Blue Box: Formanta Polivoks Analogsynthesizer

2. Mai 2020

Analog-Klassiker aus Russland - ATTACK!

Der Formanta Polivoks ist wohl der bekannteste Synthesizer, der in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt wurde. Gebaut von 1982 bis 1990, gelangten die ersten Exemplare nach dem Fall des eisernen Vorhanges 1991 in den Westen und wurden aufgrund des einzigartigen rohen und brachialen Klanges und auch aufgrund des markanten Designs bald gesuchte Instrumente vor allem in der Techno- und Industrial-Szene.

Der Polivoks ist ein duophoner analoger Synthesizer mit einem wohl einzigartigen Filterdesign. Seine Technik, Konstruktion und sein Design resultieren aus den Bedingungen und Beschränkungen des isolierten planwirtschaflichen Systems der ehemaligen Sowjetunion.

Polivoks: Entstehung und die Begleitumstände

Der Konstrukteur des Polivoks ist Vladimir Kuzmin. Der 1953 in Wladiwostok geborene Kuzmin war Bassist in einer Studentenband. Nur muss man sich das Musikerdasein in der ehemaligen Sowjetunion etwas anders vorstellen als zur gleichen Zeit im Westen. Es gab keine Industrie, die elektrische Gitarren und Bässe oder gar Synthesizer herstellte. In der Planwirtschaft wurden lediglich traditionelle Volksinstrumente hergestellt. Man konnte nicht den klassischen uns allen bekannten Weg gehen, auf sein erstes Instrument, das man beim Fachhändler der Wahl angespielt hatte, zu sparen, um es dann endlich kaufen zu können. Wer in der Sowjetunion einen E-Bass spielen wollte, musste sich einen bauen. Kuzmin schloss sein Studium mit einem Abschluss in Elektronik ab, hatte also Fachkenntnisse. Das Problem war aber, dass auch Bauteile Mangelware waren. So wurden zum Beispiel Magnettonabnehmer in akustische Gitarren eingesetzt, um einen elektrischen Gitarrensound zu bekommen. Improvisation, nicht nur musikalischer Natur, war an der Tagesordnung.

Der Import von amerikanischen oder japanischen Musikinstrumenten war offiziell nicht möglich, aber bei Gastspielen von Bands aus Polen, Ungarn, Rumänien, Tschechien und auch Deutschland gab es die Gelegenheit, westliches Equipment in Aktion zu sehen. Es gab auch findige Händler, die den Bands aus dem Westen Equipment abkauften oder gegen Uhren und Kameras aus russischer Produktion tauschten.

Kuzmin hatte sich nach Abschluss seines Studiums bei der Ural Vector Company beworben. In der Vector Fabrik „Formanta“ in Katchkanar wurden Orgeln und Verstärker hergestellt. Dort arbeitete er auch an der Weiterentwicklung des FAEMI, eines der ersten in Großserie hergestellten Synthesizers der Sowjetunion. Er arbeitete am Federhall des Synths, aber auch das Design des Synthesizers versuchte er zu verbessern. So studierte er westliche Werbeunterlagen und Broschüren und lieh sich über Nacht immer wieder westliches Equipment von gastierenden Bands, um die Funktionsweise von Produkten von Farfisa, Crumar, später auch Roland, Korg und Moog zu studieren.

Nach fünf Jahren bekam Kuzmin den Auftrag, einen spannungsgesteuerten Analogsynthesizer zu entwerfen. Seine Herangehensweise war pragmatisch, er beschloss, den Synthesizer in modularer Bauform zu realisieren. Jeder Klangformungsbauteil war auf einer eigenen Platine untergebracht. Diese wurden dann auf einer Masterplatine eingesetzt. Da diese Bauweise Platz benötigt, mussten auch die Bedienelemente mit entsprechendem Abstand verbaut werden. Das erklärt die Größe des Instruments mit dem markanten militärischen Design, entworfen von Kuzmins Frau Olympiada. Kuzmin hatte laut eigener Aussage die Vision eines brutalen Sounds mit möglichst weiten uneingeschränkten Regelbereichen. Es ist mehrfach in Interviews mit Kuzmin zu lesen, dass der ATTACK-Regler einen militärischen Eindruck hinterlassen sollte.

Die Rückseite des Polivoks: Dieses Exemplar hat einen Kaltgerätestecker und die Audioaus- und Eingänge sind von den originalen DIN-Buchsen auf Klinke umgebaut.

Wenn man das erste Mal den Deckel des Alucases abhebt (der Polivoks ist quasi in ein Alucase eingebaut) blickt man tatsächlich auf eine sehr wuchtig anmutende Bedienoberfläche. Das Gehäuse ist links und rechts mit zwei Plastikhäuptern mit Griffmulden begrenzt, die Oberseiten der Seitenteile wirken mit der symmetrischen Teilung wie Panzerketten. Auch die einzelnen Modulgruppen sind deutlich getrennt, streng,  graphisch und mit  Tiefenwirkung. Alle Drehschalter sind deutlich überdimensioniert, die Drehregler sind kleiner und vom Durchmesser in der Größe in etwa wie beim Minimoog. Die Kippschalter bilden einen Kontrapunkt, weiß, leicht und filigran in der Erscheinung.

Man kann es drehen und wenden wie man will, nach 30 Jahren hat das Design des Polivoks immer noch seine Berechtigung – Zufall oder nicht, in meinem Studio ist ein Roland JD-XA der unmittelbare Nachbar meines Polivoks. Wenn man bedenkt, was da für Design-Fehler betreffend der Bedienoberfläche und der ausgewählten Materialien gemacht wurden.

Der Polivoks Synthesizer

Der Polivoks ist ein paraphoner Analogsynthesizer mit zwei baugleichen Oszillatoren mit fünf Schwingungsformen, die eine Pitchrange von 2′ bis 32′ aufweisen.  Die Tonhöhe kann jeweils über den LFO moduliert werden, OSC 2 kann OSC 1 in der Frequenz modulieren und auch feingestimmt werden. Eine Feinstimmung von OSC 1 ist nicht möglich, jedoch verbergen sich unter dem Plastikpanel, auf dem der POLIVOKS Schriftzug abgebildet ist, Trimmpotentiometer. Anleitungen wie der POLIVOKS in-tune gebracht werden kann, finden sich im Netz.

Die zwei Oszillatoren des Polivoks mit den wuchtigen Wahlschaltern

Unter den Oszillatoren befindet sich der Mixer mit Potis für OSC 1, OSC 2, Noise und external Input.

Rechts neben den beiden baugleichen Hüllkurven befindet sich der für den Polivoks Sound wohl entscheidende Bauteil, das Filter. Die Schaltung des 12 dB/Okt Lowpass/Bandpass-Filters ist entgegen üblicher Bauweisen ohne die Verwendung von Kondensatoren realisiert. Weiterhin entscheidend für den Sound und die Funktion sind die verwendeten OP-Verstärker – ICs russischer Bauart.

Die rechte Seite des Polivoks mit Hüllkurven und Filter

Die Cutoff-Frequenz und die Resonanz können geregelt werden, weiterhin lässt sich das Filter über den LFO, einen Pedaleingang, eine ADSR-Hüllkurve mit einfachem oder wiederholendem Durchlauf sowie über den LFO steuern.

Rechts neben dem Filter findet man die AMP-Section. Die Lautstärke lässt sich über LFO und eine der Filterhüllkurve baugleicher Hüllkurve modulieren. Weiterhin findet man in der AMP-Section noch einen „Gate-on“-Schalter, der die Hüllkurve ohne Tastendruck am Keyboard triggert.

Mit der Gate-on-Funktion und auf Loop geschalteten Verstärker- und Filterhüllkurven lassen sich sehr interessante polyrhythmische Klänge erstellen.

Die linke Seite des Polivoks mit LFO, Oszillatoren, Mixer, Main Tune etc.

Rechts oben befindet sich noch der LFO-Regler mit zwei Schwingungsformen, Rauschen und LFO, darunter Main Tune, Portamento, Schalter für monophonen und paraphonen Betrieb (wobei bei Zweistimmigkeit Portamento nur OSC 1 ansteuert), Kopfhörer und Main-Volume sowie ein Volume-off-Schalter.

Klang und Alltag im Studio

Der Klang des Polivoks ist der härteren Gangart zuzuordnen. Filigran sind da nur die weißen Kippschalter. Bässe, die unten anschieben und das im Grenzbereich leicht kippende Filter, sind Spezialitäten des Hauses. Unter Benutzung des Gate-on-Schalters und der Hüllkurven im Loop lassen sich polyrhythmische Klanggebilde erreichen. Ob es nun, wie von Herrn Kuzmin kolportiert, Absicht ist oder nicht, das Faszinierende am Polivox ist, dass das ganze Klanggebilde stets plötzlich kippen und abdriften kann, der Polivoks ist ein Grenzgänger im positiven Sinn.

Der markante Polivoks Schriftzug ist auf eine Plastikabdeckplatte gedruckt, unter dieser verbergen sich Tuning-Regler für die Oszillatoren

Ein aus meiner Sicht wesentlicher Schwachpunkt ist die Tastatur. Geringer Tastenhub, prellt, dünnes Plastik, knarzt und quietscht, schwammig, eine der haptisch schlechtesten Tastaturen, die mir jemals unter die Finger gekommen ist.

Einfache Basslines und Melodien lassen sich reproduzierbar spielen, gefühlvolle Solos oder komplexere Melodien, sliden von Tasten – schwierig. Außerdem fehlen ein Pitch- und Modwheel oder andere Spielhilfen. Abhilfe schafft hier eine MIDIfizierungs-Kit, über eBay bestellen und mit Hilfe des Fachmanns einbauen lassen oder selbst den Lötkolben in die Hand nehmen – kann ich nur schwer empfehlen, gerade Sequenzen mit kurzen Sounds liegen dem Polivoks sehr und können dann effizient produziert werden. Außerdem kann die bei meinem Polivoks verbaute MIDIfizierung mit dem Mod-Wheel des Masterkeyboards die Cutoff-Frequenz steuern, also zumindest in Grenzen automatisieren.

Im Internet finden sich Übersetzungen der Bedienoberfläche und Patchcards, die den Einstieg erleichtern

Woher nehmen?

Noch ist das Original verfügbar, sowohl als Privatankauf mit allen Risiken über eBay als auch über spezialisierte Händler, da aber deutlich teurer. Ich habe seinerzeit den Ankauf über eBay aus der Ukraine riskiert und bin so zu meinem Polyivox gekommen und habe es nicht bereut. In jedem Fall ist aufgrund der Qualität der Tastatur – wie bereits erwähnt – eine MIDIfizierung empfehlenswert, es gibt diverse Anbieter von Kits auf eBay. Im Netz kursieren auch diverse Mods, die die Möglichkeiten erweitern.

Die Ersatzteilsituation ist übrigens derzeit auch noch relativ entspannt. Wichtige Bauteile sind zu vernünftigen Preisen auf eBay erhältlich.

Alternativen zum Polivoks

Der hier kürzlich getestete Polivoks Pro ist definitiv empfehlenswert, er basiert auf der originalen Schaltung, es werden die originalen sowjetischen Bauteile in Durchsteckmontage verbaut und es gibt noch ein paar erweiterte Funktionen in der Klangerzeugung, der Wahnsinn wird quasi auf die Spitze getrieben, dazu onboard MIDI und CV und das Ganze in einem kompakten Expander.

Der Polivoks Pro ist eine Alternative zum Original

Für Freunde von Modularsystemen bieten sich Produkte von the Harvestman oder Erica Synths an.

VSTs sind auch erhältlich, es ist aber wohl nach aktuellem Stand der Technik nicht möglich, das Verhalten des Polivoks im Grenzbereich nachzubilden.

Und gerade dieser Graubereich, wenn der Klang ins Chaos kippt, macht den Polivoks interessant

ATAKA!

Fazit

Der Polivoks ist eine lohnende Anschaffung für Freunde der härteren Gangart, aber auch für Sound-Designer. Bässe, Sequenzen und Sound-/Geräuschlandschaften mit dem ihm eigenen Charakter sind seine Spezialität. Alternativen und Nachbauten von Boutique-Herstellern bieten sich alternativ an. Ein sehr empfehlenswerter Nachbau ist der Polivoks Pro.

Plus

  • durchsetzungsfähiger, teils brachialer Sound
  • Filter
  • wesentliche Bauteile noch erhältlich

Minus

  • Tastatur
  • Dokumentation und Schaltpläne spärlich und wenn in kyrillischer Schrift

Preis

  • ab 700 Euro aufwärts je nach Zustand
Klangbeispiele
Forum
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    Emmbot  AHU

    Das erste Demo erinnert mich irgendwie an die Krupps.

    Die Kiste hat ein sehr eigener Klang, und den finde ich gut.

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    k.rausch  RED

    Längst fällige Betrachtung eines Klassikers, der lediglich wg. Moog Dominanz und damals noch Kalter Krieg nicht in den Fokus geriet. „From Russia with Love“ hatte ich mal als Bildunterschrift im Artikel hier über Filter notiert, und das ist auch der Wesenskern: Das Ding ist buchstäblich eine Geheimwaffe. Man muss sehr vorsichtig mit Resonanz umgehen, die Amplituden sind Tinnitus-verdächtig. So manche Ost-Band wie Omega hatte so einen im Sortiment (stimmt das?), und die Keyboardburg aus Ost-Stringer und Ost-EP wurde damit extrem auf Rauhbein getrimmt. Polivoks ist voll die unberechenbare klangliche Tretmine – und ich mag sowas auch noch :)

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      TobyB  RED

      Im Osten waren die Polivoks auch eher Sternenstaub. Omega dürfte vermutlich eher mit Westequipment gespielt haben. Ich mein die hatten in den 1960ern und 1970ern bei Decca in London veröffentlicht. Und die 100.000 Marke geknackt. Die Synthie Schiene war nicht so der Stil von Omega, obwohl mir dieses Phase am Besten gefällt. Ost Stringer und Ost Synths hast du in der Regel bei Tanzmusikern gehört. Wer was als Musiker auf sich hielt hatte Westequipment. Im Ostfernsehen hat man dann immer die drahtlosen Vermona Hightech Requisiten gesehen. In den Achtzigern durften die dann ihr Equipment im TV zeigen. Wobei auch im Ostrock hört man deutlich den Einzug der DX7. Mehr Polivoks hätte der Langlebigkeit der Musik gut getan. Funfact, Kanye West hat mal ungefragt Omega gesampelt und meinte, ich schick Gabor Presser einen USD10.000 Scheck und geb im 24 h Stunden Bedenkzeit. Am Ende wurden USD100k und eine prozentuale Beteiligung an zukünftigen Einnahmen.

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        k.rausch  RED

        TobyB, hab bislang nichts gefunden in Sachen Polivoks Synthspotting. Die hatten angeblich ne Menge verkauft davon, es ist von 20.000 Stück pro Jahr die Rede, und die meisten dürften wohl im Osten verblieben sein, hier gabs und gibts den ja selten. Ja, DX7 hatten Ostbands auch, ich hatte aus der DDR gelegentlich Anfragen wg. DX7 Fibel bekommen, die dann mit Noten bezahlen wollten. Bei 80er Jahre Omega Videoclips sehe ich auch DX7. Ich würde den wirklich gerne in artgerechter Haltung aus seiner originalen Umgebung hören, also welche Bands den hatten und obs da Clips gibt.

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          TobyB  RED

          Hallo Klaus, ich erinnere mich an die RB Music Academy 2016 wo der Entwickler Vladimir Kuzmin meinte, das die Polyvokse nur innerhalb der UDSSR verkauft wurden. Ganz wenige Exemplare gingen nach Finnland. Ich denke mal du erinnerst dich noch an die Geschichten von Thomas Kurzhals, zum Thema Synthesizer und Ostblock. Bei Omega höre ich auf Time Robber, eine Hammond, einen Moog, ein Rhodes, sowie Piano raus. Ich kann dann nur noch mit Omega 12 – 1986 (nicht die Fettsäure) glänzen, a föld árnyékos oldalán ist der Titel. Die Synths kann man da schlecht raus hören, die Simmons knallt das S&H Geblubber heftig zu. Ich bin jetzt kein Experte für die sowjetische Musik der Achtziger. Vielleicht hier jemand eine Idee?

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      toneup  RED

      die Amplituden sind Tinnitus-verdächtig ist sehr schön formuliert, nicht umsonst hat der Polivoks einen Volume Out Wippschalter, welcher Synth hat sowas noch?

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    FlavioB

    Danke für den Artikel – eins meiner besten Synth-Anschaffungen letztens. Hab einen jetzt beim Fachmann für die Reparatur (dröhnt nur so vor sich hin, nicht melodisch anspielbar) – und den ersten von meinen beiden wird bald das ersehnte MIDI-Kit erhalten! :-) Freu mich drauf, denn die Klänge, welche ich schon mal erzeugt habe, und noch dazu durch den BigSky gejagt habe… die sind echt HART! ;-)

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