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Godzilla vs. Pulse Duty (Synthesizer in Filmen)

Die Jagd nach dem mysteriösen Panel

27. August 2022
godzilla roland sh-2

Bildquelle: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters

Die Leidenschaften für Filme und Synthesizer gehen manchmal Hand in Hand, wenn auch mitunter auf recht kuriose Weise. Da entdeckt man zum Beispiel einen Vintage-Schatz in der Kulisse eines Raumschiffes oder einen 19″-Rompler im Polizeirevier. Ein kleiner Spaß für den Moment – normalerweise. Doch diesmal entwickelte sich die Sichtung eines Panels zu einer echten Odyssee durch unbekannte Gefilde, doch mit einem filmreifen Happy-End. Wie sich das gehört. Aber schön der Reihe nach.

Godzilla vs. Roland

Wir schreiben das Jahr 1984. Die Welt befindet sich hemmungslos im kalten Krieg und Godzilla taucht zu seinem 30. Geburtstag wieder auf, um mit seiner unnachahmlich direkten Art auf die Gefahren einer nuklearen Katastrophe hinzuweisen.
„Godzilla – Die Rückkehr des Monsters“ ist de facto ein Remake des ersten Films von 1954. Wie beim Originalstreifen verkörpert unser allerliebstes Kaiju wieder die atomare Bedrohung. Und wieder kann das Militär mit all seinen Waffen nichts gegen ihn ausrichten. Und wieder findet ein Wissenschaftler die Lösung, um die Welt (oder zumindest Japan) zu retten. Aber die Wissenschaft hat sich weiterentwickelt. War 1954 noch der fatale Oxygenzerstörer für den Sieg über den mutierten Saurier notwendig, kommt man 1984 mit deutlich angenehmeren Waffen zum Ziel: Synthesizer!

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Nachdem Atom-U-Boote und Raketen nichts gegen Godzilla ausrichten können, findet ein Wissenschaftler heraus, dass bestimmte Töne einen gewissen Einfluss haben und man ihn damit weglocken kann. Dazu muss man erst einmal im Labor wissenschaftlich herausfinden, was das für Töne sind. Und dafür braucht man natürlich ein Keyboard, das allerdings erst einmal nicht so leicht zu erkennen ist.

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Immerhin weist der knubbelige Bender auf Roland hin und mit viel gutem Willen lässt sich eine Tastatur mit drei Oktaven erkennen. Also ein monophoner Synthesizer von vor 1984. Aber welcher? Zum Glück rückt die Kamera ein paar Szenen später näher an den Tisch heran.

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Die vier silbernen Regler der Oszillatorsektion identifizieren den Synthesizer klar als Roland SH-2. Doch der Schauspieler traut sich (oder darf?) nicht auf dem Instrument zu spielen, sondern beobachtet lieber das Oszilloskop. Er muss ja schließlich die wichtige Frequenz herausfinden. Ein Tuner wäre hier recht hilfreich gewesen …

Roland SH-2

Roland SH-2 Synthesizer

Ich dachte schon: Jippie! Wieder einen Synthesizer in einem Film entdeckt. Jetzt aber weiter gucken und Chips futtern. Doch weit gefehlt!

Die Reise beginnt

Schließlich muss der Godzilla-hypnotisierende Ton zur Anwendung und vor Ort gebracht werden. Dafür hat der Wissenschaftler noch mehr Geräte in seinem Labor. Ein mit den typischen Griffen versehenes 19″-Rackgerät mit ein paar Reglern und VU-Metern kommt nun zum Einsatz. Ja, das sieht schon ein bisschen nach was aus, aber noch regt es mich nicht auf bzw. an.

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Doch dann wird das Teil eingeschaltet und es gibt ein Close-up:

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Hey, das ist doch ein … nein. Aber ein … auch nicht, sondern ein … nee. Was ist das? Also ehrlich: Was? Ist? Das?
Gebannt starre ich auf das eingefrorene Bild und weiß nicht weiter. Also, es ist ganz klar etwas Synthetisches. Es gibt VCO-1, ADSR, AR, Freq. Mod, Pulse Mod – und die obskure Bezeichnung Pulse Duty. Und um die Verwirrung komplett zu machen, wird mit Keyboard Control die Hintergrundbeleuchtung des Panels eingeschaltet!!! Ähm, 1984?

Es ist logisch, dass es sich nur um einen Teil handelt, da die Mod-Quellen ADSR und AR offensichtlich nicht vorhanden sind. Modular ist es wegen der Drehschalter aber wohl auch nicht.
Mehr als das Stück gibt es leider nicht zu sehen und ich komme weder mit meinem Erinnerungsvermögen, noch mit den einschlägigen Nachschlagewerken weiter. Also werden die befreundeten Nerds befragt – und alle zucken mit den Schultern. Also werden Spezialisten befragt – und auch die zucken mit den Schultern, im In- wie im Ausland. Einzig die Bezeichnung Pulse Duty deutet darauf hin, dass es sich um kein amerikanisches oder britisches Gerät handeln mag. Als ich schon aufgeben will, kommt der entscheidende Hinweis, natürlich aus dem Erzeugerland > Doumo arigatou Mr. Suzuki!

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Es ist ein Wave Kit SA13. Genau genommen ein Teil von dessen Oszillatorsektion:

wave kit sa13 synthesizer

Quelle: Prospekt bei Asahi-net

Wer oder was ist Wave Kit?

Ist mir diese Firma schon mal untergekommen? Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern und selbst das A-Z of Analogue Synthesizers von Peter Forrest führt Wave Kit nicht auf (zumindest in der ersten Revision – vielleicht mag jemand in der erweiterten Auflage nachschauen? – Nachtrag: laut einem Leser ist Wave Kit in der zweiten Auflage des A-Z aufgeführt, jedoch ohne Abbildung). So blieb mir nur, mich durch, natürlich japanische, Prospekte zu hangeln.

Wave Kit war eine Firma, die offenbar von 1975 bis 1980 DIY-Kits für Synthesizer anbot, die über Versandprospekte und Fachzeitschriften beworben wurden. So ähnlich wie Elektor (Formant) in Deutschland oder PAIA in den USA. Es war wohl für einige japanische Elektronik-Musiker der günstige Einstieg in die Welt der Synthesizer.
1975 gab es mit dem SA12 Super Sound Synthesizer einen Mini-Synthesizer, der ähnlich dem PAIA Gnome gewesen sein soll.
Den SA13 gab es dann ab 1976. Es ist zu lesen, dass er zuerst eine einfache Bridget-T Filterschaltung hatte, die ein Jahr später durch eine Dioden-Ladder-Schaltung ersetzt wurde. Ansonsten ist seine Ausstattung mit zwei VCOs, ADSR- und AR-Hüllkurven, LFO und VCA recht einfach, vor allem aus heutiger Sicht. Doch sein Routingsystem über Drehschalter hebt ihn von vielen seiner Zeitgenossen ab.
Teile der Schaltung gab es später als einzelne Platinenbausätze. Eine überarbeitete Version des SA13-VCOs wurde unter der Bezeichnung SA14 angeboten. Auch Filter, Hüllkurve und VCA gab es separat.
1980 erschien mit dem 4ch Music Box System anscheinend das letzte Wave Kit-Produkt. Es bot vier DCOs, vier VCAs, zwei Mulitmode-VCF, drei Hüllkurven und einen Mixer.

Hier etwas von dem sehr wenigen Material, das noch aufzutreiben ist.

Quelle: Prospekte Asahi-net

Es gab seinerzeit ein Geschäft in Tokyo, im berühmten Elektronik-Bezirk Akihabara, das Platinen und Bausätze von Wave Kit anbot. Ganz in der Nähe befand sich zu dieser Zeit ein Showroom von Roland. So schließt sich der Kreis. Vielleicht war der Set-Dekorateur des Godzilla-Films in „Akiba“ auf Einkaufstour, holte sich ein paar SA13-Panels, die 1984 wohl kaum mehr jemanden interessierten, nahm danach bei Roland einen handlichen SH-2 mit und mit dem Restgeld erstand er noch ein paar Labor-mäßig aussehende Teile in weiteren Elektronikgeschäften. Nicht unwahrscheinlich, dass das ungefähr so ablief.

Tatsächlich soll der SA13 auch in Japan sehr selten sein. Und wie hört sich das Teil an? Ein zugegebenermaßen eigenwilliges Video gibt vor allem einen optischen Einblick. Der Sound beginnt ab 1:40 min.

YouTube

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Zurück zum Film!

Mit Wave Kit-geschärftem Blick schaue ich noch mal genauer hin. Denn wo blieb denn der Rest von dem zurechtgesägten SA13-Panel ab?
Wenn Godzilla sich der Stadt nähert, gibt es natürlich eine Warndurchsage und wir blicken ins Radiostudio. Doch es geht nicht um das funky Mischpult vorne, sondern was hängt denn da so dekorativ an der Wand? Tatsächlich verschönert ein SA13-Panel oder eine entsprechende Printfolie den Raum. Vergleicht die untere rechte Ecke des Wandbildes mit dem Prospekt weiter oben!

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Inzwischen rückt doch wieder das Militär an – Entschuldigung, es sind natürlich die Selbstverteidigungsstreitkräfte, die ja gar kein Militär sind. Sie haben offenbar ein wenig dazugelernt und sind mit Prototypen der Roland Macro Composer Serie ausgerüstet.

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Ok, der war jetzt ganz flach. Aber was erwartet uns wohl im Inneren, wenn die Ladefläche des Military Command (so würde ich MC mal interpretieren) geöffnet wird? Taadaa, über und über strahlen Wave Kit-Panele wie eine Weihnachtsbaumbeleuchtung. Die Struktur des SA13 ist trotz der Tiefenunschärfe gut zu erkennen. Auch hier hat man offenbar nur das Panel, das vermutlich aus Plexiglas ist, samt Potiknöpfen verwendet und von hinten beleuchtet.

Screenshot: Godzilla – Die Rückkehr des Monsters (DVD)

Diese Konstruktion gefiel offenbar sehr, so dass man sie in den nachfolgenden Godzilla-Filmen (und wer weiß, wo noch?) wiederverwendet hat. Ein Mal als Teil eines Cockpits, das auch einen Absturz übersteht, oder weit im Hintergrund und schließlich in der Kontrollkonsole für das Gehege von Baby-Godzilla. Aufgrund von schnellen Kameraschwenks und der mittelprächtigen Qualität der deutschen DVDs sind die Screenshots leider nicht sehr scharf.

Screenshot: Godzilla – Duell der Megasaurier (DVD)

Screenshot: Godzilla – Duell der Megasaurier (DVD)

Screenshot: Godzilla vs. Mechagodzilla II (DVD)

Leider können wir diesen Artikel nicht mit einem Verweis auf die passende Vintage-Story abrunden und ich glaube auch kaum, dass wir je einen Wave Kit SA13 in die Finger bekommen werden. Aber wenigstens zum Roland SH-2 können wir euch einen Artikel bieten. Und als moderne Variante gibt es ja auch Rolands SH-2 Plug-out – damit ihr nicht zum Vintage-Schatz greifen müsst, falls Godzilla mal vorbeischaut.

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Forum
  1. Profilbild
    CDRowell

    Danke für die anregende Recherche! Ich musste an mancher Stelle schmunzeln. Ich freue mich schon auf die nächste Story!

  2. Profilbild
    t-hiho RED

    Ein herrlicher Artikel, vielen Dank! Ich bin überzeugt, da draußen lauern noch viele unentdeckte Schätzchen dieser Art… Wer Inspiration für weitere Artikel sucht: Wir könnten ja auch gemeinsam in der Kommentar-Community mal brainstormen. Mir fiele spontan die Drummachine in La Boum 2 (https://youtu.be/XxFviM9yuGI @01’12) ein, oder auch die Synth-Schlacht mit Arp und Minimoog und Co in FAME (https://youtu.be/opSjrT6i1Nk).

  3. Profilbild
    ollo

    Zusammen mit Godzilla VS Mechagodzilla (1974) mein absoluter Lieblings-Godzilla. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass das die ersten beiden waren, die ich als Kind gesehen habe. Aber im Grunde sind sie ja alle irgendwie super.

    Zumindest zu dem unteren Screenshot (Godzilla VS Mechagodzilla II von 1993) gibt es ja mittlerweile die passenden Blu-Rays.

    Godzilla 1984 aka Die Rückkehr des Monsters hätte endlich mal ein vernüftiges Release in Deutschland verdient. Die Marketing DVD ist zwar im Gegensatz zur alten Kinofassung vom Bild her komplett, die Farben sind allerdings nicht ganz richtig und vorallem wurde für die Stellen, die damals nicht synchronisiert wurden, falsche Musik, nämlich die aus dem Original von 1954 wiederverwendet. Eine deutsche Blu-Ray mit allen Fassungen ist längst überfallig.

    Im Gegensatz zu so vielen anderen Filmen, wo Synthesizer für alles mögliche dienen, passt der Einsatzzweck hier ja aber durchaus.

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