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Fritz Fey Studio Magazin Archiv Online

11. August 2018

Der online Brockhaus für Studio-Gear-Tests

Vorwort der Redaktion

Wir haben erst vor einigen Monaten der Mutter aller Musik-Fachmagazine RIEBES FACHBLATT ein eigenes Special gewidmet. 1972 erstmals publiziert, gelangte es später unter dem Namen FACHBLATT MUSIKMAGAZIN zu großer Bekanntheit. Während das „Fachblatt“ gezielt den Musiker ansprach, spezialisierte sich das STUDIO MAGAZIN von Fritz Fey schon sehr früh auf Tontechniker und Studio-Professionals. Geliebt und sicher von manchen Herstellern auch gefürchtet, waren immer schon Fritz’s ausgeklügelten Methoden, der Qualität der Geräte durch Messverfahren auf den Leib zu rücken. Ganz anders als die Tests der reinen Musikerszene, setzte das STUDIO MAGAZIN damit auf Fakten und Tatsachen und nicht auf subjektive Eindrücke. Und noch einen Unterschied gibt es zwischen dem FACHBLATT MUSIKMAGAZIN  und dem STUDIO MAGAZIN. Letztgenanntes gibt es nämlich noch heute – sowohl Print als auch online – UND ZWAR HIER.

Für viele Leser aber ebenso interessant ist das Archiv des STUDIO MAGAZINs. Sozusagen ein Brockhaus der Studioszene. Lange Jahre galt das als „verloren“ – hatte man nicht Jahrzehnte vergilbter Printmagazine in Kartons gesammelt.

Entsprechend groß war die Freude, als unser Autor  Raphael Tschernuth verkündete, dass es die ersten 100 Ausgaben von 1978 bis 1986 nun kostenlos im Netz zu finden gibt. Erstaunlicherweise aber nicht auf der Website des STUDIO MAGAZINS, sondern auf …

Aber ich will nichts vorweg nehmen und übergebe nun an Raphael, der auf Spurensuche war.

RAIDERS OF THE LOST ARCHIVE

Die Verleihfirma Echoschall von Carsten Lohmann bietet nun seit über sechs Jahren das an, wovon jeder Musikproduzent träumt: die bekanntesten Mikrofonklassiker der Studiogeschichte und dazu jede Menge Preamps, Kompressoren und Effektgeräte. Auch eine Vielzahl von analogen Synthesizern und Drum-Maschinen kann man bei Echoschall mieten. Dabei sind die Geräte top gewartet und die Leihgebühren sehr moderat.
Nun hat sich Carsten daran gemacht, die ersten 100 Ausgaben des bekannten „Studio Magazins“ aus den Jahren 1978 bis 1986 zu digitalisieren und kostenlos online zur Verfügung zu stellen. Ein Blick in sein „Studio Magazin Archiv“ erweist sich als wertvolle Fundgrube für alte Studiohasen und frisch gebackene Musikproduzenten gleichermaßen. Man findet viele Infos zu Studioequipment und Synthesizern, welche man heute „Vintage“ nennt, daneben Interviews mit mittlerweile legendären Produzenten und Toningenieuren und bekommt einen interessanten Blick auf die Studio- und Musikindustrie im Wandel der Zeit. Unser Autor Raphael Tschernuth hat sich mit Carsten Lohmann in Berlin getroffen.

Einige Highlights aus dem Echoschall Sortiment

Raphael:
Das Studio Magazin hat in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag gefeiert. Trotz all der widrigen Umstände, mit denen ein Printmagazin in Zeiten des Internets zu kämpfen hat, ist es immer noch eine „Institution“ in der deutschen Studioszene. Was hat dich bewogen, ein Archiv davon anzulegen?

Carsten:
Ich hatte selbst rund 30 Hefte, in denen ich immer wieder gern gestöbert und recherchiert habe. Dann habe ich im August 2015 bei Fritz Frey, dem Chefredakteur und Herausgeber, mal angefragt, ob ich nicht Zugriff sein Digitalarchiv bekommen könnte. Das Problem: Es gab gar keines. Er selbst hatte die Hefte erst ab 2006 in digitaler Form. Das ganze Wissen von 1978 bis 2006, also von fast 30 Jahren deutscher Studiogeschichte, gab es nur in den gedruckten Heften, die nur schwer aufzutreiben waren. Da Fritz selbst nur einen Teil der Hefte liefern konnte, war neben der technischen Umsetzung besonders die Heftbeschaffung eine echte Herausforderung. Schließlich bekam ich dank Sammlerunterstützung alle Hefte zusammen.
Dieses Archiv ist eine der wichtigsten Informationsquellen über die Musikproduktion in Deutschland ab dem Ende der 70er Jahre. Ich kenne sonst keine solche Textsammlung, wo man sich derart umfassend über die Musikproduktion in jener Zeit informieren kann. Wenn wir uns heute mit der Vergangenheit von Tonstudios beschäftigen, dann finden wir fast ausschließlich Infos zu Studios aus England oder Amerika, die allen ein Begriff sind. Abbey Road, Capitol, Sunset und so weiter.
Nur die wenigsten kennen aber heute noch die wichtigen deutschen Studios jener Zeit. Lektüre dazu gibt es neben den Studio Reportagen im Studio Magazin so gut wie gar nicht. Deutsche Musikproduzenten, die international auf Topniveau gearbeitet haben, sind nahezu unbekannt. Conny Plank ist glücklicherweise durch die Filmdoku seines Sohnes im letzten Jahr wieder bekannter geworden. Er hat in seinem Studio mit Ultravox, den Eurythmics, Herbert Grönemeyer, den Einstürzende Neubauten, Gianna Nannini und Brian Eno aufgenommen und ist sicher einer der prägendsten Produzenten seiner Zeit.
Im Studio Magazin gibt es ein sehr interessantes Interview mit ihm (Heft 5), in einem späteren Heft (11) steuert Conny sogar einen Gastbeitrag über den Einsatz von Echo und Hall mit handgezeichneten Illustrationen bei.
Es gibt viele weitere Interviews mit Studiobetreibern und Produzenten, darunter damalige Größen wie Dieter Dierks (2), Giorgio Moroder (9) oder Frank Farian (60). Viele namhafte Studios werden vorgestellt. Die Hansa Studios Berlin (8) kennt man natürlich heute von Bowie und Depeche Mode, aber wer kennt heute noch das Studio Cornet (3) oder Europasound (6)? Wo haben die Scorpions, Boney M., Rory Gallagher oder Udo Lindenberg aufgenommen? All das erfährt man hier.
Und natürlich alles über die Technik der damaligen Zeit, die teilweise heute noch relevant ist oder wieder wird.

Die Hansa Studios in Berlin, 1978

Raphael:
Vieles von damals ist in der Tat noch gültig, aber einiges hat sich ja sozusagen auf den Kopf gestellt. Sogenannte „Bedroom Producer“ gab es nicht, eine Band musste damals ins Studio, wenn sie etwas Anständiges veröffentlichen wollte. Heute hingegen genügt ja ein einfacher Computer, um ein Musikstück zu produzieren.

Carsten:
Ja, das ist richtig. In den ersten 100 Ausgaben des Studio Magazins werden rund 40 Studios vorgestellt und der Leser kann sehr gut nachvollziehen, was es damals bedeutete ein ernstzunehmendes Studio zu betreiben. 
Ich finde es übrigens sehr schön, Bilder von damaligen Studios zu sehen, in denen ja noch kein Bildschirm drinstand. Da frage ich mich schon, welchen Einfluss die heutige Visualisierung der Musik auf die Musikschaffenden und damit auf die Musik hat. Diese ganzen Informationen für das Auge gab es nicht. Das einzige, was man gesehen hat, war die Meterbridge. Damals war es das Ohr, das komplett allein über die Musik entschieden hat. Da war nichts mit Kurven malen.
Ein Aspekt zum Workflow mit der DAW wäre mir noch wichtig zu erwähnen: Popmusik selbst ist ja vor allem durch den Missbrauch von Geräten immer einen Schritt weitergekommen. Ganz am Beginn der modernen Popmusik in den 50er Jahren steht die verzerrte E-Gitarre. Später kommen Phasing, Flanging, Bit Crushing usw. dazu – das war ja ein spielerischer Missbrauch von Equipment. Beim 1176 Kompressor hat irgendwann mal jemand auf alle Ratio-Knöpfe gedrückt und sieh da: das Gerät spielt verrückt, aber es klingt geil. Es ging in der Entwicklung des Pop immer auch darum, die Grenzbereiche von Geräten auszutesten, um interessant klingende Fehler zu produzieren. Plug-ins hingegen arbeiten nur so weit, wie sie programmiert wurden – und wenn es keinen „all buttons in“ Modus wie beim 1176 Plug-in gibt, dann geht das halt nicht.
Ähnliches gilt zum Beispiel auch für Drumsounds: In den 70ern wurden elektronische Drumsounds häufig selbst kreiert oder die Sounds der ersten Rhythmusgeräte wie wild modifiziert. Egal ob Kraftwerk, Human League oder Suicide, jeder hatte damals seinen ganz eigenen Drumsound. Seit dem Erscheinen der zugegebenermaßen genialen TR-808 laufen diese Sounds seit den 80ern bis heute pausenlos durch. Die Innovation ist gleich Null.

Raphael:
Stichwort 808. In den frühen Studio Magazin-Heften gibt es ja zahlreiche Beiträge zu elektronischen Klangerzeugern wie Synthesizer und Drumcomputer.

Carsten:
Ende der 70er Jahre war Disco-Musik schwer angesagt. Und damit auch Synthesizer, String Machines und Drumcomputer. Das spiegelt sich auch im Studio Magazin wider. Man findet hier Firmenporträts von ARP (11,) Korg (16) und Oberheim (6) Auch Roland-Synthesizer werden vorgestellt (25, 27).
Die zweite Hälfte der 70er Jahre war auch die große Vocoder-Zeit. Alle Vocoder von Rang und Namen kamen in dieser Zeit heraus. Hier wird man ebenso im „Studio Magazin Archiv“ fündig. Es gibt eine tolle dreiteilige Serie vom Synthesizer-Urgestein Ludwig Rehberg über den Vocoder-Einsatz im Studio mit vielen Anwendungsbeispielen (27, 28, 29).

Korg Synthesizer Programm

Forum
  1. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Super Bericht und Interview! Danke! Das Studio Magazin Archiv, von Carsten liebevoll eingerichtet, ist wirklich eine unglaubliche Fundgrube für Studiowissen. Schön, dass das auf diese Weise am Leben erhalten wird.

  2. Profilbild
    Llisa  

    Klasse Archiv! Mal wieder etwas um Stunden über Stunden zu lesen… ;-)
    Das Interview mit Conny Plank ist interessant, und sicher technisch gesehen aus heutiger Sicht.
    Mehr als einmal geschmunzelt…!

  3. Profilbild
    banalytic

    vielen dank für den hinweis auf das archiv. das ist wirklich ein historischer fundus zum schmökern und recherchieren. tolle sache!

  4. Profilbild
    fritz808  

    toller beitrag – tolles archiv – dadurch hebt sich amazona eben von anderen e-mags der szene ab.

  5. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Das Studio Magazin ist für mich eine tolle Gelegenheit, den Profis über die Schulter zu sehen. Auf diese Art habe ich im Laufe der Jahrzehnte schon einiges gelernt, umso besser, dass man jetzt Zugriff auf das Archiv bekommt.

  6. Profilbild
    Hectorpascal  

    Lesestoff für Ewigkeiten. Der Sprachgebrauch damals und die semicoole 70’er-Attitüde mit gefühltem Zigarettenrauch…. Das Interview mit Conny Plank….. Immer anders, immer gegen den Strom. Zitat:“….wenn es meine ökonomische Situation zuläßt, werde ich einen Computer haben, anstatt einem Mischpult.“ Ich bin mir sicher, wenn er noch leben würde, er hätte beides. Das eine durch etwas anderes zu ersetzen, das hätte ihn im Schaffensprozess nur eingeengt.

    • Profilbild
      Wellenstrom  AHU

      Sehe ich anders! Lese gerade das Interview, das in vielen Teilen immer noch Allgemeingültigkeit besitzt (der „amerikanische Weg“ in der Musikproduktion Trendwellen totzureiten).
      Beschäftige mich jetzt schon lange Zeit mit Conny Plank und seinen Produktionen. Ich denke, dass man diese Aussage (Zitat):
      „Dazu muss ich sagen, … dass ich trotzdem überhaupt keinen Respekt vor irgendwelchen Technologien habe. ich benutze sie als Werkzeug wie ein Maurer seine Kelle. Für mich ist so etwas nichts besonders Tolles. Es verselbstständigt sich nichts bei mir. Eigentlich sage ich immer Audio-Rubbish dazu,…weil mir bewusst ist, ich kann es in fünf Jahren wegschmeißen, denn dann ist eine andere Sache da, die noch cleverer ist, noch anders funktioniert. Also weg damit.“, genauso stehen lassen kann, wie er sie geäußert hat. Er hat durchaus mal Abstriche bei der Qualität der Aufnahme, des Mixes in Kauf genommen, weil ihm künstlerische Aspekte – auch Fragen der Aufnahmeumgebung, die über Fragen der Akustik hinaus gehen, wichtiger waren; er ignorierte sogar mal typische Toniaspekte. Wenn man z.B. an Albumaufnahmen für Cluster denkt, die er mit einer mobilen Studioausrüstung gemacht hat u.ä., dann sieht man, dass er als Mischer/Produzent sehr viel pragmatischer dachte und kein Nerd war. An Conny Plank muss man sich anders herantasten als an Toni/Produzent x oder y. Der setzte an anderen Hebeln bei der Betrachtung und der Arbeit, dem Produkt an, als an läppischen analog/digital Diskussionen.

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