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Workshop: Clavichord im modernen Kontext


Die Gitarre mit Tasten

Wer einen Vintage-Synthesizer erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Diesmal berichte ich nicht über eine neue Software oder einen Synthesizer-Klassiker, sondern möchte euch eines der ältesten Tasteninstrumente vorstellen. Es ist je nach Quelle zwischen sechs- und siebenhundert Jahren alt und je nach Baugröße drei- bis fünfoktavig. Außerdem ist es bis heute das einzige akustische Tasteninstrument mit Aftertouch! Oder zumindest so was ähnliches. Durch Tastendruck lassen sich die Saiten ein klein wenig nach oben ziehen, ähnlich wie ein Bending auf der Gitarre. Und das Ganze natürlich für jede Taste individuell: man könnte also von polyphonem Aftertouch sprechen.

Die Rede ist vom Clavichord, dessen Grundprinzip schon im Namen erkennbar ist: Es ist ein Tasteninstrument (Clavis), das mit Saiten bestückt ist (Chorda). Clavichorde sind meistens rechteckig und kompakt gebaut. Meines ist in den äußeren Abmessungen nicht größer als eine gängige Workstation und einiges kleiner als ein Rhodes. Das Gewicht liegt bei etwa 40 kg. Das macht es eigentlich zu einem interessanten Liveinstrument, wären da nicht seine zwei wesentlichen Schwächen: Zum einen verstimmt es sich ziemlich schnell, zum anderen – und das ist das größte Problem dieses Instrumentes – ist es unglaublich leise und hat sogar gegenüber einer gezupften Gitarre das Nachsehen. Der Grund hierfür ist in der besonderen Klangerzeugung zu suchen. Die Saiten werden nämlich weder angeschlagen, wie beim Klavier oder Flügel, noch gezupft, sondern durch eine sogenannte Tangente lediglich angeregt. Dazu später mehr.

Seit Jahren spiele ich Clavichord, was eine sehr interessante, schöne und zuweilen auch frustrierende Erfahrung sein kann. Dennoch bin ich angefressen von diesem Instrument, da es mit keinem anderen Instrument auch nur ansatzweise vergleichbar ist. Und so möchte ich gar nicht leugnen, dass ich nicht mehr im Stande bin, einen objektiven Test über das Clavichord zu schreiben. Juristisch gesprochen bin ich befangen. Nennen wir diesen Text ein Plädoyer für ein zu Unrecht in Vergessenheit geratenes Instrument. Und einen subjektiven Erfahrungsbericht, wie man mit Pickups und passenden Effekten das Clavichord in die elektronische Musik integriert.

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Klangbeispiele

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    falconi RED

    Sehr interessant, tolle, außergewöhnliche Klangbeispiele! Das wird der Renner bei der nächsten Psychedelic-Welle…

    Drei Daumen hoch!

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    Chick Sangria ••••

    Fantastisch! Großartiger Workshop. Und schöne Beispiele.
    Und endlich habe ich ein deutsches Wort für Aftertouch-Vibrato gelernt ;)
    Ob man ein Clavichord auch mit einem Whammy Bar ausstatten kann wie ein Clavinet?

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      Martin Andersson RED

      Danke! und interessante Idee mit der Whammy Bar. Ein Einbau im Clavichord könnte schwierig sein, da es filigran gebaut ist. Der Resonanzboden ist nur 2 Millimeter dünn. Da würde ich nicht dran rumschrauben wollen!

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    psv-ddv ••••

    Wow, das ist ja jetzt mal wirklich was „Neues“ inmitten eines Tsunami aus mehr oder weniger sinnvollen analogen Monosynth-, Drummachineclones, Stepsequencern und Gitarrenbodentretern.
    Sehr cooler Bericht! Die Idee ein Clavicord mit modernen Bearbeitungstechniken zu kombinieren ist mir abseits von obskuren FX Libraries noch nicht untergekommen. Wirklich inspirierend, danke dafür!

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    Son of MooG AHU

    Sehr interessantes Instrument, gut geschrieben. Als Synthesist interessiere ich mich prinzipiell für jedes Instrument. Einige Klangbeispiele erinnerten mich an Christian Burchards (Embryo) Zither-Sounds, andere an eine befreundete Harfenistin.

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    Wellenstrom AHU

    „In Sachen gesampelte Clavichorde sieht die Lage düster aus. Virtuelle Clavichorde sind sehr rar.“
    Für Pianoteqquser gibbet noch ’ne Emulation, die man gratis auf der Herstellerseite runterladen kann. Die Editierfunktionen sind weitreichender als bei gesampelten Clavichords.

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      Martin Andersson RED

      Interessant, danke für den Tipp. Die Frage ist bloß, mit welchem Keyboard man diese Sounds anspielen kann? Welche Tasten bieten polyphonen Aftertouch?

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        Wellenstrom AHU

        Also, so weit ich es erkennen kann, berücksichtigt Pianoteqq hierbei nur monophonen Aftertouch. Wie stark hierbei auf Aftertouch reagiert wird, lässt sich aber penibelst fein einstellen. Da lässt sich dann auch einstellen, ob auf alle eingehenden Noten reagiert wird, nur auf die höchste oder auf eine Note über einen ausgesuchten Notenwert.
        Ich klopp da mal was ein und schick ’nen Link mit dem Hörbeispiel.

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        Wellenstrom AHU

        So, mal eben eingekloppt. Auf 438 Hz gestimmt, ein bissken „altern“ lassen, ansonsten Mallet Bounce und Tastengeräusche aktiviert. 3 Spuren. Alles Chlavichord, viel mit Aftertouch rumgepfuscht, da allerdings mit ’ner moderaten Einstellung. Nix an weiteren Effekten drauf.

        https://app.box.com/s/mqe2d34wfog2oocq6afamy9a085100kc

        und hier komplett ohne mallet- und actiongedöns:
        https://app.box.com/s/yxo5ml9fbp8vgh0k2y4k2ivmlv5olxxd

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        YC45D

        Danke für diesen hochinteressanten Bericht!
        Lieber Martin:
        Ich selber habe leider noch kein Clavichord,doch besitze ich dafür mittlerweile 2 Top- Synthesizer von GEM,das S2-Turbo (61 Tasten) und S3-Turbo (76 Tasten)Keyboard mit polyphonem Aftertouch !!! und auch noch „Release Velocity“.(Modulation auf verschiedene Parameter nach dem Loslassen der Tasten)
        Mit der Klangerzeugung dieser außergewöhnlich guten Synthesizer müsste es doch bestimmt möglich sein, einen guten Clavichord-Klang zu basteln.
        Diese beiden Keyboards kann ich nur jedem empfehlen,der sich für einen eventuellen adäquaten Ersatz für diese „Bebung“ interessiert.
        Dietmar(microbug) aus dem Moggulator-Synthesizer.de Forum ist vielleicht der beste Kenner dieser GEM-Synthesizer.
        Sicher gibt er dir dazu noch weitere Infos!
        Hier noch eine sehr sehenswerte youtube Aufnahme mit dem leider schon verstorbenen Pianisten,Friedrich Gulda,auf einem echten Clavichord mit einem sehr bnekannten Bach-Stück ,Präludium und Fuge in C-Dur aus dem WTK Band1.
        Die Bebung ist hier sehr schön zu sehen und zu hören:
        https://www.youtube.com/watch?v=z7IY3CybMiE&list=PLLxwu8Kt2WHqdraRk_bAejfW74awOEKyD&index=1

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          Martin Andersson RED

          Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich hatte schlicht vergessen, auf Friedrich Gulda hinzuweisen. Ein Großmeister des Clavichords!

          In den 90er Jahren gab es noch einige Synthis mit polyphonem Aftertouch, z.B. auch bei Ensoniq. Aus unbestätigter Quelle habe ich folgende Liste mit Ensoniq Synthis mit polyphonem Aftertouch gefunden:
          SQ-80
          EPS
          EPS-16+
          VFX
          VFX-SD
          SD-1
          ASR-10
          TS-10, TS-10+

          Die GEMs sind natürlich auch sehr schön. Einfach schade, dass heute kein Midi/USB Controller mit polyphonem Aftertouch angeboten wird. Oder habe ich einen übersehen? Falls jemand etwas weiss, bitte posten!

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    amazonaman AHU

    Ziemlich abgefahren, übrigens wer den etwas perfekteren sound sucht, probiere einfach mal ein Cembalo aus! Kann mehr klingt nach mehr und ist ein tolles Instrument.

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      alfons

      Den perfekten Ton hat gewiss das Clavichord .Obertonreicher ! Nicht zu vergleichen mit dem gezupften Ton eines Cembalo.Für unsere geschädigten Ohren von heute leider sehr leise. Klasse Story !! Bin übrigens Klavierbauer

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    costello RED

    Sehr schöner Artikel über ein fast in Vergessenheit geratenes Instrument, wunderschöne Klangbeispiele und ein neues Fachwort gelernt: „Bebung“. Klasse!

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    lightman ••••

    Klingt sehr interessant, dieser mechanische Aftertouch ist ja richtig cool, wußte gar nicht, daß die Clavichords das können. Wieder was gelernt! Von dem Instrument würde ich gerne mal ein paar Samples erstellen.

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    amazonaman AHU

    Also diese Klangbeispiele sind erste Sahne! Ich hatte richtig Spaß die Sachen anzuhören. Großes Lob an den Autor und Musikant! Du kannst wirklich was!

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    MatthiasH

    Super Beitrag, vielen Dank! Mein „erstes Mal Clavichord in modernem Kontext hören“ liegt schon eine Weile zurück, das war damals ein Video mit Friedrich Gulda:

    https://www.youtube.com/watch?v=JBxDrFDgSa0

    (ab 1:40 gibt’s geschmackvoll-funkigen Pitch Bend und dazu einen Gesichtsausdruck, dass man meinen könnte, man werde Zeuge einer zumindest teilweisen Verwandlung in Otto Waalkes ;))

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    BA6

    Danke für diesen wunderbaren Bericht, der über den Tellerrand des üblichen Keyboarderhorizontes schaut. Die Klangmöglichkeiten von akustischen Instrumenten in Verbindung mit elektronischen Effekten sind ein interessantes und lohnendes Experimentierfeld (z. B. Esbjörn Svensson Trio).

    Beim Thema „Stimmen“ heißt es allerdings: „… oder man stimmt im Quintenzirkel nach reinen Quinten.“ Das funktioniert nur sehr bedingt, denn dann hat man die pythagoreische Stimmung, in der viele Tonarten so verstimmt sind, dass sie nicht brauchbar sind. Auch einige Intervalle (Terzen) klingen dann im Zusammenklang nicht gut. Außerdem passt diese Stimmung dann nicht mit anderen Instrumenten zusammen, die anders gestimmt sind.
    Praktikabler dürfte wohl die Anschaffung eines Stimmgerätes bzw. die Nutzung einer entsprechenden App auf einem mobilen Endgerät sein. Damit kann man in der Regel auch auf andere Stimmungen stimmen, z. B. Werckmeister oder Kirnberger. Das Problem, dass das Clavichord zu leise für ein Stimmgerät ist, ließe sich eventuell dadurch umgehen, dass man ein Stimmgerät verwendet, das die Töne auch ausgeben kann (dann kann man nach Gehör stimmen) oder den Line-Eingang eines Stimmgerätes verwendet, wenn das Clavichord sowieso mit einem PU abgenommen wird.

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    Martin Andersson RED

    Hallo BA6
    danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Du hast natürlich Recht: wenn man konsequent in Quinten stimmt, kommt man unweigerlich in Kontakt mit dem pythagoräischen Komma, auf das ich in diesem Artikel nicht näher eingehen wollte. Mit der Zeit lernt man aber, die Quinten ein kleines Bisschen zu tief zu stimmen. Die reine Quinte ist ja lediglich 2 Cent höher als die gleichschwebend temperierte Quinte, wie sie heutzutage allgemein verbreitet ist (zumindest in der westlichen Musik).
    Stimmgeräte sind von den zahlreichen Obertönen des Clavichordes meistens derart verwirrt, dass ihr Nutzen beschränkt ist. Am besten funktioniert es über das Pickup und einer Stimm-App am Rechner. Aber auch hier zappelt der Zeiger wild umher, so dass man nach Gehör oft schneller ist.
    Die meiner Meinung nach effizienteste Stimm-Methode ist der direkte Hörvergleich mit einem Keyboard, das einen möglichst obertonarmen Ton von sich gibt.
    Eine weitere Schwierigkeit ist natürlich auch die Bebung: Man muss beim Stimmen genau darauf achten, die Tasten nicht zu fest anzuschlagen!

    • Profilbild
      BA6

      So ist es! Toll, dass du mit deinem Artikel trotz aller Beschreibungen der Schwierigkeiten im Umgang mit einem solch sensiblen Instrument so ein fantastisches Appetithäppchen auf das Clavichord geschrieben hast, bei dessen Lektüre und Klangbeispielen dem geneigten Keyboarder das Wasser im Munde zusammenläuft!
      „Ambient“ gefällt mir besonders gut. Nicht nur das Clavichord, auch die Orgeln und Pads klingen sehr, sehr gut!

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