Interview: Ralf Hildenbeutel, from Techno to Score

2. Oktober 2016

Von Sven Väth bis Filmmusik

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Es war irgendwann 1994, Techno erlebte gerade seine Blütezeit und die Loveparade war als politische Demo angemeldet worden unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“. Der Techno-Hype spaltete die Nation. War Techno Musik? Und mitten drin Sven Väth und Ralf Hildenbeutel, die sich um solche Fragen nicht scheren, ihr Ding machen und die Techno-Szene damit nachhaltig beeinflussen. Ich verantwortete zu dieser Zeit das Marketing für den Musik-Media-Verlag und hatte die Event-Tour MIX ON THE ROAD entworfen, um mit Nachwuchskünstlern jeder Musikrichtung Demos in professionellen Studios weltweit von namhaften Produzenten aufmöbeln zu lassen. Meine Reisen führten mich von Los Angeles, New York bis nach London, von Rock, Pop bis HipHop … bis sich einer der Gewinner nichts sehnlicher wünschte, als nach Offenbach reisen zu wollen. Ich weiß noch, dass ich damals erst dachte, ich hätte mich verhört. Wir hatten Budget, geplant war Sydney – und der junge Kerl kam aus Berlin. „Offenbach?  Das Offenbach bei Frankfurt?“ Er nickte „… aber nur, wenn wir EYE Q Records und Ralf Hildenbeutel bekommen können!“

Das war das erste Mal, dass ich über Ralfs Namen stolperte. Wie sich herausstellte, war Ralf die musikalische Ergänzung zum hippen Techno DJ Sven Väth und produzierte mit ihm gemeinsam seine Studioalben. Google war noch nicht erfunden und die anderen Suchmaschinen spuckten keine Infos aus. Ein befreundeter Techno-Produzent besorgte mir dann schließlich den Kontakt und ein Telefonat später hatte ich Ralf direkt am Telefon und bekam prompt seine Zusage.

Der Gewinner war im siebten Himmel und ich erlebte eine beeindruckende Session inmitten von analogen Synthesizern und Drumcomputern, die mich zutiefst beeindruckt hat. Ich dachte all die Jahre noch oft an diese Session und seit der Zeit gehören einige von Ralfs Alben zu meinen Lieblings-CDs für die einsame Insel. Doch erst, als ich vor einigen Wochen eine Pressemeldung las, in der Ralf namentlich erwähnt wurde, entschloss ich mich, diesen Ausnahmemusiker erneut zu besuchen, diesmal für ein ausführliches Interview in AMAZONA.de.

Eine E-Mail, ein Anruf, ein unkomplizierter Künstler … und alles war wie früher. Hier die Quintessenz aus unserem spannenden und aufschlussreichem Gespräch.

Peter:
Hallo Ralf, als wir uns in den 90ern kennengelernt hatten, warst du noch voll auf damit beschäftigt, für das damalige Kultlabel EYE Q RECORDS und für SVEN VÄTH zu komponieren. Seitdem hat sich viel geändert – doch erst einmal interessiert uns, wie alles begann … also lange bevor du SVEN kennengelernt hast.

Ralf:
Also, mit neun Jahren fing ich erst mal an, Klavier zu lernen. Ich hatte das Glück, eine sehr breitgefächerte Ausbildung zu haben, also nicht nur die rein klassische Klavierschiene, sondern auch Hörbildung, Komposition und moderne Musik. Da ich mich schon früh für diverse Musikstile interessierte, ich war z.B. in jungen Jahren schon totaler Jazz–Fan, kam mir das sehr gelegen. Später dann, mit ca. 14 Jahren, kam das Interesse an elektronischer Musik hinzu. Als ich endlich mein erstes Keyboard hatte, ging es direkt los mit dem Experimentieren, Soundtüfteln, Tape-to-Tape Aufnahmen mit dem Kassettenrecorder für „Mehrspuraufnahmen“ usw. Das hat zwar irgendwann mehr gerauscht als nach Musik geklungen, aber war egal, Hauptsache alles machen. Ebenso fing ich an, in Bands zu spielen, wobei ich da viel vom amerikanischen und englischen Synthrock-Sound der 80er beeinflusst war.

Peter:
Nur als Keyboarder oder haben dich auch andere Instrumente gereizt?

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Ralf:
In der Zeit wollte ich auch ein paar andere Instrumente ausprobieren und habe Gitarrenunterricht genommen und Schlagzeug gespielt. Ich spielte sogar ein paar Jahre als Schlagzeuger in einer Synth-Rock Band. Diese zusätzlichen Basics helfen mir oft bis heute.

Das Eine kam zum Anderen und neben den diversen Szenebands kamen die ersten Studiojobs als Keyboarder dazu, ich bin dann auf meinen ersten Verleger/Manager getroffen, kam durch ihn dazu, z.B. für „Badessalz“ zu produzieren und kleinere Jobs für Sony Music (waren damals noch in Frankfurt) zu machen, usw., usw.

Tapes, auch heute noch in Rafs Studio

Tapes, auch heute noch in Ralfs Studio

Peter:
Blieb es bei der „Rock/Pop-Musik“?

Ralf:
Nein, die erste Filmmusik für einen ARD Film habe ich mit 17 Jahren gemacht. Ich bin da über Connections reingerutscht und es war für mich sehr faszinierend, das Thema hat mich seit dem nicht mehr losgelassen.

Peter:
Und Techno?

Ralf:
So ab 90/91 kam dann erst mal die „Technozeit“, die ganzen Eye Q Veröffentlichungen und natürlich die Zusammenarbeit mit Sven. In dieser Zeit entstand neben den Sven Alben unter anderem auch EARTH NATION mit Konzept eines Electro/Techno Live Acts, der zum einen mit Gitarrist arbeitet und zum anderen statt Drummaschine einen echten Drummer am E-Drum Set auf der Bühne hat. Das war für damals recht neu und untypisch, aber nach anfänglichen eher verwunderten Reaktionen lief es sehr gut und wir hatten europaweit Bookings und spielten vom Kristiansandfestival bis hin zum legendären Montreux Jazz Festival.

Peter:
was hat Dich an Techno damals gereizt?

Ralf:
Am puren Techno hat einfach die Wucht gereizt, den diese neue Musik hatte, dieses monotone und repetitive, der Rhythmus verbunden mit den musikalischen Elementen, das Ganze laut im Club, das war der Hammer und hatte für mich was sehr Ursprüngliches.

Sven Väth & Ralf Hildenbeutel in den 90ern (Quelle Spiegel TV)

Sven Väth & Ralf Hildenbeutel in den 90ern (Quelle Spiegel TV)

Peter:
Der Kontakt zu Sven war doch sicher ein entscheidender Punkt in Deiner Karriere. Wo seid ihr euch über den Weg gelaufen und wie kam es dann zu einer ersten Zusammenarbeit?

Ralf:
Aus den „Band-Zeiten“ kannte ich Stevie B-Zet und Matthias Hoffmann, wir spielten in den 80ern mal in einer Funkband zusammen. Matthias hatte Sven mal in einem Frankfurter Bistro kennengelernt und hat mit ihm so ca. 90 rum am zweiten OFF Album gearbeitet. Kurz später gründeten sie mit Heinz Roth als Manager das Label Eye Q, um mehr Eigenes in dieser neuen elektronischen Richtung zu machen. Die Faszination für die Zwei-Welten-Kombination „DJ & musician“ war geboren. Steffen war hier schon mit an Bord und über die Jungs kam ich 91 auch wieder mit ins Spiel und wurde Sven vorgestellt. Wir beide hatten gleich einen super Draht im Studio. Unser erstes gemeinsames Projekt war „Barbarella“, eine Reihe Vinyl-12-inchs mit je einer „harten“ und einer „softeren“ Seite, woraus dann das Album „Barbarella, the Art of Dance“ entstand. Angefixt von der guten Zusammenarbeit folgten die weiteren Soloalben von Sven, wir hatten immer sehr viel Spaß im Studio.

Peter:
Ich habe mir natürlich damals schon die Frage gestellt, welchen Anteil Sven tatsächlich an Euren gemeinsamen Produktionen hatte. Immerhin stand sein Name über Euren Scheiben – und Deiner höchstens kleingedruckt im Booklet.

Ralf:
Nach außen muss man sich das vielleicht so, wie eine klassische Aufteilung vorstellen: Er der Künstler an der Front, ich der Produzent im Background. Im Studio haben wir alles komplett zusammen erarbeitet, doch während ich dann mehr in die Produktionsdetails involviert war, hat er das Ganze nach draußen getragen.

Erinnerungen an Eye Q Records, 2016 in Ralfs Studio

Erinnerungen an Eye Q Records, 2016 in Ralfs Studio

Peter:
Der DJ, der einem Komponisten erklärt, wie er sich die Musik vorstellt, ist ja noch lange kein Komponist. Wenn ein Regisseur einem Filmkomponisten erklärt, wie er sich den Score vorstellt, steht am Ende natürlich trotzdem der Name des Komponisten auf dem Plakat. Wie siehst Du das?

Ralf:
Sven ist zwar kein klassischer Instrumentalist, doch wir haben unsere eigene Sprache entwickelt und er verstand es sehr gut, mir seine Ideen zu vermitteln. Ich alleine hätte damals nicht solche Alben gemacht, ich habe natürlich auch viele Soloalben gemacht, doch klingen die alles anders. Alleine dadurch erkennt und hört man den Einfluss eines Mitschaffenden. Wenn Du Melodien vorsingst, Beats mitprogrammierst, Soundauswahlen mitbestimmst etc. ist das schon ein Unterschied zu einem Regisseur, der Dir eine Grundstimmung vermittelt. Regisseure sind ja in der Regel auch nicht die ganze Zeit mit im Studio (es sei, sie sind selbst Musiker). Sie hören, was Du gemacht hast, dann wird Feedback gegeben, dann machst Du weiter.

Peter:
1992 erschien Svens erstes Soloalbum ACCIDENT IN PARADISE, bei dem du bereits maßgeblich mitgewirkt hast. Eigentlich entsprach das Album nicht der Musik, mit der Sven in Clubs bekannt wurde. Das Ganze war sicher irgendwie Technoid, aber mit deutlich mehr Melodie-Anteilen. Wie kam es zu diesem Stilwechsel?

Ralf:
Ich würde es gar nicht so als Stilwechsel bezeichnen. Es entstand in einer Zeit, in der neben dem Clubtechno auch stark die elektronische „Nicht-Club-Musik“ am wachsen war, der ganze Ambient- und Downbeatkram. Denkt man alleine an so Alben wie die von „The Orb“ oder „Orbital“ usw. Hinzu kommt, dass Sven ein musikalischer Mensch mit einem weitgefächerten Background ist. Es war das Größte für uns beide, aus allen musikalischen Bereichen Elemente einfließen zu lassen, wo wiederum mein musikalischer Background sicherlich geholfen hat. Wir verwendeten neben Fieldrecordings, welche Sven in Indien machte, den ganzen Synthies und Samples eben auch echte Flöten, eingespielte Cembalo Sequenzen, einen Violinist etc. etc., es gab keine Grenzen, wir konnten uns einfach austoben, das war das Tolle an der Zeit.

Selbstverständlich heute noch, ein Piano in Ralfs Studio

Selbstverständlich heute noch, ein Piano in Ralfs Studio

Peter:
Du bist ausgebildeter Musiker und Komponist, war Dir Techno nicht zu eintönig?

Ralf:
Techno war ein totaler Bruch mit konventionellen Musikstrukturen, die z.B. Songs hatten. Es gab keine Unterteilung in „Vers, Brücke, Refrain, 3min45, fertig“, es war ein bisschen wie Revolution. Das machte dir total den Kopf frei beim Schaffen. Aber wie schon gesagt, hat sich damals auch die Bandbreite vergrößert durch den ganzen „intelligent electronic music“- und Ambientbereich. Durch Produktionen wie die Alben von Sven, die Club Projekte oder Arbeiten, wie die Musik zum Film „Hommage à Noir“, konnte ich mich auf einer sehr großen musikalischen Ebene in verschiedene Richtungen ausleben.

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Eines von mehreren Gemeinschaftsprojekten von Sven & Ralf

Peter:
1994 kam Euer gemeinsames Projekt „The Harlequin, the Robot and the Ballet Dancer“ auf den Markt, ebenfalls bei EYE Q RECORDS. Für mich das beste Electronic-Album jener Epoche. Auch wenn heute EYE Q RECORDS nachgesagt wird, sie hätten maßgeblich die Entstehung von TRANCE gefördert, so war für mich „The Harlequin, the Robot and the Ballet Dancer“ weder repräsentativ für die Musik des Labels, noch war es in meinen Augen TRANCE – mit Sicherheit aber die kommerziell erfolgreichste Scheibe von EYE Q RECORDS. Wie hat das alles zusammen gepasst und wie stehst du generell zu Stilrichtungen und Schubladen.

Ralf:
Es entwickelte sich bei Eye Q mit Gründung der Sublabels „HARTHOUSE“ und „RECYCLE OR DIE“ eine gezieltere Ausrichtung und Mehrgleisigkeit des Labels. „Harthouse“ war ein reines Underground Clublabel, 12-inch orientiert. „Recycle or Die“ die elektronische Spielwiese für Ambient-Avantgarde und Eye Q zielte bei seinen Albumreleases auf künstlerbezogene Veröffentlichungen. Deshalb gab es auf Eye Q auch solche Alben, die zwar elektronisch, aber nicht zwingend Techno oder Trance Alben waren. Es gab da z.B. das Stevie B-Zet Album mit der Single „Everlasting Pictures“, das Album von Zyon („No Fate“) oder die ganzen Earth Nation Alben.

Dass Eye Q den Trance-Sound maßgeblich geprägt hat, liegt viel an den regelmäßigen 12-inch Veröffentlichungen, welche alle wiederum voll auf Club produziert wurden.

Peter:
Als ich dich damals in Eurem Studio in Offenbach besucht hatte, war das so eine Art Gemeinschaftsstudio mit mehreren Räumen und Equipment für alle. Wie war das damals so?

Ralf:
Jeder hatte sein eigenes Studio, Steffen, Matthias und ich. Wir haben uns natürlich auch untereinander ausgeholfen oder viele Projekte zusammen gemacht, aber als Basis hat jeder der drei EYE Q „Stammproduzenten“ sein eigenes Studio gehabt. Wir profitierten natürlich davon, untereinander Equipment austauschen und mitbenutzen zu können.

Ralf im Eye Q Studio 1996

Ralf im Eye Q Studio 1996

Peter:
Ich weiß noch genau, wie Du mir an Hand eines neuen Tracks gezeigt hast, wie du den Sequential Prophet 2002 Sampler für spezielle Filtersounds eingesetzt hast. Und als eines deiner Favourites nanntest du den Juno-106. Stehst du heute noch auf die alten Vintage-Hardware?

2016 - Hardware-Synths geben den Ton an

2016 – Hardware-Synths geben den Ton an

Ralf:
Ich habe zwischenzeitlich während der Digitalisierung natürlich auch viel mit den ganzen Plug-ins und Software-Instrumenten gearbeitet und experimentiert. Doch seit einigen Jahren arbeite ich wieder hauptsächlich mit externen Geräten und Outboard-Synthies. Die ganzen alten Kisten habe ich noch und viele davon sind auch im Einsatz – so auch noch der Juno-106 :) Mein Studio ist jetzt quasi so ein Hybridstudio, Soundquellen fast alle analog, Mixing großenteils digital.

Peter:
1997 ist EYE Q RECORDS nach Berlin gezogen und soweit ich weiß, noch im selben Jahr in Insolvenz gegangen. Du bist aber In Frankfurt geblieben und hast mit einem der EYE Q Gründer Matthias Hoffmann und Steffen Britzke SCHALLBAU gegründet. Was genau war das für ein Projekt und wieso habt ihr Euch von EYE Q RECORDS getrennt?

Ralf:
Irgendwann war der Boost und Innovationsschub dann vorbei. Eurodance hier, Schlumpftechno da und ein stagnierter Underground dort. Wir hatten das Gefühl, alles in diesem Bereich musikalisch erst einmal gesagt zu haben und brauchten neue musikalische Herausforderungen. Und in dieser Zeit zog dann Eye Q auch noch nach Berlin. Der Standortwechsel kam für uns aber nicht in Frage und so gründeten wir mit Schallbau in Frankfurt eine Produktionsfirma, mit welcher wir wieder verstärkt Künstler produzieren und für sie komponieren wollten.

"another Memory" Techno-Album Barbarella und Loveparade

„another Memory“ Techno-Album Barbarella und Loveparade

Peter:
Soweit ich das nachvollziehen kann, habt ihr dann auch Künstler produziert wie Yvonne Catterfeld. Wow … was für ein Sprung von Techno/Trance zu Pop. Waren das kommerzielle oder künstlerische Überlegungen?

Ralf:
Ja, Phil Collins schickte uns seinen Sohn Simon für sein Debutalbum, wir bauten Laith Al-Deen auf und arbeiteten jahrelang erfolgreich mit ihm zusammen, ich schrieb und produzierte für Yvonne Catterfeld, war selbst viel in London für Songwritings oder wir machten z.B. für Yello den Radiomix für eine Single. Es war alles eine komplett neue Ausrichtung. Wir hatten aber auch mal was Neues gebraucht, an dem wir uns austoben konnten und somit war das eine sehr erfrischende Zeit.

Peter:
Wie erfolgreich war das Konzept? Hattet ihr Chart-Erfolge?

Ralf:
Wir haben sehr gezielt und effektiv gearbeitet und produziert, dadurch konnten wir glücklicherweise sehr große Erfolge erzielen. Laith Al-Deen war damals einer der erfolgreichsten deutschen Künstler mit mehreren Top 5 und einem Top 1 Alben, von den ersten drei Yvonne Catterfeld Alben waren zwei Top 1 und eins Top 2 und das Simon Collins Album hatte einen beachtlichen Debüt-Chart-Erfolg. Auch das reine Songwriting für nationale wie internationale Künstler lief sehr gut und mit diversen Chart-Platzierungen. Ich finde ja, gute Songs zu schreiben, zu produzieren und diese dann erfolgreich zu veröffentlichen, ist kein einfaches Ding und hat absolut seinen Reiz. Nur auf Dauer wurde es mir dann irgendwann doch zu eintönig, fehlte mir etwas.

Preisverleihung in New York 1996

Preisverleihung des Gold Medal Award, New York Festivals 1996 für Hommage à Noir

Peter:
Nochmal ein kleiner Rückschritt. 1996 hast du den Soundtrack zu Hommage à Noir geschrieben. Oder anders gesagt, Ralf Schmerberg hat einen überlangen Music-Clip zu Deinem Album Hommage à Noir produziert. Wie kam’s?

Ralf:
Ralf Schmerberg hatte den Film gemacht und schon fertig geschnitten. Er überlegte erst, den Film mit zusammengestellter, lizensierter Musik zu unterlegen, doch wollte er dann lieber eine auf den Film eigens komponierte Musik haben. Ihm gefielen die Veröffentlichungen auf dem Recylce or Die Label sehr gut und so kam man zusammen. Es war eine sehr intensive Arbeit, da der Film keine Worte oder Dialoge enthält, sondern nur durch die Bilder und Musik wirkt.

Peter:
Ich fand das Album sehr gelungen. Einige der Stücke auf der CD enthalten mir aber zuviel Ambient – und damit meine ich nicht die Musikrichtung, sondern Geräusche etc. und zu wenig Musik. Habt ihr einfach den gesamten Audiotrack des Films auf die CD gebannt?

Ralf:
Der Film ist so was wie eine „Art-Docu“ über Afrika, rein in Schwarz/Weiß gedreht. Ralf Schmerberg und Team waren an vielen unnahbaren Stellen, filmte Könige bei Ritualen, Märkte, Maskenmänner usw. Alles sollte auf den Zuschauer ohne Kommentierung oder Dialoge wirken. An den Drehorten machte der Tonmann aber immer Aufnahmen und eine Menge Fieldrecordings und so bekam ich dann irgendwann den riesen Stapel DAT-Tapes zum Auswerten übergeben. Die Idee entstand, dass Musik und O-Töne zu einer Einheit verschmelzen sollten, dadurch wurden die Originalaufnahmen fester Bestandteil der Komposition, viele Titel würden ohne die Atmosphären wahrscheinlich total anders wirken, auch wenn es beim reinen Hören des Soundtracks manchmal viel erscheinen mag. Es gab dann aber in der Tat für den Film nur einen reinen Stereo-Mix, in dem alles fertig gemischt war, also keine klassische Filmmischung. Immerhin gab’s für die Musik und Audiomischung dann sogar den Gold Medal Award auf den New York Festivals, dickes Ding für mich damals.

Elektronik pur und ein Flügel

Elektronik pur und ein Flügel

Peter:
Auch dieses Album erschien noch bei EYE Q RECORDS. Wo wir wieder bei der Frage nach dem Label-Profil wären. Gab es kein anderes Label – immerhin hattest du doch damals schon einen wohl klingenden Namen in der Branche. Oder durftest du nur bei EYE Q veröffentlichen?

Ralf:
Zum einen kam der Kontakt zu Ralf Schmerberg wie gesagt sowieso schon über Eye Q, zum anderen zählte Eye Q damals einfach zu den coolsten Labels für neue Musik und ich fühlte mich da im Stammteam sehr wohl. Außerdem hatte das sehr viele Vorzüge. Mir wurden die Studioräumlichkeiten gestellt, ich musste mir nicht über Veröffentlichungsmöglichkeiten Gedanken machen, da das Label direkt „in House“ und wir hatten eine super Truppe am Start. Ich konnte einfach nur Musik machen und hatte quasi keine anderen Sorgen. Das ist außergewöhnlich und da stellte sich mir derzeit gar nicht die Frage nach anderen Labels. Ich glaube auch, dass diese geballte Energie vom ganzen Team damals ein wichtiger Teil der Erfolges war.

Peter:
Der Liebe zur Filmmusik bist du von da ab treu geblieben. Es folgten Kinoprojekte wie VINCENT WILL MEER (2010) von Ralf Huettner oder der Debutfilm von Carsten Unger BASTARD (2011). Gab es da einen Schnitt zwischen der Zeit als Pop-Produzent und der Zeit als Filmkomponist?

Ralf:
Geringfügig schon, aber nicht im Herzen. In allen Zeiten habe ich, wann immer möglich, auch Filmmusik gemacht. Natürlich waren das während gewissen Phasen nicht sehr viele Filme und Aufträge, da ich in diesen Zeiten zu sehr in andere Produktionen involviert war und sich alles dementsprechend verlagerte.

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Peter:
Was macht Ralf Hildenbeutel heute – 5 Jahre später?

Ralf:
In den letzten Jahren habe ich mich stark auf die Filmmusik konzentriert. In dem Metier fühle ich mich sehr wohl und es ist ein vielfältiger Bereich, hier kann ich alle meine Vorlieben einsetzen und kombinieren. Bis 2014 habe ich mit Steffen sogar drei Jahre lang Filmmusik für die ARD-Serie „Verbotene Liebe“ gemacht. Das war eine sehr intensive Erfahrung. Täglich eine 45-Minuten-Folge zu „bestücken“, ist nicht ohne, ich war dann zwar froh, dass es rum war, aber in der Zeit habe ich unheimlich viel gelernt. Außerdem habe ich mich auch verstärkt wieder meinen Soloalben gewidmet und schaffe es, alle paar Jahre ein Soloalbum auf meinem eigenen Label rauszubringen, was mir sehr wichtig ist und gut tut.

Aktuell habe ich gerade an der Filmmusik zu einen Jugendfilm gearbeitet, die Verfilmung von „Burg Schreckenstein“, kommt im Oktober in die Kinos. Und was ganz spannend ist, ist dass ich in den letzten Monaten mit Chris Liebing im Studio war und an seinem Debütalbum gearbeitet habe. Es ist ein sehr elektronisches, analoges, deepes Album geworden und kommt nächstes Jahr raus. Eine spannende Sache und tolle Zusammenarbeit. Du siehst, der Kreis schließt sich immer wieder …

Peter:
Wir haben schon einige „deutsche“ Filmkomponisten interviewt, aber die in Deutschland geblieben sind, haben bislang den großen Durchbruch nicht geschafft. Ist USA für dich eine Option – wie z.B. Reinhold Heil, der nach seiner deutschen Pop-Phase sein Glück als Filmkomponist in USA versucht hat?

Ralf:
Wenn du amerikanische Filmmusiken für Kino oder Serien machen möchtest, musst Du wohl nach Amerika oder zumindest bereit sein, mehrere Monate im Jahr vor Ort zu verbringen, aber da kommt dann irgendwann auch die Überlegung, wie ist es mit deiner Familie, Kind, deinem Umfeld etc. Ein solcher Schritt kam deshalb nie in Frage für mich. Zumal ich in der glücklichen Situation bin, erfolgreich von Deutschland aus zu arbeiten.

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Peter:
Weinst du der Techno-Zeit ein wenig nach?

Ralf:
Es war natürlich eine wirklich außergewöhnliche Zeit und ich bin sehr froh, dass ich das nicht nur miterleben, sondern sogar mitprägen konnte. Aber ich habe die neuen Herausforderungen auch sehr gebraucht und viele gute weitere Phasen gehabt. Insofern weine ich der Zeit in diesem Sinne nicht nach, bin aber sehr glücklich, sie erlebt zu haben.

Peter:
Kannst du dir vorstellen, irgendwann einmal wieder ein Clubalbum zu veröffentlichen mit – sagen wir mal Techno-artigem Sound?

Ralf:
Ich habe ja der elektronischen Musik nie ganz abgeschworen. Ich habe zwar lange keine reinen Clubtracks produziert, aber gerade in den letzten Jahren immer wieder vermehrt auch in die elektronische Richtung gearbeitet. Von meinem letzten Album Moods gab es z.B. eine Remix EP mit Club-lastigen Mixen, welche ich selbst produziert habe, oder im September erst erschien meine EP “33 GRAD”, reine Clubtracks. Und die letzten Monate war ich mit Chris Liebing im Studio und wir haben an seinem Album gearbeitet, was sehr produktiv war. Das wird jetzt zwar kein Album mit ausschließlichen Clubtracks, aber ein rein elektronisches Album mit sehr vielen analogen Sounds.

Peter:
Bist du angekommen, wo du hinwolltest oder musst du dich erneut selbst entdecken?

Ralf:
Ich kann meinen Traum leben, insofern bin ich, wohin ich wollte. Doch ich gebe auch zu, dass ich öfters nicht 100%ig zufrieden bin und immer weiter und mehr will und deshalb auch noch viel vorhabe. Aber das wiederum ist wahrscheinlich auch ein wichtiger Antrieb.

Peter:
Wir bedanken uns vielmals bei Dir für dieses ausführliche Interview und wünschen Dir viel Erfolg für die Zukunft.

Ein letzter Blick in die Vinyl-Ecke...

Ein letzter Blick in die Vinyl-Ecke …

Forum
  1. Profilbild
    Kosh  

    danke für das interview :) väth war nie so mein fall, aber ralf hildenbeutel und stevie b-zet mochte ich schon immer sehr gern. über ein stevie b-zet interview würde ich mich auch sehr freuen :)

  2. Profilbild
    thehtech

    Ob Earth Nation, Cygnus X oder Barbarella. Ralf Hildenbeutel hat maßgeblich zu meiner musikalischen Selbstsozialisation beigetragen. Vielen Dank für das schöne Interview!

  3. Profilbild
    TobyB  RED

    Sehr schönes Interview Peter und Ralf. Einen Korg MS2000r der über einem Matrix trohnt und im Hintergrund ein klavier sieht man nicht alle Tage!

  4. Profilbild
    8-VOICE  AHU

    Danke für das gelungene Interview. Es würde mich freuen mehr Interviews von div. Produzenten zu lesen. Interessieren würden mich am meisten kommerzielle 90s Eurodance / Dancefloor Projekte wie 2unlimited, Magic Affair, Snap, Erotic und wie sie alle heissen….

  5. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Techno Techno Techno Techno! Der Hildenbeutel war schon etwas anders als Sven Väth. Auch zu erkennen am wahnsinnigen Blick. Harlequin, Robot und der Ballet Dancer habe ich noch im Schrank. Damals habe ich die CD ungehört gekauft und war etwas vom Konzept überrascht. Etwas härter war mir damals lieber. Da müsste auch noch ein Video existieren wo Sven am Mischpult vom Ralf Tracks an und ausschaltet. Er ist halt mehr DJ und der Szenetyp. Lebt der eigentlich noch? ;) Zuletzt hatte ich mal ein Set von ihm mit Ritchie Hawtin in Berlin gesehen. Mann waren die beiden drauf. Meine Musik waren die EyeQ Veröffentlichungen nie so….. Important Rec. zu der Zeit eher. ACID will never die! https://www.youtube.com/watch?v=vBJ5SawQJnA&list=PLJIxXS2S45dbXmMrqCgTQcANGGzubXEnA&index=2

  6. Profilbild
    tomk  AHU

    Dem Gedankengang folgend: Wow … wer hat das den produziert – stand damals sehr oft Ralf Hildenbeutel. Meistens war es für meinen Geschmack zu kommerziell, tat aber dem gehörten Können keinen Abbruch.
    Interessant zu lesen!

  7. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Was würde ich nochmal für diese Zeit mit Atari geben! :) Damals konnte man noch mit dem Aufzug in einen Kellerclub fahren und bekam vom Türsteher zwei komische Pillen in die Hand gedrückt. Der Rest ist Geschichte…. Der Unterschied zu Sven und dem Rest, er hat nie aufgehört so zu leben. Bei ihm ist das wie mit Lemmy. Zum Nachahmen nicht empfohlen. ;)

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