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Blue Box: Moog Concertmate MG-1 by Radio Shack

11. August 2018

Moog Ur-Großmutter

Angesichts der hitzigen Debatte über die Farbgebung des neuen MOOG GRANDMOTHER (siehe Kommentare in unserem kürzlich erschienenen Tests), wurde immer wieder auf die angeblich verunglückte Farbgebung des Moog Concertmade MG-1 verwiesen, der relativ unbekannt und wenig verbreitet ist. Wir nutzen daher die Gunst der Stunde und holen die Urgroßmutter aus dem Archiv – komplett überarbeitet versteht sich. Hier also nun der Concertmade von Radio Shack by Moog:

Klein ist er und zugegeben nicht besonders hübsch. Auch sein Name verspricht keine Legenden: Realistic Concertmate MG-1 von Radio Shack. Bei genauerem Hinsehen wird man stutzig: „Realistic Synthesizer. By Moog Music.“ 5 kg leicht, 53 cm lang. Kinderkram? Von wegen.

Der Elektroshop-Moog

Das Jahr 1981 stand ganz im Zeichen polyphoner Synthesizer: Korg lancierte den ersten bezahlbaren polyphonen Synthesizer, den Polysix; Roland stellte den legendären Jupiter-8 in die Verkaufsregale, PPG brachte die überarbeitete Version ihres großen Wave. Und Moog? Nein, bei Moog konnte man mit all den neuen programmierbaren Synthis nicht mithalten, das eigene Flaggschiff, der Memorymoog, wurde erst ein Jahr später vorgestellt. Stattdessen ging man eine Kooperation der besonderen Art ein.

Erstaunlich, aber wahr: Moog hat Anfang der 80er Jahre einen Synthi für den amerikanischen Elektronikhandel Radio Shack (Teil der großen Tandy Corporation) produziert und unter dessen Hausmarke Concertmate verkauft. Man wollte sich neuen Kundenkreisen öffnen, der professionelle Bereich war schon gut gesättigt. Und während sich andere Hersteller mit neuen, innovativen Produkten hervortaten, füllte Moog alten Wein in neue und v.a. günstige Schläuche und hoffte auf gute Verkäufe. Irgendwie war auch dies innovativ, denn damals kümmerte sich kaum eine der großen Synthesizerschmieden um Otto Normalverbraucher. Man baute wie gewohnt eher teure Instrumente für einen eingeschränkten Kundenkreis und überließ den wachsenden Markt der Heimmusiker Casio und ähnlichen Firmen. Ob Moogs Rechnung wirklich aufgegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis; verlässliche Verkaufszahlen zum MG-1 habe ich auch nach längerer Netzrecherche nicht gefunden. Konzipiert wurde der MG-1 von einem Mann namens Paul Schreiber und eines muss man ihm attestieren: Es ist ihm gelungen, einen günstigen Synthesizer mit erstaunlichen klanglichen Möglichkeiten zu bauen. Gespart wurde beim Gehäuse und den Fadern, bei den klangrelevanten Komponenten setzte er auf bewährte Moog Technologie.

Klangerzeugung

Ganz klassisch schwingen im Moog Concertmade MG-1 zwei Oszillatoren mit jeweils Sägezahn und Rechteck bzw. Sägezahn und Puls – mit einer festen Pulsbreite von 10 %. Modulation der Pulsbreite? Fehlanzeige.

Die Oszillatoren lassen sich gegeneinander verstimmen (plus/minus circa eine Quinte) und synchronisieren. Oktavwahlschalter gibt es auch, die jedoch nicht so flexibel sind, wie man es gerne hätte. Als Fußlagen  stehen 32′, 16′ und 8′ (Osc 1), rep. 16′, 8′ und 4′ (Osc 2) zur Verfügung. Das ist nicht gerade viel und für Bass-Sounds eine Einschränkung. Fairerweise sei erwähnt, dass der viel gepriesene Prodigy diesbezüglich auch nicht mehr zu bieten hat.

Wer sich daran stört, dass für den zweiten Oszillator bei Fußlage 16′ Schluss ist, schaltet diesen für tiefe Klänge entweder stumm, synchronisiert ihn mit VCO 1 – oder greift zu Schraubenzieher und Lötkolben. Mit wenig Aufwand lässt sich der Frequenzbereich der Oszillatoren modifizieren, dazu später mehr.  Es geht auch ein bisschen einfacher: Trimpoti des Osci 2 ganz nach rechts drehen verstimmt diesen um etwa eine Quinte nach unten, anschließend mit dem Tune-Fader nachregeln, und schon ist Osci 2 eine Oktave tiefer gestimmt.

Rauschen und Ringmodulator

Einen Rauschgenerator gibt es im Moog Concertmade MG-1 auch, seltsamerweise mit digitalem Rauschen, das mittels eines internen 3 dB Lowpass zu Pink Noise gefiltert wird. Auffallend ist ein leichtes Pulsieren der tiefen Frequenzen des Rauschens, was bei der Synthese natürlicher Geräusche störend wirkt – und für andere Anwendungen toll klingt. Könnte auch sein, dass dies eine Besonderheit des vorliegenden Modells ist. Falls hier jemand einen MG-1 besitzt: Bitte mal genauer hinhören beim Rauschen. Bin gespannt, wie sich andere Instrumente verhalten.

Des Weiteren ist ein digitaler Ringmodulator verbaut, der stets mit Rechteck bzw. Puls der Oszillatoren gefüttert wird. Bestimmt eine Einschränkung, denn wäre es nicht toll, verschiedene Schwingungsformen sowie das Rauschen gegenseitig zu modulieren? Nö, geht halt nicht. Doch bietet dies auch Vorteile. Schließlich kann man zweimal Sägezahn (von den Oszillatoren direkt) mit zweimal Rechteck (via Ringmodulator) mischen – und das klingt schon ziemlich wuchtig. Überhaupt ist es erstaunlich, zu welch unterschiedlichen Klängen der Ringmodulator fähig ist. Spielt man ein bisschen mit Tuning, Oktavlage und Synchronisation der Oszillatoren rum, wird man mit einer Vielzahl von Klängen belohnt – von unharmonischen, metallischen Geräuschen bis zu seidigen Leads und wummernden Bässen. Und dies wohlgemerkt bei stummgeschalteten Oszillatoren. Der Ringmodulator bietet viel mehr, als seine Bezeichnung vermuten ließe: „Belltone“. Ach, auch die Beschriftungen sind eine Sache für sich. Bei Radio Shack hielt man die potentiellen Käufer für derart ungebildet, dass man ihnen die gängige Synthesizer Nomenklatur nicht zumuten wollte. Oszillatoren werden „Tone Source“ genannt, die Hüllkurve wird von „Rise“ und „Fall“ bestimmt.

Polyphonie

Für den Consumer Markt war die monophone Klangerzeugung zu beschränkt, man wollte ja ein allgemeines Publikum ansprechen und das kannte v.a. elektrische Orgeln, die natürlich polyphon waren. Also hat man dem MG-1 eine kleine polyphone Orgel spendiert.

Jawohl, der Moog Concertmade MG-1 ist polyphon! Doch bitte nicht zu früh freuen, dies ist nicht der kleine Bruder des Memorymoog, die Polyphonie ist – diplomatisch ausgedrückt – etwas sparsam gehalten. Es handelt sich um einen Rechteckoszillator von konstant 125 Hz, der mittels Frequenzteilerschaltung für alle Töne „transponiert“ wird.  Man kann also (passende Spieltechnik vorausgesetzt) alle Tasten gleichzeitig zum Klingen bringen. Doch beim Filter ist schon wieder Schluss mit der Polyphonie, alle Töne teilen sich Filter und VCA. Der Orgelcharakter ist stets präsent: Sobald man die Tasten loslässt, bricht der Ton sofort ab. Technisch ist dies nicht anders lösbar, denn für längere Release-Zeiten bräuchte man ja für jede Taste einen eigenen VCA samt Hüllkurve, was schlicht zu teuer wäre. Hingegen wird das Orgelsignal sehr wohl von der Attack- (sorry: „Rise“) Zeit moduliert. Die Hüllkurve arbeitet übrigens im Single-Trigger-Mode, sprich: Sie wird erst dann wieder neu gestartet, wenn sie den Zyklus durchlaufen hat.

Polyphonie hin oder her, würde ich den MG-1 immer noch als monophonen Synthesizer bezeichnen, dazu sind die Möglichkeiten der Polyphonie zu begrenzt. Doch verzichten möchte man auf diese kleine Zugabe nicht, ein paar schöne Klänge kriegt man sehr wohl hin. Ein bisschen filtern (mit LFO Modulation) und Chorus dazu … Oder man nutzt sie als dritten Oszillator, der sich gegenüber den anderen Oszillatoren verstimmen lässt. Für Leadsounds erste Sahne. Andicken von Bässen geht natürlich auch, sofern man damit leben kann, dass die Fußlage 16′ nicht verändert werden kann. Übrigens findet sich die besagte Polyphonie auch beim Moog Liberation, Jean Michel Jarres legendärem Umhängesynth.

Ringmodulator, Pink Noise, Poly-Sektion und selbstverständlich die Oszillatoren werden in einem 5-1 Mischer geregelt – und können leicht übersteuert werden. Große Verzerrungen sind nicht möglich, für eine gesunde Sättigung reicht es allemal. Danach folgt das Filter, was nicht weiter erstaunlich ist, und wie sich das für ein Moog Gerät gehört, ist hier ein 24 dB Kaskadenfilter verbaut. Ein Filter, über das schon alles Wichtige (und Unwichtige) gesagt und geschrieben wurde und das sich auch im MG-1 so verhält, wie man sich dies von Moog gewöhnt ist. Eine gewisse Einschränkung ist bestimmt das lediglich dreistufige Filtertracking: off, half und full. Und ehrlich gesagt, mehr braucht man auch nicht.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    phil_dr110  

    den habe ich sehr geliebt. leider ging er dann irgendwann kaputt und da ich ihn nicht reparieren konnte, habe ich ihn schweren herzens verkauft. eine traurige geschichte :/

  2. Profilbild
    Doc

    Hallo,

    sehr schöne Klangbeispiele.
    Endlich mal jemand, der sich ,neben Herrn Bloderer, die Mühe macht aussagekräftige Demos zu erstellen.
    Vielen Dank dafür.

  3. Profilbild
    Martin Andersson  RED

    Hier noch ein paar nützliche Links zum MG-1:

    Für mögliche Modifikationen konsultiere man die folgenden Seiten: http://www...../mg1x.html

    http://fixmysynth.com/ erklärt, wie man den MG-1 vom lästigen, schwarzen Hartschaum befreit, dem LFO auf die Sprünge hilft und das Filter mit Audio- und CV-In beglückt.

    Die Poly-Sync Modifikation wird in folgedem Blog von Florian Anwander beschrieben: http://www.....p?p=359998

    Einbau eines Midi Interfaces: http://syn.....mate1.html

    Zur Geschichte des MG-1 eine veröffentlichte Email von Paul Schreiber:
    http://mac.....istory.txt

  4. Profilbild
    Onkel Sigi  RED

    Habe eben diesen Beitrag entdeckt. Superb, die Klangbeispiele. Und eine äusserst umfangreiche Beschreibung dieses „Ami-Aldi-Moog“.

    Musikalische Grüße

    Onkel Sigi

  5. Profilbild
    legoluft  

    Toller Bericht mit guten Klangbeispielen. Sehr lobenswert ist auch die Erwähnung der Umbauten, die ich sehr empfehlen kann! Ich habe selten ein Gerät auf dem Tisch gehabt, was sich so leicht und effektiv modden/benden lässt:
    LFO bis weit in den Audiobreich (was zusammen mit dem Ringmodulator einzigartige FM-Sounds erzeugt), VCO Modulation bis zum Wahnsinn (schön bei Rechteck Welle über mehrere Oktaven), Erweiterung des Frequenzumfangs (Fusslagen 32 und 64 ohne Probleme möglich bei beiden VCO`s). Zusammen mit diesen Erweiterungen ein unglaublich guter flexibler fetter Synth. Prodigy, Rougue und ähnlich vergleichbare haben meiner Meinung nach das deutliche nachsehen…und wie schon erwähnt: nebenbei kann er klanglich auch den Minimoog gefährlich gut imitieren (so unglaublich das auch klingen mag)

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    Atarkid  AHU

    Man stelle sich vor es gäbe ab nächster Woche den Moog Mother unter dem Namen AudioTec für 299,- bei Elektro Conrad :)… Das ist unvorstellbar! Umso erstaunlicher, dass es diesen tollen Synthesizer (MG1) tatsächlich mal unter ähnlichen Umständen gab… Wahnsinn! Toller Test, tolle Geschichte :)

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    Son of MooG  AHU

    Das farbliche Design des Realistic (sic!) halte ich für wesentlich dezenter als das der Grandmother; es erinnert mich eher an Juno-6 -106. Ich vermute mal, dass der Rogue etwas roadtauglicher gebaut war und daher heute in einem besseren Zustand ist als sein Supermarkt-Bruder…

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      Martin Andersson  RED

      Man kann ihn nennen, wie man will :-) Im Netz ist meistens vom „Moog MG-1“ die Rede. Aber jeder nach seiner Façon.
      Deine Vermutung kann ich nicht bestätigen. Hatte eine Zeit lang einen Rogue neben dem MG-1 stehen. Gehäuse, Tasten, Schalter und Fader sind gleich. Auch das Gewicht ist in etwa gleich.
      „Roadtauglich“ sind aber beide, die Plastikgehäuse sind sehr stabil. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen.

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        Son of MooG  AHU

        Ok, das scheint Nick Batt zufolge auch bei der Grandmother der Fall zu sein. Wenn Moog Plastik-Gehäuse verwendet, sind diese wohl auch sehr robust.

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          Numitron  

          Apropos Nick batt. Bitte ein Interview mit ihm. Der hat viel zu erzählen. Von seinen Anfängen mit dem Toms Diner remix zu goldfrapp und sonicstate. Bester tester 8-)

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    wirtszelle

    Also, wenn das stimmt mit Paul Schreiber als Konstrukteur, dann ist das DER Paul Schreiber, Kopf und Mastermind von Synthesis Technology. In der Euro- und 5U Welt eine Koryphäe. Wenn das Teil Top klingt, wundert mich das nicht. Hört mal ein MOTM Analog Modular, dann weisste Bescheid ;-)

  9. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Es gibt Gerüchte, Bob Moog habe zu Beginn seine Bauteile bei Radio Shack bezogen, vor allem die im Filter verbauten Transistoren seien Ausschußware bei Tandy gewesen, die in großen Mengen billiger zu haben gewesen sein sollen.
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    ConcertmaTe — Konzertkumpel/-gefährte.
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    125 Hertz? Erscheint mir etwas wenig für divide-down Technologie.
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