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Test: Tegeler Audio Manufaktur Vari Tube Compressor VTC, Kompressor

Röhrentechnik für Kenner und Genießer

20. März 2023
tegeler audio manufaktur vari tube compressor test

Tegeler Audio Manufaktur Vari Tube Compressor VTC, Kompressor

Der Tegeler Vari Tube Kompressor ist ein sogenannter Variable-Mu-Typ, dessen Kompression auf den speziellen Eigenschaften von Vakuumröhren aufbaut. In seiner neuesten Ausbaustufe soll der Tegeler den Spagat zwischen musikalischer Lebendigkeit, Röhrenklang und butterweicher Kompression schaffen. Der Vorgänger war unter Toningenieuren noch als rechter Weichzeichner bekannt und so ist es uns bei Amazona.de eine Pflicht herauszufinden, ob man die blaue Kiste aus seinem warmen, weichen Tiefschlaf erwecken kann und er nun richtig dynamisch aufspielen kann.

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Vari Mu Kompression – die Hintergründe

Ein Kompressor mit variabler Verstärkung (Variable Mu) ist ein analoger Kompressor, der auf einer Vakuumröhre basiert. Wenn das Eingangssignal ansteigt, verringert sich der Strom, der an das Gitter der Röhre geschickt wird, was zu einer Verringerung des Gesamtpegels führt.

Tegeler_VariTube_chorus

Eine Vakuumröhre steuert den Stromfluss in einem Vakuum zwischen Elektroden durch Anlegen einer Spannung. Vari Mu Kompressoren benötigen eine bestimmte Klasse von Röhren, die sogenannten Remote-Cut-Off-Röhren. Der Kompressor nutzt die „natürliche“ Eigenschaft dieser Röhren aus, die es ermöglicht, die Verstärkung der Röhre in weiten Bereichen zu variieren. Je mehr negative Spannung an die Röhre angelegt wird (über ein Steuersignal), desto weniger sinkt der Plattenstrom, welches die Grundlage der Röhrenkompression ist.

Diese Kompressorvariante arbeitet im Attack schneller als ein Gerät mit Opto-Elementen (wie ein Universal Audio LA-2A), aber viel langsamer als ein VCA (z.B. Elysia xpressor) oder FET (z.B. Drawmer 1978) Kompressor.

Tegeler_VariTube_VU

Beim Tegeler Vari Tube Kompressor durchläuft das Signal aber nicht nur Röhren, die dem Signal überwiegend harmonische Verzerrungen hinzufügen, sondern auch eine Reihe von Übertragern, die das Signal von Strom in ein Magnetfeld und dann wieder in Strom umwandeln und so weitere Nichtlinearitäten hinzufügen.

Tegeler_VariTube_left

Eines kann man aus der Theorie schon ganz klar sagen: Wir haben es hier definitiv NICHT mit einem klanglich neutralen Kompressor, im Sinne eines Elysia xpressor, zu tun, sondern um einen echten Charakterdarsteller.

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Bekannte Vertreter dieser speziellen Gilde sind der ehrwürdige Fairchild 670 mit seinen 20 Röhren und 14 Transformatoren und der knapp 6.000,- Euro teure Manley Variable MU Mastering Kompressor.

Einsatzbereiche von Vari Mu Kompressoren

Diese Kompressorvariante wird besonders gerne als Mastering oder Summengruppen-Kompressoren verwendet, denn man sagt ihnen diesen unvergleichlichen „Glue“ nach, also den Klebstoff, der aus den Einzelspuren einen homogenen Song macht. Der Grund dafür liegt zum einen in der Färbung durch Röhre und Übertrager, aber auch in dem daraus resultierenden Attack und Release Verhalten.

Tegeler_VariTube_color

Tegeler Vari Tube VTC: Die blaue Galaxie

Im Programm von Tegeler gibt es einige Dynamikprozessoren, wie die Schwerkraftmaschine, den Creme und im API 500 Format den Audio Vocal Leveler 500. Ersterer ist technisch ebenfalls ein Vari Mu Kompressor, der aber durch digitale Unterstützung die Charakteristika anderer Kompressortypen simulieren kann.

tegeler audio creme rc

Der Creme ist ein VCA Kompressor, den es seit kurzem auch mit Motorpotis gibt, die eine Recallfunktion ermöglichen. Der Vocal Leveler ist ein Opto-kompressor mit nur wenig Einstellungsmöglichkeiten im API500 Rack.

Tegeler Audio Vocal Leveler 500

Opto-Kompressor des Vari Tube Recording Channels

Im Vergleich zum Vorgänger des Vari Tube hat sich beim VTC 2 nicht viel geändert. Wirklich neu ist nur der Color/Comp-Schalter, den ich später genauer beschreibe. Darüber hinaus gibt es von den Entwicklern folgende Information zum VTC 2: „Der VTC verfügt jetzt über neue, perfekt aufeinander abgestimmte Kondensatoren und Transistoren, die den L/R-Kalibrierungsprozess viel genauer, präziser und langlebiger machen.“ – so der Text auf der Tegeler Webseite.

Welche Ausstattung bietet der Tegeler Vari Tube?

Das Erste, was einem auffällt wenn man sich die Front des Tegeler Vari Tube Kompressors ansieht, ist das sehr übersichtliche Design. Wenn man sich den Elysia Alpha oder den WES Audio ngBusComp ansieht, dann springen einem massenhaft Drehregler und Schalter entgegen. So muss das doch bei einem Masteringkompressor sein, oder?

WesAudio_ngBusComp_Studio01

Wes Audio ngBusComp

Nein, dachte sich das Tegeler Team aus Berlin und „streamline-te“ die Bedienung auf ein Minimum – was außerordentlich gut gelungen ist. Allerdings hat der Vari Tube so auch wesentlich weniger Funktionen, im Vergleich zu den Mastering Monstern.

Integriertes frequenzabhängiges Side Chaining gibt es ebenso wenig, wie speicherbare Settings oder eine App-(oder Plug-in-) gesteuerte Recall Funktion. Faktisch gibt es nicht einmal eine externe Side Chain Option, denn es gibt auch keine Eingangsbuchsen dafür. Wir haben nur einen schaltbaren 60/120 Hz Lowcut – dazu später mehr.

Tegeler_VariTube_right

Somit sollte man das Thema Masteringkompressor hier eher mit Vorsicht angehen. Ich sehe den Tegeler Vari Tube Kompressor beim Mastering nur als Glue und Charaktermaßnahme, denn als klassisches Komprimieren auf dem Master. Andererseits: Wenn man im Mix alles richtig gemacht hat, dann muss man im Mastering auch nicht mehr so viel „herumbiegen“. Ich denke, das ist eine Frage der Arbeitsweise und darf in den Kommentaren gern diskutiert werden: Bevorzugt ihr beim Mastern ein „feature-rich“ Equipment, oder sollte das Material bereits im Mix optimal vorbereitet vorliegen?

Tegeler_VariTube_filter

Zurück zur Ausstattung: Der Vari Tube ist ein 2-Kanal-Kompressor. Jeder Kanal hat einen Input Regler, Attack, Release und Output. Dazu kann man in jedem Kanal die Kompression separat umgehen (Bypass) und es gibt den Color/Comp Schalter. Der sorgt dafür, dass das Signal nur durch die Röhrenschaltungen läuft und so nur eine Färbung bewirkt wird, oder dass die Kompressorschaltungen aktiv sind und diese zusätzlich zur Färbung arbeiten.

Dann haben wir noch einen separat schaltbaren SideChain Lowcut, der verhindern soll, dass die Kompression bei basslastiger und impulsiver Musik nicht ins Pumpen kommt, sondern der Detektor nur auf die Frequenzen oberhalb von 60/120 Hz wirkt.

Tegeler_VariTube_right

Und dann noch die Link-Funktion: Hier sind dann Attack und Release links und rechts identisch – Die Kompression wird nur über den linken Kanal eingestellt. Level IN und OUT bleiben aber weiterhin aktiv, auch wenn Link aktiviert ist. Und ganz wichtig: Der Power-Schalter samt Betriebs-LED ist zentral auf der Front angeordnet – sehr praktisch bei Rackmount Geräten.

Die Rückseite gibt sich sehr spartanisch: Kaltgerätebuchse, zwei Mal Input (L + R) und zwei Mal Output (L + R). Finito – Basta – Ende.

Tegeler_VariTube_back_kabel

Kompressorspezialisten werden jetzt gleich fragen: Was ist mit der Ratio, also dem Wert, der bestimmt, wie stark ab dem eingestellten Wert komprimiert wird. Den gibt es schlicht und ergreifend nicht, denn die Stärke der Gain Reduction hängt von der Art der Röhre und der anliegenden Spannung ab. So kann man im klassischen Sinne keine Ratio festlegen. Es ist wichtig zu verstehen: Wer sich einen Vari Mu Kompressor zulegen möchte, der sollte dies wissen und kann diese Eigenschaften für seinen Mix verwenden. Da das Signal im Vari Tube immer die Röhren durchläuft, gibt es auch keinen Mix (Dry/Wet) Regler. Parallelkompression ist mit dem Tegeler also auch nicht möglich – es sei denn, man simuliert es über den AUX Bus.

Tegeler Vari Tube VTC: Die Verarbeitung

Tegeler-typisch gibt es hier natürlich nichts zu meckern. So wie die anderen von uns getesteten Geräte der Berliner Manufaktur ist auch mein Testgerät ein echter Hingucker und auch im Detail findet man keinen Patzer. Alle Drehregler und Schalter sind von sehr guter Qualität, die Buchsen sind am Gehäuse verschraubt und die VU-Meter sind exakt in der Frontplatte eingelassen und sie leuchten in edlem Champagnerton. Da entgleitet einem ein zufriedenes Seufzen.

Tegeler_VariTube_doku

Die Regler sind dazu fein gerastert, so dass man den linken und rechten Kanal gut abgleichen kann. Eine Sache ist noch wichtig: Der Tegeler Vari Tube belegt drei Höheneinheiten im Rackschrank – ich denke die internen Röhren brauchen genügend Luft für den Wärmeaustausch. Wer dieses schöne Gerät im Auge hat, der sollte den notwendigen Platz einplanen.

Tegeler_VariTube_onbox

Tegeler-üblich kommt auch der Vari Tube in einer sehr schönen hölzernen Schatztruhe und unterstreicht damit beim Käufer das Gefühl, ein besonders hochwertiges Gerät einer deutschen Manufaktur erworben zu haben: Stichwort „Customer Experience“.

Natürlich kokettiert Tegeler mit diesem Premium Image und präsentiert den Kompressor in einem Pressefoto auf einem Holztisch neben edler Schokolade, einer Zigarre und einer Flasche Chiopris Merlot, der unter Weinkennern als kräftiger und fruchtiger Rotwein gilt. Ist das vielleicht schon ein Indiz für das klangliche Erleben?

Tegeler_VariTube_vine

Wie klingt der Tegeler Vari Tube Kompressor?

Es ist relativ schwierig einen Vari Mu Kompressor mit einem klassischen VCA, FET oder Opto-Kompressor zu vergleichen. Selbst mit sanfter Ratio (bis max. 2:1), langem Release und mittlerem Attack bekommt man die charakteristische Färbung der Röhren nicht hin. Mein Drawmer 1978 verfügt als FET-Kompressor zwar zusätzlich über eine Saturation Regelung, aber mit dem speziellen Sound des Tegeler Vari Tube hat das nicht viel zu tun.

Der erste Vari Tube Kompressor von Tegeler war schon ein ziemlicher Weichzeichner mit starkem Röhrencharakter, der im Mix und auf dem Mixbus sehr präsent geklungen hat. Deswegen – so meine subjektive Beobachtung – war der Gebrauchtmarkt für den Vari Tube immer gut sortiert. Ich kann mir vorstellen, dass die anfängliche Begeisterung über den sehr speziellen Sound schnell der Ernüchterung weicht, dass das Gerät schon sehr „eigen“ klingt und dies nur in besonderen Kombinationen und Klangvorstellungen funktioniert. Anders formuliert: Der Vari Tube ist perfekt für Kenner dieser Art von Kompression.

Grundsätzlich darf man aber feststellen, dass sich der Klang zum Vorgänger allenfalls in Nuancen geändert hat. Er ist jetzt kein Speed- oder Dynamik-Monster geworden, sondern er bleibt bei seiner etwas gemächlichen und warm-weichen Klangformung.

Ein Beispiel: Der Klang eines Flügels angereichert mit dem Charakter des Vari Tube füllt den Raum ganzheitlich und gibt ihm sehr starke Durchsetzungskraft. Eine Rockballade mit Powerchord à la Meat Loaf (R.I.P.) klingt damit gleich um Längen bombastischer.

Auch eine akustische Gitarre als Soloinstrument mit dem Vari Tube: klasse. Aber im Bandkontext fällt es schwer den Kompressor im Mix einzusetzen. Deswegen ist er als Bus-Kompressor aus meiner Sicht ideal. Alle Streicher auf dem Mixbus, die Percussion- oder die Drumspuren: Hier ist der starke Charakter des Tegeler gut einzusetzen. Beim Mastering würde ich zu den klanglich neutraleren und flexibleren Kollegen greifen.

Alles in allen ist der Tegeler ein Gerät für Kenner und Genießer: Charakterstark und nie unauffällig. Geschmacklich speziell, aber wenn man diesen Klang mag: ein toller Kompressor.

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Fazit

Ein Vari Mu Kompressor mit jede Menge Röhren und Übertrager: Der Tegeler Vari Tube ist ein charakterstarker Kompressor mit feinster Verarbeitung, sehr schöner Optik und charakterstarkem Klang. Die Ausstattung ist auf das Wesentliche reduziert und für den Einsatz als Mix-Bus Kompressor gut geeignet. Die Unterschiede zum Vorgänger sind gering – sowohl in Sachen Features oder beim Klang, aber trotzdem steht fest: Der Vari Tube ist kein Kompressor für alle Anwendungen, dafür aber eine echte Empfehlung für Kenner und Genießer: Sehr gut.

Plus

  • Charakterstarker Klang
  • Hochwertige Verarbeitung
  • Schöne Optik
  • Einfache, intuitive Bedienung

Minus

  • Reduzierte Ausstattung
  • Nur bedingt fürs Mastering geeignet

Preis

  • 1.999,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hold

    Vielen Dank für die ausführliche Erklärung zur Funktionsweise am Anfang des Artikels.
    Das Klavierbeispiel ist schon ziemlich eindrücklich. Ein paar mehr Beispiele wären sehr schön.

    • Profilbild
      Jörg Hoffmann RED

      @Hold Hallo und danke für Dein Feedback. Wenn wir bei Amazona.de Kompressoren testen, dann gibt es bei den Audiobeispielen häufig das Feedback „ich höre keinen Unterschied“. Bei meinem Beispiel habe ich auch sehr hart komprimiert, was allerdings nicht der Usus ist. Für einen ungeübten Hörer ist die Kompression auch eher ein Psychoakustikeffekt: Man weiß nicht genau, was sich geändert hat, aber es klingt „tighter“, also zwingender, wie man im Deutschen sagen könnte.

      Gruß
      Jörg

      • Profilbild
        liquid orange AHU

        @Jörg Hoffmann Ich fand den nicht komprimierten Sound irgendwie „ehrlicher“, neutraler“, obwohl ich den eigentlichen Originalklang ja nicht kenne. Die komprimierte Version finde ich irgendwie charakterlos, fast wie durch eine Kartonröhre durch. Könntest Du auch mal ein Beispiel einer ganzen Band oder so machen?
        Prinzipiell finde ich das Teil sehr interessant, aber das eine Beispiel überzeugt mich gar nicht, aber ich bin sicher da steckt wesentlich mehr drin.

        • Profilbild
          Jörg Hoffmann RED

          @liquid orange Hallo Liquid: Wir haben die Geräte nur für einen begrenzten Zeitraum und können so nicht alle Anwendungsfälle abdecken. Wie oben geschrieben ist Kompression sowieso ein Effekt, der in Hörtest nur einenEindruck geben können. Hole Dir den VTC im Rahmen der Tegeler Testwochen nach Hause!

      • Profilbild
        Hold

        @Jörg Hoffmann Hallo Jörg, mit ‚eindrücklich‘ meinte ich nicht ‚zu viel‘, sondern ‚ich bekam einen guten Eindruck vom Klang‘.
        Das zu viel an Kompression kann ich mir wegdenken.
        Ich hätte nur gerne noch andere Beispiele / Instrumente gehört um eine allumfassenderen Eindruck zu bekommen.

        • Profilbild
          Jörg Hoffmann RED

          @Hold Hallo Hold – so habe ich es auch verstanden. Aber mach es Dir doch ganz einfach: Tegeler bietet gerade eine Demoaktion an: 14 Tage testen ohne Kosten. Hole Dir den VTC nach Hause und höre ihn Dir an – das wir sich lohnen und…es wird teuer :-).

          • Profilbild
            Hold

            @Jörg Hoffmann Ich habe grundsätzlich Probleme, mich von Equipment zu trennen, welches einmal bei mir steht.
            Daher muss ich eine Vorauswahl anhand von Testberichten treffen sonst steht eine private Insolvenz unmittelbar bevor ;-)

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