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Interview: Cornel Hecht, Film-Composer, Artist, Synth-Entwickler

16. Mai 2021

Tausendsassa der elektronischen Musikszene

Über diverse Social-Media-Kanäle bin ich des Öfteren auf interessante Beiträge von Cornel Hecht gestoßen. Und da ich im Prinzip für AMAZONA.de immer auf der Suche nach spannenden Gesprächspartnern bin, habe ich kurzerhand mit Cornel Kontakt aufgenommen und schnell festgestellt, dass der erste Eindruck goldrichtig war. Leider konnten wir uns in Zeiten von COVID 19 nicht persönlich kennenlernen – aber das wird irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt sicher nachgeholt. So entstand dieses Interview per Telefonat und schriftlichem Austausch per E-Mail.

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Schnuppert mal rein, ich bin mir sicher, Cornels Lebensweg und Aktivitäten sind für euch genauso spannend, wie sie es für mich während des Interviews waren.

Peter:
Hallo Cornel, du komponierst und produzierst seit Jahrzehnten elektronische Musik. Deine spannende Bio lässt auf einen abwechslungsreichen Lebensweg als Künstler schließen. Das reicht von einer Kooperation mit Yello-Mitbegründer Carlos Perón bis hin zu zwei trashigen Independent-Horrorfilm von Regisseurin Zetkin Yikilmis.

Du lebst heute in Hamburg, aber aufgewachsen bist du in der ehemaligen DDR. Wie muss man sich das vorstellen, gab es da als Synth-begeisterter Musiker überhaupt Möglichkeiten, an Equipment zu kommen?

Modular wird auch bei Cornel im Studio groß geschrieben.

Cornel:
Die DDR war ein sehr geschlossenes System und stand dem Westen sehr feindlich und ablehnend gegenüber. Es war alles andere als romantisch oder lustig, wie es in einigen Filmen später dargestellt wurde.

Trotzdem gab es eine sehr große Kulturszene, die unabhängig von der staatlichen Regulierung agierte. Damit gab es eine riesige Nachfrage nach Instrumenten. Und somit auch einen Schwarzmarkt. Mein erster Synthesizer war ein alter monophoner Korg 770. Ich habe diesen auf einen verlassenen Parkplatz in Berlin-Glienicke gekauft. Es regnete so stark, dass ich in einer Telefonzelle Schutz suchte. Dann hielt ein „Wolga“ direkt davor und ein Mann öffnete den Kofferraum, in dem sich eine große Holzkiste befand. Und in dieser dann der besagte Korg 770. Ich hatte mein Sparbuch geplündert und drückte dem Mann 5.000 Ostmark in die Hand. Die Kiste schleppte ich dann zum Zug (ich war erst 18 und hatte gerade die Fahrschule begonnen) und als ich zu Hause ankam, gab es keine Nacht für mich. Denn endlich konnte ich mich selbst in das Synthesizer-Abenteuer stürzen.

Einige Zeit später habe ich dann meinen ersten polyphonen Synthesizer, den Casio CZ-5000, gekauft. Dieser hatte einen sehr frickelig zu programmierenden 8-Spur Sequencer, mit dem konnte ich dann ganze Kompositionen erstmalig realisieren. Diesen hatte ich einen bekannten Berliner Musiker abgekauft, der einen Tag zuvor damit noch einen TV-Auftritt hatte. Wieder hatte ich ein Bündel an Geldscheinen dabei, ganze 15.000 Ostmark. Der Monatsverdienst eines DDR-Bürgers lag bei ca. 600 Mark.

Peter:
Wie bist du denn an soviel Geld gekommen?

Cornel:
Zum einen durch mühseliges Sparen und dabei auf Urlaube etc. verzichten und zum anderen hatte ich kurzerhand Lichttraversen entwickelt und verkaufte diese an die wirklich sehr interessierten Musiker und Bands. So hatte ich schnell die benötigte Summe zusammen.
Für einen M1 oder D50 hat es dann allerdings nicht gereicht.

Die Preise waren eigentlich irre, aber alternativlos. Ich erinnere mich, dass für einen Yamaha DX7 bis zu 30.000 Ostmark verlangt und auch gezahlt wurden. Spannend war auch der Moment, als wir das erste Mal den CZ mit einem Korg M1 per MIDI verbanden, was sofort funktionierte. Und wir hatten noch nicht mal ein richtiges MIDI-Kabel dabei.

Peter:
Darf ich fragen, welcher Jahrgang du bist?

Cornel:
Ich bin in den wilden 68ern geboren, deren Zeitgeist auch viel später die DDR erreichte und ich bestimmt auch eine entsprechende Lebensphilosophie mitbekommen habe. Als Kind fand ich die jugendlichen Gruppierungen schon sehr prägend. Die hatten auch immer einen Cassettenrecorder mit dabei.

Peter:
… also hast du noch zu DDR-Zeiten eine Ausbildung gemacht oder sogar schon einen Beruf ergriffen. In welche Richtung ging das und wie ließ sich das mit deiner Musik vereinbaren?

Cornel
Die DDR war mehr an der Ausbildung systemkonformer Arbeiter interessiert, die keine unbequemen Fragen stellten und sich vorbehaltlos in die sozialistische Struktur integrieren ließen. Mein Elternhaus, insbesondere meine Großeltern, waren sehr systemkritisch und ich habe sehr früh gelernt, die täglichen Parolen aus den Medien zu durchschauen und auszublenden. Letztendlich gab es keine Entscheidungsfreiheit. In der Schule habe ich das Grundwissen der Elektronik gelernt, mich hat Musikelektronik sehr interessiert. Entgegen allen Aussagen musste ich dann eine handwerkliche Ausbildung zum Mechaniker absolvieren.

Heute bin ich froh darüber, denn so einiges Wissen und gelerntes Handwerk kommt bei der Entwicklung meines eigenen Modular-Synthesizer-Systems zur Anwendung. Denn Musik war immer mein Weg und die Begeisterung ist mir bis heute nicht abhandengekommen. Ich brenne definitiv für die Musik.

Peter:
Hattest du mit anderen zusammen in der DDR eine Band? Wir organisierte man sich da seine Konzerte?

Cornel:
Wie gesagt gab es eine große Kulturszene und jeder kannte jeden. Anfang der 80er waren Kommunen noch sehr gefragt und innerhalb dieser konnte man sich austauschen und half sich auch mit dem Instrumentarium aus. Man spielte freie „Sessions“. Zu dieser Zeit interessierte mich schon sehr die damalige elektronische Musik mit ihren langen und ausschweifenden Improvisationen. Ich hatte recht schnell zwei Cassettenrecorder und ein Mischpult mit Federhall dabei und konnte mit vorproduzierten Geräuschen die ganze Session auch aufnehmen. Man traf sich dann mit Gitarristen und anderen Musikern, um etwas Neues zu kreieren. Das war eine sehr aufregende Zeit. Allerdings saß einem dabei auch immer der Staat im Nacken und erinnerte einen daran, dass zu viel Freiheit nicht erwünscht ist. So landete ich für eine Nacht im Berliner Stasiknast, weil ich zu lange auf einer Party war, die zudem viel zu nah an der Berliner Mauer lag. Eine vereitelte Republikflucht hätte die Stasi mir gerne angehäng, konnte aber nichts beweisen.

Peter:
.. und? Hattest du vor zu flüchten?

Cornel:
Der Staat war nicht nur autoritär, er misstraute seinen Bürgern auch an jeder Ecke. Man konnte sich nie sicher sein, wer gerade wen bespitzelt. Ich hatte keine Ambitionen, eine Flucht zu riskieren, weil die Chancen für ein erfolgreiches Vorhaben sehr ungünstig standen. Und ich hatte keine Lust darauf, mein Leben in einem Gefängnis zu verbringen. Trotzdem tauchte dann Polizei bei meiner Familie mit dem Kommentar auf , ich sei angeblich bei der Republikflucht verhaftet worden.

Klaus Schulze mit Cornel Hecht

Peter:
Noch vor der Wende hattest du die Gelegenheit, Klaus Schulze kennenzulernen. Wie kam es dazu?

Cornel:
Olaf Zimmermann hatte in Berlin eine auf elektronische Musik spezialisierte Radiosendung, die es heute auch noch gibt (radioeins „Elektro Beats“). Da lief Musik von Yello, Tangerine Dream und auch Klaus Schulze. Und es wurden auch Konzerte organisiert, wo man sich traf, über Musik und auch viel über Equipment redete. Da traf ich auch auf den Westberliner Musiker Christian Kneisel, der viel mit der neuen Sample-Technologie arbeitete, die mich sehr faszinierte, weil sie für mich absolut unerreichbar war. Er hatte einige hochgerüstete E-Mu Emax Sampler auf der Bühne. Viele Jahre später traf ich auf einer Vernissage Edgar Froeses wieder auf Christian, der zu dieser Zeit schon Intendant des Brandburger Theaters war. Daran erinnere ich mich gerne.

Edgar Froese und Cornel Hecht

Zuerst war es ungewiss, ob es ein Klaus Schulze Konzert geben würde und durch den intensiven Zuspruch Olaf Zimmermanns willigte Klaus Schulze dann ein. Ich war einen Tag zuvor schon nach Dresden gereist, wo das Konzert im August 89 als Open-Air Ereignis stattfinden sollte. Über den Kontakt zum Schulze Manager konnte ich dann das Gelände betreten und stieß dann auch auf die Schulze Crew. Insbesondere fand ich einen guten Draht zum Schulze Techniker Georg Stettner, der mich dann auch prompt zum Soundcheck einlud.

Backstage Dresden 1989

Peter:
Ich kann mir vorstellen, dass nicht nur der Musiker Klaus Schulze interessant war, sondern auch sein immenser Gerätepark, oder?

Cornel:
Der Gerätepark war einfach unglaublich. Wie gesagt interessierte mich die neue Sampling-Technologie und da stand ich dann plötzlich vor einem Fairlight. Dieser war selbst im Westen so teuer und für viele unerreichbar, dass ich nicht mal im Schlaf davon träumen durfte.
Mein Herz schlug allerdings für den PPG Wave, diesen hatte ich 1982 schon bei Edgar Froese gesehen und ich ahnte bereits, dass dies mein Leben beeinflussen könnte.  Klaus Schulze hatte eine sehr offene und unbekümmerte Art, die mich menschlich sehr begeisterte.
Später traf ich ihn noch einige Male auf seinen Konzerten und zufällig auch einmal hier in einem Hamburger Musikgeschäft. Hier in Hamburg begann dann auch viel später meine Zusammenarbeit mit Wolfgang Palm. Wer hätte das geahnt?!

Cornel Hecht mit Wolfgang Palm

Peter:
Wolfgang Palm? Was genau habt ihr denn zusammen gemacht?

Cornel:
Wolfgang hatte mitbekommen, dass ich einige seiner alten Instrumente in meinem Hamburger Studio hatte und für eine TV-Sendung sollten einige davon angespielt werden. Ich hatte dazu einige prägnante PPG Wave Sound programmiert und auch auf dem Waveterm eine Wavetable-Demo erstellt. Das hat gut funktioniert und wir sind darüber hinaus weiter im Kontakt geblieben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich mit den neuartigen Interaktionsmöglichkeiten des gerade auf dem Markt gekommenen iPads beschäftigt und mein Begeisterungsfunke konnte dann auch auf Wolfgang überspringen. Und so kam es, dass ich dann das Design der neuen PPG Apps und Software-Instrumente übernahm und auch das eine oder andere Sound-Set dazu programmierte. Zuvor hatte ich auch am Waldorf PPG Wave 3.v Plug-in mitgearbeitet. Ich konnte durch die realen PPGs in meinem Studio dann den Sound mit dem Plug-in vergleichen und so wurde das Plug-in dann Schritt für Schritt angeglichen und abgestimmt.

Peter:
Hast du mit dem Mauerfall die DDR dann verlassen?

Cornel:
Das musste ich gar nicht. Zu der damaligen Zeit pendelte ich ständig zwischen Westberlin und der Uckermark. Außerdem wollte ich sehen, wohin die Entwicklung nach dem Zusammenbruch der DDR führen würde. Ein Weggang schien mir zu profan zu sein.

Peter:
In deiner Vita steht: „Nach dem Zusammenbruch der DDR machte er sich im Bereich Musikinstrumentenindustrie selbständig.“ Was dürfen wir darunter verstehen?

Cornel:
Nach dem Mauerfall spürte ich endlich die pure Freiheit. Es war eine Offenbarung, endlich alle Ideen angehen zu können. Das einzige Limit war das Geld. Zwar gab es einen Umtausch, aber niemand hatte wirklich viel D-Mark zur Verfügung. Ich träumte immer noch vom Sampling, einem Akai S-1000 vielleicht, den ich zuvor bei Paul Haslinger gesehen hatte. Aber ich hatte das nötige Kleingeld nicht dafür und gerade war es auch schwierig, an Jobs zu kommen. Das Vermächtnis der DDR glich eher eine Ruine, als einer blühenden Landschaft. Die komplette Industrie war bankrott.

Ich konnte mir aber abseits der Musikindustrie keinen anderen Job vorstellen und so eröffnete ich ein Musikgeschäft für Musikinstrumente und insbesondere Musiksynthesizer.

Paul Haslinger mit Cornel Hecht

Peter:
In den Neunzigern hast du dann – wie du schreibst – technoide Tracks produziert. Was bitte sind „technoide Tracks“, denn offensichtlich willst du dich ja vom Begriff Techno damit abgrenzen?

Cornel:
Das erste Mal kam ich mit Techno gleich Anfang der 90er im berühmten Frankfurter Dorian Gray in Berührung. Diese pure Energie flashte mich sehr. Ich war schon immer ein Freund von prägnanten Bass- und Sequencer-Linien und hier stieß ich auf etwas, was mir sehr gefiel.

Aber als Musikproduzent war ich an einer musikalischen Weiterentwicklung interessiert und ich landete bei wilden Frickelbeats, wie man sie auf WARP-Records finden konnte.

Cornels PPG-Combi

Peter:
Unter dem Pseudonym „Shark Electric“ schreibst du, warst du mit dieser Musik sehr erfolgreich. Das bedeutet, du hast dann deine andere Tätigkeit an den Nagel hängen können?

Cornel:
Das waren dann die besagten Frickelbeats, die dann schnell Gehör fanden. Aber als Entwickler und Produzent bist du immer einen Schritt weiter, bei der nächsten Version, beim nächsten Projekt. Das bedeutet auch abzuwägen, ob du in den Entwicklungsprozess weitergehst, womöglich einen Pfad verlässt, der lukrativ erscheint. In mir selbst gibt es keinen Konflikt dazu, denn ich muss nicht über meine eigene Erwartungshaltung stolpern. Da bin ich sehr offen und flexibel eingestellt. Es gibt immer mehrere Wege und Türen, die sich zur richtigen Zeit öffnen.

Cornel Hechts Studio 2021

Peter:
Im neuen Jahrtausend hat es dich dann irgendwann zur Filmmusik gezogen. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Cornel:
2000 war ich in Braunschweig gelandet und hatte gute Kontakte zur HBK Hochschule für Bildende Künste geknüpft. Zusammen mit den Professoren und den Filmstudenten entstanden viele interessante Projekte und Ideen. Die Computertechnik war gerade soweit, dass man am Computer schneiden konnte. Ich hatte in meinem Studio Steinbergs Nuendo und konnte dann Bild und Sound zusammen ausproduzieren. Sogar in Surround.

PPG wohin das Auge blickt

Peter:
Zu deinen Soundtracks gehörten auch die zwei oben genannten Trash-Horrorfilme. Das klingt ziemlich spannend. Erzähl uns doch von diesen Projekten.

Cornel:
Seit 2000 habe ich diverse Industriefilme vertont und meine Arbeit lag mehr im Bereich der Industrie als beim Kino. Aber da hast du einen Auftraggeber, der seine Wünsche äußert und diese auch umgesetzt haben möchte. Das sind dann auch kleinere Projekte von maximal 10 bis 20 Minuten. Die Musik für einen Spielfilm zu entwickeln, funktioniert aber ganz anders.

Und das hat mich wiederum sehr gereizt. So hatte ich dann gehört, dass die Berliner Regisseurin Zetkin Yikilmis ihren ersten Spielfilm plant, der zudem auch noch das trashige Horror-Genre bedienen sollte.  Das passte dann wie die Faust aufs Auge, ich machte mich an die Arbeit, entwickelte Themen für die Charaktere und produzierte dann wochenlang die Filmmusik für den Film „Some Smoke and a Red Locker“.

Die Musik sollte zum einen sehr nach den 70ern klingen, zum anderen aber auch dazwischen sehr düster und böse. Die Zusammenarbeit machte uns beiden so großen Spaß, sodass ich auch für den zweiten Film „Planet Zee“ beauftragt wurde. Dieser wurde jetzt ebenfalls in den USA veröffentlich.

Auch hier habe ich eine sehr eigenständige Musik komponiert, die den Bildern sehr viel mehr an „Drive“ gaben. Auch hier habe ich wieder innerhalb des sehr engen Zeitrahmens mit sehr düsteren und bösen Sounds experimentiert und stellenweise kommen auch böse tickernde Sequencer-Linien durch das Soundgeflecht hindurch.

Peter:

Aber der große Durchbruch in die Welt der Filmmusik blieb dir irgendwie verwehrt. Was denkst du, waren die Gründe dafür?

Cornel:
Ich sehe mich erst am Anfang, denn in Wirklichkeit habe ich mental gerade erst mit der Filmmusik begonnen. Es ist ein sehr spürbarer Druck, bis zur Deadline alles Szenen musikalisch abzuliefern. Aber genau darin liegt auch der Reiz und der Anspruch sich nicht in den 1000 Möglichkeiten zu verlieren, die einen die Musiktechnologie bietet.
Vorab habe ich überlegt, wie die Musik klingen könnte und mein Wunsch war ein organischer Sound, dem man seinen Ursprung nicht anmerken könnte. Dazu habe ich Stimmen und auch akustisches Instrumentarium wie Cello, Perkussion oder Gitarren durch Waveshaper oder Algorithmen des PPG Infinity geschickt und diese Sounds bis auf die atomare granulare Ebene verfremdet. Aus einer verstimmten Zitter entsteht somit schnell ein sehr grusliger Sound. Also genau das, was Regisseurin und Produzent haben wollten.

Cornels große Liebe: der PPG Wave

Peter:
Trotz allem hattest du offensichtlich immer viel zu tun und kannst seit Langem von deiner Musik leben. Gab es trotzdem mal Zeiten, in denen du finanziell um deine musikalisches Existenz bangen musstest?

Cornel:
Das Musik-Business hatte ich anfangs unterschätzt. Ich war unerfahren und schwamm plötzlich im Haifischbecken. Ich musste das neue System und die Gepflogenheiten erst erlernen, um mich darin zurechtzufinden. Das hat einiges an Nerven gekostet und auch ganz sicher zu der einen oder anderen schlaflosen Nacht geführt. Aber das sind Erfahrungen, die man machen muss, um sich auszuprobieren. Meine Erkenntnis war, dass zu viel Planung kontraproduktiv ist und es viele Wege gibt. Und es gibt immer noch einen weiteren zusätzlichen Ausweg.

Der Klassiker darf bei Cornel natürlich auch nicht fehlen

Peter:
Reden wir mal über deinen Gerätepark. Du bist ja ein wahrer Synth-Nerd? Was fasziniert dich so daran?

Cornel:
Auf Tangerine Dreams Logos Tour 1982 habe ich zum ersten Mal ganz bewusst Synthesizer erlebt. Der PPG Wave war und ist definitiv eines meiner Lieblingsinstrumente. Den hatte die Band damals live dabei. Und das Gefühl, welches ein Klang auslösen kann, war das, was mich in den Bann zog. Ein Klang kann sehr fremd und kalt klingen. Aber auch sehr vertraut und warm. Diese Gegensätze springen direkt auf eine emotionale Ebene, die unterschiedlichsten Gefühle auslösen können. Hier sind wir fast schon wieder beim Thema Filmmusik.

In beiden Welten zu Hause – Soft- und Hardware

Peter:
Und doch ist die Liste der Plug-ins fast länger als die der Hardware-Synths.

Cornel:
Durch meine Arbeit für Steinberg interessieren mich technologische Neuentwicklungen sehr. Ich lebe weniger in der Vergangenheit, weil ich das hier und jetzt sehr spannend finde. Mit einigen Hardware-Instrumenten fühle ich mich emotional verbunden, wie z. B. mit den PPGs, die ich in- und auswendig kenne und die ich seit über 25 Jahren regelmäßig in den Produktionen spiele. Software ist zwar langfristig weniger beständig, weil sie abhängig von der Hardware wie Computer inkl. den Betriebssystemen ist. Aber dafür fließt Software mehr, weil sie sich schneller anpassen lässt.

Peter:
Wenn du dir aus deiner ganzen Sammlung nur eine handvoll Synthesizer und Drumcomputer aussuchen und behalten dürftest, welches würdest du auf die einsame Insel nehmen?

Cornel:
Mein „Drumcomputer“ ist Cubase und Nuendo, auf die ich nicht verzichten könnte. Zusammen mit einem PPG Wave 2.2 und einem Minimoog hätte ich auf unbestimmte Zeit viel Spaß. Solange bis jemand das Stromkabel zur Insel kappt.

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Peter:
In den letzten Jahren kam es vermehrt zu Kooperationen mit anderen Künstlern. Erwähnenswert sind hier sicher Behnam Moghaddam von „Voice of Germany“.

Cornel:
Auch hier spielte der Zufall eine große Rolle. Ich sah auf der Altonale, einem Hamburger Festival, diesen großartigen Künstler und hatte sofort eine Songidee im Kopf. Seine Stimme hatte etwas sehr Eigenes und Wunderbares. Wir trafen uns darauf in einem Café und verstanden uns auf Anhieb. So entstand die Idee zu einem gemeinsamen Projekt, welches musikalisch die Grenze zwischen Filmmusik und Pop ausloten wollte:

Cornel Hecht mit Friends im TV

Peter:
Was hat es mit dem Foto oben auf sich?

Cornel:
Gerade zu der Zeit, als ich mit Behnam neue Songs im Studio produzierte, erhielt ich eine Anfrage, ob wir denn schon live auftreten könnten. Zuerst hatten wir gar kein Interesse daran, weil wir uns gerade in einem kreativen Schaffensprozess befanden und wir den Kreativfluss aufrechterhalten wollten. Dann erfuhr ich aber, dass dieser Auftritt für eine TV-Show geplant sei. Das hat uns dann doch interessiert und wir überlegten, wie wir uns einen Auftritt vorstellen könnten. Die Zeit, um zu proben, war auf Grund des engen Sendetermins so gut wie unmöglich. Nur Keyboards und Vocals schien uns aber auch zu simpel zu sein und so suchten wir kurzerhand einige Mitmusiker für diesen Auftritt zusammen. So hatten wir dann den Taiko Drummer Ingmar Kikat und die beiden Cellistinnen Kate Shine und Viviane Burmester mit dabei, die dann auch zusammen mit dem Produzenten der TV Show Bastian Striepke auf dem Foto zu sehen sind.

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Wir haben viele Songs produziert, die aber noch auf den richtigen Zeitpunkt zur Veröffentlichung warten.

Peter:
Und besonders in Auge gestochen ist mir noch die Kooperation mit der Opernsängerin Sandra Wolf.

Cornel:
Auch hier wollte ich die Grenzen zwischen Pop- und Filmmusik ausloten. So habe ich ein Arrangement mit Streichern verfasst und im Tonstudio dann Sandra dazu eingeladen, ihre Lyrics darauf einzusingen. Ich hatte zuvor keine großen Berührungen mit der klassischen Musik, aber auch keine Berührungsängste. Die darf man bei der Arbeit an Soundtracks auch nicht haben. Ich lade mir, wenn es das Projekt erfordert, gerne Mitmusiker ins Tonstudio ein, um beispielsweise klassische Linien wie Cello oder Geigen einzuspielen. Da verlasse ich dann oft die Ebene des Komponisten und bin auch Produzent. Dabei geht es immer darum, eine gemeinsame Musiksprache zu finden, die stets neue Musik hervorbringt.

Peter:
… ach, stopp. Ich wollte noch über deine Tour 2013 in der Schweiz reden, die irgendwie nach einer Zusammenarbeit mit Yello Mitbegründer Carlos Perón stattfand. Was genau hat es damit auf sich -… und was bitte ist ein „Fetish-Soundtrack“?

Cornel:
Ich hatte zu dem Zeitpunkt viel Musik für eine Produktion „Erotic Lounge“ produziert. Aber mir schwebte ein härterer Sound vor, der deutlich dunkler und prägnanter sein sollte. Und so arbeitete ich an dem Projekt „LUSTOBJEKT“ mit wechselnden Künstlern und Sängerinnen.

Peter:
Erotic Lounge, Lustobjekt … klingt irgendwie … interessant. Was waren das für Produktionen?

Cornel:
Nach der ganzen „technoiden“ Phase wollte ich wieder mehr chillige Musik produzieren, jedoch ohne die zu dieser Zeit angesagten Jazz-Elemente zu verwenden. Ich hatte dann im Umland einen Label-Manager kennengelernt, der eine kleine, aber feine Reihe an Veröffentlichungen im Bereich der erotischen angehauchten Chillout-Musik auf seinem Label produzierte.  Für das Label habe ich dann einiges an Musik komponiert.

Peter:
Und wie kam es dann zur Kooperation mit Carlos Perón?

Cornel:
Lustobjekt hörte irgendwann auch Carlos Perón und war derart begeistert, dass er uns produzieren wollte. Ich besuchte ihn dann in seinem Studio und wir redeten viel über Musik, über Ideen dazu und fanden schnell eine gemeinsame Sprache.  Carlos hat früh zu Fetisch Filmen die Filmmusik komponiert und so entstand die Idee, dass ich einen Teil daraus neu produziere. Heraus kam dann die Nummer „La Salle Blanche“, welche ich komplett mit dem Memorymoog und dem PPG Wave 2.2 inkl. Samples aus dem PPG Waveterm produzierte. Der Track wurde als limitierte Single ausgekoppelt und war sofort vergriffen.

Wir haben dann Konzerte in der der Schweiz gemacht, hatten eine sehr aufwändige Videoshow dazu programmiert. Ich kann mich noch gut an die staunenden Augen des Zolls erinnern, als wir am Airport mit dem Equipment eincheckten.

Peter:
Was dürfen wir Neues in den nächsten Monaten von dir erwarten?

Cornel:
Ich arbeite gerade an zwei neuen Lustobjekt Songs, die eine geradlinige Ästhetik im Stile der 90er EBM Bewegung verfolgen. Auch habe ich eine alte PPG Waveterm Floppy mit zahlreichen Ideenskizzen aus vergangenen Tagen wiederentdeckt, die ich gerade ausproduziere. Die Idee dabei ist es, ausschließlich PPG Instrumentarium, wie z. B. den 2.2, den 2.3 als auch Samples vom Waveterm zu verwenden. Und dann kündigen sich weitere Filmmusikprojekte an, über die ich momentan aber noch nichts sagen kann.

Immer noch im Einsatz – das PPG Waveterm

Peter:
Hat sich eigentlich Corona auf dein kreatives Schaffen ausgewirkt? Wenn ja, in welcher Weise?

Cornel:
Corona hat auf jeden Fall einen Einfluss auf die Arbeit. Zum einen fand ich es schon merkwürdig, inmitten einer Pandemie an einem Zombiefilm zu arbeiten. Zumal man nicht abschätzen konnte, wie das Virus sich entwickeln würde. Nachdem ich die Filmmusik beendet hatte, habe ich meine Energie in die Weiterentwicklung meines Hell Modular-Synthesizers gesteckt, dessen Module es eigentlich schon zu kaufen geben sollte, dann durch Corona und der dadurch entstandenen problematischen Liefersituation für elektronische Bauelemente verzögert wurde.

Hell Modular, Cornel Hechts Eigenentwicklung

Aber da lasse ich mich nicht treiben, sondern entwickle die Module so, dass sie absolut gut klingen. Aber ich denke, das wird eher ein Thema für das kommende Jahr werden. Dann wird es viele neuartige Module für den Modularsynthesizer-Bereich geben, worauf ich mich schon sehr freue. Auf die Idee dazu hat mich übrigens auch AMAZONA.de und Keys Autor Bernd Kistenmacher gebracht.

Peter:
Das wollen wir natürlich genau wissen?

Cornel:
Geplant bzw. in Arbeit ist ein komplettes Modular-System im Moog Format. Ich arbeite regelmäßig an neuen Modulen, die vielleicht dafür interessant sein könnten. Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum denn noch was Neues kommen soll, zumal der Eurorack Markt ziemlich riesig und auch gut ausgebaut ist. Ich habe durch meinen Background als Musiker eine völlig andere Herangehensweise als beispielsweise ein Entwickler. Darum stehen bei mir musikalische Features zusammen mit einer auf dem Musiker perfekt zugeschnittenen Bedienoberfläche im Vordergrund. Und in dem Segment gibt es dann eben doch noch genügend Potenzial für Neuentwicklungen.

Peter:
Und wer baut dir die Module und wie willst du sie vermarkten? Da fallen mir gleich noch mehr Fragen ein. Muss man sich das Ganze als Startup vorstellen … und … ?

Cornel:
Die Platinen und Schaltungen sind von mir selbst entwickelt und layoutet. Ich erstelle dann daraufhin einen Prototypen, welcher dann stetig weiter verbessert wird, bis er meinen Ansprüchen genügt. Es kann durchaus passieren, dass ich bei einem 10. Prototyp lande. Der Prototyp wird von mir lange in einem musikalischen Kontext getestet und muss dort exakt so funktionieren, wie ich es mir vorstelle. Daraus resultiert dann das endgültige fertige Modul. Die Frontplatten werden professionell in Europa gefertigt und in meinem Modular-Labor zusammengebaut.

Dazu möchte ich neue Formen des Vertriebs ausprobieren, da mich Nachhaltigkeit ohne den Aufbau großer Lagerkapazitäten interessiert. Dazu wird es Listen geben, in die man sich bei Interesse eintragen kann und dann wird auch nur so viel produziert. Das spart einen großen Teil an Ressourcen. Ich denke, in Zukunft werden ähnliche Vertriebsstrukturen auf diese Idee aufbauen, weil niemand in Ungewisse produzieren möchte. Und durch eine effektivere Produktionsstruktur erreicht man auch einen sorgsamen und nicht verschwenderischen Umgang mit den wertvollen Materialien und Bauteilen. Das wird dann ein großes Thema für 2022 werden

Peter:
Wir bedanken uns sehr für das spannende Gespräch Cornel – und wünschen dir weiterhin viel Erfolg und bleib gesund!!!

Cornel:
Das wünsche ich auch, bedanke mich sehr für das Interesse an meiner Arbeit. Und vielleicht sieht man sich ja im kommenden Jahr mal wieder live, z. B. auf der Superbooth.

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Forum
  1. Profilbild
    Trance-Ference  

    Sehr spannendes Interview. Vielen Dank dafür. Der Herr Hecht ist mir noch unbekannt aber werde mir seine musikalischen Werke mal anhören. Das habt ihr mir jetzt schmackhaft gemacht :)

  2. Profilbild
    vco5

    Interessantes Interview. Ich kann mich noch ganz genau an eine Anzeige in der Zeitschrift „Melody und Rhythmus“ erinnern, wo ein DX7 für 30k Ostmark angeboten wurde. Das muss so gegen 1987/88 gewesen sein. Da war man dann doch etwas erstaunt, vor allem, wenn man den damaligen Verdienst dagegen gestellt hat. Das war so verblüffend, das ich mich heute noch dran erinnere und es wohl Cornel auch so ging. Aber nicht nur deswegen ein sehr interessantes spannendes Interview.

    • Profilbild
      Cornel Hecht  

      In der Melody und Rhythmus habe ich auch immer gerne geblättert und die Kleinanzeigen waren mein Highlight dieser Zeitung :-) VG Cornel

  3. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Schönes Interview. Hut ab Herr Hecht! :) Leider sind die PPG-Apps nicht mehr zu haben.

    • Profilbild
      Cornel Hecht  

      Dankeschön. In der Tat sind die Apps nicht mehr über den Apple-Store erhältlich. An den PlugIns wird aber fleißig gearbeitet und die neuen Versionen kommen dann von der Plugin Alliance.
      VG Cornel

  4. Profilbild
    0gravity  

    Sehr spannender und beeindruckender musikalischer Lebenslauf.
    Ich finde es immer wieder bemerkenswert wie wichtig die PPG Instrumente für sehr viele Musiker waren oder es immer noch sind. (Auf der Plattenhülle von „Stonehenge“ von Chris Evans und David Hanselmann habe ich das erste mal einen PPG unter den verwendeten Instrumenten gesehen.)
    Schön zu hören, dass Wolfgang Palms Arbeit weiterlebt.

  5. Profilbild
    Henrik Fisch  AHU

    Boa … whow! ❤

    Ich habe den Artikel verschlungen. Und als es dann mit »PPG Wave« und »Waveterm« los ging, und dass diese heute immer noch im Einsatz sind, da ging meine Begeisterung durch die Decke. Einen Track »nur« (bewusst in Anführungszeichen) mit MiniMoog und PPG Wave/Waveterm produzieren …. sehr sehr geil! Ich LIEBE so etwas.

    Ihr glaubt gar nicht, wie motivierend (für mich) so ein Artikel ist. Nicht nur generell sondern auch in den aktuellen Zeiten. Viele liebe Dank für den Artikel und alles Liebe und Gute an Cornel!

    P.S.: Mal sehen, wo man »Smoke Smoke And A Red Locker« her bekommt. 😀

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