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Modular Serie: Die Oszillatoren (Teil 3)

Modular: VCOs (3)

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Monophonie als Basis zur ‘echten’ Polyphonie

Es macht eben einen Unterschied, ob man 4-stimmige Akkorde auf einem polyphon ausgelegten Instrument (sagen wir einem Access Virus) greift, oder ob man mittels des A-100 Modularsystems 4 einzelne Tonspuren mit jeweils einer Stimme anlegt, die dann erst in Summe den gewünschten mehrstimmige

n Akkord ergeben.

Der Nachteil hierbei ist natürlich das deutlich umständlichere Handling. Man muss sich die einzelnen Tonlinien innerhalb der Akkorde erst überlegen oder gar notieren, jede Spur dann einzeln aufnehmen und schließlich alles mischen. Der Vorteil allerdings ist eben genau (!) diese Prozedur. So kann man im Zuge der Mehrfach-Aufnahme individuell jeder Stimme eine leicht geringfügig variierende Klangfarbe geben (oder sie gar mit völlig anderen Klängen besetzen), hie und da ein Vibrato einbauen, einzelne Spuren minimal höher/tiefer justieren (verstimmen), „nur“ der obersten Stimme – der Melodielinie innerhalb der Akkorde – ein schönes Delay verpassen, etc. Auch wird es – im freien Spiel – nicht gelingen, alle Stimmen wirklich rhythmisch exakt einzugeben – geringfügige zeitliche Verschiebungen innerhalb der Akkordtöne sind also garantiert. Doch gerade das ist ein wichtiges Wesensmerkmal der Musik! Je „natürlicher“ der Gesamteindruck ist, umso angenehmer und „interessanter“ ist das klangliche Geschehen. Das musikalische Resultat ist folglich nicht (nur) die Frage des Ideenreichtums eines Künstlers, sondern auch eine Frage der technischen Umsetzung! Und die beginnt im Bewußtsein, was Poly-Phonie in ihrem Kern wirklich bedeutet…

Der A-110 VCO als monophone Klang-Basis zur Polyphonie. Abbildung: Das (Frequenz) Range-Poti lässt sich über den markierten Bereich weiterschalten...

Der A-110 VCO als monophone Klang-Basis zur Polyphonie. Abbildung: Das (Frequenz) Range-Poti lässt sich über den markierten Bereich weiterschalten…

Es gibt in der Musiktheorie übrigens einen Begriff für jene Mehrstimmigkeit, die Wesensmerkmale von Mono- und Polyphonie in sich vereint. Man spricht von “Homophonie”, einer Sonderform der Mehrstimmigkeit, die vor ca. 450 Jahren rund um die Entstehungszeit der Oper in Mode kam und in der alle Stimmen denselben Rhythmus haben. Der Name leitet sich vom griechischen homophōnía „Gleichklang“ ab. Es ist eine Satztechnik, in der die Melodiestimme (die Gesangsstimme) führt, während die anderen Stimmen (Begleitinstrumente) dieser untergeordnet sind. Damit die Sprachverständlichkeit des Gesangs erhalten bleibt, müssen alle beteiligten Stimmen (Gesang und Instrumente) denselben Rhythmus haben. Auch vollgriffige und gleichzeitig gespielte Akkorde haben in vielen Fällen melodischen Charakter und erklingen genau genommen homophon. Doch wird der Begriff im modernen Musikjargon meist durch “Polyphonie” ersetzt, auch wenn es nicht ganz korrekt ist…

Klangbeispiel Nr. 14 widmet sich ganz gezielt der Gegenüberstellung von Monophonie – Homophonie – Polyphonie. In diesem Fall wurde ausnahmsweise der Elka Synthex bemüht, um sein BandPass-Filter und vor allem seinen 4-Spur Sequenzer zum Einsatz zu bringen. Dem Hörbeispiel liegt eine einfache, zerlegte Sechzehntel-Sequenz – ein einziger Takt – zugrunde, der geloopt wird.

Es beginnt mit der “Vorstellung des Themas” – einstimmig: Monophonie. Dann setzen nach und nach 3 weitere Stimmen im selben Rhythmus ein: Homophonie. Als Rückbesinnung folgt wieder eine kurze einstimmige Phase, die in Folge neuerlich von den 3 Stimmen überlagert wird – diesmal jedoch verschoben und somit in einem unterschiedlichen Rhythmus: Polyphonie. Schließlich endet das Hörbeispiel wieder monophon, die Musik kehrt quasi zu ihrem Ursprung – zum (einstimmigen) Thema – zurück.

Das Erstaunliche daran ist, dass für solch unterschiedlichen Klangeindrücke wie in diesem Hörbeispiel nur EIN einziger Takt an musikalischem “Grundmaterial” benötigt wird. Letztlich ist es bloß eine simple Tonfolge mit 9 Schritten. Der gezielte Einsatz von Mono-, Homo- und Polyphonie macht daraus aber ein sehr weites Feld an musikalischen Impressionen…

Ein VCO – polyphone Musik ???

Natürlich benötigt es NICHT mehrere (gleichzeitige) Stimmen, um mehrstimmige Musik machen zu können. Hier sei Klangbeispiel Nr. 13 quasi als Beweismittel empfohlen, das nur mit einem einzigen (!) A-110 VCO entstanden ist. Mehrspur-Aufnahmen machen es eben möglich. Sie sind heute sogar einfacher denn je und auf Wunsch kostenlos: Zum Einsatz kam hier die Audio-Freeware Audacity (daher wohl auch der eine oder andere Drop-Out).

Klangbeispiele

  1. Avatar
    READYdot

    Hallo! Ihr Amazonanier! Ich finde eure Artikel immer genial spannend, aber das von Seite zu Seite geklicke nerwt dann doch unheimlich! Könntet ihr nicht einen Link einbauen wo alles dann gleichzeitig angezeigt wird. Das würde mir auch viel angenehmer machen eure Artikel auf meinem iPhone zu lesen.

    MfG,
    Gilles aka READYdot

    • Avatar
      Eylhardt

      Ich unterstütze den Antrag! Und wenn man dann noch die Links auf die Soundbeispiele so ändern könnte, dass sie immer in einem neuen Fenster oder Tab aufgehen, wäre das toll.
      Ansonsten: tolle Artikelreihe!

  2. Avatar
    L. Lammfromm

    Prima Artikel mit zunächst etwas überraschenden, dann aber sehr überzeugenden, ja sogar inspirierenden Schwerpunkt zur Klangkunst bzw. elektronischen Klangkomposition. Die Audiobeispiele sind üppig geraten und schön. Danke Theo!

    • Profilbild
      Bloderer AHU

      Vielen Dank! Ich habe zur Gegenüberstellung von Monophonie – Homophonie – Polyphonie noch ein Soundfile nachgereicht. Im Zuge der Modular-Testreihe wird mir immer klarer, wie wichtig sehr grundlegende Gesetzmäßigkeiten der musikalischen Umsetzung sind. Die Vorstellung vom klanglichen Ablauf beginnt eigentlich im Kopf – da können diverse Analysen und “Gedanken über die Musik” eine Hilfe sein. Das Gute daran ist, dass die Ideen oder Gedankenansätze “weiterarbeiten”, selbst wenn man gar keine Musik macht – im Alltag sozusagen. Viele Grüße!

  3. Avatar
    wusician

    Auch als “nur Software-User” sage ich Danke für diesen 3-teiligen Beitrag mit den äußerst interessanten Grundlagen der Klangerzeugung und -gestaltung sowie den hervorragenden Audio-Beispielen!

  4. Profilbild
    TZTH

    Super Artikel!
    Gerade auch wegen dem schönen Exkurs zu Polyphonie etc. Du hast damit möglicherweise wirklich Recht, warum durch die aus der Einschränkung geborenen alten Jarre Sachen dadurch spannender sind. Auch erfreulich, dass Du betonst, dass nicht die Menge an Modulen die Qualität der Musik bestimmt.

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