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Rezension: Bernd Kistenmacher Autobiographie „Ferne Ziele“

Bernd Kistenmacher und die Berliner Schule zum Lesen

4. Oktober 2023

Der Musiker Bernd Kistenmacher erzählt in „Ferne Ziele – Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik“ im ersten Teil seine Autobiographie und im zweiten Teil lässt er die Protagonisten der deutschen Musikbewegung der Berliner Schule zu Wort kommen.

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Bernd Kistenmacher: Einer der wichtigsten Vertreter der neuen Berliner Schule

Bernd Kistenmacher ist einer der prominentesten Vertreter der neuen Berliner Schule. Seit Jahrzehnten bereichert er mit seinen Tonträgern und Konzerten die Welt der Musik. Doch als es so richtig mit der Berliner Schule und deren Protagonisten Klaus Schulze, Tangerine Dream, Harmonia, Ash Ra Tempel und vielen andere losging, war Bernd Kistemacher ein Kind, der diese Musik entdecken durfte. Bis heute hat ihn diese Musik nicht mehr losgelassen.

Seine Karriere startete in den frühen 1980er-Jahren. Er durfte mit vielen seiner Vorbildern wie z. B. Klaus Schulze und Harald Großkopf gemeinsame Wege beschreiten. Selbstverständlich betrieb er seine eigenen Labels und mittlerweile veröffentlichte er eine stattliche Anzahl von 34 Tonträgern. Bernd Kistenmacher blieb aber stilistisch nicht bei der Berliner Schule stehen, sondern entwickelte sich musikalisch weiter. Er orientierte sich z. B. an Filmmusik und Weltmusik. Komponieren wurde ihm immer wichtiger als zu improvisieren, wie es in der Berliner Schule gerne gemacht wird. Letztendlich sind solche Definitonen auch Worthülsen, weil stilistische Abgrenzung nicht immer einfach vorzunehmen sind, ohne sich in Klischees zu verlaufen. Übrigens freut sich AMAZONA.de immer wieder darüber, wenn Bernd Kistenmacher sein Wissen über Synthesizer in Testberichten mit unseren Lesern und Leserinnen teilt.

Jetzt könnte man annehmen, dass diese Einleitung zu dem Schaffen von Bernd Kistenmacher auch in seinem Werk „Ferne Ziele“ beschrieben wird. Das ist nur zum Teil richtig, denn Bernd Kistenmacher hat sich dazu entschlossen, seine Geschichte nur bis 1989 zu erzählen. Außerdem behandelt er in diesem Werk nicht nur seinen Werdegang. Viele Protagonisten der Berliner Schule bleiben in diesem Buch nicht nur eine Anekdote auf dem Lebensweg von Bernd Kistenmacher, sondern werden von ihm in das Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt und er zieht sich in den Hintergrund zurück. Er unternimmt einen Streifzug durch die Geschichte der Berliner Schule. Die Phase der elektronischen Musik also, welche sich seit Ende der 1960er-Jahre aus Deutschland um die Welt verbreitete und auch als Space Rock, Cosmic Rock oder Krautrock berühmt wurde. Warum Bernd Kistenmacher sich dazu entschlossen hat so vorzugehen, soll jetzt berichtet werden.

Bernd Kistenmachers Buch „Ferne Ziele“ hat Format!

Bei Bernd Kistemachers Buch „Ferne Ziele“ handelt es sich nicht um ein Taschenbuch. Das Format erinnert eher an eine stattliche Bibel oder ein ausführliches Kochbuch oder Lexikon. Die Verarbeitung ist erstklassig. Man erhält einen festen Einband ohne Schutzumschlag. Die 788 Seiten bringen 3283 Gramm auf die Waage. Durch diese Eigenschaften fühlt sich das Buch angenehm schwer, wertig und stabil an. Dieses Buch wurde äußerst aufwendig hergestellt. Es wurde ein dickes, glattes und erstklassiges Papier verwendet, welches Hochglanzdruck erlaubt.

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Davon zeugen die ganzseitigen und farbigen Abbildungen. Bei der Herstellung haben sich Bernd Kistenmacher und der Verlag sehr viel Mühe gegeben. Es ist ein Buch, das für die Ewigkeit hergestellt wurde. Daher sollte man „Ferne Ziele“ auch pfleglich behandeln. Dieses Buch würde Schaden nehmen, wenn man es wie ein Taschenbuch im Rucksack oder Fahrradkorb zwischen der Wiese und dem Grillfest transportieren würde. Auch in Zukunft wird man nur wenige Druckerzeugnisse finden, die äußerlich und innerlich mit so viel Herzblut hergestellt wurden.

Der Aufbau von Bernd Kistenmachers „Ferne Ziele“

Das Buch wurde in zwei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil erzählt uns Bernd Kistenmacher seine Geschichte und beim zweiten Teil handelt es sich überwiegend um Interviews mit den Protagonisten der Berliner Schule. Es wurden auch Texte abgedruckt, die z. B. im Spiegel erschienen sind. Dies ist ein sehr ungewöhnlicher Aufbau, da Bernd Kistenmacher sich im zweiten Teil als Verfasser und Hauptfigur zurücknimmt und zum Zuhörer wird. Dies ist als Hommage an die Berliner Schule zu verstehen, welche die Biografie von Bernd Kistenmacher maßgeblich geprägt hat. Diese Leidenschaft machte Bernd Kistenmacher zu einem Profimusiker, dem es gelungen ist, auf den Pfaden der Berliner Schule seine Spuren zu hinterlassen.

In Autobiografien werden wichtige Weggefährten erwähnt, aber die erzählende Figur steht immer im Mittelpunkt. Deswegen sind die Weggefährten auch immer Randerscheinungen, aber Bernd Kistenmacher widmet seiner Biografie 120 Seiten und der Geschichte der Berliner Schule über 300 Seiten. Er nimmt sich als Hauptfigur bewusst zurück. Ansatzweise erinnert das an die Arbeit des deutschen Schriftstellers Walter Kempowski. Dieser befragte Menschen, wie sie bestimmte historische Ereignisse erlebt haben und stellt diese Aussagen nebeneinander. Es wird auf eine Bewertung oder Kommentar verzichtet. Der Leser wird eingeladen, sich mit diesem mehrstimmigen Kanon auseinanderzusetzen und sich ein Bild über die Ereignisse zu machen.

Bernd Kistenmacher empfand es mit Sicherheit sinnvoll, die Protagonisten ihre Sicht auf die Dinge erzählen zu lassen, ohne die Aussagen von einem Historiker oder Journalisten bewerten zu lassen. Das ist im Fall der Berliner Schule schon zu oft geschehen. Die Leser müssen  also selbst die Aussagen von Manuel Göttsching, Michael Hoenig und vielen anderen bewerten und einordnen. Dadurch entsteht ein unglaublich heterogenes Bild der Berliner Schule. Dieses Bild wird die reguläre Musikpresse niemals erzählen können, weil es zu detailreich und ausführlich ist. Interessierte der Berliner Schule können mit dieser Lektüre ihr Wissen korrigieren oder ergänzen. Besonders die Interviews sind erstklassige Quellentexte für Wissenschaftler, Studenten, Journalisten und Fans der Berliner Schule.

Ferne Ziele erster Teil: Die Bernd Kistenmacher Autobiografie

Sehr oft muss man sich in Autobiografien durch Hunderte von Seiten kämpfen, bis der Protagonist endlich das Schlüsselerlebnis hatte, wofür sich alle Leser und Leserinnen interessieren. Bernd Kistenmacher erspart uns das alles, denn alle seine Erinnerungen haben etwas mit Musik zu tun. Dazu gehört auch der Umstand, dass Bernd Kistenmacher als West-Berliner erzählt.

West-Berlin verfügte aufgrund seiner Insellage über einen Sonderstatus, wodurch sich die neue musikalische Bewegung Berliner Schule entwickeln konnte. Bernd Kistenmacher ist es gleichzeitig bewusst, dass zur selben Zeit ähnliche Entwicklungen in Düsseldorf und München stattgefunden haben. Die musikalischen Veränderungen waren gleichzeitig Anzeichen einer viel größeren gesellschaftlichen Veränderung: Die 68er Studentenrevolten, antiautoritäre Erziehung, Selbstbedienung in Supermärkten und auch die Aufarbeitung des Nationalsozialismus begann. Diese gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungen wurden auch in der Musik hörbar. Junge Musiker und Musikerinnen suchten nach neuen Ausdrucksformen.

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Bernd Kistenmachers künstlerische Entwicklung begann 1969: Es war das Jahr der Mondlandung und er war fasziniert von Sience Fiction und der Hippiebewegung mit ihrer Musik. Seine musikalische Welt wurde mit 11 Jahren auf dem Kopf gestellt. Natürlich waren die Protagonisten der Berliner Schule zu diesem Zeitpunkt aktiv, aber Bernd beschäftigte sich noch mit den Beach Boys und den Les Humphries Singers. 1971 stellte ihm  seine Cousine Echos von Pink Floyd und Ruckzuck von Kraftwerk vor  und diese Musik hat ihm seitdem nicht mehr losgelassen. Selbstverständlich wollte Bernd Kistenmacher diese Musik besitzen, aber damals war es üblich, Schallplatten in Radiogeschäften zu erwerben, die solche verrückte Musik natürlich nicht führten. Glücklicherweise entstanden die ersten Schallplattenläden und Bernd konnte bei Grießbach nähe Kurfürstendamm Ruckzuck erwerben, die seitdem in Dauerschleife auf der Musiktruhe seiner Eltern lief. Durch das Radio entdeckte Bernd Kistenmacher die neusten Pink Floyd, Kraftwerk und Vangelis Alben, für die er nun ein besonderes Ohr hatte. 1975 entdeckte er Tangerine Dream, Ash Ra Tempel und Klaus Schulze. Er war in der Berliner Schule angekommen.

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1976 verändert für Kistenmacher alles. Die Klaus Schulze LP Moondawn und das das darauf erhaltene Stück Floating erweckte in dem jungen Bernd Kistenmacher den Wunsch, Musiker zu werden. Gleichzeitig wusste er bei einem Preisausschreiben des Jugendmagazines Bravo, was für ein Instrument Keith Emerson von ELP bediente und dafür wurde er in der Bravo abgelichtet. Ein Schallplattenhändler merkte schnell, dass sich Bernd Kistenmacher für Synthesizer begeisterte und versorgte ihn mit den entsprechenden Scheiben. In einem Musikgeschäft sah er zum ersten mal einen ARP-Synthesizer für 4400 DM. In dieser Zeit war die elektronische Musik laut Kistenmacher unglaublich populär und der Output gewaltig! 1977 besuchte er sein erstes Klaus Schulze Konzert. Er verbrachte immer mehr Zeit in Musikgeschäften, weil er nicht nur Zuhörer sein wollte.

1980 dominierte Punk die Welt, aber das war Bernd Kistenmacher egal. Er versuchte, ein Modularsynthesizer zu bauen und er stellte sogar die Platinen selbst her. Ein ambitioniertes Projekt, an dem Kistenmacher scheiterte. Das Taschengeld reichte dafür nicht aus. Dafür lernte er Mario Schönwälder kennen und wie man sich denken kann, war diese Freundschaft für Bernd Kistenmacher sehr hilfreich. 1982 konnte er sich seinen ersten Synthesizer leisten, einen Korg Mono/Poly und baute in kleinen Schritten sein Studio auf. 1984 stellte er sein erstes Stück fertig, „The Lonley Man In the Iron Desert“ und Mario Schönwälder wurde sein Manager.

Bernd Kistenmachers erster Synthesizer

Bernd Kistenmacher wurde sozusagen die zweite Generation der Berliner Schule, seine Karriere entwickelte sich immer weiter. Er berichtet über seine ersten Gigs, erste LP, seine Beziehungen in die DDR und zu dem damals schon aktiven Radiomoderator Olaf Zimmermann. Mit dem Atari und Korg M1 hielt der Computer Einzug in sein Studio. Es kam zu gemeinsamen Auftritte mit seinem großen Vorbild Klaus Schulze. Die nicht immer so angenehme geschäftliche Seite der Musikindustrie wird thematisiert, z. B. die Rolle des Fernsehens als Auftraggeber, wie lockt man Besucher auf Konzerte usw. Der Weg im Musikbiz ist unglaublich steinig, doch Bernd Kistenmacher setzte sich durch.

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Was ich hier sehr knapp darstelle, erzählt Bernd Kistenmacher ausführlich und mit vielen Anekdoten. Als Leser und Leserin kann man den musikalischen Werdegang von Bernd Kistenmacher mit allen Höhen und Tiefen nachvollziehen. Er berichtet nicht nur über seine Geschichte, sondern stellt in den jeweiligen Jahren auch die Entwicklungen in der elektronischen Musik vor. Das alles wird mit vielen Fotos, Korrespondenz und Kaufbelegen seiner Synthesizer unterlegt. Bernd Kistenmacher beendet seine Erzählung mit dem Fall der Mauer. West-Berlin und Ost-Berlin waren Geschichte. Bis dahin hatte er seine Karriere in Fahrt gebracht. Wie er schreibt, begannen die prägenden Höhepunkte und Tiefpunkte in seinem Leben ab diesem Zeitpunkt und er wurde zu dem Bernd Kistenmacher, den wir heute kennen.

Ferne Ziele zweiter Teil: Die Geschichte der Berliner Schule

Bernd Kistenmacher hat eine Karriere in der Musikwelt eingeschlagen, da die Berliner Schule von Anfang an ein Platz in seinem Herzen fand. Als diese Bewegung begann, war er noch ein Kind und daher war es kaum möglich, dass er ein aktives Mitglied der Berliner Schule wurde. Er gehört zur neuen Berliner Schule oder sollte man sagen, zu einer neuen Generation von Musikern, die aus West-Berlin stammten und elektronische Musik machte. Eines wird in diesem Buch an mehreren Stellen klar: Ohne die Berliner Schule hätte es den Werdegang von Bernd Kistenmacher nicht gegeben und dies möchte er mit dem zweiten Teil des Buches deutlich machen.

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Die Berliner Schule eroberte die Welt. Sie war der Grund, warum David Bowie nach Berlin kam und Low aufnahm, das noch viel mehr als Heros von Sound der Berliner Schule beeinflusst ist. Doch im eigenen Land zählt der Prophet wenig. 1997 fragte David Bowie das Wetten dass… Publikum, ob es Neu! Harmonia und Kraftwerk kenne. Das Ergebnis war größtenteils Schweigen. Wäre David Bowie von Modern Talking beeinflusst gewesen, wären die Reaktionen des Publikums anders ausgefallen. Bernd Kistenmacher erzählt diese Wahrnehmung in Deutschland exemplarisch mit dem verstorbenen Edgar Froese. Die internationale Presse reagierte sofort, aber in Deutschland dauert es einige Tage, bis Edgar Froese auch im Spiegel gewürdigt wurde.

Die Berliner Schule ist vielen Menschen in Deutschland sicherlich kein Begriff! Was liegt also näher, dass Bernd Kistenmacher den Helden seiner Kindheitstage ein Denkmal setzten möchte, indem er sie interviewt? Es sind zu viele, um sie alle aufzuzählen, aber einige der Helden möchte ich doch erwähnen, z. B. Conrad Schnitzler, Harald Großkopf, Winfried Trenkler, Dieter Dierks, Rolf-Ulrich Kaiser, Wolfgang Palm, Michael Hoenig, Manuel Göttsching, Ralf Wadephul und viele andere, bei denen ich mich jetzt schon entschuldigen möchte, dass sie nicht erwähnt wurden. Wer von diesen Helden aus der neueren deutschen Musikgeschichte kommt in der aktuellen deutschen Musikpresse vor? Es existiert nur eine Gruppe aus der damaligen Zeit, die bis heute regelmäßig mediale Aufmerksamkeit in Deutschland geniest und das ist Kraftwerk. Das Herbert Grönemyer Label Grönland Records bemüht sich um die Wiederveröffentlichung der Werke aus der Zeit des Krautrocks und Berliner Schule, um ein neues Bewusstsein für dieses wichtige Kapitel der deutschen Musikgeschichte zu erschaffen. Dies ist mit Sicherheit auch ein Anliegen von Bernd Kistenmacher mit seinem Werk „Ferne Ziele“.

Wie ich im in der Einleitung schon vorwegnahm, lassen die Erzählungen der Protagonisten die Berliner Schule entstehen. Alle berichten in ihrer Rolle und ihrer Sichtweise auf die Zeit. Beispielsweise hat der Chef des Ohr-Labels Rolf-Ulrich Kaiser eine andere Sicht auf die Dinge als Harald Großkopf. Ludwig Rehberg und Wolfgang Palm entwickelten unterschiedliche Instrumente und machten unterschiedliche Erfahrungen. Dadurch entsteht ein vielstimmiger Kanon, der so noch nie erzählt wurde. Es ist allgemein bekannt, dass in den 70ern Synthesizer unglaublich beliebt waren und viele Rockgrößen leisteten sich ein Moog Modular-Systm – auch Mick Jagger. Deswegen finden sich auch Essays in „Ferne Ziele“ , die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Die Texte über Festivals, Studios und dem Zeitgeist unterstreichen, wie experimentierfreudig und offen die damalige Zeit war. Wer würde heute noch Mick Jagger mit einem Moog in Verbindung bringen? Künstliche Intelligenz, erzeuge mir ein Bild von Mick Jagger, wie er am Moog System 55 schraubt.

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Gleichzeitig betont Bernd Kistenmacher eine andere Seite von Berlin, auf die er immer wieder zu sprechen kommt: Berlin war in der Zeit der Berliner Schule neben all dieser Kreativität, Progressivität und Insellage auch eine unglaublich spießige und langweilige Stadt. Eine Aussage, die man sich heute kaum vorstellen kann, da Berlin als heimliche Europa- und Techno-Hauptstadt gilt, einem anderen Zweig der elektronischen Musik.

Bernd Kistenmachers „Ferne Ziele“: Eine Zusammenfassung

Bernd Kistenmachers Buch „Ferne Ziele – Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik“ wäre eine Autobiografie neben vielen anderen, wenn sich der Autor dazu entschlossen hätte, nur seine eigene Geschichte zu erzählen. Es ist nicht notwendig, ein Bernd Kistenmacher Fan sein, um sich für dieses Buch zu begeistern. Das liegt daran, dass Kistenmacher im Rahmen seiner Biografie immer wieder ein Blick auf die Zeit wirft. Das lockert den Text auf, weil Bernd Kistenmacher sich auch als ein Kind seiner Zeit sieht und die geschichtliche Entwicklungen oft spannender sind als das eigene, kleine Leben. Das Leben des Menschen entwickelt sich, aber auch die Umwelt bleibt nicht stehen. Da war er also mit seine Korg Mono/Poly, aber die Musikwelt stand Kopf, weil es den Fairlight gab. Doch Bernd Kistenmacher geht noch einen großen Schritt weiter und wird im zweiten Teil vom Protagonisten zum Zuhörer seiner Helden und Vorbilder.

Selbstverständlich verfolgt die Auswahl der Essays und Interviewpartner einen gewissen Zweck und bedient mit Sicherheit auch die Sichtweise und Vorlieben von Bernd Kistenmacher. Trotzdem ist mir kein Werk bekannt, in dem den Protagonisten der Berliner Schule soviel Platz eingeräumt wurde. Dadurch kann diese Textsammlung auch Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Arbeit werden, weil hier so viele Menschen zu Wort kommen, die mit der Berliner Schule in Berührung stehen, wie in keinem anderen Werk. Aus diesem Grund ist diese Textsammlung so außergewöhnlich, weil die Berliner Schule bis jetzt nur in Fragmenten erzählt wurde oder aus der Sicht einer Person. Die Helden von Bernd Kistenmacher werden nicht nur erwähnt, sie treten in diesem Buch tatsächlich in den Vordergrund und machen in ihren eigenen Worten begreiflich, was Bernd Kistenmacher an ihrer Arbeit so schätzte und bis heute fasziniert. Echte Fans der Berliner Schule werden mit diesem Buch mit Sicherheit ihr Wissen ergänzen können. Es erscheint mir unmöglich, dass Spezialisten dieses Thema in dieser Art und Weise mit der Berliner Schule vertraut sind.

Interview mit Bernd Kistenmacher auf der Superbooth 23

Unser AMAZONA.de Autor Toby B. hatte auf der Superbooth 23 die Gelegenheit, Bernd Kistenmacher zu seinem Buch „Ferne Ziele – Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik“ zu befragen. Viel Spaß mit dem Video und danke an Toby B. und Bernd Kistenmacher für das Interview.

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Fazit

„Ferne Ziele – Geschichten über die Berliner Schule für elektronische Musik“ nimmt uns auf eine ungewöhnliche Reise und Erzählweise der neueren deutschen Musikgeschichte mit. 788 Seiten verlangen ein ausgeprägtes Interesse mit den ersten Lebensjahren von Bernd Kistenmacher und den Protagonisten der Berliner Schule. Ausführlicher und vielschichtiger wird man diese Musikgeschichte kaum noch erzählt bekommen. Besitzer sollten Platz auf dem Lesetisch und im Bücherschrank schaffen, die das ungewöhnliche Buchformat und Gewicht verlangt. Ich empfehle, dieses Werk pfleglich zu behandeln, weil es ein echter Schatz ist. Viele würden sich übrigens über eine digitale Ausgabe dieses Buches freuen, um es z. B. tatsächlich im Zug oder Strand lesen zu können.

Preis

  • 69,-€ zzgl. Versandkosten
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Forum
    • Profilbild
      exitLaub

      @MichBeck Das ist für eine solche Druckqualität und den Umfang mehr als angemessen. Ich hätte es sogar noch etwas teuerer geschätzt.

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      MichBeck

      @MichBeck Ah, jetzt hat auch der Preis seinen Platz in diesem Artikel gefunden. Somit blickt über mein Kommentar einfach drüber weg! 🙂

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    AMAZONA Archiv

    Vielen Dank für die Mühe, ein wertvolles Stück Geschichte zu bewahren.

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    exitLaub

    Ich denke das Buch könnte für mich genau das Richtige sein für die kommenden ungemütlichen Herbstabende.

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    Tomtom AHU

    Schönes Buch! Sehr interessantes Thema! Aber keine Bettlektüre. Ich lese gern im Bett liegend und halte dann das Buch mit beiden Händen über mich. Wenn das aus der Hand rutscht, dann hat man 3,2 kg im Gesicht! 😂

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      exitLaub

      @Tomtom Hat auch seine Vorteile. Man kann dann nicht zu tief in die „Meditation“ abgleiten.

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    Jens Hecht RED

    Niiice! Schau mir gleich auch mal das Video aus dem Planetarium an und bin gespannt auf das Buch!

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    AMAZONA Archiv

    Ich kann es drehen und wenden wie ich will:

    Ich lande immer bei Preisen zwischen 80 und 90 Euro. 69 Euro mag ja der UVP sein, die Nebenkosten über den oben verlinkten Webshop summieren sich recht happig.

    So viel Geld für Bücher habe ich selbst im Studium nicht ausgegeben.

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    defrigge AHU

    Für mich sind tatsächliche 80-90 Euro – anders als im Artikel angegeben – der Unterschied zwischen begrenztem Kaufinteresse und völligem Desinteresse. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass das vielen so gehen könnte.

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      AMAZONA Archiv

      @defrigge Ohne selbst involviert zu sein, kann ich nur spekulieren, aber für mich sieht das nach einer sehr seltsamen Kalkulation aus, bei der der Kunde am Ende noch die Fixkosten des Herstellers auf’s Auge gedrückt bekommt.

      Eine Preiskalkulation enthält i. d. R. alle Variablen (z. B. Staffelpreise für den Großhandel, Rezensionsexemplare, Verluste und Abschreibungen, Gebühren für den Onlinehandel bzw. Onlinezahlungsdienstleister, Kreditkartenrechnungen etc.) und Fixkosten wie Produktions- und Vertriebskosten sowie Kosten für die Lagerhaltung und die schwankenden Bestellmengen, basierend auf nicht immer gleichbleibender Nachfrage.

      Würden Leute, die bei Bandcamp ihre Tonträger anbieten, auf den (vorab kalkulierten) VK von 15 Euro für eine CD oder 30 Euro für eine DLP noch die Kosten für Bandcamp, Paypal und Steuern/Zölle aufschlagen, dann wäre keine CD unter 20 Euro zu bekommen — zzgl. Portokosten. Das muß der Kunde dann schon wirklich wollen, vor allem dann, wenn das Versandstück nach Übersee oder ins europäische Nicht-EU-Ausland geht.

      Was obiges Buch angeht: Interesse habe ich schon, aber nachdem mir einige Leute sagten, daß das Buch nicht nur den Umfang und das Gewicht des West-Berliner Telefonbuchs von 1989 hat, sondern auch in etwa den Unterhaltungswert, halte ich mich etwas zurück mit Ausgaben, von denen ich auch gut für drei bis vier Wochen meinen Kühlschrank füllen könnte.

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        defrigge AHU

        Du hast es gut auf den Punkt gebracht – und über den Inhalt des Buches (Relation zwischen Umfang und interessantem Gehalt) habe ich inzwischen ähnlich kritische Rückmeldungen bekommen.

  7. Profilbild
    Brazenhead

    Hört sich ganz interessant an, jetzt muss ich nur noch meiner Frau zu verstehen geben, dass sie das Buch mir schenken muss.

  8. Profilbild
    TRO 030

    Sieht sehr interessant und auch sehr wertig aus, das Buch, zumal das ja auch meine Jugendzeit war, ich habe Klaus Schulze 1980 entdeckt, Tangerine Dream und Kraftwerk etwas früher. Und zum Preis: man muss bedenken, das der Bernd Kistenmacher das Buch im Eigenverlag herausgibt, allein die Papierpreise sind unglaublich gestiegen…
    Ich denke, hoffe, ich kann das als Fachbuch von der Steuer absetzen…

  9. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Dank eines kleinen, unbekannten Auktionshauses im Internetz ist mir ein Exemplar für weniger als den halben Neupreis in die Hände (oder in den Schoß) gefallen.

    Ich werde berichten.

  10. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Ich bin jetzt mit dem Buch soweit durch. Es ist in der Tat vom Format her ein Telefonbuch — ein echter Klopper.

    Positiv fällt zu berichten, daß hier ganz offensichtlich eine Menge Arbeit drinsteckt. Sowas macht man nicht, wenn einem das Thema nicht am Herzen liegt und wichtig ist. Erfreulich ist, daß sich der biografische Kistenmacher-Teil nicht in Selbstbeweihräucherung ergeht — da hatte ich Schlimmes befürchtet und gerne noch mehr gelesen.

    Die meisten Interviews lesen sich spannend genug, um sie nicht zu überfliegen, auch wenn eine gewisse inhaltliche Redundanz nicht von der Hand zu weisen ist (vor allem im Bereich Agitation Free). Besonders gelungen finde ich die Interviews mit Manuel Göttsching (RIP) und Michael Hoenig, aber auch das mit Lüül oder Thomas Kessler (RIP). Das sind nun Zeitdokumente, denn fragen kann man die Leute nicht mehr.

  11. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Negativ fällt auf, daß trotz des im Klappentext erwähnten Lektorates eben jenes einer sehr gründlichen Überarbeitung bedurft hätte: Eine Lektorin, die den Unterschied zwischen „das“ und „dass“ nicht kennt (und das ständig… oder war es doch „dass“ in diesem Falle?), sollte sich ernsthaft fragen, ob sie für diesen Job qualifiziert ist. Selbiges läßt sich sagen über zahlreich-diverse Schreibfehler und Stilblüten, die sich ähnlich wie „das“ und „dass“ wie ein roter Faden durch das Buch ziehen.

    Zu den Aufgaben eines Lektors gehört ferner die Überarbeitung von Texten hinsichtlich der Lesbarkeit und das Ausräumen von inhaltlichen Doppelungen oder „Aufschmatzern“ bei Interviews, also „äh“ und „hm“ und „naja“. Da kann man Wortbeiträge dahingehend redigieren, daß sie lesbarer und flüssiger wirken, ohne daß dabei die Aussage verzerrt wird.

    Ob politisch motivierte Inhalte wirklich hätten thematisiert werden müssen oder ob man sie nicht unter den redaktionellen Schneidetisch hätte fallen lassen können, ist im Grunde auch eine Entscheidung beim Lektorat — der Lesbarkeit ist es manchmal abträglich. Von der Frage, ob dieser Zusammenhang in zehn Jahren noch nachvollziehbar sein wird, ganz zu schweigen.

  12. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Insgesamt ist das Werk nicht so negativ zu bewerten, wie ich eingangs schrieb und befürchtet hatte, dank diverser Reaktionen und Meinungen im Vorfeld — klar, nicht alle Interviewpartner sind gleichermaßen interessant, manche Passage hätte man einkürzen können und manche redundanten Fragen hätten auch nur einmal beantwortet werden müssen.

    Kompakter und umfangreicher wird man wohl kein zweites Buch finden zu diesem Themenkomplex, zumal einige Interviews Seltenheitscharakter haben dürften und ich von den betreffenden Personen bis dato noch nie irgendwas in Form von Äußerungen zum Thema gelesen habe. Insgesamt hätte ich mir noch mehr Bildmaterial gewünscht anstelle der weitschweifigen Interviewpassagen — ich bin nunmal visuell orientiert.

    Ob einem das Gesamtpaket dann den Verkaufspreis wert ist, muß jeder für sich selbst entscheiden.

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