Green Box: Yamaha FS1R, FM-Synthesizer

28. September 2002

FM ist tot, lang lebe FM

Klanglich ergänzt der FS1R perfekt jeden virtuell Analogen. Ein Trio mit Charisma und unschlagbarer Synthesekraft wäre z.B. für mich ein Set bestehend aus Access VIRUS, MICROWAVE  mit echten Analogfiltern, und Yamaha FS1R.

Totgesagte leben länger und so verschwand die FM-Synthese nach ihrer ungeheuer vielfältigen Popularität fast genauso schnell wieder, wie sie einst gekommen war. Jahrelang fristete sie nur noch ein Schattendasein, trotz ihres vielfältigen Klangpotentials. Doch langsam kommen die „Jüngeren“ unter uns wieder auf den Geschmack, handeln einstige FM-Klassiker als Geheimtip, die Gebrauchtmarktpreise steigen wieder und einige Modelle, wie beispielsweise der Yamaha DX11, sind zu richtigen Liebhaberstücken geworden. YAMAHA erkannte die Zeichen der Zeit und präsentierte 1998, nach mehrjähriger FM-Abstinenz, einen neuen Synthesizer-Expander, der FM Freaks den lange erwarteten Evolutionsschub in Sachen FM Synthese brachte. Der Yamaha FS1R bietet original Yamaha DX7 Sounds in Hülle und Fülle, verfügt über eine stark erweiterte FM-Synthese und bietet darüber hinaus unter der Bezeichnung FORMANT-SHAPING-SYNTHESE, einen echten Knaller.

Des Königs neue Kleider

Ganz zur „CI“ der heutigen Yamaha-Klangerzeuger passend, zwängte man den Klangerzeuger des FS1R in ein 19″ Gehäuse mit einer Höheneinheit.

Mit nur 15 winzigen Knöpfchen, vier frei zuweisbaren Potis sowie einem Volume-Regler und der Unterstützung des Yamaha-typischen GM-Displays, soll sich der Wolf im Schafspelz bändigen lassen. (Zum Vergleich, der letzte FM-Expander von Yamaha, TG77, – verfügte noch über 41 Knöpfe, zwei Potis und einen Schieberegler, sowie ein dreimal so großes Display in einem drei Höheneinheiten umfassenden 19″ Gehäuse).

Wer schon einmal FM-Sounds editiert hat, wird angesichts dieser Minimalausstattung enttäuscht den Kopf schütteln. Rückseitig findet man das Midi-Trio, vier Ausgänge (2 x Stereo) sowie einen Netzstecker.
Das Netzteil wurde im Gehäuse untergebracht – sehr löblich. Der Kopfhöreranschluß befindet sich vorne. Das metallisch, blaue Metallgehäuse wirkt edel und macht einen sehr stabilen Eindruck.

Zwei Seelen gefangen in einem Körper
Wie bereits eingangs erwähnt, generiert der Yamaha FS1R seine Klänge aus zwei unterschiedlichen Synthesemodellen. Zum einen wäre da die FORMANT-SHAPING-SYNTHESE und zum anderen die FM (Frequenz-Modulation) SYNTHESE.

FM – 1998

Die Funktionsweise der FM-Synthese detailiert zu erklären sparen wir uns an dieser Stelle, mlchten aber auf unseren Spezialartikel zur FM-Synthese verweisen: HIER KLICKEN


Dort finden Sie eine Fachartikel von Holger Gerdes, der das Thema FM Synthese ausführlich und anschaulich verdeutlicht.

Der klassische FM-Synthesizer „DX7“ verfügte über sechs Operatoren, jeder Operator generierte eine Sinus-Welle. Diese sechs Operatoren konnten in unterschiedlichster Weise miteinander verknüpft werden. Der DX7 verfügte über 32 solcher vorgegebenen Verknüpfungsmöglichkeiten – sogenannten Algorithmen. Innerhalb eines Algorithmus wurden die Operatoren in zwei Gruppen aufgeteilt. Diejenigen die andere Operatoren modulierten (Modulatoren) bzw. jene, die letztendlich tatsächlich das hörbare Audiosignal lieferten (Träger). Der DX7 verfügte über keinen nachgeschalteten Filter-Baustein, selbst Filter-Imitationen mußten deshalb auf der Ebene der Algorithmen erzeugt werden.

In der Praxis ließen sich damit sehr lebendige und druckvolle Klänge erzeugen, deren Grundcharakter aber immer alles andere als „analog“ war. In Verbindung mit FM-Synthese fallen meist Attribute wie „metallisch“ und „kalt“. 1989 gipfelte die Evolution der FM-Synthese im SY77 und ermöglichte eine Fülle neuer Synthese-Features. Jeder Operator konnte statt einer Sinuswelle aus einem Wellenvorrat von 16 Grundwellenformen wählen, 45 Algorithmen standen zur Verknüpfung der Operatoren zur Verfügung. Ein nachgeschalteter Filter erlaubte weitere Klangeingriffe (incl. Resonanz). Den daraus resultierenden Klang bezeichnete man als ELEMENT. Vier solcher ELEMENTE konnten wiederum zu einem komplexen Klanggebilde verknüpft werden. Dabei war es erlaubt, einzelne ELEMENTE durch Sampling-Sounds zu ersetzen, die wiederum durch FM-Sounds modulierbar waren – „Schnauf“! – ein wahrliches Synthese-Monster.
Knapp zehn Jahre später erweitert der FS1R diese Möglichkeiten nochmals DEUTLICH, verzichtet aber gänzlich auf die Einbindung von Samples. Vielleicht wird nun klar, warum ich eingangs die minimale Ausstattung der Bedienoberfläche bemängelte.

Yamaha FS1R 1998

Auch die Formant-Shaping-Synthese ist nicht ganz neu, in Verbindung mit FM-Klängen dürfte der Yamaha FS1R allerdings eine Premiere darstellen. Die Formant-Synthese ist häufig verantwortlich für die von Synthesizern erzeugten, menschlich klingenden Laute. Mehr zu Formanten finden Wissensdurstige unter: http://coral.lili.uni-bielefeld.de/~berndsen/ppkurs/wagner/formant.html
Auch die Formant-Synthese arbeitet mit Oszilatoren (16 Stück, von YAMAHA ebenfalls Operatoren genannt), die in verschiedenen Algorithmen angeordnet sind. 8 der 16 Operatoren erzeugen „stimmhafte“ Laute mit deutlich wahrnehmbarer Tonhöhe, während die restlichen 8 Operatoren für die „stimmlosen“ Laute zuständig sind, ähnlich einem Rauschgenerator eines analogen Synthesizers. Ein sprechender oder singender Synthesizer könnte das Resultat sein (dazu später mehr).

And now….all together

Der Yamaha FS1R arbeitet grundsätzlich im Performance-Modus. Dieser entspricht dem Multimode üblicher Midi-Expander. Bis zu vier Parts können hier kombiniert werden. Jedem Part lässt sich eine eigene Voice (FM oder FS) zuordnen sowie folgende Parameter: Midikanal, Lautstärke, Effektsends für Reverb und Variation Effekt, Panorama und Tuning. Im Part-Assign Betrieb kommen weitere Parameter hinzu, die sich dann ausschließlich auf die zugeordneten Voices beziehen.
Vier Bänke a 128 Performances sind verfügbar, 128 davon frei beleg- und überschreibbar, während der Rest vom Werk vorgeben bleibt.
Der Voice-Speicher umfaßt 1.536 verschiedene Single-Klänge. Auch davon sind 128 vom User überschreibbar, der Rest sind Presets – aufgeteilt in die PRESET Bänke A – K. Die Bänke A und B konzentrieren sich hauptsächlich auf Klänge, die durch die FS Synthese erstellt wurden, während die Bänke C bis K auf die berühmtesten Original-DX-7 Klänge zurückgreifen. Genügend Ausgangsmaterial also für eigene Klangkreationen.

Die vier Parts einer Performance können auf drei verschiedene editierbare Effektblöcke zurückgreifen. Zwei davon (Reverb und Variation) lassen sich per Send-Regler ansteuern, während der dritte Block als Insert-Effekt ausgelegt ist.
Der Reverb-Effekt erlaubt die Auswahl aus 16 verschiedenen Hall-Algorithmen, im Variation-Block stehen ganze 27 Effekte zur Verfügung, darunter Chorus, Flanger, Phaser, Rotary Speaker, Distortion, Wah Wah, Delays und weitere Hall-Effekte. 40 Insert Effekte vervollständigen die Effektabteilung. Darunter viele Kombinationseffekte und typische Insert-Effekte wie Kompressor, Noise Gates etc.


Zu guter Letzt wäre da noch ein 3-Band-EQ zu nennen, der sich aber leider nur auf die komplette Summe der Performance anwenden lässt. Elf verschiedene Typen stehen zur Auswahl. Da die Summenausgänge des FS1R in den meisten Fällen jedoch in einem Mixer mit Equalizern enden, hätte ich es vorgezogen, den EQ auf einzelne Parts anwenden zu können.
Alles in allem muß man man dem FS1R eine umfassende Effektabteilung bescheinigen, die zur Bearbeitung der maximal 4 Part-Signale vollkommen ausreichend ist. Die Qualität der Effekte ist im Vergleich zu anderen Klangerzeugern derselben Preiskategorie, erstaunlich gut.

Action

REALTIME oder eingedeutscht ECHTZEIT, ist das Zauberwort heutiger Musikproduzenten. Kaum ein Synthesizer, der nicht mit Knöpfen zur Regelung verschiedenster Parameter, ausgestattet ist.

Der FS1R erlaubt die Programmierung von acht Voice-Control-Sets, die ein umfangreiches Realtime-Controlling über Midi-Controller oder die vier, von Yamaha als „Mehrzweckregler“ bezeichneten, Potis erlauben.
Jedem der acht Sets stehen 14 Steuerquellen zur Verfügung, die sich beliebig auf verschiedenste Sound- und/oder Effektparameter routen lassen.

Über eine MATRIX lassen sich die acht Sets zu den vier Parts der angewählten Performance zuordnen. Besonders die vier Echtzeitregler spielen hier ihre Stärke, in der sonst so karg ausgestatteten Bedienoberfläche, aus.

SPECIAL

Ein echtes Special sind die Formant-Sequencen des Yamaha FS1R. Mit deren Hilfe lassen sich Spracheffekte, rythmische Grooves Pads a la Wavestation etc. erzeugen. Sie basieren auf tatsächlich existierendem Audio-Material, dass für diese Aufgabe analysiert und in die Bestandteile Formantfrequenz-, Basistonhöhe- und Pegeldaten zerlegt wurde.

Die Wiedergabegeschwindigkeit kann manuel eingestellt, per Anschlagdynamik oder per Midi getriggert werden. Im Scratch Mode läßt sich der Geschwindigkeit auch auf einen Controller legen (z.B. Modulationsrad). Eine Geschwindigkeitskorrektur übt keinen Einfluß aus auf auf die Wieder gabequalität oder die Tonhöhe. Jede Sequenz verfügt über acht Spuren, die jeweils unterschiedliche Operatoren der gewählten Voice antriggern – puuhh.

Raus aus der grauen Theorie, rein in die Praxis. 90 solcher Sequencen sind fest im internen Speicher verankert. Gerade bei den rythmischen Grooves ist die Audio-Herkunft deutlich hörbar. Bezieht man jedoch die umfangreichen Editierfeatures mit ein, lassen sich diese Sequenzen bis zur Unkenntlichkeit verbiegen.

Für mich eines der interessantesten Möglichkeiten dieses Synthesizers.

Und wie klingts?

Whooowww!!! It sounds great! Ich war restlos begeistert von den Möglichkeiten aus dem Zusammenspiel der beiden Synthesen. Hört man sich hingegen die reinen DX7 Sounds aus der internen Library an, so kommt das große Gähnen. Das mag natürlich für die NEW POWER GENERATION anders sein, wo reine 6-Operatoren-FM noch nicht als alter Kaffee gilt.
Vor allem der sehr warm und analog klingende, resonanzfähige Filter (scheinbar aus dem AN1x übernommen), trägt stark zum gelungenen Soundcharakter bei. Selbst mit den derzeit so hochgepriesenen, virtuellen Analog-Synthesizern kann der FS1R in Sachen Filter jederzeit mithalten. Bezüglich der Soundvielfalt ist er ihnen sogar weit überlegen.
Der Erfahrung mancher Synthesizer-Enthusiasten – es mangele den FM Sounds des Yamaha FS1R gegenüber den Yamaha Vorgängern an Wärme und Druck – kann ich nicht zustimmen. Der FS1R klingt einfach anders, ich möchte sagen zeitgemäßer. Einzig das Rauschen der alten DX7 Generation bleibt gänzlich aus.

Danksagung:
Wir bedanken uns herzlich bei Matthias Möller für die Bereitstellung der Yamaha FS1R-Fotos.

YT-VIDEO

Fantastische Soundbeispiele findet ihr hier bei unserem japanischen Freund Katsunori.

Fazit

Mit dem Yamaha FS1R ist YAMAHA ein großer Wurf gelungen. Einzig die Oberfläche zur Editierung läßt sehr zu wünschen übrig. Wie bereits bei anderen Yamaha Synthesizern üblich, wäre hier ein beigelegter Software-Editor das Tüpfelchen auf dem „i“. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Klanglich ergänzt der FS1R perfekt jeden virtuell Analogen. Ein Trio mit Charisma und unschlagbarer Synthesekraft wäre z.B. für mich ein Set bestehend aus VIRUS, MICROWAVE II und FS1R.
Vergleichbares aus dem Markt:
Wer FM-Synthese sucht, muß schon in einschlägigen Fachzeitschriften nachschauen. Freunde klassischer FM Sounds rate ich zum Expander Yamaha TX802 bzw. der „Light-Version“ TX81z. Wenn´s etwas mehr sein sollte, bleibt nur noch der Yamaha TG77, der bis heute den Studiostandard für FM Sounds darstellt.
Im Anschluss zu diesem Test, haben wir die Artikel zur gesamten Yamaha FM-Synthesizer-Familie verlinkt (siehe nachfolgend).

Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Hi, danke für den Bericht. Allerdings existiert der Link zur FH-HH nicht mehr.

    Gruß,
    Tischhupe

  2. Profilbild
    changeling  AHU

    Der FS1R ist wohl der ultimative FM-Synthesizer abseits von Software, aber leider am Gerät nur von Masochisten bedienbar. Da ich nicht auf Computer-Editoren stehe (dann kann ich gleich einen Soft-Synth benutzen) habe ich meinen vor einigen Jahren verkauft.
    Ob es von Yamaha jemals wieder einen FM Synthesizer mit ähnlicher Power geben wird? Momentan sieht es da ganz schlecht aus.

  3. Profilbild
    Violator  

    Der FS1R gehört meiner Meinung nach zu den wohl außergewöhnlichsten digitalen Klangerzeugern überhaupt.
    Das Argument mit der Bedienung lasse ich nur teilweise gelten. Klar, es gibt besseres als diese „Fuzzeltaster“, aber mal ehrlich, wer hat schon damals einen DX7, oder TX802 am Gerät editiert – ich nicht.
    Ich nahm mir immer diverse Editoren zur Hilfe.
    So gesehen finde ich die 1HE klasse und platzsparend.
    Wenn schon am Gerät selber editieren, dann wäre eine Tastaturversion vom FS1R gut gewesen. Mit großen Display und vielen Tastern und Reglern. Naja, vom Preis will ich dann erst gar nicht reden.

    Trotzdem, jeder der einen FS1R sein Eigen nennen darf – herzlichen Glückwunsch!!!
    Behalten und genießen!!!

    • Profilbild
      Klaus Joter  

      Dem kann ich mich nur anschließen. Außerdem:
      Im Gegensatz zum Test-Autor finde ich reine FM alles andere als zum Gähnen. Wenn ich meinen alten TX802 mal wieder benutze, erstaunt er mich immer wieder mit seiner Klarheit und Direktheit. Aber der FS1R bietet eben deutlich mehr und das bei nur 1HE. Für den Live-Einsatz ist das ein gewichtiges Argument.
      Er ist wirklich ein ganz besonderer Synthie, der eigenen ganz eigenen Charakter besitzt und genau das ist für mich entscheidend.

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