranging. Ein bisschen chaotisch, aber sehr kreativ. Es herrschte eine wunderbare Atmosphäre zu dieser Zeit bei Roland.

Forum
    • Profilbild
      der jim  RED

      No, they are spread over the district of Hamamatsu, thats 2 hours away from Tokyo. The facilities are not accessible for public.
      If you’re interested please read also my report of the factory tour:
      http://www.....ichtigung/

  1. Profilbild
    DanielT  

    Sehr interessant. Vielen Dank. Interessant ist auch, dass bei der Entwicklung des D50 von Anfang an viele Musiker dabei waren. Merkt man dem Gerät vom Klang her an.

    Ob das heute bei Roland noch so der Fall ist…

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