Test: Audeze LCD-X, Studiokopfhörer

3. Mai 2019

Das Superschwergewicht unter den Studiokopfhörern

audeze lcd x

Audeze LCD-X Studiokopfhörer

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass in regelmäßigen Abständen wieder neue, zumeist kleine Firmen in einen anscheinend gesättigten Markt eindringen, um mittels ausgefallener Details einen Bereich auszureizen, der ihrer Meinung nach bisher unterrepräsentiert sei. So auch die erst 2008 in den USA gegründete Firma Audeze, die mit ihrem Audeze LCD-X ein in jeder Hinsicht zu sehendes Schwergewicht auf den Markt gebracht hat und mittels einer ausgefallenen Treibertechnik für Furore sorgen möchte.

Das Konzept des Audeze LCD-X

Um sich klanglich von vielen anderen Kopfhörern abzuheben, kommen im Audeze LCD-X magnetostatische Treiber zum Einsatz, die sich in der letzten Zeit einen sehr guten Ruf in der Szene erarbeiten konnten, allerdings auch mit einem im wahrsten Sinne des Wortes massiven Problem aufwarten. Wer den Audeze LCD-X das erste Mal in der Hand hält, wird von baulich bedingten Abmessungen und vor allem von dem sehr hohen Gewicht von fast 700 g geradezu erschlagen. Inwieweit dies Auswirkungen auf den Tragekomfort hat, wird der anschließende Praxistest zeigen.

Audeze LCD-X Profilansicht

Audeze LCD-X Profilansicht

Ungewöhnlich für einen Kopfhörer dieser Preisklasse ist die recht geringe Impedanz von nur 20 Ohm. Audeze weist explizit darauf hin, dass man Wert darauf gelegt hat, den Kopfhörer an nahezu jedem Device verwenden zu können. Wie allgemein bekannt sein dürfte, können Konkurrenten der „600er“ Ohm Klasse z. B. an einem iOS-Device oder Vergleichbarem kaum betrieben werden, sondern verlangen nach einem hochwertigen Kopfhörerverstärker.

Was in Sachen Klangwiedergabe durchaus eine Aufwertung bedeutet, ist in der Praxis allerdings zuweilen mit einigen Einschränkungen verbunden. Andererseits wird wohl jeder Produzent/Tontechniker, der bereit ist, einen Ladenpreis von knapp 1.400,- Euro auf den Tisch zu legen, ebenfalls einen entsprechenden separaten Kopfhörerverstärker sein Eigen nennen.

Die zusätzlichen technischen Daten des Audeze LCD-X lesen sich sehr imposant, wenngleich der Frequenzgang von 5 – 50.000 Hz bei „nutzbaren Schallpegelanteilen“ mittlerweile zumindest mich eher abschreckt als begeistert. Das ewige Zahlengeprotze der Hersteller oberhalb von 20.000 Hz ermüdet mittlerweile ungemein, zumal es keinerlei Nutzen für das menschliche Gehör aufweist. Vielleicht sollten sich gerade High-End-Hersteller einmal vor Augen halten, dass sie ihr Produkt damit eher ab- als aufwerten, da dieses Verhalten im Normalfall von der Low-End-Abteilung praktiziert wird, um ihren zumeist minderwertigen Produkten einen besseren Anstrich zu verpassen.

Die Bauweise des Audeze LCD-X

Der Kopfhörer hat eine offene Bauweise und teilt somit die bekannten Vor- und Nachteile dieser Bauweise mit vielen Konkurrenten. Einerseits kapselt diese Bauweise den Benutzer nicht komplett von der Außenwelt ab und kann sehr schön bei moderater Umgebungslautstärke benutzt werden, andererseits stören laute Instrumente wie z. B. Drums die Funktionsweise des Hörers. Da der Audeze LCD-X aber ohnehin für den Regieeinsatz im Bereich Mix und Mastering konzipiert wurde, erübrigen sich weitere Überlegungen in Sachen Einsatzgebiet.

Bei einem Kopfhörer mit diesen Abmessungen stellt sich natürlich auch die Frage des Transportes. Über eine spezielle Transport-Klappvorrichtung verfügt der Audeze LCD-X nicht, allerdings kann man mit einem Schraubendreher die Kreuzschrauben der seitlichen Haltestangen lösen und den Kopfhörer somit in drei Teile zerlegen. So kann der Hörer auch in vergleichsweise kleinen, rechteckigen Behältern transportiert werden. Ansonsten bliebe nur der Verpackungskarton, der allerdings mit den Abmessungen 31 x 19  x 26 cm vergleichsweise recht viel Platz in Anspruch nimmt oder aber der optional zu erwerbende Transportkoffer, der optisch ebenfalls Erinnerungen an Peli Cases aufkommen lässt.

Von der Verarbeitung und der Aufmachung her erinnert mich der Audeze LCD-X zuweilen an sowjetische Panzerfahrer, die in den typisch amerikanischen Blockbustern des kalten Krieges immer diese riesigen Kopfhörer aufhaben, die nahezu unverwüstlich waren. Ähnliche Attribute weist auch der Audeze LCD-X auf. Seine Verarbeitung ist für einen Kopfhörer extrem massiv und lässt auf eine sehr lange Haltbarkeit schließen. Ohrauflagen und Haltebügel werden je nach Bestellung aus veganem Alcantara oder aus der Haut eines toten Tieres gefertigt.

Das Zubehör des Audeze LCD-X

So wie der Hörer an sich in Sachen Robustheit auftritt, so gestaltet sich auch die Fertigung des Zubehörs. Die beidseitig geführten Kabel haben einen 4-poligen Mini-XLR-Stecker und vermitteln in ihrer geflochtenen und lackierten Ausfertigung den Eindruck, dass sie auch massive Fußtritte problemlos wegstecken können. Sämtliche Komponenten vermitteln eher den Eindruck, sie seien für den schweren Außeneinsatz in Afghanistan als für den entspannten Betrieb im Regieraum konzipiert.

Die Kabellänge beträgt ca. 2,5 m und endet in einem vergoldeten 6,35 mm TRS-Stecker. Um auch den Consumer-Bereich abzudecken, der gerne mit einer 3,5 mm Buchse arbeitet, liegt dem Kopfhörer zusätzlich ein ca. 20 cm langes Adapterkabel bei, das einen ebenfalls vergoldeten Stereo-Miniklinkenstecker aufweist.

Audeze LCD-X im Studio

Der Audeze LCD-X im Studio

Der Audeze LCD-X in der Praxis

Durch die offene Bauweise eignet sich der Audeze LCD-X erwartungsgemäß für Mix und Mastering. Der Betrieb im Aufnahmeraum, losgelöst von der Instrumentengruppe, wird durch die Einstreuung externer Klangquellen und auch durch das sehr hohe Gewicht eingeschränkt, womit wir direkt beim größten Problem des Audeze LCD-X angekommen sind. Natürlich ist jede Kopfform und jeder Tragekomfortanspruch individuell, aber das enorme Gewicht des Kopfhörers erschwert gleich mehrere Einsatzmöglichkeiten.

Zum einen drückt das Gewicht sehr stark auf Hals und Nacken, was zumindest bei mir eine längere, durchgehende Session unmöglich macht. Was bei mir persönlich allerdings noch mehr „ins Gewicht fällt“ ist die Tatsache, dass der Hörer, sobald man den Kopf nach unten senkt, um sich z. B. bei der Eingabe auf der Tastatur zu konzentrieren, aufgrund des Gewichts komplett vom Kopf rutscht. Auch das Verstellen des Tragebügels konnte hier nicht für Abhilfe sorgen. Rhythmische Kopfbewegungen, wie sie z. B. von einem Musiker während des Einspielens teilweise unbewusst vorgenommen werden, sind mit dem Audeze LCD-X völlig unmöglich.

audeze lcd-x

Ich erwischte mich sogar dabei, wie ich den Kopfhörer während des Probehörens regelrecht auf meinem Kopf balancierte, um ja keine Kippbewegung nach hinten oder vorne zu absolvieren, was ein entspanntes Arbeiten leider nicht ermöglichte. Ich möchte allerdings nochmals darauf hinweisen, dass dies rein subjektive Eindrücke sind, die je nach Nutzer völlig anders ausfallen können. Von daher kann ich nur jedem interessierten Anwender empfehlen, einen persönlichen Tragetest zu absolvieren. Ich hingegen kann diesen Kopfhörer aufgrund seines Gewichts leider nicht benutzen, da ich bereits nach 15 Minuten Kopfschmerzen aufgrund von Nackenverspannungen bekam.

Kommen wir nun zur Haben-Seite des Audeze LCD-X. Audeze schreibt in einem Beipackzettel, dass die Kopfhörer „eingebrannt“ (eingespielt) seien und keiner weiteren Behandlung bedürfen. Ob diese Behandlungen einen signifikanten Klangunterschied erzeugen oder es nur die Sehnsucht der Nutzer nach einen vergleichbaren Effekt wie das Einspielen eines Instruments aus Holz ist, möchte ich nicht weiter diskutieren, hier soll sich jeder selber ein eigenes Urteil bilden.

Der Audeze LCD-X wurde an meinem SPL Phonitor Mini Kopfhörerverstärker betrieben und musste gegen meinen Beyerdynamic T1 antreten, der seit vielen Jahren meine Referenz im Studio darstellt. Neben den üblichen Testtönen kamen mehrere Testmixe aus eigener und externer Produktion zum Einsatz.

Der erste Höreindruck gestaltete sich sehr positiv, da der Audeze LCD-X vom Grundklang dem Beyerdynamic sehr ähnlich war, wenngleich mehrere Details anders gezeichnet wurden. Frequenztechnisch wirkte der Audeze im Tiefbassbereich ein wenig wuchtiger, bildete aber auch den Hochtonbereich eine Spur schärfer aus. Insgesamt muss man das Klangbild des Audeze LCD-X als sehr druckvoll und ausgeglichen ohne jede Über- oder Unterbetonung bezeichnen.

audeze lcd-x

Bzgl. des Impulsverhaltens und der räumlichen Abbildung kann man dem Audeze LCD-X nur Bestnoten erteilen. Die Ansprache ist hervorragend, die Tiefenstaffelung ist über jeden Kritikpunkt erhaben. Selbst feinste Unterschiede im Klangbild werden sehr fein aufgelöst und lassen eine klare Beurteilung im Mix zu.

Fazit

Der Audeze LCD-X hinterlässt einen gespaltenen Eindruck, der zwischen hervorragenden Klangeigenschaften und unerträglichem „Tragekomfort“ hin und her pendelt. Mit einer räumlichen Auflösung der Extraklasse, voluminösem Grundklang und einem hervorragendem Impulsverhalten gehört der Kopfhörer zu dem Besten, was der Markt aktuell zu bieten hat, was er jedoch mit knapp 700 g Gewicht und einem wackeligem und anstrengenden Sitz auf dem Kopf wieder zunichte macht.

Es empfiehlt sich, eine ausdauernde Session mit dem Produkt zu absolvieren, um dann individuell zu entscheiden, ob man die Belastung aushält. Klanglich ist der Audeze LCD-X die Quälerei auf jeden Fall wert.

Plus

  • hervorragender Klang
  • sehr gutes Impulsverhalten
  • ausgezeichnete räumliche Abbildung

Minus

  • extrem hohes Gewicht
  • wackeliger Sitz
  • keine Transportbox im Preis mit inbegriffen

Preis

  • Ladenpreis 1.359,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    swellkoerper  AHU

    Das ist schon ein vernichtendes Urteil von einem amtlich beglaubigten Headbanger. Der Onkel Siggi hatte einst ein anderes Modell der Marke als „Trümmer“ bezeichnet. Ich werde die Entwicklung der Elektrostaten aber genau im Auge behalten seit ich auf einer HiFi-Expo begeistert einen Hifiman-Hörer probieren durfte.

  2. Profilbild
    Coin  AHU

    Welch ein gnadenlos kritischer Test.
    Habe schon länger auf einen Audeze Artikel gewartet
    und der Test hat mir hier sehr gut gefallen.
    Einige Wissenslücken wurden gefüllt
    und nun bleibt wohl nur, den Kopfhörer mal Probe zu tragen.
    Danke Axel.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      gerne doch, danke für das Lob. Grüße aus Santiago de Chile 🇨🇱, bin gerade auf Südamerika Tour.

  3. Profilbild
    Claudia

    Das erinnert mich an die alten KOSS Kopfhörer (Phase 2 e.t.c.) oder den elektrostatischen Jeklin Float,.
    Da hätte man auch knapp ein Kilo auf dem Kopf und der Float sah beinahe aus wie ein Helm.

    Grüsse:

    Claudia

  4. Profilbild
    Hotzenplotz

    Besitze den Audeze. Er ist schwer, aber auf Grund des doch recht breiten Bügels empfinde ich das Gewicht des Hörers als nicht zu unangenehm. Als unangenehmer empfinde ich die Wärme, die sich bei längerem Hören unter meinen Lauschern bildet. Der Klang? Teile die Meinung, ist schon erste Sahne. Alles wird sehr stimmig übermittelt. Der Kaufpreis ist allerdings hifitypisch happig.

  5. Profilbild
    Franz Walsch  AHU

    Wenn man sich umhört, so findet man diesen Anbieter (fast) nie in Nähe eines Studios.
    »Audeze« und ähnliche Hersteller wie z. Bsp. »Hifiman« oder »Stax« finden ihr Hauptklientel bei den »HiRes-Consumern«. Ein riesiger Markt mit sehr sehr teueren Kopfhörern und den Verstärkern dazu. Man muss sich nur einmal bei »Headphonia« und »Head-fi« umschauen.
    Ich habe meine gesamte Abhör- und Musikhör- Technik auf »Studiotechnik« umgestellt und so sehr viel Geld gespart.
    Merke – Besser als im Studio kann Musik zu Hause gar nicht klingen – nur anders.
    Natürlich hört jeder Mensch anders und so erklärt sich die Vielzahl von Kopfhörern.

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