Test: Tascam MH-8, Kopfhörerverstärker

11. Mai 2020

Kopfhörer-Oktopus fürs Studio

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Tascam MH-8, Kopfhörerverstärker

Nun gut, wer bei den Kollegen oder Klienten einen auf dicke Hose machen möchte, wird wohl kaum einen Kopfhörerverstärker in die erste Reihe seines Studios schieben, haben sie doch ungefähr den Charme eines Netzteils bei einem neu erworbenen Rechner. Doch genau wie bei einem Netzteil geht ohne einen ordentlichen Kopfhörerverstärker nahezu nichts in einem ambitionierten Tonstudio, vorausgesetzt, man verfügt über einen separaten Aufnahmeraum.

Mit dem Tascam MH-8 hat das Traditionsunternehmen einen entsprechenden Verstärker im Portfolio, der mit gleich mehreren Detaillösungen für interessierte Gesichter sorgt, sich preislich allerdings auch in der gehobenen Klasse aufhält.

Die Konstruktion des Tascam MH-8

Nimmt man das 1 HE messende, in China gefertigte Produkt das erste Mal in die Hand, fühlt man sich um gleich mehrere Dekaden zurückversetzt, in denen Rackprodukte gar nicht massiv genug erscheinen konnten. Insbesondere die Einbautiefe des mit den Abmessungen: 482 x 44 x 280 mm versehenen Geräts und das stattliche Gewicht von 3 kg lassen Assoziationen zu den längst vergessenen Legenden der ersten Digitaltechnik im Stil von Rolands SDE 1000 oder DEP-5 aufkommen. Selbiges sollte in der Praxis aber kein Thema darstellen, wird das Produkt doch ohnehin höchstwahrscheinlich in ein Rollrack geschraubt, wo es wohl auch den Rest seines Lebens verbringen wird. Die Rackflügel samt Rackschrauben liegen dem Produkt glücklicherweise bereits bei.

Interessanterweise wurden die Rackflügel nicht aus Metall, sondern aus Kunststoff gefertigt, was der Stabilität allerdings keinen Abbruch tut. Sollte das Produkt doch einmal im Standalone-Betrieb laufen, ermöglichen vier kleine, nicht allzu hohe Gummifüße einen guten Stand auch auf glatten Oberflächen. Die Verarbeitung des Tascam MH-8 ist tadellos. Keine unsaubere Lackierung, keine überstehenden oder scharfen Kanten, keine verlaufenen Klebereste o. ä.

Bereits der erste Blick auf die Frontseite des Tascam MH-8 offenbart die stattliche Anzahl von acht individuell regelbaren Signalwegen, die zwischen drei unabhängigen Signalquellen, z. B. drei unterschiedliche Monitormixe wählen können. Zudem können im Daisy-Chain-Verfahren beliebig viele weitere Exemplare des Tascam MH-8 in Reihe geschaltet werden, so dass bei Bedarf auch ein umfangreiches Ensemble mit individuellen Kopfhörermixen versehen werden kann. So ist es theoretisch möglich, jedem anliegenden Kopfhörer eine eigene Mischung zu machen. Ob dies in der Praxis nötig ist, steht auf einem anderen Blatt, es ist allerdings angenehm zu wissen, dass es theoretisch möglich wäre.

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Die Frontseite

Auf der Frontseite des Tascam MH-8 befinden sich von links nach rechts zunächst der Netzschalter sowie eine Kontroll-LED. Es folgen zwei Eingangspegelregler für zwei unterschiedliche Eingänge 1 und 2, wobei jeder Kanal über eine grüne Signal-LED (Eingangspegel muss größer als -20 dBu sein) und eine Übersteuerungsanzeige (Eingangspegel liegt über -3 dB) verfügt.

Die dann folgenden 8 Module für die jeweiligen Kopfhörer bieten neben der Kopfhörerbuchse jeweils einen separaten Lautstärkeregler, zwei Druckschalter für die Wahl des Eingangskanals (das gleichzeitige Drücken beider Schalter ist möglich), einen Monoschalter und eine sogenannte DIR-Taste, mit der man das Signal, das am jeweiligen Direkteingang anliegt, aufschaltet. Es ist also auch möglich, zusätzlich zu zwei unterschiedlichen Monitormixen, die für alle Kopfhörer gleich sind, bis zu acht individuelle Mixe über die Direkteingänge einzuspeisen.

Die Rückseite

Die Rückseite des Tascam MH-8 beinhaltet wahrlich eine ganze Armada an Anschlussmöglichkeiten, die bis auf den alternativen RCA-Eingang für Kanal 2 allesamt symmetrisch ausgeführt sind. Die Kanäle 1 und 2 besitzen als Main-Inputs verriegelbare XLR-Stecker, wobei Kanal 1 alternativ auch noch ein TRS-Paar bietet. Links außen befinden sich die bereits erwähnten Direct-Ins, allesamt in TRS ausgeführt. Rechts daneben die genannten Daisy-Chain-Buchsen, hier als „Foldback“ bezeichnet, mit denen sich die Kanäle 1 und 2 an weitere Verstärker durchschleifen lassen oder aber einer alternativen Bearbeitung zugeführt werden können.

Da das Netzteil lobenswerterweise integriert wurde, steht eine Kaltgerätebuchse für die Stromaufnahme sowie eine leicht zugängliche Hauptssicherung oberhalb der Buchse zur Verfügung. Um Netzbrummen zu vermeiden, verfügt der Tascam MH-8 über zwei Hilfsmittel. Zum einen gibt es einen Ground-Lift-Schalter, zum anderen eine Erdungsklemme, die gleichzeitig eine Massetrennung auf allen Kanälen ermöglicht.

Tascam MH-8 Netzschalter

Praxis

Um nahezu ganz Europa mit einer lesbaren Bedienungsanleitung zu versorgen, wurden insgesamt fünf verschiedene Bedienungsanleitungen (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Deutsch) beigefügt. Anscheinend legt Tascam sehr großen Wert auf die Schutzfunktionen seines Netzschalters. Der Netzschalter ist dermaßen schwergängig, dass man im Standalone-Betrieb das gesamte Produkt bei der Aktivierung des Gerätes unabhängig von der Unterlage nach hinten schiebt. Ohne dass man mit ein bis zwei Finger am linken Rackflügel gegen die Druckrichtung kontert, lässt sich das Produkt nicht einschalten. Zudem ist der Schalter mit zwei seitlich angebrachten Kunststoffblöcken gegen versehentliches Aktivieren/Deaktivieren geschützt. Selten habe ich ein Produkt so bewusst ein- oder ausgeschaltet wie bei dem Tascam MH-8.

Die Drehregler haben einen angenehmen Widerstand und bieten einen gleichmäßigen Regelweg. Außerdem bieten sie, wenngleich leider nicht mit dem Gehäuse verschraubt, vergleichsweise wenig Spiel während der Reglerbetätigung, was sich nicht nur angenehm anfühlt, sondern auch die Gefahr eines Haarrisses auf der Platine minimiert. Allerdings erkennt man in der Längsrichtung hingegen, dass alle Frontregler mittels eines intern verbauten, lose angebrachten Blechs verbunden sind, indem man durch die Bewegung eines Reglers alle weiteren Regler nebst Kopfhörerbuchsen zu einer Bewegung in Längsrichtung animiert. Ehrlich gesagt, wenngleich die Bewegung minimal ist, sollte man in dieser Preisklasse verschraubte Regler und Buchsen erwarten können.

Ein weiterer Punkt, der sich in der Haptik eher ungünstig bemerkbar macht, ist die Position des Mono-Reglers, der sich unmittelbar über dem Drehregler befindet. Mir ist es während der Testphase mehrfach passiert, dass ich bei der Betätigung des Volume-Reglers meinen Fingernagel unter dem Mono-Regler einklemmte bzw. den Mono-Regler versehentlich gedrückt habe. Es ist nicht wirklich ein echter Minuspunkt, aber hätte man z. B. die Positionen der SIG/OL-LEDs mit den Druckschaltern MONO und DIR getauscht, würde dieses Problem erst gar nicht auftreten.

Tascam MH-8 Kanäle

Kommen wir aber nun zu den Pluspunkten des Tascam MH-8, wobei das Wort „Flexibilität“ an erster Stelle stehen sollte. Durch die drei unterschiedlichen Signalverwaltungen werden User, die öfters mit unterschiedlichen Mixen arbeiten, einmal tief durchatmen können. Die drei separat aktivierbaren Eingänge ermöglichen pro Kanal eine individuelle Anpassung des jeweiligen Mixes, was in vielen Bereichen für eine deutliche Entspannung sorgen wird.

In Sachen Klang gab es keinerlei Anlass zur Kritik. Zum einen verfügt der Tascam MH-8 über genügend Leistungsreserven, um auch leise Signale genügend aufzuholen und für einen praxisgerechten Pegel aufzuarbeiten. Zum anderen bietet das Produkt genügend Headroom, um auch starke Impulse entsprechend gut abzufedern. Ebenso gestalten sich auch alle anderen Parameter wie Stereobild und Signal-Rausch-Abstand auf entsprechend gutem Niveau.

In Sachen Lautstärke kann man sich natürlich dumm und dämlich diskutieren. Auch ich hatte bereits Sänger im Studio, die sich über ein Zerren der Bassdrum im Mix beschwerten. Trotz der Kontrolle aller Parameter konnte ich den „Fehler“ nicht finden, um dann bei dem persönlichen Aufsetzen des Kopfhörers festzustellen, dass aufgrund der infernalischen Lautstärke ALLE Instrumente in einem einzigen Zerrbrei versumpften. In einem solchen Fall ist es wenig sinnvoll, über eine praxisgerechte Verwendung des Verstärkers zu sprechen.

tascam mh8

Fakt ist hingegen, dass der Tascam MH-8 abhängig von der Kopfhörerimpedanz durchaus hohe Pegel zu fahren weiß. Auch für die Lautstärke eines hart spielenden Drummers, geschlossener Kopfhörer vorausgesetzt, reicht die Leistung absolut aus.

Fazit

Mit dem Tascam MH-8 hat das Traditionsunternehmen einen sehr flexiblen Kopfhörerverstärker am Start, der mit mehreren Detaillösungen punktet. Allein die Flexibilität, aus gleich drei unabhängigen Signalquellen pro Kanal wählen zu können, macht den Tascam MH-8 zu einem sehr sinnvollen Tool. Zudem ermöglicht die Kaskadierung einen nahezu unbegrenzten Ausbau, wenn es um individuelle Kopfhörermixe geht.

Ein nahezu komplett symmetrisch geführter Signalfluss tut das Übrige, um das Produkt im professionellen Bereich anzusiedeln. Wer mit Einsparmaßnahmen wie nicht verschraubten Regler und Buchsen auf der Frontseite leben kann, sollte das Produkt auf jeden Fall in die engere Wahl nehmen, sobald man über die Verwendung eines Kopfhörerverstärkers jenseits der üblichen Eckdaten nachdenkt.

Plus

  • Flexibilität
  • Klang
  • Verarbeitung

Preis

  • 398,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    kiro7  

    Danke für den Test! Warum gibts Sowas nie mit Limiter? Wie oft habe ich mir schon die Kopfhörer von meinen geplagten Ohren gerissen…

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