Making of: Joy Division – Unknown Pleasures (1979)

5. April 2020

Joy Division - Trance, Entdeckung und Mythos

27. Dezember 1978. London. Es sollte der erste Auftritt der Post-Punk Pioniere Joy Division in der englischen Hauptstadt sein. Fast genau elf Monate früher – im urigen Pips in Manchester – war das erste Konzert der Gruppierung unter dem Namen Joy Division in einer Massenschlägerei ausgeartet. Flaschen. Scherben. Blut. Im Anschluss hat die Band das Konzert vor eine leeren Halle zu Ende spielen müssen. Die elf Monate zwischen beiden Auftritten waren ereignisreich gewesen, bisweilen dramatisch – und trotzdem endete auch das Konzert im Dezember auf einer ähnlich katastrophalen Note. Kaum Besucher, grippekranker Mitglieder, katastrophaler Sound – zwar gab es keine Schlägerei, dafür aber eine miese Bewertung des Konzertes seitens der englischen Presse. Zu allem Überdruss erlitt Ian Curtis auf der Rückfahrt in der Nacht vom 27. auf den 28. den ersten epileptischen Anfall seiner langen und qualvollen Krankheitsgeschichte. Der Auslöser? Ein Streit mit Gitarrist Bernard Sumner. Um eine Frau? Nicht ganz. Um einen Schlafsack.

Man hielt an. Versuchte Ian das Leben zu retten. Man kommt nicht umhin, sich das bildlich vorzustellen: Wie Manchesters everlasting blue soul von seinen Bandkollegen auf dem Seitenstreifen abgelegt wird. Es fällt Schnee. Der Tourbus ist geparkt, es ist ein eiskalter, britischer Winter, während man auf den Krankenwagen wartet, zerstritten und verzweifelt.

Joy Division hat die vielleicht traurigste Musik aller Zeiten produziert. Eine Aussage, die näher betrachtet werden will, aber ich mache diese Einschätzung nicht nur abhängig vom knochentrockenen, rappelnden Sound der Band, der in den späten 70ern zur Form und in den frühen 80ern zur Vollendung fand. Ganze Musikströmungen – von Dark Wave bis zum Gothic – sind allesamt von der Trauer und Poesie eines einzigen Mannes inspiriert worden: Ian Curtis. Die Tragik seiner körperlichen und seelischen Leiden lag vor allem darin, dass sie in einem unspezifischen Krankheitsbild begründet lagen – was genau seine epileptischen Attacken auslöste, ist bis zuletzt nicht abschließend geklärt worden. Liest man sich Ians Texte durch, kommt man nicht umhin zu denken: Eine allgemeine Sensitivität gegenüber der Welt könnte der Auslöser gewesen sein.

Joy Division Closer – die Anfänge in Warsaw

Der Kern der Band waren – und das wird von manchen aufgrund des Legendenstatus von Ian vergessen – Peter Hook und Bernard Sumner. Manchester war in der Mitte der 70er Jahre eine Brutstätte für Musiker und Kreative. Peter und Bernard gründeten Bands, tauschten Drummer am fließenden Band und waren mehr oder minder konstant bis zum Einstieg von Ian auf der Suche nach einem Sänger. Alles um sie herum kochte. Buzzcocks holten die Sex Pistols nach Manchester, das sich zu so etwas wie einen sicheren Hafen für die Punk-Bewegung entwickelte. Die Nachkriegsgeneration hatte ihre rebellischen Jahre erreicht, Slaughter & the Dogs zogen als erste Punk-Band der Region einen Major-Platten-Deal an Land. In den Jahren ’76 und ’77 fing die Musikshow So It Goes das Brodeln in Manchester und Umgebung auf Granada TV ein und trug es ins Land. Während sich die USA in den 70ern einem psychedelischen Trance hingaben, explodierte im Vereinten Königreich also die Wut. Wer sich eine authentische Dosis Punk in den 70ern geben möchte, viele Auftritte und einzelne Folgen von So it goes gibt es auf YouTube zu sehen.

Ende ’76 wurde aus den zufälligen Treffen von Peter und Bernard mit Ian auf Konzerten eine lose Freundschaft und schon bald stieg der junge Melancholiker beim Vorläufer von Joy Division, Warsaw, ein. Von Anfang an war klar, dass Ian nicht vorhatte, ins gleiche Kerbholz wie die Sex Pistols oder die Buzzcocks zu schlagen. Die exothermen Reaktionen des Punk waren zwar der große gemeinsame Nenner – sie entmystifizierten die Mär vom Pop-Idol, aber Ians Wut richtete sich nicht gegen das Establishment. Wenn überhaupt, dann gegen die Fängen, die die bürgerlichen Ideale ins britische, mentale Kollektiv geschlagen hatten. Und vielleicht nicht mal das. Ians Lyrik ging tiefer. Körperliche Leiden interessierten ihn. Seelische Leiden. Doors of hell’s darker chambers – die Gräuel des zweiten Weltkrieges übten eine starke Faszination auf ihn aus. Nicht die Ideologien, sondern Täter. Schicksale. Und irgendwie – und das liegt ganz im Wesen des Ian Curtis begründet – schaffte er es, diese dunklen Themen mit dem Nimbus eines britischen, manischen Frank Sinatras zu tragen. Er suchte Trance. Katharsis. Er tanzte – Ian reckte keine Fäuste, er hielt sich am Mikro fest, als ginge es um sein Leben. Er war Anfang zwanzig und sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Weshalb? Die Beantwortung dieser Frage sollte man den Psychoanalytikern dieser Welt überlassen. Thanatos. Der Schatten, den das Leben selbst wirft – Ian schien ihm zumindest mehr als zugetan.

Dies paarte sich mit einer fiebrigen Besessenheit voranzukommen. Er nahm selbst einen Kredit auf, um eine EP mit ein paar Tracks pressen zu lassen, während man sich 1977 durch jeden erdenklichen Pub von Manchester spielte und zum Teil eine Schneise der Zerstörung hinter sich her zog. Zugerauchte Spelunken wie aus einer frühen Irvine Welsh Novelle, bevölkert von den Schweinen und Aasen der großen Insel – Menschen-Wellen, die nach vorne drückten und wieder zurück und wieder nach vorne und sich überwarfen. Manchester brachte die Hotlegs zustande. Mike Hardig. Sweet Sensation. Die Bee Gees. Doch abseits der Proberäume hatte man es mit einer Ansammlung von Lokalrivalitäten zu tun, die in etwa die Dynamik von regionalen Fußballspielen annahmen. Tony Tabac, Drummer der 77er Tour, wurde im August festgenommen. Ian bastelte fleißig an seinem Legendenstatus, zerstörte Inneneinrichtungen von Pubs, prügelte sich. Vollständig aufgezeichnet wurden Warsaw nur ein einziges Mal – beim Rock Garden im Middlesbrough. Was sich abzeichnete, war das: eine tiefere Melancholie, als sie die Sex Pistols oder Buzzcocks zustande brachten, bei ähnlicher, musikalischer Intensität. Den restlichen Herbst und Winter beackerte man den Electric Circus, mehrere Campuse, das Rifters und das Pipers, ehe man an Silvester in Liverpool das Ende von Warsaw bekannt gab – und die Geburt von Joy Division in die Wege leitete.

Joy Division – What is known and what isn’t

Das raue Warsaw-Kapitel war abgeschlossen und unter dem Namen Joy Division wollte man ein neues aufschlagen, ein professionelles. Doch die Bemühungen um einen richtigen Vertrag mit einem Label wollten nicht fruchten. Talentwettbewerbe – eine in den 70ern verbreitete Art und Weise, um von Labels entdeckt und unter Vertrag genommen zu werden – endeten damit, dass man betrunken und erfolglos im Bus nächtigte, doch im Rafters in Manchester ging Ian Curtis eines Abends besoffen Tony Wilson an und blieb dem späteren Gründer der legendären Factory Records im Gedächtnis. Bevor es zur Liaison mit Factory Records kam, nahm die Band eher schlecht als recht mit dem Label RCA im Mai 1978 einen Longplayer mit elf Tracks auf. Eine Session, die als Lehrstunde dafür gilt, was passieren kann, wenn künstlerische Integrität und kommerzielle Vorstellungen aufeinander treffen und ein halbgares Produkt ergeben. Rob Gretton, der spätere Manager der Band, trieb die Masterbänder dieser kompromittierenden Aufnahmen auf, kaufte sie und verhinderte, dass sie jemals in Umlauf gerieten. Wie eingangs erwähnt, war 1978 ein wechselhaftes, schwieriges Jahr für die Band – auf das dunkle 1977 war nicht die erhoffte Wiedergeburt gefolgt. Doch Manager Rob Gretton glaubte an die Band. Er wurde zum (Schutz)-Patron von Joy Division und zog den Vertrag mit Tony Wilson an Land, der das erste, echte Label-Zuhause der Band darstellen sollte: Factory Records boten Joy Division im März 1979 finanzielle Sicherheit, Unterstützung und – das war das wichtigste – künstlerische Freiheit an, um das RCA Desaster nicht zu wiederholen. Die Band sagte zu – und nahm bis Anfang Mai das Album Unknown Pleasures mit Produzent Martin Hannett in den Strawberry Studios in Stockport auf.

Making of Joy Division, Unknown Pleasures – Disorder!

Es folgte ein Paukenschlag – Synthesizer, treibende, dünne Basslines, eine fast kränkliche Sexiness. Wo war das noch Punk? Die Presse wie beispielsweise NME war sich einig: So etwas war noch nicht passiert. Das war neu, zu Leben gekommen, war im Punk-Kokon Manchesters gereift und nun geschlüpft. Die vorherrschende, unterkühlte Atmosphäre vom Klangbild fand die Entsprechung in der Kommunikation innerhalb der Gruppierung. Beispiel gefällig? Bernard Sumner erzählte Ian Curtis nichts vom Krebstod seines Vaters. Dieser wiederum erwähnte die Geburt seiner Tochter nur beiläufig. Ein unterkühltes Album, ein hoffnungsloser Vorläufer und ein tanzbares Ungetüm – selbstverständlich war der Nachfolger Closer kompositorisch gereifter, aber das hier war die Geburtsstunde. Bernard Sumners reduziertes, bisweilen auf wenigen Noten pro Song reduziertes Spiel bestach vor allem durch das, was es wegließ, weniger durch das, was es mitbrachte. Zwei Gitarren fanden auf dem Album hauptsächlich Verwendung: Die Gibson SG und die Shergold Masquerader – eine Telecaster mit Humbuckern. Vor allem ersterem Modell blieb Bernard Sumner über die gesamte Karriere seines Musiker-Daseins treu. Und wer Bilder von Ian Curtis auf der Bühne gesehen hat, weiß: Die Vox Phantom Special VI war das Markenzeichen des Sängers und fand sowohl auf der Unknown Pleasures als auch auf der Closer Verwendung – eine bizarre, mit internem Tremolo versehene Blechbüchse.

Auch Basser Peter Hook, dessen Spiel gewissermaßen aus einem Frage-Antwort-Spielchen mit Ian Curtis‘ Gesang bestand, gab kein Vermögen für Equipment aus: Auf der Unknown Pleasures spielte er eine billige japanische Rickenbacker-Kopie, mehr nicht. In Sachen Synthesizer inspirierten sich Bernard Sumner und Produzent Martin Hannett gegenseitig. Ian hatte das Raue seiner Stimme endgültig gegen den säuselnden Anklang eines Frank Sinatras getauscht und mithilfe eines PowerTran Transcendent 2000 und einem ARP Omni 2 gaben sie seiner Stimme das Rahmenwerk, das sie brauchte. Der charakteristische Hall von Sumners Gitarre stammt vom Vox Phantom Special VI selbst – einem damals besonders in England verbreiteten Amp-Heads.

Der Opener Disorder trägt innerhalb der ersten dreißig Sekunden alles nach vorne, was Joy Division ausmachen: Der hektische, leicht manische Groove, Hooks Downstroke-bestimmtes Spiel am Bass, Ian, der die Kluft zwischen sich und der Welt besingt und Somners crunchiges, im Plate-Reverb des Vox Amps durchtränktes Gitarrenspiel. Folgende Tracks wie Candidate haben im Grunde genommen die gesamte Diskographie von Bands wie Interpol und Maximo Park in ihrer Essenz vorweg genommen. New Dawn Fades ließ Somners Gespür für dramatische Melodien das erste Mal in Gänze durchscheinen. Und She’s lost control war der Song, der wohl für immer mit Ians losgelöstem Trance auf der Bühne verbunden bleibt – ein monotoner Midtempo-Track mit hypnotischer Wirkung. Manchesters Punk-Einflüsse kommen am ehesten noch bei Shadowplay durch – mein persönlicher Favorit der Platte. Eine wundervolle Liebeserklärung an Unknown Pleasures hat Punk-Ikone Henry Rollins hier geleistet:

Es kursieren viele Gerüchte um die Aufnahmen des Albums. War Martin Hannett wirklich so wahnsinnig und hatte er Schlagzeuger Stephen Morris gezwungen, für die Aufnahmen von „She’s lost control“ sein Schlagzeug auf dem Dach des Studios aufzubauen? Das ist unbestätigt. Martin war selbst im Begriff, eine Legende zu werden, doch der schwer drogenabhängige und geniale Musikproduzent starb im Alter von 41. Das Album machte nach zögerlichen Anläufen einen Gewinn von 50.000 Pfund und die Band selbst katapultierte sich im Anschluss durch ein höllisches Tour-Jahr 1979. Fast hundert Gigs absolvierten Joy Division – und diesmal nicht nur in Manchester, sondern eben auch in der Hauptstadt und über Landesgrenzen hinaus. In Brüssel lernte Ian Curtis die Journalistin Annik Honoré kennen – eine, wie er stets betonte, platonische Beziehung, die sich jedoch belastend auf seine Ehe mit Deborah auswirkte. Man spielte als Vorband von The Cure und erschuf mit Transmission einen ersten, echten Radiohit. Es war perfekt – das viele Touren trug endlich Früchte, die Band blieb sich und ihrer mysteriösen Aura treu und hielt an ihrem berüchtigten Ruf fest. Bedeutete der herannahende Erfolg, dass man zahmer wurde? Nicht im Geringsten. Speziell Peter Hook war sich nach wie vor für Kneipenschlägereien nicht zu schade. Der Sprung zum true stardom war zum Greifen nahe. Man kam für zwei Konzerte in Berlin und Köln sogar nach Deutschland, war auf der Bühne zur Einheit gereift und hatte mit Closer ein zweites, grandioses Album aufgenommen.

Doch Ians Schicksal kam dazwischen.

Er hatte bis dahin mehrere Antikulvusien verschrieben bekommen, die sich mitunter schrecklich auf seine Verfassung auswirkten. Man muss sich das so vorstellen: Da bekommt jemand die Diagnose Epilepsie – eine Krankheit, die diametral zu Ian Curtis‘ Traum stand – und sieht der Diagnose zunächst nicht entgegen. Im Gegenteil: Curtis trinkt und raucht weiter, schläft wenig, setzt sich dem Stress aus, den das Touring eben mit sich bringt. Strobolichter. Gebrüll. Der Druck, den er sich selbst auferlegte, vor allem bei der Fertigstellung von Closer – es bahnte sich ein zu hoher Preis an. Während die Band als solche also wuchs, wurde Ian immer schwächer. Der Höhepunkt kam im April 1980, als die Band im Finsbury Park auftrat und die eingesetzten Strobolichter vor den Augen der Welt bei Ian eine schlimme Attacke auslösten. In West Hampstead kam es zu einem weiteren Anfall. Zu dieser Zeit musste Ian Curtis in jene Abwärtsspirale geraten sein, die ihn realisieren ließ, dass er nicht die körperliche Konstitution hatte, um mit Joy Divisions wachsendem Erfolg mitzuhalten. Das Monstrum, das er mit erschaffen hatte, entglitt ihm. Die Scheidung von Deborah zeichnete sich ab – das private und das künstlerische Leben von Ian Curtis kollabierte und damit – aller Wahrscheinlichkeit nach – auch sein Lebenswille.

Am 18. Mai 1980 erhängte sich Ian Curtis in seiner Wohnung in Macclesfield.

„Strange as it may sound, it wasn’t until after his death that we really listened to Ian’s lyrics and clearly heard the inner turmoil in them.“ – Bernard Sumner.

Was bleibt? Ein Album, das wie kein zweites genreübergreifend eine ganze Generation von Musikern prägte: von Nine Inch Nails über Henry Rollins bis Hans Zimmer. Viele große Namen haben ihre persönliche Beziehung zu dem Album bekundet. Und es ist und bleibt eins der wichtigsten Debüts der Musikgeschichte – ein bisschen Rohdiamant, bei dem man jedoch nicht eine einzige Note ändern würde.

 

Forum
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    Frank Prager  RED

    Wow, das ist dann wohl das ofizielle Joy Divison und New Order Wochenende auf Amazona, cool – und danke, sehr lesenswerter Artikel.

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      AMAZONA Archiv

      In meiner ersten 2 Zimmer-Wohnung hatte ich in der Küche überm Bett ein großes „Love Will Tear Us Apart“-Poster. Der Song war dann knapp 10 Jahre Motto. Irgendwie war dann später noch B-Movie mit „Nowhere Girl“ immer zusammen mit New Order im Player. Passte irgendwie.

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        camarillobrillo  

        Ich bin Jahre lang davon ausgegangen, „Nowhere Girl“ wäre auch von Joy Division ;-)

        Damals kannte ich von Joy Division aber auch nur „Love Will Tear Us Apart“

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    Willemstrohm  AHU

    Kurz vor der Coronokalypse noch Weltuntergangsstimmung mit Ian Curtis. Gut gemacht.
    Super Album mit dem weltbesten Cover (leider zum Hipstersymbol verkommen)

    Argh…. muss Hans Zimmer da unten unbedingt mit in die Liste rein? ;-)

    Ja, jeder Mukker, der sich mit diesem Mythos Ian Curtis/Joy Division (aber auch Martin Hannett)beschäftigt, hat irgendwie auch eine eigene Geschichte dazu. Für mich z.B. war er entscheidend, E-Bass und Gitarre in elektronische Tracks zu verwursten. Meinen ersten „Gitarrensong“ widmete ich dementsprechend dem Ian Curtis Mythos und seiner Geschichte bzw. seiner Depression und Ängste.

    https://bit.ly/3bUb7E8

    Denke, das Album „Unknown Pleasures“ ist in erster Linie eine Initialzündung für Leute, die selbst Musik machen wollen, eine eigene Stimme finden wollen, vergleichbar z.B. mit dem Erstling von Velvet Underground. Kein Album zum Abschalten, sondern zum Anregen.

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    gaffer  AHU 1

    Gute Wahl, Dimi, ein Juwel. Auch Rollins passt da gut rein. Ja, was mich damals am meisten begeisterte, war die Wahl des Bandnamens, Joy Division! Cover, sensationell. Ganz deiner Meinung Willemstrom.

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    iggy_pop  AHU

    Ich empfehle das Buch über Ian Curtis, das seine Frau Deborah über ihre Zeit mit der Band und mit ihrem Mann schrieb: „From a Distance“ (möglichst auch die originale Fassung und nicht die lausig ins Deutsche übersetzte…).

    Interessantes Gegengewicht zu all der blindwütigen Heldenverehrung, die im „Control“-Film gipfelte. Tut mir leid, daß ich wieder einmal nicht in dasselbe Horn stoße wie die meisten hier.

    Für mich immer noch eine leidlich gut aufspielende Band mit ein oder zwei Songs, die hängenbleiben, aber deren einziger Trumpf im Ärmel letztlich der frühe Selbstmord ihres Frontmannes war — zynisch eigentlich, daß sich auf einer persönlichen Tragödie der Ruhm der Folgejahre mit anderen Bands und anderen Musikstilen gründet. Ich bin sicher, in Sheffield, Manchester oder Leeds gab es damals zahlreiche Gruppen, die einen ähnlichen Weg eingeschlagen hatten, denen nur der große Durchbruch verwehrt geblieben ist.

    Welche Musik hätte man auch sonst im Großbritannien der mittleren und späten 1970er Jahre machen wollen?

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        iggy_pop  AHU

        Das waren aber Throbbing Gristle.

        Genesis P-Orridge hat zeit seines Lebens immer wieder behauptet, er habe Ian Curtis in der Nacht seines Todes anzurufen versucht, und als er dort niemanden erreicht habe, habe er die anderen Bandmitglieder angerufen und sie gewarnt, daß mit Ian etwas im Busche sei — woraufhin alle das leichtfertig mit „wir wissen doch alle, wie Ian drauf ist“ abgetan haben sollen.

        Ob’s stimmt…?

        Wahrscheinlich arbeiten die beiden gerade schon an einer gemeinsamen Platte… demnächst erhältlich im Plattenladen ihrer Wahl im Jenseits.

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          Hein Bloed  

          Ich habe selbstverständlich als Basiswissen vorausgesetzt, das „20 Jazz Funk Greats“ von Throbbing Gristle stammt.
          Der Dislike entlarvt den besserwisserischen Langweiler.

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      Mick  AHU

      …und in Analogie dazu, die mantraartige Vergötterung eines Kurt Cobain!…siehe Artikel hier vor ein paar Tagen zu New Order!….“Sogar Curt Cobain hat mal gesagt, dass New Order zu seinen fünf Lieblingsbands gehörten…“!
      Wer war das schon?…ein mässiges Album mit einem Hit, der Rest ist Mythos!
      Da sind Huldigungen eines Johnny Cash über eine andere Band, schon ein ganz anderes Kaliber!

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      lightman  AHU

      Musik ist das, was man weiterdenkt. Egal ob ein Album oder 100, es geht um den einen Moment der Tiefe, der trotz seiner Kürze eine Welt an Inspiration oder ein ganzes neues Genre in sich tragen kann.

      Mythos und Kultgewese um Bands und deren tote Sänger, die bestenfalls vor ihrem 28. Geburtstag den Löffel abgegeben haben, tut dem keinen Abbruch. Das ist eher was für BRAVO-Leser und Plattenfirmen, die von der Museumsverwaltung ihrer Vergangenheit leben, mithin also zu vernachlässigen.

      Man kann Joy Division in diese mythische Ecke stellen, muß man aber nicht. Ich für meinen Teil bin froh, daß es sie gegeben hat.

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        Frank Prager  RED

        Sehr gut geschrieben Lightman, sehe ich ähnlich. Und was viele hier manchmal ignorieren, ist eben auch das wir als Autoren vielleicht persöhnlich ein ganz anderes Spektrum haben als sich hier auf Amazona in einigen wenigen Features abbildet. Ich mag auch Throbbing Gristle sehr gerne und andere Künstler die hier vielleicht weniger Aufmerksamkeit bekommen. Mythos hin oder her, die Schnittmenge muss passen, bei Joy Division ist sie für mich persöhnlich da.

        @Mick, zu Nirvana in meinem New Order Artikel:

        Kurt Cobain wahr als Randnotiz zu verstehen, um zu verdeutlichen, dass man slebst an Orten auf New Order stößt an denen man es nicht vermutet – sozusagen als Funfact. Mantra artige Vergötterung sieht für mich ein bischen anders aus, eine Wertung war nicht intendiert und schon gar nicht Kern meines Artikels.

        Übrigens ich bin noch nicht mal sonderlich Fan, noch hab ich Nirvana viel gehöhrt, bin eher Fraktion Sonic Youth, Stereolab, Tortoise, Slint, und Flaming Lips wenns um bekannten Indierock der 90er geht. Und ansonsten eher experimentell verankert, da ist mir Kurt Cobain persöhnlich völlig wurscht aber er funktioniert hier eben als populäre Referenz, ist nicht böse gemeint Mick ;)

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    Willemstrohm  AHU

    Wer den Impact von Joy Division, sowohl bei den zeitgenössischen Bands als auch den nachfolgenden – bis heute (und auch darüber hinaus voraussichtlich) – nicht registriert hat, der hat einen Teil der modernen Musikgeschichte verpennt. Es gab selten Musiker wie Ian Curtis, die schon in ihren ganz frühen 20ern solche Lyrics verfasst und solch eine Reife entwickelt haben. Das hat mit Mythos und mit Verklärung nichts zu tun. Curtis war weder ein hervorragender Sänger, noch ein großer Musikant, aber bei allem was man heute weiß, war er in seiner Rolle als Texter und Sänger authentisch. Weder Joy Division noch New Order waren Kunstprodukte und die Musiker haben sich nie von ihrer Basis entfernt, sind im Prinzip Musikarbeiter geblieben, im Gegensatz zu jenen, die sich nur so bezeichnen.
    Davon ab: Wer Alben nach Hits definiert, hat die Mentalität des gemeinen Ballermannbesuchers. Mit solchen Leuten kann man nicht über Musik diskutieren; ist in etwa so, als wolle man Kühe über die Gesetzmäßigkeiten des Fliegens aufklären.

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      Frank Prager  RED

      Der letzte Satz ist wahnsinnig lustig, musste gerade ernsthaft lachen :) Wenn auch ein bischen fieß.

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      TobyB  RED

      Ich denke Joy Divisons Leistung ist das sie die Tür aufgemacht haben für eine Generation von Indie und Alternative Musikern. Ich glaube nicht das ohne den Erfolg von Joy Division, Factory als Label groß gweorden wäre. Auch denke ich Cocteau Twins, This Mortal Coil, The Smiths uvm. jemals durchgestartet wären. Zum anderen waren Joy Division, New Order und andere Teile der Hacienda Szene allesamt Kinder der DIY Bewegung. Die Majors konnten zu der Zeit mit dieser Musik nichts anfangen, die waren auf dem Stadionrock Trip. Dazu waren diese Bands viel zu sperrig und hatten ihre eigenen Vorstellungen wie die Dinge zu laufen haben.

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        Frank Prager  RED

        Exakt, alles baut auf irgendwas auf, das den Weg ebnet. Kleine Movements werden von Musikern gehöhrt oder beobachtet und verschieben die Regeln der Rezeption und Verbreitung von Musik.

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          TobyB  RED

          Genau und dann kommen noch solche Faktoren wie die Peel Sessions auf BBC Radio, The Old Grey Whistle Test, The Tube im TV hinzu. Die waren alle so drauf, dass die unsigned Next Things gespielt haben. Joy Division in Grey Old Whistle Test 1979 und viele andere Bands wie The Cure, Siouxie and The Banshies, Bauhaus, Frankie goes to Hollywood, Sisters of Mercy uvm. haben so ihre Karriere gestartet. Und sind Joy Division, The Cure, Siouxie und auch New Order die Türöffner.

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