Test: sE Electronics sE8 Omni Stereo Set, Kleinmembran Kondensatormikrofon

8. Januar 2021

Preis-Leistungs-Wunder-Mikrofon

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sE Electronics sE8 Omni Stereo Set, Kleinmembran Kondensatormikrofon

Nach einer Wartezeit von knapp drei Jahren veröffentlicht sE Electronics das sE8 Kleinmembranmikrofon nun endlich auch mit Kugel-Charakteristik. Ende 2017 kam die Nieren-Version auf den Markt und diese hat die Fachwelt gehörig aufgewirbelt. Der deutliche Qualitätssprung, den sE Electronics mit diesen Stäbchenmikros vollzogen hat, war eine Kampfansage an die altbekannten Platzhirsche der Branche. Kann das neue Omni Modell hier mithalten?

sE8 der Geheimtipp

Unser Autor Onkel Sigi hatte das sE8 bereits Ende 2017 im Test, Kollege Chris Pfeil lieferte letztes Jahr noch einen Vergleichstest zwischen dem sE7 und sE8 nach. Beide zeigten sich sichtlich begeistert. Ich selbst besitze ein Stereo-Set der Nierenvariante, das mir seit knapp drei Jahren gute Dienste leistet. Es ist ein vollwertiges, sehr gut verarbeitetes Audiowerkzeug, das sich mit seiner sehr neutralen Abbildung für viele Einsatzzwecke anbietet. Für mich persönlich ist das sE8 DER Geheimtipp im Preisbereich unter 1.000,- Euro und daher freue ich mich nun darauf, die neue Kugelkapsel testen zu dürfen.

sE Electronics sE 8 Omni

Beim Stereo-Set des sE8 Omni gibt es einen soliden Koffer gratis mit dazu

Bereits 2017 fand sich auf der Verpackung der Hinweis, dass es in naher Zukunft eine Kugel-Variante erscheinen wird. Gut Ding will bekanntlich Weile haben und sE veröffentlicht Mikrofone bekanntlich erst, wenn man wirklich damit zufrieden ist. Beim Großmembran-Mikrofon sE RNT beispielsweise, das in Zusammenarbeit mit Rupert Neve entwickelt wurde, dauerte die Entwicklung knapp zehn Jahre.

Laut Recherche ist Siwei Zou, Chef von sE Electronics, ein klassisch ausgebildeter Musiker und arbeitete auch als Dirigent und Komponist. Vielleicht kommt daher auch der gehobene Qualitätsanspruch. Ich bin jedenfalls gespannt, ob sich das Warten auch hier gelohnt hat.

sE8 Omni und Niere: Die modulare Welt

Gebaut wird das sE Electronics sE8 im eigenen Werk in Shanghai. “Im eigenen Werk” wird von Seite des Herstellers häufig betont, denn sE Electronics lagert die Produktion nicht an andere chinesische Großhersteller (wie 797 Audio, Alctron, Feilo, ShuaiYin etc.) aus, die unzählige Mikrofone für Hersteller mit Rang und Namen produzieren. Entwicklungsarbeit, Zusammenbau der Kapseln und Elektronik, Messung sowie die Metallverarbeitung – all das geschieht unter einem Dach und darauf ist man bei sE stolz. Gerade auch das wichtige Thema Qualitätskontrolle, bei dem sich bei chinesischen Mikrofonen die Spreu vom Weizen trennt, scheint man hier sehr ernst zu nehmen.

sE Electronics sE 8 Omni

Der Lieferumfang ist komplett, die Mikrofone und das Zubehör sind sehr gut verarbeitet

Die sE Serie ist ähnlich zur Schoeps Colette oder Oktava Mk 012 Serie als modulares System ausgelegt. Die Kapsel lässt sich also vom Speiseteil abschrauben und bei Bedarf wechseln. Es ist daher zu hoffen, dass der Hersteller in Zukunft noch weitere Kapseln, etwa in Superniere oder Acht veröffentlicht. Das eigentliche Verstärkerteil des sE8 Omni ist identisch zu jenem der Nierenversion. Neben einem Stereo-Set und der Einzelvariante lässt sich die Omni-Kapsel auch separat erwerben und ein eventuell bestehendes sE8 um die Kugelcharakteristik erweitern.

Der deutsche Vertrieb Mega Audio hat mir für den Test eines der ersten am Markt erhältlichen Stereo-Sets zugeschickt. Beim Thema Lieferumfang ändert sich nichts im Vergleich zur Nierenvariante. Die Mikrofone werden in einem praktischen Alukoffer geliefert, zwei solide Klemmen mit Gewindeadapter, zwei Popfilter aus Schaumstoff und eine sehr stabile 30 cm lange Stereoschiene aus Metall gibt es mit dazu. Auch ein Aufkleber und eine mehrsprachige Anleitung befinden sich im Koffer. Kapsel und Verstärkerteil der Mikos sind bereits zusammengebaut, man kann sofort mit den Aufnahmen loslegen.

sE Electronics sE 8 Omni

sE Logo auf der einen Seite, Pad und Low-Cut Schalter auf der anderen Seite

Die Verarbeitung ist erstklassig, Lackierung und Metallarbeiten wurden fehlerfrei ausgeführt und verleihen dem Mikrofon eine hohe Wertigkeit. Dank seines massiven Metallgehäuses und einem Gewicht von 144 g liegt es sehr gut in der Hand. Der Durchmesser beträgt 23 mm bei einer Länge von 12 cm. Ein sehr feines silbernes Metallnetz schützt die Mikrofonkapsel. Die jeweilige Seriennummer befindet sich am XLR-Schaft, Mikrofone eines Stereo-Sets haben den Zusatz A bzw. B. Schraubt man die Kapsel ab, wird auch im Kapselkopf eine Seriennummer sichtbar. Es mag ein kleines Detail sein, aber durch die Vergabe von Seriennummern eröffnet sich mir die Ernsthaftigkeit eines Herstellers. Es ist ein Unterschied, ob Mikrofone zu Tausenden ohne Kennung produziert werden oder ob ein Hersteller die Serien, das Produktionsjahr etc. gewissenhaft nachverfolgen kann. Laut sE Electronics werden aus die Kapseln von Hand gebaut und zwei identisch klingende Kapseln für das Stereo-Set aus vielen hundert Stück ausgewählt.

sE Electronics sE 8 Omni

Die Kapsel des Modular-Systems lässt sich abschrauben und austauschen. Eine Seriennummer ist im Inneren der Kapsel eingraviert.

Technische Werte des sE8 Omni Stereo Sets

Das sE ist ein Kleinmembran-Mikrofon in Echtkondensator-Technik und benötigt somit 48 Volt Phantomspeisung für den Betrieb. Der Frequenzbereich liegt laut Hersteller zwischen 20 Hz – 20 kHz, im Frequenzdiagramm beginnt die Kurve bei 4 kHz leicht anzusteigen und erreicht bei 9 kHz ihren Höhepunkt von +5 dB. Danach fällt die Kurve wieder ab und erreicht die 0 dB Linie wieder bei etwa 17 kHz. Es gibt also einen nicht unerheblichen Boost im oberen Frequenzbereich, der eventuelle Höhenverluste bei hohem Diffusfeldanteil kompensiert. Das sE8 Omni sollte sich daher wunderbar als Raummikrofon eignen und auch in größeren Räumen frische Ergebnisse liefern. Ein Blick aufs Polardiagramm zeigt eine bis 4 kHz sehr konstante Kugel, die sich bei höheren Frequenzen bei Schall,, der von 90 oder 180 Grad eintrifft, verjüngt. Die Dämpfung bei 16 kHz beträgt etwa -15 dB im Vergleich zu Schall, der von vorne auf die Kapsel trifft. Die Empfindlichkeit ist mit 20 mV/Pa relativ hoch für ein Kleinmembran-Mikrofon, die sE8 entlasten dadurch den Mikrofonvorverstärker ein wenig. Das Grundrauschen liegt laut Datenblatt bei sehr guten 15 dB (A).

Die Elektronik im Inneren kommt ohne integrierte Schaltkreise aus. Das übertragerlose Design im Class-A Technik soll laut sE für eine verzerrungsfreie, hochauflösende Abbildung der Transienten ermöglichen.

sE Electronics sE 8 Omni

Die Verarbeitung ist vorbildlich, mit 144 g liegen die Mikros sehr wertig in der Hand

Am Speiseteil gibt es zwei Schalter, die sich mit Hilfe eines kleinen Schraubenziehers bedienen lassen. Der obere Schalter besitzt zwei Pad-Stellungen, die das Signal um 10 dB bzw. 20 dB absenken. Damit wird ein maximaler Grenzschalldruck von 161 dB SPL erreicht! Selbst ohne Pad verarbeitet das sE8 Pegel von 141 dB bei 0,5 % THD – das sind hervorragende Werte, aus denen sich ein Dynamikumfang von bis zu 146 dB ergibt.

Der untere Schalter ist für den Low-Cut zuständig und setzt bei 80 bzw. 160 Hz mit einer leichten Flanke von 6 dB/Okt. an. Die Ausgangsimpedanz des sE8 Omni beträgt 110 Ohm, eine Eingangsimpedanz des Preamps von mehr als 1 kOhm wird empfohlen. Für mobile Anwendung dürfte noch interessant sein, dass der Stromverbrauch bei vergleichsweise sparsamen 2,7 mA liegt.

sE Electronics sE 8 Omni

Die Class-A Schaltung kommt ohne integrierte Schaltkreise aus und bietet einen in seiner Klasse unerreichten Dynamikumfang

Das sE8 Omni im Einsatz

Das sE8 Omni prädestiniert sich nicht nur für den Studioeinsatz, sondern ist als Diffusfeld-entzerrtes Mikrofon und ist besonders auch für Live-Anwendungen im Klassikbereich oder für Ensemble und Chor Darbietungen in großen Räumen wie Kirchen etc. interessant. Leider hatte ich aufgrund des kurzen Testzeitraums und des neuerlichen Corona Lockdowns keine Möglichkeit, die Mikros in einem wirklich großen Raum zu testen (Decca Tree hätte mich schon gereizt, aber auch im Studio sollte sich das sE8 Omni dank seines im Gegensatz zur Niere fehlenden Nahbesprechungseffekts für viele Situationen eignen.

Als Vergleichsmikrofone habe ich die Kugelmikrofone Neumann KM 83 und eine Kombination aus Schoeps CMC 6 mit MK2S Kapsel herangezogen. Danke an dieser Stelle an den Berliner Mikrofonverleih Echoschall für die Leihgabe dieser Highend-Mikrofone.

sE Electronics sE 8 Omni

Als Referenzmikrofone kamen das Neumann Km 83 sowie das Schoeps CMC6 mit MK2S Kapsel des Berliner Mikrofonverleihs Echoschall zum Einsatz

Zunächst muss sich das sE8 Omni Stereo-Pärchen einem Matching-Test unterziehen. Hier seht ihr eine eigene Messung der beiden Mikros im Vergleich. Daran gibt es wahrlich nichts auszusetzen – ganz im Gegenteil. Besonders in Anbetracht der Preisklasse ist dieses Ergebnis als sehr gut zu beurteilen. Kleine Unebenheiten im Hochfrequenzbereich sind zu vernachlässigen, da die Messung nicht unter „klinischen“ Umständen im schalltoten Raum erfolgte:

sE Electronics sE 8 Omni

Das Matching der beiden Kapseln des sE8 Omni ist sehr gut.

Die Rauschwerte des sE8 Omni liegen im Test rund 1-2 dB über denen des Schoeps, die angegebenen 15 dB sind also durchaus realistisch und in der Praxis spielt Rauschen beim sE8 keine Rolle.

Kleinere Abstriche muss man bei den HF Einstreuungen machen – das sE ist zwar nicht sehr anfällig, ist aber nicht auf jenem Level wie das CMC1, das in diesem Bereich der absolute Spitzenreiter ist. Ab einen Abstand von 30 cm zum Handy sollte man aber keine Probleme haben.

Der beigefügte Windschutz ist nicht nur eine billige Zugabe, sondern erfüllt seine Dienste überraschend gut – an die Effektivität eines Schoeps B5D kommt er nicht heran, aber mit dem WS 101 von Beyerdynamic ist er auf Augenhöhe, was die Unterdrückung von Nebengeräuschen angeht.

Nun aber ran an die Instrumente. Zunächst ein älteres Klavier mit einem recht warmen, dunklen Grundklang, aufgenommen im Abstand von ca. 160 cm hinter dem Spieler. Als Preamp kommt das RME UFX zum Einsatz:

Die Unterschiede zwischen den drei Testkandidaten sind recht deutlich, jedes dieser Mikrofone hat eine individuelle klangliche Signatur. Hier seht ihr Messungen des sE8 Omni im Vergleich zu Schoeps und Neumann:

sE Electronics sE 8 Omni

Schoeps MK2s (0db Linie) im Vergleich zum sE8 Omni (gelbe Linie)

sE Electronics sE 8 Omni

Neumann KM 83 (0db Linie) im Vergleich zum sE8 Omni (gelbe Linie)

Währen das KM 83 im Bereich über 8 kHz noch mehr Höhen liefert als das sE8 Omni, geht das Schoeps MK2S im Bereich zwischen 6 -12 kHz deutlich neutraler zu Werke.

Hier ein Beispiel an der Akustikgitarre, aufgenommen im Abstand von nur 20 cm. Mit einem Nierenmikrofon wäre der Nahbesprechungseffekt bei diesem geringen Abstand viel zu stark ausgeprägt. Eine Kugel lässt sich dagegen problemlos verwenden:

Im nächsten Beispiel wird der Abstand zur Gitarre auf 40 cm / 15.Bund erhöht:

Für das Drumset erhöhen wir den Abstand wieder auf rund 160 cm. Die Mikros sind für „Front of Kit“ vor (nicht über) dem Schlagzeug positioniert:

Da sich Kugelmikros besonders gut für „basslastiges Material“ anbieten, hier ein Beispiel am Kontrabass, aufgenommen im Abstand von rund 30 cm vom Steg:

Zu guter Letzt ein kleiner Einblick, wie die Mikros auf rückseitig eintreffenden Schall reagieren. Ein Tamburin im Abstand von 160 cm vor den Mikros und dahinter bei 180 Grad:

Das sE8 Omni ist keine Schoeps und keine Neumann Kopie, sondern eine eigenständige Entwicklung mit eigener klanglicher Signatur. Ich persönlich habe bei den Klangbeispielen unterschiedliche Favoriten – manchmal hat das Schoeps die Nase vorn, manchmal bevorzuge ich das Neumann oder eben auch das sE Electronics. In Anbetracht des Preises von 369,- Euro für zwei Mikros samt Zubehör ist es erstaunlich, wie gut das sE8 Omni hier in der Topliga mithalten kann. Über eure Eindrücke würde ich mich in den Kommentaren freuen.

Fazit

Zugegeben, schon die Nieren-Version des sE8 hat mich seit seiner Einführung begeistert – mehr Mikrofon für das hart verdiente Geld hatte ich bis dahin noch nicht gefunden. Nun eröffnet die neue Omni-Kapsel endlich alle Vorzüge des modularen Systems und der Anwender kann die Richtcharakteristik der Aufnahmesituation anpassen.

Die Verarbeitung ist hochwertig, das Mikrofon liegt sehr gut in der Hand, Speiseteil und Kapsel sind zudem mit Seriennummern ausgestattet. Technisch legt sE der Konkurrenz die Messlatte vor, denn kein anderes Kleinmembranmikrofon im niedrigen dreistelligen Preisbereich kann in puncto Grenzschalldruck, Funktionsumfang mithalten. Auch die Ausstattung ist mit dem zugehörigen Koffer, der massiven Stereoschiene, Klammern, Popfiltern und Adaptern komplett und lässt keine Wünsche offen. Klanglich ist das sE8 recht höhenbetont und wäre für mich daher bei hohen Mikrofonabständen, großen Räumen oder bei basslastigen Instrumenten die erste Wahl. Wie die Nierenversion ist das sE8 Omni ein absoluter Geheimtipp und meine persönliche Empfehlung für ambitionierte Anfänger, Fortgeschrittene und ja – auch für Profis.

Plus

  • hoher Grenzschalldruck
  • Pad und Low-Cut integriert
  • exzellentes Matching der Kapseln
  • klangliche Qualität
  • sehr gute Verarbeitung
  • umfangreiches Zubehör
  • sehr attraktiver Preis

Preis

  • 369,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    UBeeh  RED

    Sehr guter Test! Und gute Nachrichten! Die sE8 als Nieren sind super! Ich mutze sie hauptsächlich für Atmos in ORTF Position. Als Ommnis hatte ich mir vor zwei Jahren die Audio Technica AT 4022 zugelegt, die aber leider gerade bei Aussenaufnahmen sehr empfindlich sind, wenn es feucht und / oder kalt ist. Die sE8 hatten diese Probleme nicht, und ich hoffe sehr, dass die Kugel-Kapseln genauso unempfindlich sind.

  2. Profilbild
    Vati  

    Schöner Test. Wirklich beachtlich, was sE da abliefert. Die Klangunterschiede finde ich nicht so gravierend. Neumann ist für mich immer ein wenig „bedeckt“. Schade, das die Aufnahmen in mono sind.
    Grüße von Vati

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