Blue Box: Oxford Synthesizer Company OSCar

9. März 2019

Vintage-Legende im AMAZONA.de-Video

Nachdem uns Vincent Rohr bereits für den Yamaha CS30 Blue Box Artikel ein wunderbares Sounddemo gedreht hat, starten wir hier gleich mit seinem neuesten Wurf ein: Wunderbar in Szene gesetzt, der legendäre OSC OSCar nun in Bild und Sound ausführlich vorstellt.

Vincents YouTube Sound-Demo für den OSCar

Und auch um sein ganz persönliches Fazit haben wir Vincent wieder befragt:

Gesamteindruck zum OSC OSCAR

Als es letztens an meiner Türe klingelt, schlägt mein Herz unverhoffterweise noch höher als sonst, wenn mir ein Paket zum Testen für AMAZONA.de ins Haus steht. Ein großes, robustes Holzcase steht vor mir, in das schlicht „OSCar“ eingraviert wurde. Normalerweise denke ich praktikabel, es geht um das Ergebnis, was man mit den jeweiligen Geräten erzielen kann, aber hier werde ich doch emotional. Ein Synthesizer vom Musiker und WASP Erfinder Chris Huggett, für Musiker, gebaut mit nicht allzu vielen Möglichkeiten und fernab der Perfektion. Beim Blick auf die Unterseite entpuppt sich eine Spanplatte als Gehäuseunterseite und die schwarzen Trennelemente auf der Oberseite erinnern mich in ihrer Haptik an die Haltegriffe der Schulbusse, in die ich mich immer quälen musste. Einige Nutzer werfen diesem Gerät eine schlechte Verarbeitung vor, ich aber behaupte: Dieses Gerät ist robust und verlässlich. Es wurde mit den kleinsten Mitteln gebaut, aber eben so, dass es hält und funktioniert. Und es sieht sehr sexy und „80s“ aus.

Genug davon. Klanglich bekommt man hier absolut Exotisches geboten, das zweimal zweipolige VCF, das sich auch zu einem einzigen vierpoligen VCF schalten lässt oder mit dem man durch das Sweepen zwischen diesen beiden formantenartige, spektrale Bilder erzeugen kann. Oder die DCOs, die wirklich toll klingen, obwohl sie eben nur DCOs sind. Mit diesen lassen sich per Tastendruck eigene Schwingungsformen erzeugen, hier lassen sich Obertonstrukturen hinzufügen, das klingt hier und da fast nach PPG. Er kann aber auch klassisch klingen, die tolle Pulsbreitenmodulation lädt zu fetten Unisono-Bässen ein. Es ist verrückt, dass dieses Gerät nur rund tausendmal gebaut wurde und nicht wirklich angekommen zu sein scheint, die Oberfläche und Bedienbarkeit mit Second-Funktionen in Kombination mit dem Manual ist auch heute noch absolut einleuchtend und genial. Es ist unglaublich, was in diesem Gerät an Features und Spielweisen untergebracht wurde, seien es die Glide- oder Trigger-Funktionen oder der Arpeggiator. Dieses Gerät als „underrated“ zu bezeichnen, ist meiner Meinung nach noch „underrated“.

Der OSCar im AMAZONA.de BLUE BOX-Report

2009 erstellte uns Theo Bloderer einen wunderbaren BLUE BOX Report zum legendären OSC OSCar, der auch heute noch seine Gültigkeit hat:

Oxford Synthesizer Company OSCar

Oxford Synthesizer Company OSCar

Ein Rückblick

Als ich 2008 einen OSCar erwarb, lag dieser noch in anderen Preisregionen. Hier die Geschichte, wie ich damals zu meinem ersten OSCar kam.

Mit dem OSCar tappe ich fast in eine Falle. Es fängt ganz harmlos an: Ein plötzlich auftretender Gedanke – DIESES Instrument möchte ich haben! Nun gut, schon wird bei einer deutschen eBay Auktion das Objekt der Begierde gesichtet. Stand der Dinge: 1200 Euro. Bald mehr, ich biete mit. Bei 1750 fängt mein linker Fuß an zu zittern, ich steige aus. Es wird dann eben doch ein Yamaha CS-40M, als Trost: ein schöner Synthesizer mit ungewöhnlichem Multimode-Filter und großen Holzseitenteilen. Zufällig hat jener CS-Verkäufer auch einen OSCar im Studio, so kommt das ursprüngliche Objekt der Begierde wieder ins Gespräch. Ganz begeistert sei er von der britischen Wunderkiste, meint der stolze Besitzer. Ich bekunde mein Interesse, doch nein – wer einen OSCar hat, gibt ihn nicht mehr her! Ist OK.

Wieder auf OSCar-Suche schienen mir damals Auktionen mit 2000 Euro Kaufpreis weiterhin keine tragbare Lösung. Ein Freund rät mir, im Geburtsland des OSCar, in England, Ausschau zu halten. Zum Beispiel bei SoundOnSound … eine kurze interaktive Visite und schon stehen mir drei OSCar zur Auswahl! Ich entscheide mich für ein Exemplar und zahle – inklusive Porto – umgerechnet 1300 Euro. Mit Original-Handbuch, hoher Seriennummer und im Top-Zustand! Wenige Tage nach Erhalt des OSCar meldet sich der zuvor genannte CS-Verkäufer wieder: Sein OSCar wäre nun für 2200 Euro Sofortpreis zu haben. Ich lehne dankend ab und lächle.

OSCar Full 1

Heute, acht Jahre später, hat sich die Preisgrenze deutlich nach oben verschoben. Realistisch sind inzwischen eher 2.500 Euro, wobei die Anzahl der verfügbaren OSCar nochmals deutlich geschrumpft ist. Dreiste Anbieter versuchen auch schon, Preise um die 3.000 Euro zu ergattern. Kommen wir nun aber zum Kern der Sache:

OSCar Logo

OSC – Oxford Synthesizer Company

Die Oxford Synthesizer Company wurde Anfang der 80er von Wasp/Spider-Entwickler Chris Huggett gegründet. Es war nach Electronic Dream Plant und Wasp Synthesisers LTD sein mittlerweile drittes Unternehmen. Die Firma OSC entwickelte zwar einige Instrumente, in Serie ging jedoch nur der OSCar. Während einem Zeitraum von immerhin 4 Jahren (1983 bis 1987) wurden ca. 1000 Stück produziert. 250 ohne MIDI, die restlichen 750 mit MIDI. Seit seinem Erscheinen sorgt der OSCar für eine gewisse Aufregung – sei es seines (guten) Sounds, seines ungewöhnlichen Äußeren oder seiner (angeblich) mangelhaften Verarbeitung wegen.

Der OSCar gehört auch zu jenen Synthesizern, die einen wesentlich höheren Gebrauchtwert haben, als der Neupreis des Instruments bei Erscheinen betrug. So wurde der OSCar ab 1983 für 600 bis (in den letzten Produktionsjahren) 400 Pfund verkauft. Aktuell ist ein funktionierendes Exemplar kaum mehr unter 2.500 Euro zu bekommen.

OSCar diagonal

Subtraktiver Synthese-Aufbau

Der OSCar verfügt über 2 Oszillatoren, 1 LFO, 2 Filter, 2 Hüllkurvengeneratoren, Arpeggiator, Sequencer, 36 Programmspeicher, 2 Wheels. Wir gehen die einzelnen Funktionsbereiche am Panel von links nach rechts systematisch durch, beginnend bei den …

OSCar OSC

Die OSCar Oszillatoren

Die Oszillatoren bieten fünf Schwingungsformen der klassischen Art, die eigentlich „Standard“ sind. Darüber hinaus gibt es fünf weitere „Preset-Waveforms“, die über das Keyboard aufgerufen werden. Zudem kann man noch – mittels Zusammensetzen von Harmonics – eigene Schwingungsformen generieren, wofür wiederum fünf zusätzliche Programmspeicher zur Verfügung stehen. In Summe umfasst das Angebot des „Oszillator-Basismaterials“ also bis zu 15 unterschiedliche Schwingungsformen. Das ist schon mal gar nicht schlecht …

Oszillator 2 kann in einem Bereich von 4 Oktaven gegenüber Oszillator 1 justiert bzw. über DETUNE minimal verstimmt werden. Mittels OCTAVE UP/DOWN-Buttons links der Tastatur lässt sich der Umfang des verfügbaren Audiospektrums noch zusätzlich erweitern.

Die jeweils 5 Standard-Wellenformen der Oszillatoren

Die jeweils 5 Standard-Schwingungsformen der Oszillatoren

Glide und anderes

In diesem Bereich wird unter anderem die Arbeitsweise der beiden Wheels festgelegt. Schade ist, dass der Pitchbender ausschließlich auf die Tonhöhe wirkt, nicht aber auf das Filter (die Flexibilität vieler Roland Bender – wie z. B. bei Jupiter-4 oder Jupiter-8 – ist im Vergleich dazu schon einmalig!).

GLIDE bietet es ein ganzes Arsenal an Möglichkeiten, wie sich diese Funktion auf das Spielverhalten auswirken soll.

Unter MIX schließlich wird global das Lautstärkeverhältnis zwischen OSC1 und OSC 2 festgelegt, bzw. alternativ den Oszillatoren Rauschen (NOISE) beigemengt. Das VOLUME-Poti schließlich dient nicht nur zur Regulierung der Gesamtlautstärke, auch das Übersteuern des Filters wird damit ermöglicht … eines von vielen Beispielen der „Doppelbelegung“ oder Mehrfachfunktion von Potis, Schalter oder Keyboardtasten beim OSCar. Es ist – nebenbei – wirklich unglaublich, wie viele Features im OSCar untergebracht sind.

LFO und Filter

Der LFO kann mit seinen verschiedenen Schwingungsformen positiv oder invertiert auf die Oszillatoren und das Filter wirken. Mittels INTRO wird eine Einschwingzeit festgelegt, die wir  allgemein als „Delay“ kennen.

OSCar Envelopes

Das FILTER schließlich ist das wohl bemerkenswerteste Modul im OSCar. Erstens handelt sich bei diesem Filter um den einzigen wirklich analogen Baustein des Instruments. Sehr erstaunlich, wo doch viele Sounds so wunderbar analog klingen und überhaupt die gesamte Bedienung rein analog ist. Zweitens handelt es sich genau genommen nicht um ein, sondern um zwei Filter, wobei die Arbeitsweise über SEPARATION festgelegt wird: Es steht/stehen entweder ein 24 dB-Filter zur Verfügung, oder – weil „separiert“ – zwei 12 dB-Filter. Drittens gibt es 6 Filter-Arten. LP/BP/HP mit Keyboard-Tracking – und das Ganze noch mal ohne Keyboard-Tracking. Das ist schon ein gewisser Garant für beachtliche Klangvielfalt. Viertens klingt das Filter (egal in welcher Betriebsart) sehr eigenständig und – meine persönliche Meinung – einfach g-e-n-i-a-l. Das Klangverhalten ist oft sehr aggressiv, wüst, animalisch, aber mit bescheidener Filterresonanz auf Wunsch auch intim und subtil.

Natürlich steht dem Filter eine der beiden

OSCar Envelopes

zu. Das Besondere der VCF-ENV ist die Delay-Möglichkeit, die bei Sustain-Level „0“ automatisch via Release-Poti geregelt wird. Eine der vielen versteckten OSCar-Funktionen.

Die Hüllkurven

Die Hüllkurven

Neben umfangreichen Trigger-Einstellungen gibt es die globale Kontrolle für TEMPO, sei es nun für den Arpeggiator oder den Sequencer. Wird MIDI-Clock empfangen (oder ein analoges Trigger-Signal), so legt das TEMPO-Poti fest, in welchem Verhältnis die Impulse umgesetzt werden – ob als Sechzehntel oder Achtel oder triolisch. Diese Funktion ist mittels Schalter übrigens auch beim Roland Jupiter-8 rückseitig zu finden und sie ist auf alle Fälle sehr praktisch! Bei fast allen Synthesizern mit Sequencer gibt es ausschließlich eine 1:1 Synchronisation (eingehende Trigger-Impulse werden strikt als Sechzehntel-Noten interpretiert), was die Möglichkeit rhythmischer Vielfalt doch etwas einschränkt.

Neben TEMPO sitzt eines der wichtigsten Potis: GATE TIME. In dieser Form auch beim Elka Synthex Sequencer zu finden, ist besagte Funktion der „Verkürzung oder Verlängerung ausgegebener Notenlängen“ ein vielseitiges Performance-Tool. Den Sound global in seiner Sustain-Länge bestimmen zu können – unabhängig von den beiden Hüllkurven und mit nur einem Poti – ist sehr praktisch und klanglich äußerst effektiv.

Rechts werden die Spielarten des OSCar eingestellt

Rechts werden die Spielarten des OSCar eingestellt

Unter FUNCTION wird schließlich festgelegt, ob der OSCar NORMal arbeitet (was bei vielen Synthesizern den einzigen Betriebszustand überhaupt darstellt), ob der ARPeggiator eingeschaltet ist oder doch lieber DUOphone Spielweise bevorzugt wird. Mit letztgenannter Einstellung werden die beiden Oszillatoren auf zwei Stimmen aufgeteilt, was natürlich ein eingeschränktes Klangvolumen pro Stimme zu Folge hat. Da der OSCar aber (meist) ohnehin MIDI hat, scheint mir Duophonie weniger relevant. HOLD-Modi für N(ormal), A(rpeggio) und D(uophone) runden das Bild des FUNCTION-Potis ab.

Die Spielhilfen des OSCar

Da sind sie nun, die Gummiräder. Sie sehen sehr griffig aus, sind zum Bedienen jedoch so ein Fall für sich. Erstens haben beide (!) Wheels Federn eingebaut, weshalb sie automatisch immer in die Null-Position zurückgehen. Ein wenig Vibrato einstellen und die Sache dann so belassen – das geht leider nicht. Zweitens fallen feinfühlige Modulationen mittels dieser Gummi-Wheels doch ein wenig schwer, da die Räder keinen nuancierten (oder besser gesagt: keinen gleichmäßigen) Widerstand bieten. Ganz hervorragend sind dafür wiederum die bereits zuvor genannten OCTAVE-Schalter, mit denen sich der Gesamtklang sofort um bis zu vier Oktaven verschieben lässt.

Beide Gummi-Wheels sind mit einer Feder versehen

Beide Gummi-Wheels sind mit einer Feder versehen

MIDI

ist bei den meisten OSCars Standard. Echter Luxus, keine Frage. Immerhin ist der OSCar auch der einzige Vintage-Mono (Duo)phone, der jemals serienmäßig mit MIDI gefertigt wurde. Fast hätte Crumars Spirit dieses Feature erhalten, doch war der Italiener zu wenig populär (zu Unrecht übrigens), um in rentablen Stückzahlen und mit moderner Schnittstelle versehen das Licht der Welt zu erblicken.

Via MIDI versteht der OSCar neben Note On/Off und MIDI-Kanal noch Program-Change, Pitchbend, ModWheel und MIDI-Timing-Clock. Sounds könne auch extern via SysEx-Dump gespeichert werden. Das allerdings jedoch erst ab einer späteren MIDI-Version M2. Wer sich für die einzelnen Entwicklungsstufen der MIDI-Implementation des OSCar interessiert, der sei auf Peter Forrests „The A-Z Of Analogue Synthesisers“ verwiesen  oder auf das OSCar Handbuch. Generell gilt die banale Faustregel: je höher die Seriennummer, desto besser das MIDI. Allerdings dürfte die Hälfte der MIDIfizierten OSCar ohnehin die letzte – umfassende – MIDI-Version M2 (ab Februar 1985) beinhalten. Jedenfalls steht bei OSCar-Angeboten sehr häufig zu lesen: „Very good condition, last MIDI … “

Kenton Electronics hat übrigens auch ein OSCar-MIDI-Kit im Programm, das nach wie vor erhältlich ist. Wie viele Instrumente letztlich damit ausgestattet wurden bzw. welche Möglichkeiten dieses Interface umfasst, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Es wäre eine Erkundigung wert, ob sich das originale MIDI durch das Kenton Upgrade ersetzen ließe und ob es Vorteile – wie besseres MIDI-Timing oder Velocity-To-Filter – mit sich bringen würde.

Die Hüllkurven

Die Hüllkurven

Tastatur, Arpeggiator und Sequencer

(mit Vergleich zum Sequential Pro-One)

Dass man auf der 3-Oktaven Tastatur dem OSCar Töne entlocken kann, ist – übertrieben gesagt – fast Nebensache. Das Keyboard dient nämlich darüber hinaus noch zur Anwahl der:

  • Programmspeicher (36 Sounds)
  • Harmonischen, um selbst Schwingungsformen zu generieren
  • 10 zusätzlichen Schwingungsformen für OSC 1 und 2
  • Sequencer-Daten (Sequenzen und Sequenz-Ketten)
  • Transpose- und Tune-Einstellungen

OSCar Seq

Der Arpeggiator verfügt über die Modi UP, DOWN und UP/DOWN. Schade, dass RANDOM nicht dabei ist, aber über den Sequencer bzw. via MIDI kann man das ja ganz gut simulieren …

Der Sequencer umfasst in der letzten Software-Version immerhin 1500 Events, was zunächst viel und „toll“ erscheint. Dennoch: Ganz so elegant wie beim Sequential Pro-One wurde die Performance-Situation nicht gelöst, denn Sequenzen lassen sich nur eingeschränkt über die Tastatur transponieren. Zwar bietet der Pro-One Sequencer nur bescheidene 40 Steps, aber das ist meist völlig ausreichend, da viele Musiker nach dem Pattern-Prinzip arbeiten, wobei sich einige wenige Takte einfach ständig wiederholen.

Viel wichtiger ist jedoch die Tonhöhenveränderung – eben das Live-Transponieren der Sequenz, was beim Sequential Pro-One über 2 der 3 Oktaven „on the fly“ – also einfach durch Drücken des gewünschten neuen Tones – möglich ist. Beim OSCar sieht diese Prozedur wie folgt aus: Man drücke den Transpose-Knopf und gleichzeitig (!) eine Taste am Keyboard, um die Sequenz auf eine andere Stufe zu bringen. Der Nachteil: Zum simplen Transponieren laufender Sequenzen werden beide Hände benötigt … und schon ist es vorbei mit dem ModWheel- oder Filter-Drehen in Echtzeit. Außerdem beträgt der Bereich der möglichen Transponierung nur eine (!) bescheidene Oktave, was eindeutig zu wenig ist.

OSCar Speicher

Von losem Gummi und anderen Geschichten

Meine Erwartungen an die Hardware des OSCar waren äußerst gering. Horrorgeschichten gingen dem voraus: Von OSCars, die alle 15 Minuten abstürzen, von Modellen, bei denen sich Gummistreifen während des Spielens vom Gehäuse lösen und mehr. Aber niemand Geringerer als Jürgen Haible meinte in Anerkennung an Chris Huggett: „Er hat es verstanden, geniale Synths zu einem Low-Budget-Preis zu bauen.“ Wenn das ein begnadeter Elektroniker sagt, wird es interessant:

Ein Überblick zur Bauweise des OSCar ist wie folgt:

  • Die Potis sind hervorragend
  • Die Tastatur ist NICHT sehr gut. Sie bietet ein „billiges“ Spielgefühl, leider. Nicht so schlimm wie beim MS-20 oder manchem Pro-One, aber mit einer guten Moog- oder Yamaha-Tastatur ist sie kaum vergleichbar.
  • Innen ist der OSCar ähnlich einem LEGO-Baukasten zusammengesetzt. Hier stützen sich die Teile gegenseitig und die Gesamtkonstruktion ist (für einen Plastik-Synthesizer) im Grunde ziemlich robust. Das Gerät lässt sich dadurch relativ einfach zerlegen. Eine Empfehlung zwecks Reparatur eines OSCars wäre übrigens Thomas Siedler, besser bekannt als ANALOG DOC.
  • Mit Ausnahme des MIDI-Trios befinden sich alle Anschlüsse – wie auch der Einschaltknopf – seitlich des Instruments, ähnlich wie beim Moog Little Phatty. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, zumal man ganz gerne vergisst, dass seitlich ein Audiokabel herausragt während man das Instrument verschiebt oder hochhebt.

Der Sound des OSCar

Der eingangs erwähnte Yamaha CS-Verkäufer sagte zum Klang des Instruments: „Er klingt wie eine Mischung aus PPG und Prophet.“ Das fand ich irgendwo interessant und zugleich sehr treffend. Heute würde ich es jedoch so formulieren: „Der Klang des OSCar ist eine Mischung aus PPG Wave, Moog Minimoog, Synton Syrinx und Crumar Spirit.“

Wer Monophone ihrer Arpeggio-Sounds und perkussiven Sequencer-Klänge wegen schätzt, der dürfte mit dem OSCar bestimmt zufrieden sein. Generell scheint mir dieses Instrument eher für Experimentalisten oder echte Electronic-Freaks gedacht. Wer hingegen vornehmlich mit soliden Bass- und Lead-Sounds sein Auskommen hat, der dürfte mit einem Pro-One, Moog Prodigy, Little Phatty oder ARP Odyssey sein Auskommen haben. Der OSCar richtet sich an jene, die gerne auch eine halbe Stunde oder mehr an einem Sound tüfteln, die die unterschiedlichen Filterarten erkunden, die sich eigene Schwingungsformen basteln und die die optimale Ansteuerung der Wheels via MIDI ausfindig machen, was durchaus etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Für den OSCar benötigt man eben ein wenig Geduld!

Immer wieder überrascht natürlich, wie sehr dieser Synthesizer gleichermaßen analog und/oder digital klingen kann. Wunderbare Bässe und Leadsounds sind ebenso lupenrein zu realisieren wie überzeugende Orgelsounds, PPG-ähnliche Klangverschiebungen oder ausgedünnte FX-Filter-Sounds.

Ein Urteil

zum OSCar fällt nicht ganz leicht. Meine Erfahrungen in puncto Zuverlässigkeit des Instruments sind rundum positiv. Es wird aber auch von ganz anderen Fällen berichtet – daher ist dies nur eine Meinung von vielen. Auch vom Klang bin ich extremst begeistert. Die angefügten Soundfiles machen vielleicht deutlich, wie eigenständig und brachial der Ausnahme-Synthesizer OSCar klingt.

Womit ich jedoch nicht ganz klargekommen bin – und dies waren auch die drei Gründe, warum der OSCar schweren Herzens wieder verkauft wurde: umständliches Handling, ein teils nicht sehr Performance-freudiges Design und holpriges MIDI-Timing. Schließlich nützt der beste Klang wenig, wenn man regelmäßig im Handbuch die Bedeutung kryptisch aufleuchtender LEDs nachschlagen muss, der Editiervorgang einer Sequenz schon wieder vergessen wurde, die Beschriftung einzelner Potis durch andere Potis ständig verdeckt bleibt, die Gummi-Wheels etwas „unkalkulierbar“ zu bedienen sind oder wenn das MIDI-Timing des Instruments im Zusammenspiel mit anderem Equipment nicht ganz passt.

Außergewöhnlich nicht nur im Design, der Synthesizer OSCar

Klar, über MIDI-Delay (und/oder eine MIDI-Filter-Box) lässt sich das Timing anpassen und irgendwie würde man das Problem in den Griff bekommen. Dazu hatte ich jedoch keine Lust, denn schließlich will man die kostbare Zeit mit Musikmachen verbringen und nicht mit der Nase im Handbuch oder dem Angleichen nachhängender bzw. hakeliger MIDI-Notes. Wirklich exaktes Zusammenspiel konnte ich übrigens nur über (analoges) Triggern des OSCar-Sequencers/Arpeggiators erreichen. Doch da das Programmieren des eingebauten Sequencers (und seine Performance-Möglichkeit) eindeutig Richtung „lustlos“ geht, war auch dieser Weg nicht unbedingt zufriedenstellend.

Schließlich ist auch die Frage des „Services“ nicht einfach zu beantworten. Der OSCar ist ein sehr speziell konstruiertes Instrument und lässt sich gewiss nicht von jedem beliebigen Techniker reparieren. In Deutschland gibt es höchstens eine Handvoll Spezialisten, die hierfür ernsthaft in Frage kommen.

So ist mein Urteil gespalten. Aus Sicht des Musikers ist dem Klang des OSCar viel Gutes nachzusagen. Dennoch muss ein Instrument „als Ganzes“, vor allem in seiner Performance, ebenso stimmig sein wie der eigenständige Sound. Und wenn dies nun nicht der Fall ist, so bleibt die Kreativität – und damit die Freunde am Instrument – etwas auf der Strecke.

Weitere OSC Oscar Videos auf YouTube

Und hier noch ein YT-Video mit weiteren Soundbeispielen:

Fazit

Der OSCar ist ein Klassiker im Synthesizer-Universum. Seine Filter-Sounds sind ebenso einmalig wie die Möglichkeit, durch Zusammensetzen von Partialtönen (Harmonics) eigene Schwingungsformen zu erstellen. Dennoch schmälern einige Schwachstellen die Euphorie: Das MIDI-Timing ist nicht ganz sattelfest, die Wheels sind eigenartig zu bedienen, die sehr hoch geratenen Potis verdecken gegenseitig ihre Beschriftung und die Bedienung des OSCar ist als Ganzes gesehen sehr komplex. So setzt der intensive Einsatz des OSCars im Studio viel Zeit und regelmäßige Übung voraus.

Plus

  • sensationeller Sound - sowohl analog als auch digital
  • Klang der Filter
  • Erstellung eigener Schwingungsformen möglich
  • MIDI

Minus

  • Bedienung des Instruments ingesamt sehr komplex
  • MIDI-Timing nicht ganz sattelfest

Preis

  • Syntacheles-Liste
  • Stand Januar 2019
  • ca. 4.000 Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    der jim  RED

    Hach ja, der gute Oscar. Als ich seinerzeit für den Vergleich mit dem Imposcar-Plugin einen realen Gummiwulst-Synth organisieren wollte, sind mir defekte Modelle gleich reihenweise unter die Finger gekommen. Selbst die Exemplare von Frau Kruse, Herrn Kowalski und einem u.a. auf den Oscar spezialisierten Servicestechnikers ;) waren nur halb bis gar nicht funktionstüchtig. Die Verarbeitung muss man insgesamt doch eher als problematisch ansehen. Großes Glück wenn man einen voll funktionierenden Oscar findet. Aber auch dann sind die 2.500,- Durchschnittspreis definitiv zu viel. Wirklich schade bei dem satten Sound …

  2. Profilbild
    Gul Dukat

    Klasse Kiste, klingt einfach super. Man sagt Vince Clarke (Depeche Mode, Yazoo, Erasure..) hätte seinen Sohn nach diesem Synth benannt, muss ihn ganz schön beeindruckt haben ;-)

  3. Profilbild
    Viertelnote  AHU

    der OSCar wird bestimmt nicht jedermanns
    Sache sein, dazu ist er zu speziell in der Bedienung wie im Klang.
    Fängt der IMPOscar den Soundcharakter insgesamt ein oder kann dieser das Gerät nicht gut vertreten?
    mfG

  4. Profilbild
    Tyrell  RED 31

    Durch Vincents Video habe ich meinen OSCar wieder mal aus der Versenkung geholt. Ein echtes Prachtkerlchen.

  5. Profilbild
    costello  RED

    Wieder ein sehr schönes Video von Vincent. Der OSCar ist echt beeindruckend, ersetzt fast ein Modularsystem. Trotzdem lohnt auch nochmal der Blick in Theos Bericht, der ein paar Schwachstellen aufgelistet hat.

  6. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Grossartiger genial gestalteter oddball Synth und ein schönes, musikalisches Demo Video von Herrn Vincent.
    Der OSCar-Klang bewegt sich wie kein anderer Irgendwo zwischen analog, digital und egal weil geil.
    Danke!

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Danke Dir mein lieber! Ich bin auch total beeindruckt von dem Ding, eben weil es beides kann, D und A! ;)

  7. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Schöner Bericht Vincent.
    Du wirst noch mein Lieblingsauthor, kleiner Synth-Checker. ;)

    Der Oscar ist natürlich eine Klasse für sich.

    • Profilbild
      Vincent  RED

      Heys großer Checker! Tausend Dank, allerdings ist es wichtig zu erwähnen dass der geniale Bericht aus der Feder von Bloderer stammt, ich habe oben nur schnell meinen Sempf dazugerklatscht und ein kleines Video dazu gemacht. Greetz, Vincent! :)

  8. Profilbild
    TobyB  RED

    Sehr gut! Der Oscar hat richtig Fleisch am Knochen, super gemacht Vincent!

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