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Test: Kurzweil KM88, Masterkeyboard & Midi-Controller

4. August 2021

Hält der Midi-Controller KM88, was der Name Kurzweil verspricht?

Nach vielen Jahren präsentiert Kurzweil (wieder) einen reinen Midi-Controller, das KM88. Können 88 Tasten mit Hammermechanik in unserem Test überzeugen? Vor 32 Jahren (1989) erfand Kurzweil, damals noch die Firma des Gründers Ray Kurzweil, das Midiboard (Link zum Artikel), ein Midi-Schlachtschiff. Ist das KM88 ein Nachfolger? Kurzweil wurde 1990 vom koreanischen Klavierbauer HDC Young Chang übernommen. Bei der Neuvorstellung des KM88 wird es als erster reiner Midi-Controller vorgestellt; das Midiboard wird (leider) einfach nicht als Vorläufer erwähnt. Da ich ein Midiboard besitze, war ich natürlich sofort angefixt. Ich bin gespannt, welchen Ansprüchen der Kurzweil Midi-Controller KM88 im digitalen Studio genügt. Nach der Ankündigung im März 2021 hat es bis zur Auslieferung noch bis Anfang Juli gedauert. Es war für uns Nutzer von Vorteil, denn der ursprünglich anvisierte Preis von 729€ ist nun auf 529€ gesenkt worden, wohl auch mit Blick auf die Konkurrenz.

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KURZWEIL MIDI-Controller KM88 – Kundenkreise

Wer kauft 88 Tasten mit Midi-Anschluss?

Hält man nach einer großen Klavier-ähnlichen Tastatur Ausschau, dann sind unbedingt die 88 Tasten und eine Hammermechanik ein Muss. Soll es eine Standalone-Lösung sein, die den Sound gleich mitliefert, oder reichen angeschlossene Hardware- oder Software-Instrumente?

Kurzweil Midi-Controller KM88 und Midiboard

Kurzweil Midi-Controller KM88 und Midiboard

Jeder Keyboarder verbindet mit Hammermechanik sofort den Klang und Anschlag eines ausgewachsenen Klaviers oder Flügels. Aber Halt: Midi und nur Midi?!!! Nun, das Kurzweil KM88 ist ein reiner Midicontroller, also ohne eigene Sounderzeugung.
Ja, ein Klang ist (zunächst einmal) ausgeschlossen. Ein Controller hat als einzige Aufgabe, die Kontrolle über möglichst viele und sinnvolle Midi-Nachrichten zu haben. Somit ist für den Kunden klar: KM88 ist keine Standalone-Anschaffung, sondern eine Ergänzung zu Klangerzeugern, sei es durch ein oder mehrere Racks oder entsprechender Software auf einem Laptop.

Es sind die Studiomusiker und/oder Livemusiker angesprochen, die schon ein begleitendes Equipment besitzen oder anschaffen wollen.

Geht man nur von der Werksbeschreibung aus, dann handelt es sich um eine 88 Tasten RPHA (Real-Piano-Hammer-Action) Hammermechanik Tastatur (voll gewichtet). Im obigen Bild findet man oberhalb vom KM88 noch das alte Midiboard.

Kleiner Exkurs zur Hammermechanik

Ein 88-Tasten-Midicontroller ist kein Klavier! Wie komplex eine Klavier-Hammmermechanik sein kann, entnimmt man dem folgenden Bild:

Wikipedia: Repetitionsmechanik eines Klaviers

Wikipedia: Repetitionsmechanik eines Klaviers

Wer darüber mehr erfahren möchte, findet einen interessanten Artikel bei Wikipedia (Link zum Artikel).

Will man nicht ein echtes Klavier oder gar einen Flügel kaufen, dann bleibt einem die Emulation:

Aufschlussreich ist mal ein kurzes Video über die Tastaturen der MP-Series von Kurzweil (ich wünschte, ich könnte so gut Klavier spielen können ;) ). Interessant ist, wie der Pianospieler verschiedenste Anwendungen (des Popbereichs) auswählt – ein guter Querschnitt. Wer selbst vor einem Kauf Tastaturen anspielt, sollte unbedingt seine Lieblingsstücke antesten.

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Unschwer erkennt man die Kompaktheit gegenüber der „echten” Klaviermechanik. Ein wichtiges Kaufargument ist die Reproduzierbarkeit des Anschlags, auch das persönliche Empfinden  gegenüber der Emulation. Leider gibt es keine detaillierten Abbildungen der RPHA-Tastatur des KM88, aber ich gehe davon aus, dass das Prinzip ähnlich ist. Ich bin daher bei diesem Test nur auf meinen subjektiven Eindruck angewiesen.

Kurzweil Midi-Controller KM88 – Preis: 529,-€

Der Preis ist ein wichtiges Kriterium, aber es ist ungewöhnlich, dass ich in meinem Test diesen schon am Anfang betrachte. Man kann immer das Maximale fordern. Ich kann ein alltägliches akustisches Klavier für 2-3 Tausend Euro (und mehr) kaufen oder einen Steinway. Ich kann eine Hammertastatur für knapp 400€ oder auch ein Stage-Piano ab 3000€ in Betracht ziehen. Man hat die Qual der Wahl. Für sehr hochwertige Stage-Pianos möge man sich den wundervollen, sehr ausführlichen Test- und Kaufbericht von Costello (Link zum Artikel) an einem gemütlichen verregneten Sonntagnachmittag gönnen.

529,-€ sind eher im unteren Bereich der Mittelklasse von 500€-1200€ angesiedelt, zumal es sich ja um einen reinen Midi-Controller handelt. D.h., bis man auch ein Klavier hört, sind zusätzliche oder schon vorhandene Anschaffungen nötig (man vergesse auch nicht die Fußpedale!).

Kurzweil Midi-Controller KM88 - 88 Tasten laden zum Spielen ein

Kurzweil Midi-Controller KM88 – 88 Tasten laden zum Spielen ein

Sucht man in dieser Preiskategorie, dann hat man einen Kompromiss schon akzeptiert; trotzdem möchte man ja Spielfreude verspüren und seinen Ansprüchen genügen – und niemals sollte man vergessen, ob das eigene Spielvermögen dem Instrument entspricht. Auch die beste Tastatur macht aus einem Pop/Rock-Spieler noch keinen Konzertpianisten.
Schnell findet man über die Spezifikationen heraus, dass beim Vergleich die Hauptkriterien, nach denen man Ausschau halten sollte, die Zahl der Split-/Layerzonen, der speicherbaren Presets, der Pedaleingänge, der Sensoren pro Taste, Aftertouch (?), die Software und das Gewicht sind.

Kurzweil KM88 bietet hier 4 Split-/Layerzonen, 8 Factory-Multipresets, 120 User-Presets (programmierbar per mitgelieferter Software), 3 Pedaleingänge, 7 Anschlagsdynamiken (Velocity-Empfindlichkeit per Software wählbar), 2 Sensoren pro Taste, keinen Aftertouch, was allerdings für einen Klaviersound auch nicht nötig ist, bei einem noch akzeptablem Gewicht von 18kg.

Kurzweil Midi-Controller KM88 – Erscheinungsbild

Die Maße 139cm x 32cm x 12,5cm und das Gewicht von 18kg sind schon mal ein Anspruch oder vielleicht auch ein Hemmnis? Man benötigt Platz und einen Träger, wenn man mobil sein möchte. Naja, wünscht man sich 88 Tasten, dann ist der Platz schon eingeplant. Der äußere Eindruck ist sofort: hier wurde nicht am Gewicht gespart – ein hochwertiger Controller. Ein sehr kleiner Wermutstropfen: dem aufmerksamen Betrachter der obigen Gesamtansicht wird nicht entgangen sein, dass die Taste ganz links einen kleinen Einblick in die innere Mechanik freigibt – ein etwas unschönes Designmanko. Das Gewicht spricht aber dafür, dass die Tastatur anspruchsvoll ist, also alles wie gewünscht?

Ein Midi-Controller erzeugt keine Klänge, sondern sendet (oder empfängt eventuell auch) Mididaten. Neben den Tasteninformationen (Tonhöhe, Velocity) gibt es noch 6 programmierbare Buttons (z.B. für Presetwechsel, Transponierung um Halbtöne, Steuertasten (Start/Stop) für eine DAW), XY-Joystick (Pitch und Modulation)

KM88 Bedienelemente

KM88 Bedienelemente

… als auch Eingangsbuchsen für Ausdruck-, Switch- und Sustain-Pedale, Midi-DIN-Out und USB-B Port. Löblich ist der Ein/Aus-Schalter; leider gibt es kein internes Netzteil (ein externes Netzteil ist nicht im Lieferumfang) Über den USB-B Port kann man direkt eine Verbindung zum Laptop/Desktop finden. Die Stromversorgung reicht hierüber vollkommen aus.

Anschlüsse der Rückseite

Anschlüsse der Rückseite

KM88 unterstützt bis zu vier Tastaturzonen, die sich auch überlappen können. Wie die Informationen der einzelnen Zonen benutzt werden, hängt von den angehängten Klangerzeugern ab. KM88 ist vorbereitet sowohl für Hardware- als auch für Software-Expander. Möchte man Hardware einbinden, so wird man eine MIDI-Kette über die DIN-Buchsen erstellen.

Die einzelnen Hardwarexpander können verschiedenen Midikanälen zugeordnet und von entsprechenden Zonen der Tastatur gesteuert werden – sehr praxisnah und praktisch.

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KM88 – Praxis

Ich teste hier nur mit Hilfe der DAW Logic Pro.

Ich möchte eine sehr einfache Anwendung vorstellen, insbesondere für diejenigen, die ihren Synthesizer zum ersten mal durch einen zusätzlichen Midicontroller ergänzen möchten: Ich belasse es bei einer Zone und verteile zwei Klangfarben (Flügelklang und Bass) auf zwei Kanäle der DAW. Für meinen ausschließlich privaten Livebetrieb zu Hause ist das die häufigste Konstellation.

Splitpunkt bei G1

Splitpunkt bei G1

Damit ich trotzdem zwei getrennte Spielbereiche habe, muss ich die Trennung in Logic vornehmen. Der Splitpunkt soll bei G1 liegen.

Logic Pro Spur 1 G1-C8

Logic Pro Spur 1 G1-C8

Ganz wichtig ist bei solchen „Experimenten”, dass man sich mit Midi-Transformationen beschäftigt. Obwohl ich schon lange mit Logic und auch anderen DAWs arbeite, sind mir solche Einstellungen nicht immer einsichtig – probieren geht über studieren.

Logic Pro Spur 2 A-2 - F#1

Logic Pro Spur 2 A-2 – F#1

Beim Bass auf der zweiten Spur muss man beachten, dass der Notenbereich in der Regel nicht mit der Position auf dem Midi-Controller übereinstimmt, daher die Transposition um +12 Halbtöne.
Es hat mich einen Nachmittag gekostet, um eine solche Konstellation mal wieder :( zu erforschen. Einmal darüber schlafen, schafft die nötige Klarheit. Man muss einerseits den möglichen Notenbereich des Klangerzeugers beachten, andererseits auch die Position verschieben, so dass ich auf dem Keyboard auch nicht mit dem Flügelklang kollidiere. Bei der Verknüpfung von Hardware und Software muss man sich immer wieder auf’s Neue den Signalverlauf vergegenwärtigen – nichts für Anfänger, aber machbar. Die beschriebene Kurzanleitung soll also nicht abschrecken, sondern ermutigen, sich damit zu beschäftigen.

Kurzweil Midi-Controller KM88 – Wohlgefühl

Nachdem ich ein wenig herumgeklimpert habe, geht es jetzt an die Tastatur. Natürlich ist bei einem 88 Tasten Midicontroller die Tastatur das wichtigste und ja, man möchte damit auch Klavier spielen können, wenn schon ein wirkliches Pianospiel in der Werbung angekündigt wird.

Im Testaufbau habe ich drei Midicontroller gleichzeitig zur Verfügung: NI Komplete Kontrol S61 (KK S61) von NI, Kurzweils Midiboard und natürlich das KM88:

KM88 im Keyboard-Park

KM88 im Keyboard-Park

KK S61 hat eine normale Synthesizertastatur mit (Channel-) Aftertouch. Es ist vernünftig, einen „normalen” Synthesizer mit einer großen gewichteten Tastatur zu ergänzen, wenn man ausdruckstarkes Spiel wünscht. Die vier möglichen Splitzonen des KM88 (eine mehr als beim Midiboard) sind sinnvoll, wenn man einen großen Expander-Park besitzt, eine DAW mit vielen Softwareinstrumenten oder gar mit Hilfe eines Midi-CV-Interfaces mehrere Module im Eurorack  gleichzeitig über eine Midi-CV-Interface bedienen möchte. Im Gegensatz zum KK S61 sind sowohl das Midiboard als auch das KM88 mit längeren Tasten ausgestattet, bei normaler Breite. Beim Anspielen des KM88 fällt ein angenehmer Druckwiderstand auf, das Midiboard ist etwas leichtgängiger. Das ist aber abhängig von persönlichen Vorlieben. In jedem Fall sollte man beim Kauf einer gewichteten Tastatur mehrfach vergleichen und testen, ehe man sich für eine Tastatur entscheidet.

Das gilt übrigens für akustische Instrumente ebenso. Auch akustische Instrumente haben unterschiedliche Druckpunkte und hinterlassen ein unterschiedliches Anschlagsgefühl. Mein Klavier aus Kindheitstagen war ein Yamaha M5J, das ich als äußerst leichtgängig in Erinnerung habe. Ein später benutztes Klavier von Bentley, war dagegen überhaupt nicht mein Ding.

Es wird also einen Unterschied geben. Als oberste Regel gilt: testen, testen und nochmals testen und zwar mit seinen Lieblingsstücken, also z.B. Balladen, perlernde Soli oder kraftvolle Stakkatoakkorde, Rock, Pop und Klassik mit unterschiedlichem Ausdruck (Velocity) etc.. Man muss wissen, welche musikalischen Ansprüche man stellt und welche spielerischen Fähigkeiten man besitzt.

Die Qualität der KM88-Tastatur ist gut. Ich hatte sofort ein angenehmes Spielgefühl, und nach mehreren Testtagen blieb das Wohlgefühl des ersten Anspiels, wenn auch das 32 Jahre alte Midiboard immer meine Lieblingstastatur bleiben wird. Man muss andererseits immer im Auge behalten, dass das KM88 nur 599 € kostet; das Midiboard kostete damals ca. 5000 DM.

Der Kurzweil Midi Controller KM88 hat Plastiktasten, d.h. das Pianotastengefühl kommt nicht vom Eigengewicht einer Holztastatur, sondern von der Kunst, dass es möglichst „naturnah” an das Original durch Dämpfung, Gewichtung und Rückstellgeschwindigkeit herankommt. Leider gibt es keine Informationen von Seiten Kurzweils über den inneren Aufbau, also kann ich nur meine allgemeinen Eindrücke hier wiedergeben.

Klaviertastengefühl

Klaviertastengefühl

Allgemein gewinnt man den Eindruck, ein Klavier unter den Fingern zu haben. Die Tasten haben wenig Spiel zur Seite (ca. 0,5mm). Hier habe ich mal die C-Taste nach rechts gedrückt. Da wackelt nichts.

sehr geringer Seitenschub der Tasten

Sehr geringer Seitenschub der Tasten

Die Tastatur ist im Anschlag angenehm, mittelschwer. Lediglich beim Stakkato von Dreiklängen ermüdet die Hand nach Mehrfach-Wiederholung, so dass man etwas trainieren muss, aber das ist normal. Perlende Improvisationsphasen gehen dafür locker und schnell von der Hand.

Die Repetiergeschwindigkeit einer Note ist konstruktionsbedingt nicht so schnell wie bei einer teueren 3-Sensorentastatur. KM88 besitzt nur zwei Sensoren (wie auch eine Synthesizertastatur), um einen NoteOn- und einen NoteOff-Befehl zu übertragen. NoteOff geschieht ca. 1 mm unterhalb der Ruheposition, beim Midiboard schon etwa 1mm oberhalb des unteren Anschlags. Mit zwei Fingern (Daumen und Zeigerfinger) kann man dabei sehr schnell einen Anschlag derselben Taste vollziehen. Der Daumen zieht nach dem Anschlag direkt zum Körper hin, der Zeigefinger schlägt nach.

Kurzweil Midi-Controller schnelles Repetieren

Kurzweil Midi-Controller schnelles Repetieren

Ich führe einen kleinen Geschwindigkeitstest durch und versuche ein schnelles Repetieren mit allen drei Keyboards. Das ist nicht professionell, aber so schnell ich konnte. Man hört zunächst das KK S61, dann das Midiboard und zum Schluss das KM88. Damit man die Anschläge besser vergleichen kann, habe ich nachträglich die Tonhöhe in Logic verändert, so dass man die Instrumente besser unterscheiden kann. Die Quantisierung habe ich ausgeschaltet. Das Notenbild ist natürlich nicht nachbearbeitet, sondern erfolgt von Logic Pro automatisch.

Repetitionen - Events

Repetitionen – Events

Repetitionen - Noten

Repetitionen – Noten

Man hört sehr gut heraus, dass die speziellen Sensoren des Midiboard viel leichtgängiger reagieren. Das ist aber auch eine Besonderheit des Midiboards. Die Tastatur des KK S61 ist noch schnell, da sie nicht gewichtet ist, aber akzeptabel. KM88 kann nicht so schnell reagieren. Die zwei Sensoren und die Dämpfung schaffen den schnellen Wechsel nicht, es hakelt. Nun, das Repetieren ist sicherlich nur ein kleines Auswahlkriterium und wahrscheinlich für 95% aller Keyboarder völlig unwichtig, aber ich wollte dies einfach mal ausprobieren.

Nach diesem Testausflug wird man aber belohnt durch Zeit zur Muße (gespielt auf dem KM88):

KM88 – Fluch und Segen weniger Bedienelemente

Buttons, Fader und Joystick

Buttons, Fader und Joystick

Die Ausstattung des KM88 mit Bedienelementen ist spartanisch: sechs Buttons, ein Fader und ein XY-Regler, wenn man so will Übersicht pur. Das erstaunt zunächst einmal, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Midi-Controller handelt – keine Fader, Regler oder Pads. Hier ist die Konzentration auf das Wesentliche Programm. Nichts soll das unbeschwerte Spielen auf der Tastatur stören. In dieser Preislage gibt es mehrere ähnliche Controller. Trotzdem kann man über die mitgelieferte Software das KM88 virtuell um 9 Fader, 9 Drehregler und neun Taster pro Zone (!) erweitern. Wenn diese reale Bedienelemente wären, dann wäre man weit in einer anderen Preiskategorie – Kompromiss.

Der Editor ist überraschend reichhaltig, um nicht zu sagen, erschlagend. Man kann sich vor einem eventuellen Kauf schon die Software (ab Windows 10, MacOs) und das passende ausführliche Handbuch dazu laden (Link zum Editor ab Windows 10, Link zum Editor Mac, Link zum Editor-Handbuch).

Für den schnellen Einstieg bietet der Editor in den globalen Einstellungen 8 Werkspresets (Multis, grüner Rahmen), mit denen man schon die Hauptanwendungen (Splitting, Layering) direkt abrufen kann. Die Bedientasten P1 und P2 ermöglichen auch Hardware-mäßig ein Durchsteppen. Unbedingt sollte man eine für die persönlichen Vorlieben geeignete Velocity-Map (gelber Rahmen) auswählen. Unter den sieben Maps sollte für jeden etwas dabei sein. Mir gefiel Light 3 am besten.

Für diejenigen, die eine Keyboard-Burg im Stil von Joan-Michel Jarre oder Keith Emerson aufstellen wollen, kann man bis zu vier KM88 (System Id roter Rahmen) verwalten.

KM88 Editorprogramm Programmierung der globalen Einstellungen

Programmierung der globalen Einstellungen

Jede Zone kann über jeweils vier (!) Editier-Seiten umfangreich programmiert werden. Die vorgegebenen Multis sind dabei eine sehr gute Hilfe, um Veränderungen mit Copy und Paste die Einstellungen in den 120 freien Multis abzuspeichern. Hier mal beispielhaft zwei Seiten einer Zone:

Zonenprogrammierung Seite 1

Zonenprogrammierung Seite 1

Wichtigste Parameter sind hier Key Range und Transposition (gelber Rahmen), insbesonders, wenn man mehrere verschiedene Klangquellen ansteuern möchte. Übrigens sollte man auch bei Software-Instrumenten bedenken, dass sie zwar oft nur einen Tonumfang von 5 Oktaven haben, aber zusätzlich auch noch eine weitere Oktave für Klangartikulationen bereitstellen. Ich habe mich auch damit anders beholfen, indem ich ein weiteres kleines 25 Tasten Keyboard KK S25 zusätzlich neben mein KK S61 benutze (siehe oben den Keyboard-Park im Bild). Die 88 Tasten des KM88 sind natürlich viel praktischer. Individuell lässt sich die Zone noch in verschiedenen Artikulationsbereichen einschränken (roter Rahmen). Obligatorisch sind Midi-Kanal und Midi-Ausgang wählbar (grüner Rahmen).

Zonenprogrammierung Seite 4

Zonenprogrammierung Seite 4

Die Seite 4 ist interessant: Hier kann man für einzelne Tasten Akkorde mit bis zu 8 Tönen festlegen, quasi eine Akkordbegleitung programmieren.

Und wie steuert man nun das ganze in einem Liveset? Da hatte ich vor dem Test etwas Bedenken. Zusätzlich soll neben der DAW noch ein weiteres Programm laufen? Braucht man noch einen zweiten programmierbaren Hardware Controller für den Editior im Play-Modus? Das hängt nun wirklich von dem Equipment ab, das man hinter das KM88 hängt: ist es ein Hardware-Rack oder ein Software-Instrument? In jedem Fall sind diese Geräte ebenfalls in eine Umgebung eingebunden und benötigen von sich aus unter Umständen einen Midi-Controller. Insofern ist das nicht das Problem vom KM88. Läuft alles über eine DAW, dann hat man ohnehin auch dort keine Hardware, benötigt also ebenfalls einen Hardware Controller. Da sind die Wünsche einfach viel zu speziell, als dass man sie hier in diesen Test auch noch erörtern sollte. Ich verweise mal auf die eigene Erfahrung und Geduld des Anwenders. Kurzweil bietet für seine anderen Tasten-Instrumente auch iPad-Apps an. Ich habe das mit Hilfe eines kleinen Tricks mit meinem MacBook Pro umgangen, indem ich das iPad als zweiten Bildschirm benutzte; das funktioniert, wenn man noch einen Apple-Pencil besitzt:

Steuerung über ein iPad mit Pencil

Steuerung über ein iPad mit Pencil

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Fazit

Im Rückblick bin ich selbst erstaunt, wie lang dieser Testartikel geworden ist. KM88 ist aber kein Midi-Klimperkasten, sondern ein ausgefuchstes System, zwar mit nur wenigen Bedienelementen, aber mit guter Hammermechanik, großem Tastaturumfang und sehr umfangreichem Editor/Play-Programm, das keine Wünsche übrig lässt. Es stellt sich sofort ein angenehmes Spielgefühl ein, mit kleinen konstruktiv bedingten Einschränkungen in der Repetiergeschwindigkeit. Das Gehäuse macht einen edlen und absolut soliden Eindruck.

Entsprechende Klangquellen, seien es Hardware Racks oder Softwareinstrumente, lassen sich nach Einarbeitung in die Midiwelt schnell einbinden. Insbesondere die vorprogrammierten Werksmultis helfen hier immens.

Der Preis im Bereich der unteren Mittelklasse ist eine Überlegung wert, wenn man in die Welt der 88 Hammermechanik einsteigen möchte.

Ich hätte allerdings noch zwei Wünsche: Kurzweil sollte überlegen, ob man nicht zusätzlich noch einen reinen Midi-Controller der Oberklasse (3 Sensoren pro Taste, Aftertouch, 9 Hardware-Fader und Buttons und Menüauswahl) anbietet, oder eine einfachere Lösung: eine Midi Controllerbox nur mit Fadern, Reglern und Buttons und Zonenumschalttasten, mit der man die virtuellen Bedienelemente auch real benutzen kann. Aber gut, dann kann man sich ja auch gleich ein K2700 für 3000€ zulegen.

Plus

  • angenehmes klavierähnliches Spielgefühl
  • klaviergroße hochwertige Tasten, geringes Eigengeräusch
  • vier Tastaturzonen (auch überlappend und programmierbar), 8 vorprogrammierte Standardanwendungen, 120 programmierbare Multis
  • sehr komfortables und umfangreiches Editor-Programm, sowohl für Einsteiger (sinnvolle vorprogrammierte Multis) als auch für komplexestes Midi-Routing für fortgeschrittene Midi-Experten
  • niedriger Preis

Minus

  • sehr wenige Bedienelemente
  • Joystick pendelt im Gegensatz zu zwei Modulationsrädern in die Ausgangsstellung zurück
  • Repetiergeschwindigkeit konstruktionsbedingt (2 Sensoren) etwas reduziert
  • Editor für iPad noch nicht veröffentlicht

Preis

  • 529€
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Filterpad  AHU

    Der Schlitz seitlich erscheint äußerst merkwürdig. Ist es doch eine Behausung für Staub und Insekten jeglicher Art. Ansonsten macht es einen sehr hochwertigen Eindruck.

    • Profilbild
      herw  RED

      Es sieht schlimmer aus, als es ist. Vor der Öffnung ist eine 5mm hohe schwarze Abdeckung neben den Bedienelementen. Im Bild sieht es so aus, als ob es eine große Öffnung wäre. Dem ist aber nicht so. Auf der rechten Seite ist es wesentlich geringer; also etwas unsymmetrisch eingebaut? Aber es sprang mir ins Auge, da ich im Video zur Hammermechanik das Innere offenliegend sah. Sonst wäre es mir wohl nicht aufgefallen. Trotzdem sieht das Midiboard (bei wesentlich höherem Preis in dieser Hinsicht edler aus.Vielleicht bin ich da aber auch etwas sehr pingelig. Die inneren Werte sind wichtig und KM88 hat mich positiv überrascht.

      PS: Abschnitt „Wohlgefühl” des Artikels wird noch versehentlich ein Preis von 599€ erwähnt. Während des Lektorats wurde der Preis auf 529€ nochmals um 70€ gesenkt.

  2. Profilbild
    ukm  

    Da ist aber ein gewaltiger Unterschied im Repetierverhalten. Ich würde ein Gerät, das sich diesbezüglich so verhält, wohl eher nicht kaufen.
    Ob man mit einer Software Splitzonen oder sonstwas einstellen kann, ist mir egal. Das kann man extern machen, bei mir mit Cantabile3 (live) oder mit Studio One Multi-Instrumenten.

    • Profilbild
      herw  RED

      Die Ansprüche sind in diesem Preissegment verschieden. Ich hätte auch einfach schreiben können: „Der Anschlag könnte etwas zackiger sein.” , ohne zu testen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass man jedes Keyboard, insbesondere, wenn es eine Hammermechanik hat, unbedingt anspielen soll. Das gilt für alle Keyboards. Andere legen Wert auf das Klaviergefühl, das bei einem Synthkeyboard überhaupt nicht aufkommt, außer man beschränkt sich auf einfache Baladen. Man darf sich vom Klang der Softsynthesizer nicht täuschen lassen.
      Das Repetieren war für mich der einzig problematische Punkt.
      Wichtig ist aber immer: Wie fühlt sich die Tastatur unter meinen Fingern an? Klingt es nur wie ein Konzertflügel oder fühlt es sich auch so an?

      • Profilbild
        ukm  

        Ich habe jetzt gar nicht auf das Preissegment geschaut. Von allen Tastaturen, die ich bisher gespielt habe, hat mir die vom Doepfer LMK2+ am besten gefallen.
        Bei allen neueren Keyboards (auch im gehobenen Preissegment) muss man jetzt genau hinschauen und testen. Offenbar ist es doch nicht so einfach, leichtere Tastaturen zu bauen, die mit den alten Referenzgeräten mithalten können.

  3. Profilbild
    moinho  

    Im Zusammenhang mit dem Ende des Fazits: ist von Amazona ein Test des K2700 geplant? Am besten von einem Autor, der den Zusammenhang zu den alten Familienmitgliedern (K2000/2500/2600 in allen ihren Varianten – live sampling, anyone?) herstellt…

  4. Profilbild
    gaffer  AHU

    „keinen Aftertouch, was allerdings für einen Klaviersound auch nicht nötig ist“

    Sorry herw, das genau ist die Crux. Wer kauft ein Masterkeyboard, um damit (nur) Klavier zu spielen? Ich hoffe, niemand. Mit genau diesem Argument wird der fehlende Aftertouch immer entschuldigt. Ist aber (für mich) genau das Killerkriterium. Sie können es ja auch besser. PC 88 des gleichen Herstellers hat Aftertouch, Wheels, 4 Pedaleingänge, 2 Taster, Zonenverwaltung UND Kla4 an Bord! Es geht also. Sucht nach dem PC 88, das habe ich schon mehrfach geschrieben, ich weiss. Meines hat 200 € gekostet, für 300 findet man es allemal und hat ein RICHTIGES Masterkeyboard.

    • Profilbild
      herw  RED

      „Wer kauft ein Masterkeyboard, um damit (nur) Klavier zu spielen? ”
      Die Eigenschaft „Masterkeyboard” wurde leider ergänzt und stammt nicht von mir (google hat gerne mehr Stichwörter). Ich sehe KM88 auch nicht als Masterkeyboard und habe es deshalb nirgendwo erwähnt.
      Bei einem Preis von 529€ muss ich aber auch fair sein. Das habe ich ausführlich im dritten Abschnitt dargelegt und bewusst vorangestellt.
      Ich könnte auch CME Xkey Air 25 mit polyphonem Aftertouch (!) für 180€ testen. Es ist alles ein Sache des Preises und Bedarfs. Wie ich unter dem Abschnitt „Kundenkreis” erläuterte, muss ich davon ausgehen, dass schon ein normaler Synthesizer mit Aftertouch vorliegt.
      Nicht jeder hat Lust nach dem PC88 bei eBay danach zu suchen (PC88 ist von 1994 und kostete 5600DM) und vielleicht Gefahr zu laufen, dass vielleicht doch Macken dran sind?

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